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Nein sagen und „Nein tun“. Die größere Dramatik im Gleichnis von den beiden Söhnen (Mt 21,28-31)

Autor:Sandler Willibald
Veröffentlichung:
Kategorieartikel
Abstrakt:
Publiziert in:Text auf der Grundlage eines Vortrags im Innsbrucker Gebetshaus Die Weide am 29. September 2017.
Datum:2017-10-03

Inhalt

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1. Gerichtsworte Jesu gegen Menschen mit unerledigten Vorsätzen?

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„Was meint ihr? Ein Mann hatte zwei Söhne. Er ging zum ersten und sagte:
Mein Sohn, geh und arbeite heute im Weinberg!
29 Er antwortete:
Ja, Herr!,
ging aber nicht.
30 Da wandte er sich an den zweiten Sohn und sagte zu ihm dasselbe. Dieser antwortete:
Ich will nicht.
Später aber reute es ihn, und er ging doch.
31 Wer von den beiden hat den Willen seines Vaters erfüllt?“ (Matthäus 21, Vers 28-31, EÜ1)]
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— Natürlich der zweite! Denn Taten sind wichtiger als Worte. So antworten auch die von Jesus Angesprochenen, im Evangelium von diesem Sonntag, gemäß der Einheitsübersetzung von 1980. In der „neuen Einheitsübersetzung“, der revidierten Ausgabe von 2017 (im Folgenden: NEÜ) lautet der Text ganz anders. Wir werden darauf zurückkommen.

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Die von Jesus Angesprochenen sind „die Hohenpriester und die Ältesten des Volkes“ (Vers 23), also die Anführer von Tempel und Volk. Wie die Pharisäer und die Schriftgelehrten sind es Menschen des Wortes, nämlich des Wortes Gottes, das sie zu lehren und zu repräsentieren haben.

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Mit ihrer Antwort richten sie sich selbst, jedenfalls nach dem Urteil Jesu:

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„Amen, ich sage euch: Die Zöllner und die Dirnen gelangen eher in das Reich Gottes als ihr.“ (Vers 31)]
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Zöllner und Dirnen – im heutigen Sinn etwa die korrupten Vertreter der Hochfinanz und die Prostituierten2 – sind nicht gerade Menschen des gläubigen und bekennenden Gottesworts. Aber vielleicht gehören sie damit zur Kategorie des ersten Sohnes, der zwar zunächst nein sagt, aber „später reute es ihn und er ging hinaus,“ den Willen des Vaters zu erfüllen. Mancher amtsbekannte Sünder von heute ist ein Bekehrter von morgen, ein „Arbeiter der elften Stunde“ (Mt 20,6) im Weinberg des Herrn.3

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Für ernsthafte Christen ist dieses Evangelium Anlass zur Selbstkritik. Wie oft nehme ich mir etwas Gutes vor, verspreche ich es vor Gott oder anderen Menschen, und dann setze ich es doch nicht um! Aber bin ich deshalb in Gefahr, als letzter oder überhaupt nicht ins Himmelreich einzugehen? Ist es das, was Jesus mir mit diesen Gerichtsworten androhen will? Verschärft er auf diese Weise mein schlechtes Gewissen wegen unerfüllter Vorsätze noch? Das könnte nach hinten losgehen: Dann lieber keine großen Vorsätze mehr fassen! Man beginnt, den Ruf des göttlichen Vaters, in seinem Feld zu arbeiten, zu fürchten, – ebenso wie den Ruf des Gewissens, sich für etwas Gutes einsetzen zu sollen. So fängt man an, das Talent, das Gott einem gegeben hat, zu vergraben, – wie der letzte Knecht im Gleichnis von den Talenten, um ja nichts davon zu verbocken.

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Die Jünger Jesu verhielten sich ganz anders. Die Entscheidung, alles zu verlassen und Jesus nachzufolgen, ist eine steile Vorlage. Wer sich auf einen solchen Weg wagt, wird immer wieder stolpern und versagen. Unvermeidlich wird er – oder sie – „Ja sagen“ und „Nein tun“. Petrus mit seinem Versprechen, sein Leben für Jesus zu geben und seine anschließende dreimalige Verleugnung sind ein starkes Beispiel dafür.

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Aber wie reagiert Jesus darauf? Droht er dem Petrus deswegen, dass er im Himmelreich der Letzte sein wird? Ganz und gar nicht! Er lobt seine Jünger dafür, dass sie sich auf den schweren Weg trauen, und hat alles Verständnis dafür, dass sie dabei immer wieder versagen.

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Aber wie ist das heutige Evangelium dann zu verstehen? Meiner Meinung nach geht es hier nicht primär um unsere alltägliche Schwäche und Nachtlässigkeit im Einlösen unserer Vorsätze, sondern um etwas Tieferliegendes, Gravierendes: die Dynamik einer fortschreitenden Verstockung, die durch eine eitle Weigerung, sich von Gott in Frage stellen zu lassen, angestoßen wird.

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Um dieses Tiefere freizulegen, sind zwei Schritte hilfreich. Erstens müssen wir das Gleichnis im Zusammenhang mit dem vorausgehenden Text anschauen (Kap. 2, 3 und 5). Zweitens empfiehlt es sich, auf eine andere, gut bezeugte Textüberlieferung zu dieser Stelle zurückzugreifen (Kap. 4). Diese irritiert auf den ersten Blick, bringt aber die Dramatik einer sündigen Verstockung, um die es hier eigentlich geht, viel schärfer zum Ausdruck.

