
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit den architektonischen,
kunsthistorischen, topographischen und forschungsgeschichtlichen Aspekten
des Argentarierbogens am Forum Boarium in Rom. Dabei handelt es sich um
ein kleines, aber sehr aussagekräftiges Monument, bei dem es an der
Zeit war, es von Grund auf neu zu beleuchten.
Im Rahmen der Arbeit ergaben sich einige neue Deutungsvorschläge,
sei es was die Funktion des Baues, als auch die Motivation der Stifter
– die argentarii et negotiantes boarii – und die Wahl des ikonographischen
Programmes betrifft.
Das erste, was den Betrachter stutzig macht, ist die Bauform. Das
Monument wird zwar allgemein als ‘Bogen’ bezeichnet, aber es ist kein Bogen
im eigentlichen Sinne, denn es handelt sich um einen Architravbau, der
aus drei Grundelementen, dem Architrav und den zwei Standpfeilern besteht.
Diese Form, derart dekoriert, kennen wir als alleinstehenden Bau kaum.
Gegen seine Funktion als freistehender Durchgang zum Forum Boarium
und Velabrum spricht die Tatsache, daß er auf der Rückseite
nicht dekoriert ist und daß die Theorie, unter ihm habe eine direkte
Verbindungsstraße zum Vicus Iugarius hindurchgeführt, grabungstechnisch
nicht bewiesen ist.
Die Idee, sich den Argentarierbogen als monumentale Statuenbasis
vorzustellen, scheitert daran, daß jegliches Element für eine
Identifizierung von Einlassungsspuren oder einer Basis für Skulpturen
fehlt. Damit bleibt nur eine Möglichkeit offen: es handelt sich beim
Argentarierbogen um einen Eingang, der nicht etwa zu einem Stadtviertel,
wie dem Velabrum, führte oder vom Forum Boarium weg, sondern den Zugang
zu einem Gebäude bildete, vielleicht zur schola, dem Vereinshaus der
beiden Stifterkollegien.
Was die Motivation für die Stiftung des Argentarierbogens betrifft,
so haben wir keine eindeutigen Beweise und können nur anhand von Vergleichen,
die uns aus der severischen Zeit zur Verfügung stehen, Vermutungen
anstellen. Fest steht, daß das Kollegium der Bankiers und Rinderhändler
des Forum Boariums sich für irgend etwas dankbar erwiesen hat, und
zwar dem Kaiser und seiner Familie gegenüber, aber vielleicht auch
den Konsuln des Jahres 204. Zumindest einer von ihnen hatte als Schutzherr
des Kollegiums, als patronus, gewirkt und sich dabei wohl Verdienste erworben.
Am ehesten kämen dabei Vergünstigungen in Hinblick auf
das unter Septimius Severus immer mehr angewandte munera-privilegia-System
in Frage, das den Rinderhändlern im Falle ihrer konzentrierten Mitwirkung
bei der annona, der Lebensmittelversorgung der Stadt, steuerliche Erleichterungen
und damit wirtschaftliche Vorteile verschaffte. Diese Mitwirkung bestand
in der autonomen Beschaffung der Tiere in den umliegenden Gebieten Roms
und ihrer Einfuhr in die Stadt. Diese Privilegien betrafen natürlich
nicht nur die negotiantes boarii, sondern auch deren enge Mitarbeiter,
die argentarii. Ein weiterer Beweggrund für die Stiftung, der sich
allerdings nicht beweisen läßt und deshalb auch nur als Denkansatz
angesehen werden soll, liegt im der Darstellung des kleinen unteren Reliefs
der linken Außenseite des Monuments, worauf möglicherweise der
Abtransport der erbeuteten Tiere aus den Partherkriegen wiedergegeben ist.
Vielleicht erhielten die Rinderhändler des Forum Boarium das Privileg,
sich um die Beutetiere zu kümmern und erwirtschafteten daraus große
Gewinne.
Gehen wir von der These aus, daß sich hinter dem Argentarierbogen
die schola des Kollegiums befunden hat, so wäre es auch möglich,
daß Septimius Severus im Zuge der generellen Umstrukturierung und
Monumentalisierung des Forum Boarium den Bankiers und Rinderhändlern
beim Bau ihres Vereinssitzes geholfen bzw. einen Teil der Finanzierung
übernommen hat. Als Dank hätten die Nutznießer den Eingang
zu ihrer schola monumental ausgestaltet und sich so beim Kaiser für
seine Großzügigkeit revanchiert, indem sie ihn und sein Haus
verherrlichten.
Die Gliederung und Aufteilung des plastischen Schmucks am Argentarierbogen
ist, soweit man aus dem Erhaltenen schließen kann, regelmäßig
und symmetrisch. Gesims und Gebälk sind mit verschiedenen Ornamentleisten
reich dekoriert, und an der Vorderseite ist der Architrav mit der Inschrift
versehen, an deren Enden sich jeweils eine Darstellung des Hercules und
des ‘Genius’ befindet, die wohl beide am ehesten als Schutzgottheiten des
Forum Boarium zu verstehen sind. Die Unterseite der Bekrönung des
Argentarierbogens besteht aus einer Kassettendecke.

Der Durchgang ist an den Standpfeilern von oben nach unten mit girlandentragenden Victorien dekoriert. Dann folgen die zentralen Bilder, rechts jenes mit Septimius Severus, Iulia Domna und Geta, der vielleicht den caduceus in der Hand hielt, und links jenes mit Caracalla an dessen Seite man sich noch Plautilla und ihren Vater Plautian vorzustellen hat. Darunter waren Opferinstrumente und je ein Relief mit der Tötung des Opferstieres angebracht.

