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Ohnmächtige Freunde
(Spuren vom Kreuzweg in unserer Gegenwart)

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriekommentar
Abstrakt:
Publiziert in:Tiroler Tageszeitung 83 vom 8. April 2004
Datum:2004-04-13

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

1
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Unzählige Eltern sind davon betroffen: mit Entsetzen, Mitleid und dem Gefühl radikaler Hilflosigkeit nehmen sie die Magersucht ihrer Tochter wahr. Ein wahrer Kreuzweg beginnt. Keineswegs leichter als derjenige, auf den die Kranken selber, die Sterbenden und die Ausgestoßenen umdirigiert wurden. Tagtäglich müssen sie die Ausweglosigkeit im Leben der eigenen Kinder miterleben.

2
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Die Informationsgesellschaft schüttet uns mit Bildern von Leidenden zu. Sie immunisiert gegen das fremde Leid; so fallen wir umso mehr aus dem Rahmen, wenn die von uns geliebten Menschen getroffen werden. Schlag oder lebensgefährliche Infektion, Kündigung oder psychische Desintegration: Was soll man tun? Soll ich mich aus dem Staub machen, den geliebten Menschen verraten, oder freiwillig seinen Kreuzweg beschreiten? Den Weg der Begleitung, der wiederholten Ohnmachtserfahrung. Und was sind die Folgen? Müdigkeit und Zermürbung. Resignation und Wut, dass man nichts, aber gar nichts tun kann.

3
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Vom Schmerz geradezu versteinert blickt die Mutter ihren verurteilten Sohn an: den Gotteslästerer, der zu Fall gebracht wurde. Gestern noch stolz auf den Aufsteiger. Auch sie im kollektiven Rausch der Starmania. Heute allein, den eigenen Schmerz und die eigene Enttäuschung mit Mühe und Not zum Blick des Mitleids dem eigenen Sohn gegenüber verwandelnd. Ob sie die wenigen Frauen, die nicht nur dem Verurteilten, sondern auch ihr mitleidende Blicke zuwerfen und den Helfer, den man zur Hilfe zwingen musste, überhaupt wahrnimmt? Das Ausmaß an Leiden, das die betroffenen Begleiterinnen und Begleiter mehr oder weniger freiwillig übernehmen, kann der neutrale Beobachter nicht einschätzen. "Ihr alle, die ihr des Weges zieht, schaut doch und seht, ob ein Schmerz ist wie mein Schmerz", klagt die Mutter dolorosa - die schmerzerfüllte Mutter - und buhlt um Sympathie, nicht um eine schnelle Hilfe.

4
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Eine Zeit, die Effizienz und tatkräftige Hilfe zum Inbegriff der Beziehung zum Menschen in Not stilisiert, steht den ohnmächtigen Begleiterinnen und Begleitern auf dem Kreuzweg skeptisch gegenüber, genauso wie sie den Kreuzweg selbst im Kontext des modernen Lebens nicht zu sehen vermag. Und doch wird gerade der ohnmächtige Blick der verstummten Mutter den unzähligen Menschen in der Grenzenlosigkeit ihres Leides gerecht. Gerechter gar als eine gut gemeinte Hilfsmaßnahme.

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