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2. Das Gleichnis von den zwei Söhnen: Untrennbar von Jesu vorausgehender Frage nach der Legitimation Johannes des Täufers

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Beginnen wir mit dem ersten dieser beiden Punkte. Das Gleichnis von den beiden Söhnen ist für sich allein – so wie es am 26. Sonntag im Jareskreis (Lesejahr A) gelesen wird – nicht ausreichend verständlich. Das zeigt sich schon daran, dass unklar bleibt, wer denn die Menschen sind, denen Jesus das Gleichnis erzählt und die er – nach seiner Frage und der Antwort, die er darauf erhält – so heftig kritisiert. Wie schon gesagt, sind es die Hohenpriester und Ältesten, also die Führenden von Tempel und Volk. Sie werden im vorausgehenden Abschnitt vorgestellt, wo sie zu Jesus kommen und ihn fragen, mit welchem Recht und aus wessen Vollmacht er „das alles“ tut (Vers 23). „Das alles“ bezieht sich vor allem auf Jesu spektakuläre Tempelaustreibung, von der im Matthäusevangelium kurz davor die Rede ist (Vers 12-17), aber auch auf die Heilungen, die Jesus im Tempel (zuletzt in Vers 14) und nicht selten provokanterweise am Sabbat wirkte. Weiters bezieht sich „das alles“ auf die vollmächtigen Lehren Jesu, die er nicht etwa auf die Autorität des Mose, sondern auf sich selber bezog: „Ich aber sage euch ...“4. Und dass er die Verehrung, die ihm das einfache Volk entgegenbrachte, ohne Widerspruch zuließ:

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„Im Tempel kamen Lahme und Blinde zu ihm, und er heilte sie. Als nun die Hohenpriester und die Schriftgelehrten die Wunder sahen, die er tat, und die Kinder im Tempel rufen hörten: Hosanna dem Sohn Davids!, da wurden sie ärgerlich und sagten zu ihm: Hörst du, was sie rufen? Jesus antwortete ihnen: Ja, ich höre es. Habt ihr nie gelesen: Aus dem Mund der Kinder und Säuglinge schaffst du dir Lob?“ (Vers 15-16)]
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Nun forderten die Verantwortlichen für Volk und Tempel von Jesus, dass er sein in ihren Augen selbstherrliches Verhalten legitimiere. Jesus aber hält eine Antwort für aussichtslos, weil die Betroffenen offensichtlich nicht an der Wahrheit interessiert sind. Man könnte sagen: Sie sind nicht am wahren Wort interessiert, sondern allein an der wirkungsvollen Tat. Und die besteht für sie darin, diesen Störenfried zum Schweigen zu bringen.

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Um die Verstockung seiner Gegner aufzudecken, antwortet Jesus also nicht mit einer Erklärung, sondern mit einer Gegenfrage:

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„Auch ich will euch eine Frage stellen. Wenn ihr mir darauf antwortet, dann werde ich euch sagen, in welcher Vollmacht ich das tue.
Woher stammte die Taufe des Johannes? Vom Himmel oder von den Menschen?
Da überlegten sie und sagten zueinander:
Wenn wir antworten: Vom Himmel!, so wird er zu uns sagen: Warum habt ihr ihm dann nicht geglaubt?
Wenn wir aber antworten: Von den Menschen!, dann müssen wir uns vor den Leuten fürchten; denn alle halten Johannes für einen Propheten.
Darum antworteten sie Jesus:
Wir wissen es nicht.
Da erwiderte er:
Dann sage auch ich euch nicht, in welcher Vollmacht ich das tue.“ (Vers 24-27)]
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Die Reaktion der Führenden, wie sie das Evangelium hier darlegt, ist taktierend und heuchlerisch. Und das ist das Resultat einer längeren Entwicklung, die sich bereits in einer Konfrontation von Johannes dem Täufer mit ihnen vorbereitet hat. Darauf greift das Matthäusevangelium jetzt zurück:

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„Die Leute von Jerusalem und ganz Judäa und aus der ganzen Jordangegend zogen zu ihm hinaus; sie bekannten ihre Sünden und ließen sich im Jordan von ihm taufen. Als Johannes sah, dass viele Pharisäer und Sadduzäer zur Taufe kamen, sagte er zu ihnen:
Ihr Schlangenbrut, wer hat euch denn gelehrt, dass ihr dem kommenden Gericht entrinnen könnt? Bringt Frucht hervor, die eure Umkehr zeigt, und meint nicht, ihr könntet sagen: Wir haben ja Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott kann aus diesen Steinen Kinder Abrahams machen. Schon ist die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt; jeder Baum, der keine gute Frucht hervorbringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen.“ (Mt 3,5-10)]
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3. Warum der Täufer die religiösen Autoritäten Israels so scharf verurteilte

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Warum nahm der Täufer die religiösen Anführer so scharf ins Gericht? Weil sie Johannes aus anderen Gründen als das Volk in die Wüste gefolgt waren. Anstatt sich von seiner Bußpredigt betreffen zu lassen, wollten sie ihn beurteilen.5 Später wird das Matthäusevangelium darauf hinweisen, dass sie ihn wegen seiner extremen Askese als einen Besessenen bezeichneten, so wie sie Jesus einen Fresser und Säufer schimpften, weil er sich mit Zöllnern und Sündern auf gemeinsame Mähler einließ (Mt 11,18f).

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Auch das Evangelium als Ganzes hat etwas von einer Bußpredigt an sich. Es will uns dazu führen, unsere eigene Unzulänglichkeit zu erkennen und vor Gott und vor der Gemeinde offenzulegen, damit wir uns – gereinigt durch die Sakramente von Taufe, Buße und Eucharistie – neu in die Nachfolge Christi rufen lassen.6 Wer sich nicht von Jesus die Füße waschen lässt, kann nicht mit ihm Gemeinschaft haben (vgl. Joh 13,8).

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Deshalb würden wir das heutige Evangelium missverstehen, wenn wir nur an den Fehlern anderer – hier der religiösen Anführer Israels – hängen blieben. Um uns in ihnen wiederzufinden, müssen wir etwas tiefer graben, was sie wohl in ihr negatives Urteil über Johannes den Täufer trieb.