Die Vorderseite ist zwar in einem wesentlich schlechteren Erhaltungszustand
als die Innenseite, doch Rekonstruktionsvorschläge sind möglich.
So könnte man sich die vordere Ansichtsseite von oben nach unten mit
girlandentragenden Adlern, dem zentralen Relief mit links und rechts jeweils
einem Mann in Toga denken, die mit Vorsicht vielleicht als die Konsuln
aus dem Jahre 204, M. Annius Flavius Libo und L. Fabius Cilo Septiminus
zu identifizieren sind, und die Szene der Geleitung des geschmückten
Stieres zum Opferaltar.
Die einzige uns erhaltene Außenseite zeigt oben vier Jünglinge
mit einem Thymiaterion, darunter die große Darstellung mit zwei gefangenen
Barbaren, die von Soldaten abgeführt werden. Das kleine Relief darunter
zeigt eine Rinderherde, die von einem bärtigen Mann angetrieben wird.
Was die künstlerische Ausführung und den Stil des Architekturdekors
und des Reliefschmuckes am Argentarierbogen betrifft, so ist eindeutig
zu spüren, daß es sich um kein öffentliches Staatsdenkmal,
sondern um eine Stiftung durch Private handelt, die sicherlich nicht über
ausreichende Mittel verfügten, um sich Künstler zu leisten, wie
sie etwa am Forum Romanum tätig waren.
Der Beginn des dritten Jahrhunderts mit dem Herrscherhaus der Severer
an der Spitze des Reiches stellt für die Entwicklung der römischen
Welt einen wichtigen Zeitpunkt dar, da der unaufhaltsame kulturelle, politische
und soziale Wandel, der dem Reich bevorsteht, immer offensichtlicher wird.
Die traditionsbewußte Hauptstadt Rom muß sich immer mehr Einflüssen
aus der Provinz fügen, versucht aber dennoch, und dies wird besonders
unter der Herrschaft der Severer deutlich, an der Tradition festzuhalten
und das zentralistische, immer starrer werdende System zu erhalten. Diese
Tendenz kommt auch in der Kunst zum Ausdruck. Durch die immer auffallendere
Vermischung künstlerischer Elemente aus allen Reichsteilen kommt es
zu einer Verschiebung der Wertigkeiten. Dieses vieldiskutierte Phänomen
der römischen Kultur versieht man gerne mit der Etikette ‘beginnende
Spätantike’ und verwendet damit für ein äußerst komplexes
System mit unterschiedlichsten Wechsel- und Auswirkungen einen ziemlich
einfachen Begriff.
Einen kleinen Beitrag zur künstlerischen ‘Dezentralisierung’
der Hauptstadt leistet auch der Argentarierbogen mit seinem nicht gearde
‘stadtrömischen’ Aussehen und dem Mut seiner Erbauer, für Rom
fremde Elemente mit Althergebrachtem zu vermischen und daraus etwas stilistisch
aber auch baulich Einzigartiges zu schaffen.
Betrachtet man den figürlichen Reliefschmuck des Argentarierbogens
insgesamt, so fällt auf, daß zwei große Themata vorherrschen,
die in der römischen Kunst durchaus gang und gäbe sind und besonders
häufig auf offiziellen kaiserlichen Monumenten zum Ausdruck kommen.
Dabei handelt es sich um Themen mit militärisch-triumphalen und religiösen
Charakter. Die Aufteilung der verschiedenen Bereiche erfolgt aber nicht
immer auf den einzelnen Ansichtsseiten gleich und ist sehr der subjektiven
Deutung unterworfen.
Verbindet man die Aussagen der einzelnen Reliefs miteinander, so
käme aufgrund der Interpretation der drei erhaltenen Ansichtsseiten
(innen, vorne und außen) und der Inschrift folgende Deutung des gesamten
Baus in Frage: Der Argentarierbogen schildert die Bemühungen für
das Wohlergehen des Imperiums, bzw. Roms. Somit wäre es den Stiftern
des Argentarierbogens gelungen, auf die Hauptverantwortlichen für
das Wohlergehen des Imperiums deutlich hinzuweisen und doch ihre eigene
Position und Notwendigkeit herauszustreichen, und zwar besonders in einer
Zeit, in der man auf eine glorreiche Zukunft blickte, nachdem eine der
größten innen- und außenpolitischen Krisen des römischen
Imperiums gemeistert zu sein schien und alle die Hoffnung auf ein neues
Goldenes Zeitalter richteten.
Weitere Literatur zum Thema:
- D.E.L. Haynes – P.E.D. Hirst, Porta Argentariorum (1939).
- M. Pallottino, L’Arco degli Argentari, I Monumenti Romani, a cura
del R. Istituto di Studi Romani, II (1946).
- J. Heurgon, L’Arc des Changeurs à Rome, RA 27, 1947, S.
52-58.
- G. Ch. Picard, Origine et sense des reliefs sacrificiels de l’Arc
des Argentiers, in: Hommages à A. Grenier III, 1962, 1254 ff.
- G. Tedone, Arco degli Argentari, BCom 91, 2, 1986, S. 548-553.
- Dies., Arco degli Argentari, BCom 92, 1987/88, S. 353-357.
Publikation: B. Tasser, L’arco degli argentari, Forma Urbis 9, 1999, 24-30.
Bestand: Universitätsbibliothek Innsbruck, Sign. DG30926
Kontakt: Barbara Tasser