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Ins Abseits getrieben.
(Spuren vom Kreuzweg in unserer Gegenwart.)

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriekommentar
Abstrakt:
Publiziert in:Tiroler Tageszeitung 80 vom 5. April 2004
Datum:2004-04-13

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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"Bist selber blöd, wenn du es noch nicht gemerkt hast! Je höher du auf der Karriereleiter hinaufkletterst, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es dich auch irgendwann trifft. Die Anschuldigungsmaschinerie!" Die Suche nach Schuldigen und die Jagd auf Sündenböcke strukturieren ja geradezu unseren Alltag. Zu viele Menschen drängen nach oben und wollen jene, die schon dort sind, verdrängen. Ob zu recht oder auch zu unrecht, wo liegt da schon der Unterschied? So stellen wir es uns zumindest vor. Solange wir das Sagen haben!

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Noch nie hat es in der Geschichte der Menschheit eine Kultur gegeben, die so auf Anschuldigung, Outing, Bloßstellung und Vorverurteilung ausgerichtet war wie die unsere. Ganze Industrien leben inzwischen davon, Menschen ins gesellschaftliche Abseits, in den sozialen Tod, oft auch in den biologischen hineinzutreiben. Und dies professionell und nach neuesten Methoden.

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Und die Autoritäten? Laute Wellensurfer! Von den Wellenbrechern kaum eine Spur. Der im Unschuldswahn seine Hände waschende Pilatus ist ja auch als Abziehbild überall zu haben. Und zwar zu Schleuderpreisen. Die Schuld des historischen Pilatus liegt ja gerade darin, dass er dem anschuldigenden Mob nicht zu widerstehen vermochte, sich der Übermacht der Gerüchte, "der gesunden Volksmeinung" und der Vorverurteilung beugte, anstatt souverän Recht zu sprechen.

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Nur schwer vermag ich die Spuren eines Kreuzwegs in meinem Leben zu entdecken, solange ich selber auf der Seite der Jäger, der Anschuldigenden und des Pilatus bleibe. Da kommt mir das ganze Geschehen auch ganz normal, geradezu rational vor. Einmal unter die Räder der Anschuldigungsmaschinerie geraten, nehme ich das Unrecht wahr und auch den Kreuzweg, auf den man mich umdirigiert hat. Nichts ist so schwierig wie das Ertragen einer zu Unrecht erhobenen Anschuldigung. Und nichts ist so leicht wie die Versuchung, den Stein, der gegen mich gerichtet wurde, sofort auf andere zu werfen. Ihnen meinen Platz auf der Kreuzung, die zum Kreuzweg führt, zu überlassen, sie so ins gesellschaftliche Abseits zu treiben. Das ist ja die erschreckende Banalität der Karwoche: ein wahrhaftiges mysterium tremendum.

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