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Man stelle sich vor, wie es damals in der Wüste bei dem Täufer zuging: Lange Schlangen von Menschen standen an, um sich von ihm taufen zu lassen. Denn seine Bußpredigt war dermaßen, dass sich jeder von ihr betroffen fühlen konnte, – erstens wegen eigener Unzulänglichkeiten, zweitens als Glied eines Volkes, einer Gesellschaft, die in vielem die Spur Gottes verloren hatte.7 Gerade wenn wir von den religiösen jüdischen Autoritäten nicht zu schlecht denken, können wir nachvollziehen, dass auch sie sich von diesem Ruf bewegt fühlten. Aber was hätte es für sie bedeutet, diesem Impuls nachzugeben? Sie waren ja als Führer und Vorbilder über das Volk eingesetzt. Würden sie nicht ihre Autorität riskieren, wenn sie sich mit offenkundigen Sündern in eine Reihe stellten?

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Genau dadurch vertieft sich die Kluft zwischen einem umkehrbedürftigen Herzen und einem sorgsam gehüteten Image, die seit jeher das besondere Problem der Geachteten ist. Dem Täufer, der dies erkennt, bleibt nur die Möglichkeit, diese Diskrepanz zwischen Sein und Schein zu benennen, um so vielleicht doch noch eine echte Selbstkritik und Umkehr zu erreichen. Wegen dieses Auseinanderklaffens von Schein und Sein nennt er die religiösen Autoritäten „Schlangenbrut“, so wie Jesus sie später als „Heuchler“ bezeichnen wird.8

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Mit seinen Gerichtsworten bereitete der Täufer die Menschen auf die Begegnung mit dem Messias vor. Er deckte eine tiefe Entfremdung gegenüber Gott, Wahrheit und Gerechtigkeit auf, die die Menschen nicht nur in individuelle, sondern auch in kollektive Schuld verstrickte. Wer das erkannte und – offen vor allen anderen – aufrichtig eingestand, bereitete sich so auf den Messias vor.9

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Wer hingegen vom Umkehrruf des Täufers in seinem Herzen erreicht wurde und sich ihm dennoch verweigerte, dem wurde die Gnade dieses Umkehrrufs zum Gericht. Als ein versäumter Kairos, d.h. eine versäumte Gnadenchance10 treibt eben dieser Ruf den ihm Widerstehenden in eine Dynamik verschärften Widerstands gegen Gott. Im Angesicht des sich offenbarenden Gottes verbeißen sich Menschen in ein verschärftes Nein gegen Ihn.11

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Das ist der Grund, warum mit dem nahekommenden göttlichen Heil auch die Gefahr eines unabsehbaren Heilsverlustes zunimmt. Deshalb sind die Worte des Täufers – und später von Jesus – so scharf. Und zwar genau dort, wo Menschen von Gottes Gnade erreicht wurden und sich ihr verweigerten, um sich von ihr nicht aufbrechen zu lassen und so ihr Image zu riskieren.

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„Ihr Schlangenbrut, wer hat euch denn gelehrt, dass ihr dem kommenden Gericht entrinnen könnt?“ (Mt 3,7)]
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„Schlangenbrut“ (vgl. auch Mt 12,34; 23,33) ist keine Beschimpfung, sondern eine Anklage, die der Warnung dient. Sie bezieht sich auf eine sprichwörtliche Falschheit, ein Reden und Agieren „mit gespaltener Zunge“, eine abgründige Heuchelei, die sich nicht mehr bloß auf Worte und Taten beschränkt – und solcherart bloß moralisch verwerflich wäre –, sondern das eigene Sein erfasst; so dass man die eigene Falschheit gar nicht mehr durchschauen kann. So täuschten die Kritisierten nicht nur andere, sondern auch sich selber. Auf diese Weise ist ihre moralische Schuld zwar kleiner, aber im Blick auf ihre Heils- und Erlösungsmöglichkeit sind sie umso tiefer gefährdet. In diesem Sinn halte ich es für wichtig, dass wir Bibel nicht bloß moralisch interpretieren, sondern im Blick auf eine abgründigere, dramatische Weise.12 So geht es in den Gerichtsworten der Evangelien nicht um eine moralische Anschwärzung von Menschen – etwa gar pauschal „der Juden“ –, sondern um die Warnung vor einem gefährlichen Treibsand (dem „Sauerteig der Pharisäer“13), der Menschen um ihre Heilsmöglichkeiten bringen kann, bis sie in der Hölle landen, wenn nicht der messianische Hirte seinerseits seinen Heilseinsatz bis zum Äußersten – dem Tod am Kreuz – steigern würde.

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Dass diese scharfe Kritik des Täufers – wie später von Jesus – vor allem den Führenden gilt, hat nichts zu tun mit einem „Ressentiment gegen das Establishment“, wohl aber mit einer Gefahr, der die Berufenen und Begnadeten in gesteigertem Maß ausgesetzt sind. Weil die Juden das von Gott erwählte Volk sind, ist die biblische Kritik an ihnen so scharf, – nicht erst von Johannes und Jesus, sondern schon von den Propheten im Alten Testament. Und weil unter den Juden die Führenden einen besonderen göttlichen Auftrag wirklich haben, sind sie in höherem Maße gefährdet. Dank Gottes Gnade, verbunden mit ihrer eigenen Ernsthaftigkeit, mit der sie sich darauf eingelassen hatten – und wohl mehr noch dank der Tugendhaftigkeit ihrer Vorfahren, die sie zur Elite prädestinierten – entwickelten sie eine ansehnliche Lebensform, mit Reichtum, Fähigkeiten, Macht und Ehre. Diese konnte ihnen zum Verhängnis werden, wenn sie nicht mehr bereit waren, diese ihre Vorzüglichkeit und Ansehnlichkeit von Gott zerbrechen zu lassen, um den Virus von Eitelkeit und Selbstherrlichkeit daraus zu entfernen.

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Besonders die „Reichen und (moralisch) Schönen“ sind gefährdet, sich gegenüber Gott abzuschließen, um den eigenen Glanz durch Seine Korrekturen nicht beeinträchtigen zu lassen. Diese Selbstabschließung kann schleichend beginnen und sich viral ausbreiten, bis sie die Integrität von Menschen aushöhlt, – gerade der Besten, von Gott besonders Erwählten, als einzelne und im Kollektiv: von Priestern, Propheten und Königen, der geistlichen Erneuerungsbewegung der Pharisäer oder insgesamt „der Juden“ als dem von Gott erwählten Volk. Darauf bezieht sich Jesus, wenn er von dem „Sauerteig der Pharisäer und Sadduzäer“ (Mt 16,11) sowie des Herodes“ (Mk 8,15) spricht.

