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Karfreitag und Ostern
(Spuren vom Kreuzweg in unserer Gegenwart)

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriekommentar
Abstrakt:
Publiziert in:Tiroler Tageszeitung 84 vom 9. April 2004
Datum:2004-04-13

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Von außen betrachtet ist es ein Unglücksfall. Ein Mann in den besten Jahren fällt und dies nicht nur auf die Nase. Nach einem kometenhaften Aufstieg stürzt er in die Bodenlosigkeit der Anschuldigung, der Isolation und des gewaltsamen Todes. Ein Zufall oder ein Exempel der tragischen Verstrickung? Der Tatsache also, dass dem Aufstieg doch immer ein Fall folgen muss? Dass Menschen immer schon unschuldig zum Handkuss kommen und teuer für das Missverständnis zahlen müssen? Dass der Protest gegen Ungerechtigkeit und Leid immer schon in der Resignation und dem Kleinbeigeben endet? Dass trotz aller Beteuerungen der Mensch letztlich doch allein bleibt: auf dem Weg des Erfolgs, vor allem aber auf seinem eigenen Kreuzweg? Weil sich die meisten seiner Freunde aus dem Staub machen. Und diejenigen die bleiben, durch ihr eigenes Leiden oft überwältigt werden und den eigenen Kreuzweg beschreiten. Die Außenperspektive legt solche Vermutungen nahe, wird aber der Bodenlosigkeit des Geschehens nicht gerecht.

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Für Christen gibt es dieses Kreuz ohne die dazu gehörende Auferweckung nicht. Karfreitag stellt zwar den Höhepunkt des Kreuzwegs dar. Dessen Ende erblicken wir aber am Ostermorgen. Heißt dies nun, dass auch die Umkehrungen problemlos funktionieren? Dass nach dem Fall immer ein neuer Aufstieg kommt? Dass Menschen, die unschuldig zum Handkuss kamen, doch die Oberhand gewinnen werden? Dass Resignation sich automatisch zur Hoffnung wandelt? Und der Individualismus mechanisch in gemeinschaftliche Sympathie umkippt? Alles einem Kreislauf nicht unähnlich. So wie der Frühling halt immer nach dem Winter kommt. Dass also Sterben und Leben bloß zwei Seiten von ein und derselben Medaille sind? Wie beim Phönix aus der Asche?

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Die Ähnlichkeiten mögen zwar da sein, doch der Unterschied ist größer. Zum einen gibt es da noch die scheinbar bodenlose Sinnlosigkeit des Karsamstags. Radikale Totenstille! Und diese muss man zuerst aushalten. Der vom Schmerz sprachlos gewordenen, geradezu versteinerten Mutter nicht ganz unähnlich. Da war nur die Trauer und der Schmerz. Und nur die Sinnlosigkeit zerstörter Lebenshoffnungen. Nichts anderes! Zum anderen ist es aber noch der Glaube und auch das Vertrauen jenes Menschen in den besten Jahren, der letztlich mit dem Schrei der Gottverlassenheit starb. Wie kaum ein anderer schöpfte er seine Lebenskraft ja aus der Verbundenheit mit dem Gott des Lebens. Und darin unterschied er sich halt radikal von uns allen, den Modernen. Der Rausch des Erfolgs und die Starmania waren zwar auch ihm nicht fremd. Aber er verwechselte sie nicht mit seinem Gott. Wie wir das tun!

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Lange vor seinem kometenhaften Aufstieg und dem brutalen Abstieg glaubte er sich getragen von Gott, dem Liebhaber des Lebens. Aus dieser Kraft konnte er unzählige Menschen auf ihren Kreuzwegen begleiten. Sie gar auf andere Wege bringen. Heilen, Integrieren, Versöhnen! Warum endet dann aber sein eigener Lebensweg auf einem Kreuzweg? Warum ist dann in seinem eigenen Tod Gott und das Nichts nicht mehr zu unterscheiden? Weil Gott und der Tod doch identisch sind? Und das Leben doch eine Tragödie? Und der Kreuzweg eine Sackgasse?

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Nicht für die Christen! Für sie besteht ein radikaler Unterschied zwischen dem Gott des Lebens und der Sinnlosigkeit des Todes. Am Karfreitag steigt aber Gott, der Liebhaber des Lebens, in Jesus von Nazareth in die Sinnlosigkeit hinab. Der menschgewordene Sohn Gottes fällt in diesem Geschehen so tief wie kein Mensch je zu fallen vermögen wird. Die Bodenlosigkeit dieses Falls - und nur dieses - kennt ja keine Grenzen! Er fällt hinunter und bringt damit in die allerletzten Sackgassen des Lebens, des Todes, ja der Hölle, den Funken der Liebe des göttlichen Lebensliebhabers. Deswegen kann es für Christen auch keine Not und auch keine Sinnlosigkeit geben, die von diesem Gott nicht gewendet werden können. Karwoche und Ostern stehen nicht für den Kreislauf und die Mechanik der Veränderung. Letztendlich stehen sie für das Geheimnis der Liebe. Diese hat mit einem Kreislauf wenig zu tun und sie ist auch stärker als alle Sackgassen der Kreuzwege.

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