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Hoffnung angesichts des Krieges

Autor:Guggenberger Wilhelm
Veröffentlichung:
Kategoriekommentar
Abstrakt:
Publiziert in:# Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2003-02-18

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Es ist wahrhaft nicht leicht, sich eine Meinung darüber zu bilden, ob ein Militäreinsatz gegen den Irak notwendiges Übel im Sinne der Verhinderung größeren Unheils oder aber selbst das große, zu verhindernde Übel ist.

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Manches Spricht dafür, dass George Bush sich der alten Logik bedient, die auch bereits seinen Vater 1991 in ungeahnte Höhen der politischen Sympathie seiner Landsleute getragen hat: Wenn Krieg ist, rücken die Menschen zusammen und scharen sich Schulter an Schulter hinter ihrem Anführer. Der "aktuelle" Krieg hat als nicht erklärter am 11. September 2001 begonnen. Dar Gegner war bald identifiziert und hatte mit dem Gesicht von Bin Laden eine Geradezu romantische Facette erhalten. Dieses bärtige Antlitz, das einem Steckbrief gleich medial allenthalben plakatiert wurde, vermittelte den einen die Vision des Rächers der Enterbten, der unfassbar in den wilden Bergen Afghanistans seine Attacken gegen die korrupten Herrscher der Welt ausheckt, den anderen vermittelte es die Vision des dämonischen Feindes der Menschheit, dessen Geheimquartier nach James-Bond-Manier auszuräuchern sei. Leider gab es aber keine Livemitschnitte vom Ende des Bösewichts, so dass die Anhänger der ersten Vision sich immer mehr bestätigt fühlen konnten. So besteht der Verdacht, dass die USA und mit ihnen große Teile der westlichen Welt nun einen Gegner brauchen, gegen den sich ein Sieg erringen lässt - ein Sieg, der sich herzeigen lässt, ein Sieg, der sich als Balsam auf das angeschlagene Selbst- und Sicherheitsbewusstsein legen lässt. Dass dabei auch noch ein gewaltiger Schatz an Ressourcen mit im Spiel ist, mag eine angenehme Nebenerscheinung sein, dass der Krieg gegen den Irak aber aus reinen Wirtschaftsinteressen geführt werden soll, scheint angesichts der Prognosen hinsichtlich seiner Auswirkungen auf die Weltwirtschaft doch unwahrscheinlich.

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Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist die, dass das Husseinregime ein tatsächlich unberechenbares ist. Es ist vermutlich nicht undemokratischer als jenes in Saudiarabien oder anderen Ländern der Region. Aber keines dieser Länder hat in der jüngeren Vergangenheit Expansionsgelüste erkennen lassen. Ernsthafte Kenner der Situation befürchten nun, dass der Irak in absehbarer Zeit in den Besitz von Atomwaffen gelangen könnte. Strebt Saddam das wirklich an, wird es sich wohl auch durch internationale Beobachtung nur schwer verhindern lassen. Was ein atomar bewaffneter Herrscher, der sich als legitimer Erbe Assurbanipals sieht und wohl nicht in dem Maße nach kühl strategischen Kosten-Nutzen-Überlegungen entscheidet, wie man sich das in geopolitischen Strategiespielen gern vorstellt, ist schwer abzuschätzen. Der Militärschlag wäre dann als präventive Selbstverteidigung einer Welt, die sich nicht von einem quasiterroristisch agierenden Staatsführer erpressen lassen will, wohl auch sittlich zu rechtfertigen - nicht als heldenhafte Großtat, wohl aber als das kleinste Übel, das zur Wahl steht.

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Ich bin mir keineswegs sicher ob diese zweite Seite das wahre Gesicht des derzeitigen Konflikts zeigt. Vermutlich ist sie sogar unlösbar mit der ersten Seite amalgamiert, was eine Stellungnahme nicht gerade erleichtert. Was soll man also tun?

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Papst Johannes Paul II. ruft immer wieder zum Frieden auf. Er hat sich mittlerweile den Ruf des Pazifisten eingehandelt und das ist wohl nicht gerade der schlechteste. Ich glaube aber nicht, dass die Position des Papstes eine politisch völlig naive ist. Zwei Elemente seiner Friedensaufrufe sind für mich als Christen zentral und immer wieder zu bedenken.

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Erstens nimmt der Friede ebenso wie der Krieg in den Herzen der Menschen seinen Anfang. Die zentrale und vordringlich Arbeit, die in diesen Herzen zu leisten ist, wird keinen Krieg, der vor der Tür steht verhindern. Aber es wird sich nichts daran ändern, dass immer wieder Kriege vor der Tür stehen, wenn diese Arbeit nicht geleistet wird. Worin besteht sie? Eine ihrer wesentlichsten Aufgaben ist jedenfalls der Abbau dämonisierender Feindbilder, und dabei ist egal, ob es sich um Bin Laden, Saddam, Bush oder die Ölmultis handelt.

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Zweitens rufen mir die Botschaften des Papstes in Erinnerung, dass Gott nicht nur der Herr des Himmels, sondern auch der Herr der Geschichte ist. Er lenkt die Geschichte nicht gegen den Willen der Menschen, dennoch sollte die Möglichkeit, dass der Heilige Geist sein Wirken entfaltet - auch in den Köpfen und Herzen von Staatsführeren - nicht völlig ausgeschlossen werden. Nur, wenn man das nicht tut, hat es einen Sinn für den Frieden zu fasten und zu beten. Ohne das politische Engagement und die demonstrative Meinungskundgabe zu unterlassen, scheint mir das Gebet für gläubige Menschen ein unverzichtbares Tun in Vorkriegszeiten wie diesen - allerdings sollte man es dann nicht neuerlich zum öffentlichkeitswirksamen Protestaktionismus ummodeln.

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Was mich in diesem Zusammenhang aber wirklich ärgert ist ein Aufruf wie jener von Pax Christi, am Tag des Kriesbeginns weiße Fähnchen und Kerzen in die Fenster zu hängen bzw. zu stellen. Nichts gegen Fähnchen und Kerzen. Aber zu einem Zeitpunkt, an dem noch nicht über Friede oder Krieg entschieden ist zu Aktionen aufzurufen, die den Kriegsbeginn begleiten sollen, zeugt für mich von Fatalismus, nicht von Hoffnung. Beinahe kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, es ist uns vielleicht gar nicht so unrecht, wenn der Krieg tatsächlich ausbricht. Denn dann hat Bush endlich all das Blut an den Händen, das alle Vorwürfe gegen ihn rechtfertigt. Das Leid der Menschen im Irak liefert uns dann die Rohstoffe für die Aufrechterhaltung unseres Weltbildes, das womöglich arg zerzaust werden könnte, sollten USA und NATO doch einen gewaltfreien Lösungsweg beschreiten.

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Wenn wir uns als Christen für den Frieden einsetzen - mit Aktion und Kontemplation - was zweifellos unsere Aufgabe ist, so macht dieser Einsatz nur dann einen Sinn, wenn er von Vertrauen und Hoffnung getragen ist. Selbstdarstellung als Gutmenschen auf Kosten des Tuns und des Leidens von Menschen weit weg ist billig und dient niemandem.

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