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Wer von Gott berufen ist, wird diese Berufung nicht ohne weiteres verlieren. Vielmer noch schlimmer: Wenn er/sie sich von Gott abschließt, wird er/sie immer noch ein heilsgeschichtliches Zeichen sein, nun aber nicht mehr von Gottes Gnade, sondern von seinem Gericht, – zur Warnung für alle anderen. Eben dies führen die Evangelien an religiösen Anführern Israels vor. Sie beschreiben den Prozess einer Verstockung, die gerade jene, die das Kommen des Messias — wie die Pharisäer – mit äußerster Anstrengung geradezu herbeizwingen wollten, zu Agenten seiner Tötung machte. Eine frühe Stufe dieser Treibsanddynamik finden wir im Konflikt von Johannes dem Täufer mit den jüdischen Autoritäten. In den Auseinandersetzungen mit Jesus wird sich diese Dynamik weiter entfalten. Das 21. Kapitel des Matthäusevangeliums ist hier besonders wichtig. Jesus kommt in Jerusalem an, – jener Stadt, in der er leiden, sterben und auferstehen sollte, wie er seinen Jüngern zuvor dreimal angekündigt hatte. Sein feierlicher Einzug in die Stadt und seine symbolische Gewaltaktion im Tempel spitzten den Konflikt nochmals zu. Nun stellen ihn die Führenden von Volk und Tempel zur Rede.

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„Mit welchem Recht tust du das alles? Wer hat dir dazu die Vollmacht gegeben?“ (Vers 23)]
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Jesus hätte darauf antworten können wie schon früher:

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„Mir ist von meinem Vater alles übergeben worden; niemand kennt den Sohn, nur der Vater, und niemand kennt den Vater, nur der Sohn und der, dem es der Sohn offenbaren will.“ (Mt 11,27)]
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Aber um das aufnehmen zu können, hätten die Frager dafür offen sein müssen, unvoreingenommen eine Wahrheit zu prüfen, die ihre Vorstellungen überstieg und sie selber in Frage stellte. Diese Offenheit hatten sie in einer Folge früherer Konfrontationen immer mehr eingebüßt. Vorbereitet hatte sich diese Verstockung bereits in der Zurückweisung des Umkehrrufs, den Gott ihnen durch Johannes den Täufer zukommen ließ. Deshalb ist es konsequent, dass Jesus mit einer Gegenfrage darauf zurückgriff.

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„Auch ich will euch eine Frage stellen. Wenn ihr mir darauf antwortet, dann werde ich euch sagen, mit welchem Recht ich das tue. Woher stammte die Taufe des Johannes? Vom Himmel oder von den Menschen?“ (Vers 25)]
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„Wenn ihr mir darauf antwortet ...“. An diese Bedingung knüpfte Jesus die von ihm geforderte Selbstlegitimation. Auf diese Frage zu antworten, hätte vorausgesetzt, dass die Führenden sich ernsthaft ihrer damaligen Verweigerung stellten. Dazu hätten sie Gott gegenüber offen sein müssen. Das aber waren sie nicht, – und so hatte Jesus keine Chance, sie mit einer Erklärung zu überzeugen.

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„Da überlegten sie und sagten zueinander: Wenn wir antworten: Vom Himmel!, so wird er zu uns sagen: Warum habt ihr ihm dann nicht geglaubt? Wenn wir aber antworten: Von den Menschen!, dann müssen wir uns vor den Leuten fürchten; denn alle halten Johannes für einen Propheten. 27 Darum antworteten sie Jesus: Wir wissen es nicht.“ (Vers 26-27a)]
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Die ausschließlich taktierende Reaktion der religiösen Kontolleure offenbart das Ausmaß ihrer Verblendung. Dass Jesus daraufhin eine eigene Antwort verweigert, ist konsequent:

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„Dann sage auch ich euch nicht, mit welchem Recht ich das alles tue.“ (Vers 27b)]
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4. Eine dramatische Textvariante: Wer ja sagt, ohne entsprechend zu handeln, hat den Willen des Vaters erfüllt??

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Aber ist damit die biblische Erzählung von der Vollmachtsfrage und Jesu Frage nach der Legitimität des Täufers bereits zu einem Abschluss gekommen? Wenn Jesus auf eine mangelnde Offenheit von Menschen stößt, dann deckt er diese normalerweise auf. Er konfrontiert die Menschen mit der verdrängten Wahrheit, um ihnen so eine Chance zu eröffnen, doch noch umzukehren. Er lässt sie also nicht einfach stehen. Zu erwarten wäre demnach in dieser Erzählung ein abschließendes Gerichtswort Jesu, möglichst eingeleitet durch ein feierliches „Amen, ich sage euch“.

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Genau diese Funktion wird vom nun folgenden Gleichnis von den zwei Söhnen übernommen. Denn dieses mündet in das warnende Gerichtswort:

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„Amen, das sage ich euch: Zöllner und Dirnen gelangen eher in das Reich Gottes als ihr ...“ (Vers 31)]
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Zuvor aber deckt Jesus die Verstockung der ihn befragenden jüdischen Autoritäten noch weiter auf, und zwar mit dem Gleichnis von den zwei Söhnen. Das wird am besten in einer „schwierigen“ Textvariante deutlich, die zwar von wichtigen Handschriften bezeugt ist, aber von den Bibelübersetzungen meist nicht übernommen wurde, weil sie so widersinnig erscheint.14 Es ist der revidierten Fassung der Einheitsübersetzung zu danken, dass sie uns diesen Text zugänglich macht:

