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Kreuz! Nein danke?
(Spuren vom Kreuzweg in unserer Gegenwart)

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriekommentar
Abstrakt:
Publiziert in:Tiroler Tageszeitung 81 vom 6. April 2004
Datum:2004-04-13

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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"Der Mensch in der Revolte!": Die 68er-Generation glaubte, den Lauf der Welt zu verändern. Sie wollte ja nicht nur die politischen Autoritäten und die kulturellen Selbstverständlichkeiten aus den Angeln heben, sondern sie rebellierte gleichsam prometheisch gegen das Leid. Unschuldig leidende Kinder standen genauso in ihrem Visier wie die politisch verfolgten Zeitgenossen, an Krebs und später auch an AIDS Erkrankte genauso wie die geschlagenen Ehefrauen. Der vielschichtigen Leidenserfahrung begegnete dieser Zeitgeist immer nur mit einer Antwort: Das darf nicht sein! Deswegen tabuisierten die Theologen der damaligen Zeit das Opfer. Und die Künstler? Sie malten einen Jesus, der sein Kreuz gar zerbricht. Verweigerung, nicht Annahme - oder zumindest Protest - lautete die Devise.

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Wie es der Lauf der Welt aber will, mündete die rebellische Haltung von damals in die resignierte Haltung von heute. Die rebellischen Politiker sind zu Pragmatikern geworden, und die Künstler protestieren um des Protestes willen. Und wie ist es um den Durchschnittsmenschen bestellt? Jung und gesund kann er vom Konsum nicht genug bekommen. Angesichts der ihn treffenden Schläge kann er nur noch sprachlos werden! Und auch restlos einsam. Die medial groß aufgebauschten Anschuldigungen und Prozesse gegen die scheinbar Schuldigen vermögen nicht darüber hinwegzutäuschen, dass wir auf unserem alltäglichen Kreuzweg ärmer dran sind als unsere Großmütter und Großväter. Diese konnten noch auf Jesus schauen, der sein Kreuz auf sich nimmt. Und dies nicht um des Masochismus willen. Und schon gar nicht, weil sie ihr Leiden verklären wollten. Den feinen Unterschied zwischen dem gesuchten Schmerz und dem "Kreuz", das man aufgebürdet bekommt, haben die meisten unserer Vorfahren gekannt.

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Sie wussten noch, dass es im Leben Situationen gibt, in denen nur eine freie Zustimmung zum Geschick dem Menschen die Kraft geben kann, die größer ist als alle Proteste. Nicht Resignation steht am Ende dieses Weges, sondern eine innere Wandlung. Eine große Theologin der 68er-Generation sagte auf ihrem Sterbebett, dass nur der stumme Blick auf den Gekreuzigten ihr in den letzten Wochen ihres Lebens das Gefühl der Isolation aufgebrochen habe.

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Eine Kultur, die das Kreuz ablehnt und gegen das Kreuz protestiert, beraubt sich einer enormen Kraft. Heute bemerken das aber nur jene Menschen, die ihren eigenen Kreuzweg längst beschritten haben. Und diese sind meistens schon sprachlos. Leider!

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