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„Was meint ihr? Ein Mann hatte zwei Söhne. Er ging zum ersten und sagte:
Mein Kind, geh und arbeite heute im Weinberg!
Er antwortete:
Ich will nicht.
Später aber reute es ihn und er ging hinaus.
Da wandte er sich an den zweiten und sagte zu ihm dasselbe. Dieser antwortete:
Ja, Herr
— und ging nicht hin.
Wer von den beiden hat den Willen seines Vaters erfüllt?
Sie antworteten:
Der zweite.“ (Vers 28-31, NEÜ15)]
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Gegenüber der Version in der „alten“ Einheitsübersetzung ist die Reihenfolge der beiden Söhne vertauscht. Der erste Sohn verweigert die Bitte des Vaters rüde mit Worten, erfüllt sie aber dann doch. Er erweist sich als gehorsamer Mann nicht des Wortes, wohl aber der Tat. Der zweite Sohn hingegen sagt ehrfurchtsvoll zu, ohne dann das Versprochene zu erfüllen: ein Mann der schönen Worte, aber nicht der Tat. Nach dieser Umkehrung der Reihenfolge müsste die richtige Antwort auf Jesu Frage natürlich heißen: Der erste Sohn hat den Willen des Vaters erfüllt.16 Dennoch antworten die Gefragten: „der zweite“. Warum?

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Erinnern wir uns, wer die Gefragten sind: die Hohenpriester und Ältesten. Ebenso wie die in früheren Konfrontationen mit Jesus vorkommenden Pharisäer, Schriftgelehrten und Sadduzäer sind es Menschen des Wortes. Als religiösen Autoritäten ist ihnen das biblische Wort Gottes anvertraut. Es ist ihre Aufgabe über den rechten Glauben, das rechte Wort zu wachen. Dass der Vater in Jesu Gleichnis für Gott steht, ist offensichtlich. Und eine Verweigerung eines göttlichen Auftrags – noch dazu mit den harten Worten „Ich will nicht“ – ist keine Bagatelle. Eine streng konservative Perspektive legt so – damals wie heute – ein negatives Urteil über den ersten Sohn nahe: Mit seinem Nein hat er sich endgültig disqualifiziert. Dass er später doch noch in den Weinberg geht, kann die Sache auch nicht mehr gut machen.17

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So würde es wohl auch Sinn machen, dass der Vater sich nun an den anderen Sohn wendet. Dieser hat die richtige Antwort gegeben, in der angemessenen ehrerbietigen Form: „Ja, Herr“. Dass er dann nicht hingegangen ist, ist gewiss bedauerlich. Aber vielleicht geht er ja später noch hin?

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Allerdings lautet die Frage Jesu: „Wer von den beiden hat den Willen seines Vaters erfüllt?“ Und es ist gelinde gesagt unverfroren, zu behaupten, dass dies auf den in seinem Tun ungehorsamen Ja-Sager zutrifft. So müssen wir nochmals fragen: Welchen Sinn macht es in dieser Geschichte, dass die jüdischen Autoritäten so antworten?

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Sehr viel, wenn wir diese Stelle mit der vorausgehenden Auseinandersetzung vergleichen. Hier wird die Verstockung der Anführer noch einen Schritt weitergeführt. Man stelle sich vor, wie sie sich nun ähnlich wie zuvor nach der Johannesfrage beraten:

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Da überlegten sie und sagten zueinander: Wenn wir antworten: „der erste“, dann wird er uns vorwerfen, dass wir zu Gott zwar Ja sagen, aber seinen Willen nicht erfüllen. Und er wird – wie schon öfters – jene Sünder über uns stellen, die Gottes Wort missachten aber sich um gute Taten bemühen. — Also antworteten sie: der zweite.]
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Gerade damit aber wird ihre Verblendung vor allen offenkundig. Ihre „schräge“ Antwort kann sie dem nun folgenden feierlichen Gerichtswort Jesu nicht entziehen:

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„Amen, ich sage euch: Die Zöllner und die Dirnen gelangen eher in das Reich Gottes als ihr. Denn Johannes ist zu euch gekommen auf dem Weg der Gerechtigkeit und ihr habt ihm nicht geglaubt; aber die Zöllner und die Dirnen haben ihm geglaubt. Ihr habt es gesehen und doch habt ihr nicht bereut und ihm nicht geglaubt.“ (V 31f, NEÜ)18]
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Trotz seiner Härte ist dieses Gerichtswort keine reine Unheilsansage. Jesus spricht den religiösen Führern den Zugang zum Gottesreich Reich Gottes nicht rundweg ab. Wörtlich übersetzt heißt es:

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„Die Zöllner und die Dirnen gehen euch voran (auf dem Weg) ins Königtum Gottes.“ (Vers 31)19]
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Damit spricht Jesus den Zöllnern und Prostituierten auch nicht einfach das Königtum zu. Aber sie befinden sich auf dem besseren Weg dorthin. Denn sie haben Johannes dem Täufer geglaubt. Damit ist gemeint, dass sie seine Bußpredigt – wie die religiösen Autoritäten – als göttlichen Ruf erkannten und – anders als die religiösen Autoritäten – auch danach handelten, zumindest im ersten Schritt: Sie setzten ein Zeichen ihrer Schuld und Heilsbedürftigkeit, indem sie sich taufen ließen. Ob sie daraufhin auch ihr Leben änderten, ist nicht gesagt. Aber sie waren besser vorbereitet auf den Ruf von jenem Kommenden, der mit Feuer und Heiligem Geist tauft. Zumindest einige von ihnen ließen sich später von Jesus ihre Sünden vergeben und änderten ihr Leben zum Besseren.20

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Den religiösen Autoritäten (zumindest einigen von ihnen) wirft Jesus hingegen vor, dass sie gesehen hatten, d.h. von der Bußpredigt des Täufers im Herzen erfasst wurden, ohne aber zu bereuen und ohne ein Zeichen tätigen Glaubens zu setzen. Damit befanden sie sich in einer schlechteren Position als jeder der beiden Söhne aus Jesu Gleichnis. Aus berufenen Ja-Sagern gegenüber Gottes Wort und Willen wurden sie zu Menschen, die zwar noch ja sagten, ohne aber den Willen des himmlischen Vaters – zu Reue und Umkehr – zu erfüllen, und von daher schließlich zu Verweigerern Jesu, die als solches sowohl zum Ruf des göttlichen Vaters nein sagten und seinen Willen nicht erfüllten. Bis sie zuletzt im vermeintlichen Namen Gottes gegen handelten, indem sie den Tod des von ihm gesandten Messias betrieben.

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Gemäß den Evangelien wurden die jüdischen Autoritäten aufgrund ihrer Verweigerung gegenüber Gottes Willen zum Unheilszeichen, das eine verderbliche Dynamik sichtbar macht. Die Evangelien beschreiben diese Dynamik, nicht um führende Juden zu kompromittieren, sondern um uns vor diesem Treibsand oder Sauerteig zu warnen, der vor allem den von Gott besonders Berufenen gefährlich werden kann.

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5. Der rote Faden von Matthäus 21: Gott die schuldigen Früchte nicht vorenthalten

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Was ist es also, wovor uns das 21. Kapitel des Matthäusevangelium – an der Schwelle zu Jesu Verurteilung und Kreuzigung – warnt? Es ist nicht primär die Inkonsequenz, mit der wir unsere Versprechen und Vorsätze gegenüber Gott und Mitmenschen nur unzulänglich einlösen. Vielmehr warnt es vor einer Fruchtlosigkeit, die aus einem abgründigen Widerstand gegen Gottes Ruf resultiert. Dieser Widerstand wiederum gründet im Willen, Früchte zu ernten – Reichtum und Ehre –, ohne Gott den nötigen Tribut zu zollen: indem man Ihm die Ehre erweist, Selbstabschließungen gegenüber Gott bereut und sie bekennt, wo Gott sie in einem aufdeckt. Die Forderung, Frucht zu tragen, wurde zuerst von Johannes dem Täufer gestellt:

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„Otternbrut, wer hat euch gewarnt, dem künftigen Zorn zu entfliehen? Bringt also Frucht, die der Buße entspricht! Und meint nicht, ihr könntet bei euch sagen: Wir haben ja Abraham zum Vater! Ich sage euch nämlich, daß Gott aus diesen Steinen dem Abraham Kinder erwecken kann. Aber jetzt ist die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt; nun wird jeder Baum, der keine brauchbare Frucht bringt, abgehauen und ins Feuer geworfen!“ (Mt 3,7-1021)]
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Daran schließt das 21. Kapitel an. Jesu Einzug nach Jerusalem ist wie die Rückkehr des Königssohns, der nun die ihm zustehenden Früchte für seinen Vater zu ernten kommt.22 Direkt daran schließt die spektakuläre Tempelreinigung an. Wenn Jesus die Händler und Käufer aus dem Tempel austreibt und die Tische der Geldwechsler sowie die Stände der Taubenhändler umstößt (Vers 12), dann verurteilt er damit eine Weigerung, Gott angemessene Früchte zu geben, – im Tempelvorhof, wo das Nötige für den Opferkult vorbereitet wird, mit dem man Gott symbolisch das Ihm Zustehende zu geben meinte.

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Im Anschluss daran verflucht Jesus einen Feigenbaum, weil er zwar ansehnliche Blätter aber keine Früchte trägt (Vers 19), – mit der Folge, dass er auf der Stelle verdorrte. Das ist als prophetische Zeichenhandlung des Gerichts über jene, zu verstehen, die die Herausgabe der nötigen Früchte verweigern.23

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Nun folgt unser erweiterter Evangelientext: Die Hohenpriester und Ältesten des Volkes fragen Jesus nach seiner Legitimation und werden von ihm mit der Frage nach der Legitimation des Johannes konfrontiert. Als sie ausweichen, treibt er sie mit dem Gleichnis von den beiden Söhnen in eine noch verstocktere Antwort. Die Früchte, um die es hier geht, sind Taten des Gehorsams, und diese lassen die religiösen Autoritäten auf anstößige Weise vermissen.

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In der Folge spitzt Jesus die Konfrontation noch weiter zu, indem er die Führenden von Volk und Tempel mit dem Gleichnis von den bösen Winzern konfrontiert:

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„Hört noch ein anderes Gleichnis: Es war ein Gutsbesitzer, der legte einen Weinberg an, zog ringsherum einen Zaun, hob eine Kelter aus und baute einen Turm. Dann verpachtete er den Weinberg an Winzer und reiste in ein anderes Land. Als nun die Erntezeit kam, schickte er seine Knechte zu den Winzern, um seine Früchte holen zulassen.“ (Vers 33f, NEÜ)]
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Wieder geht es also darum, Gott die Ihm zustehenden Früchte zu bringen. Es geht also nicht etwa nur darum, ob man überhaupt Frucht hervorbringt, sondern ob man Gott gibt, was Ihm davon zusteht. Das ist vor allem eine Dankesschuld: dass man Gott als den Geber von allem anerkennt, und sich in der Verwendung dieser Früchte von Ihm führen lässt:

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„Alles in deine Hände – alles aus deinen Händen“24]
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Wer Gott diese Anerkennung und diesen Gehorsam erweist, wird dadurch nicht ärmer. Im Gegenteil: Alles Gott hinzugeben, um es – gewandelt – neu von Ihm zu empfangen, als Gabe und als Aufgabe, ist der sicherste Weg zu einer nochmals gesteigerten Fruchtbarkeit. Wer aber Gott diesen Dienst verweigert, indem er/sie das unter Seiner Gnade Verwirklichte exklusiv für sich behalten will, schneidet sich von der Quelle allen Lebens ab, sodass auch seine/ihre Früchte vertrocknen, verfaulen oder giftig werden. Dies ist der Weg, den die „bösen Winzer“ in Jesu Gleichnis mit aller Härte beschreiten:

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„Die Winzer aber packten seine Knechte; den einen prügelten sie, den andern brachten sie um, wieder einen anderen steinigten sie.
Darauf schickte er andere Knechte, mehr als das erste Mal; mit ihnen machten sie es genauso.
Zuletzt sandte er seinen Sohn zu ihnen; denn er dachte:
Vor meinem Sohn werden sie Achtung haben.
Als die Winzer den Sohn sahen, sagten sie zueinander:
Das ist der Erbe. Auf, wir wollen ihn umbringen, damit wir sein Erbe in Besitz nehmen.
Und sie packten ihn, warfen ihn aus dem Weinberg hinaus und brachten ihn um.“ (Vers 34-39, NEÜ)]
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Jesus beschreibt hier eine äußerst brutale Selbstabschneidung oder „Emanzipation“ der Weinbergpächter von dem Weinbergbesitzer. An dieser Stelle richtet er zum dritten Mal eine Frage an die jüdischen Autoritäten:

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„Wenn nun der Herr des Weinbergs kommt: Was wird er mit jenen Winzern tun?“ (Vers 40, NEÜ)]
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Von dieser harten Gleichnisgeschichte lassen sich die gewieften Befragten mitreißen. Diesmal antworten sie ohne jede Taktiererei:

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„Er wird diese bösen Menschen vernichten und den Weinberg an andere Winzer verpachten, die ihm die Früchte abliefern, wenn es Zeit dafür ist.“ (Vers 41, NEÜ)]
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Mit dieser ehrlich gemeinten Antwort geben sie Jesus nun erstmals einen richtigen Angriffspunkt, nicht um sie fertig zu machen, sondern um das Gewebe von Anmaßung und Selbsttäuschung, in dem sie sich verfangen hatten, zu zerreißen:

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„Und Jesus sagte zu ihnen:
Habt ihr nie in der Schrift gelesen:
Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, /
er ist zum Eckstein geworden; /
vom Herrn ist das geschehen /
und es ist wunderbar in unseren Augen?
Darum sage ich euch: Das Reich Gottes wird euch weggenommen und einem Volk gegeben werden, das die Früchte des Reiches Gottes bringt.
Und wer auf diesen Stein fällt, wird zerschellen;
auf wen der Stein aber fällt, den wird er zermalmen.“ (Vers 42-44, NEÜ)]
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Nun erst verstehen die religiösen Repräsentanten die Pointe des Gleichnisses. Die winzige25 Chance zu einer mit Einsicht verbundenen Umkehr bleibt auch hier ungenutzt:

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„Als die Hohepriester und die Pharisäer seine Gleichnisse hörten, merkten sie, dass er von ihnen sprach. Sie suchten ihn zu ergreifen; aber sie fürchteten die Menge, weil sie ihn für einen Propheten hielt“ (Vers 45, NEÜ)]
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Anmerkungen

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1EÜ steht für die Einheitsübersetzung aus dem Jahr 1980, die auch in den Lesungen verwendet wird. Wenn nicht anders angegeben, werde ich in der Folge diese liturgisch autorisierte Übersetzung verwenden. Wenn ich im Folgenden nur die Versnummer ohne Kapitelnummer anführe, dann beziehe ich mich auf Mt 21.

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2So die Aktualisierung durch Kardinal Schönborn in einer Predigt zum Sonntagsevangelium in der Kronenzeitung vom 3. Oktober 2017.

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3Vgl. das Sonntagsevangelium von der vorhergehenden Woche.

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4So sechsmal in der Bergpredigt. Vgl. Mt 5,22.28.32.34.39.44.

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5Die Formulierung, dass viele Pharisäer und Sadduzäer „zur Taufe kamen“, ist nicht ganz eindeutig. Ließen sie sich, wie das Volk, auch taufen, oder gingen sie nur in die Wüste hinaus, um das Taufspektakel zu beobachten und – in Zuschauermentalität, ohne sich existenziell darauf einzulassen – ein Urteil über den Täufer zu fällen. Dass sie sich selber von Johannes taufen ließen, ist unwahrscheinlich (vgl. in diesem Sinn: Matthias Konradt, Das Evangelium nach Matthäus, Göttingen 2015, 49). Sollte dieses Unwahrscheinliche sich tatsächlich zugetragen haben, wäre die Kritik des Täufers immer noch verständlich. Er hätte dann gemerkt, dass ihre Bußgesinnung nicht aufrichtig, sondern geheuchelt war, und sie deshalb so scharf kritisiert. Im Folgenden gehe ich wie Konradt davon aus, dass die religiösen Leitungspersonen zum Täufer in die Wüste gingen, nicht um sich taufen zu lassen, sondern ihn zu beurteilen.

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6Vgl. die Summarien zur Verkündigung Jesu wie auch – überraschenderweise völlig gleichlautend – von Johannes dem Täufer: „Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe“ (Mt 3,2; 4,17).

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7Aus dem zweiten Grund konnte sich wohl auch Jesus als berufen erfahren, sich in die Schar der Sünder und Sünderinnen einzureihen, und unterschiedslos als einer von ihnen die Taufe als Zeichen der Umkehr (vgl. Mt 3,11) zu empfangen.

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8So allein sechsmal in den Weherufen gegen die Schriftgelehrten und Pharisäer, Mt 23. Der Vorwurf der Heuchelei darf hier nicht moralisch verstanden werden, als ob sich hier Menschen bewusst zur Falschheit entschieden hätten. Gemeint ist vielmehr ein falscher Seinsmodus, der sich tief in die Personalität von Menschen hineingefressen hat, sodass sie ihn längst nicht mehr selber durchschauen können. Gerade deshalb ist die scharfe Anklage notwendig, um verstockte Menschen zur Besinnung zu bringen.

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9Das Eingeständnis der Schuldverstrickung, noch nicht ihre Überwindung, war der Sinn der Johannestaufe. Deshalb war sie unverzichtbar und doch nur vorbereitend im Verhältnis zu dem Kommenden, der „mit Heiligem Geist und mit Feuer taufen“ würde (Mt 3,11).

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10Kairos (bibelgriechisch) = Zeit der Gnade, eine Gnadenchance, die man auch verpassen kann. Vgl. v.a. Mk 1,15: Die Zeit (Kairos!) ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe gekommen, kehrt um und glaubt an das Evangelium.

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11Das macht ihre Erlösung immer schwieriger. Denn die Heilsmacht des erlösenden Gottessohns bricht die menschliche Freiheit nicht, sondern vermag sie nur neu freizusetzen, wo sie sich sündig verstrickt hat. Was aber, wenn Menschen ihre von Gott freigesetzte Freiheit zu einem verschärften Nein gegen Ihn missbrauchen, – nur damit sie das zweifelhafte Projekt einer runden, ansehnlichen Existenz auch ohne Gott nicht in Frage stellen müssen?

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12Das ist die Eigenart einer dramatischen Exegese, wie sie in der Innsbrucker dramatischen Theologie immer wieder vollzogen wird. Vgl. Raymund Schwager,

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13Vgl. Raymund Schwager, Jesus im Heilsdrama, in ders., Heilsdrama. Systematische und narrative Zugänge. Heilsdrama. Systematische und narrative Zugänge. Hrsg. von J. Niewiadomski (Gesammelte Schriften 4). 2015, 37-400 (Erstpublikation: 1990), sowie zahlreiche meiner online zugänglichen Aufsätze in https://www.uibk.ac.at/systheol/sandler/leseraum

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14 Vgl. die Diskussion von drei Textvarianten in: Luz, Das Evangelium nach Matthäus (Mt 18-25) (EKK I/3). Zürich 1997, 204. Gemäß Lesart 1 ist der für die Pointe des Gleichnisses wichtigere zweite Sohn der Ja-Sager, der den Willen des Vaters dann doch nicht tut. Die jüdischen Führer antworten hier vernünftigerweise, dass der erste Sohn den Willen des Vaters erfüllt hat. In Lesart 2 zwei ist die Reihenfolge umgekehrt. Der zweite Sohn ist der Nein-Sager, der aber dann bereut und doch auf das Feld geht. Diesem zweiten sprechen die jüdischen Führer dann auch zu, den Willen des Vaters zu erfüllen. Diese Variante wird von der alten Einheitsübersetzung favorisiert. Dann gibt es noch eine Lesart 3, die in der Reihenfolge der Söhne der ersten Lesart gleicht. Der ungehorsame Ja-Sager ist also der zweite Sohn. Und die Hohenpriester und Ältesten behaupten nun aber irritierenderweise, dass dieser den Willen des Vaters erfüllt hätte. Im Einklang mit der Mehrzahl der Übersetzungen favorisiert Luz die erste Lesart. Zur dritten Lesart stellt er kritisch fest: „Die Lesart 3 ist eindeutig die schwierigste, aber die Antwort der jüdischen Führer ist sinnlos und zerstört die Evidenz der Parabel“ (ebd). Das „aber“ rührt daher, dass gemäß dem textkritischen Prinzip der „lectio difficilior“ eher die schwierigere Variante als ursprünglich favorisiert wird, weil nachträgliche Glättungen des Textes nahelegt. Diese dritte Lesart wird von der revidierten Einheitsübersetzung gewählt und auch von mir favorisiert. Im Blick auf die Dramatik der Verstockung, wie hier ausgeführt, ist sie nicht mehr, wie Luz meint, sinnlos und zerstört auch nicht mehr die Evidenz der Parabel. Der hier vorgestellten Deutung steht die Interpretation des heiligen Hieronymus nahe: Dieser vermutete, „daß die verstockten Juden absichtlich eine falsche Antwort auf Jesu Frage gegeben hätten“ (Luz, ebd.).

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15NEÜ steht hier wie im Folgenden für die revidierte Ausgabe der Einheitsübersetzung, aus dem Jahr 2017. Ohne Hinzufügung werden Bibeltexte weiterhin nach der EÜ zitiert. Vgl. oben, Anm. 1.

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16Auch dies ist eine Textvariante, die – anders als die „alte“ Einheitsübersetzung – von der Mehrzahl der Übersetzungen gewählt wird. Vgl. die vorletzte Anmerkung.

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17Das entspricht der Interpretation des Irenäus von Lyon, „der die Reue des Nein-Sagers als nutzlos ansieht, weil sie zu spät gekommen sei“ (Luz, ebd. 205).

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18Näher am Urtext übersetzt die NEÜ hier „auf dem Weg der Gerechtigkeit“; anders als EÜ („um euch den Weg der Gerechtigkeit zu zeigen“). Gemäß der präziseren Übersetzung der NEÜ qualifiziert Jesus den Johannes als gerecht. Er beantwortet also seine frühere Frage zur göttlichen Legitimation von Johannes positiv: Seine Taufe ist nicht von Menschen, sondern vom Himmel, also von Gott (vgl. Mt 21,25).

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19Vgl. die Übersetzung im ausgesprochen wortgetreuen Münchener Neuen Testament, Düsseldorf 1998.

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20Das gilt längst nicht für alle Sünderinnen und Sünder. An anderen Orten fällt das Matthäusevangelium ein hartes Urteil auch über das Volk. Das beginnt mit der Gleichnisrede in Mt 13,15 („Denn das Herz dieses Volkes ist hart geworden, und mit ihren Ohren hören sie nur schwer, und ihre Augen halten sie geschlossen, damit sie mit ihren Augen nicht sehen und mit ihren Ohren nicht hören, damit sie mit ihrem Herzen nicht zur Einsicht kommen, damit sie sich nicht bekehren und ich sie nicht heile.“) und findet seine äußerste Zuspitzung in Mt 27,25: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!“

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21Ich habe hier die Übersetzung von Luz (ebd., 200) gewählt, weil ich sie mit der Formulierung „Frucht, die der Buße entspricht“ für die beste halte; jedenfalls besser als EÜ und NEÜ: „Bringt Frucht hervor, die eure Umkehr zeigt.“

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22Das entspricht dem Gleichnis von den bösen Winzern am Ende des 21. Kapitels: „Zuletzt sandte er seinen Sohn zu ihnen“ (Vers 37).

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23Vgl. Luz, ebd., 202.

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24Das ist das Grundgebet im Innsbrucker Gebetshaus Die Weide. Vgl. https://www.dieweide.org

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25Je größer die Verstockung, desto größer wäre die Betroffenheit von einem, der der ungeschminkten Wahrheit ins Gesicht schaut, und desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass sie ein weiteres Mal den „Angriff auf ihre Selbstherrlichkeit“ zurückweisen.

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