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Beginnende Erlösung und Politik!
(Ein altes theologisches Problem wird zu einem neuen politischen und beeinflußt rückwirkend die theologische Diskussion.)

Autor:Schwager Raymund
Veröffentlichung:
Kategoriekommentar
Abstrakt:
Publiziert in:# Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2002-07-01

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Ein altes theologisches Problem wird zum politischen. Mit seiner Botschaft von der nahen Gottesherrschaft hat Jesus den Anspruch erhoben, dass die messianische Zeit am Anbrechen sei. Das Neue habe wie ein Samenkorn begonnen und dränge zur Entfaltung. Die nachösterliche Verkündigung lehrte auf ähnliche Weise, dass die Menschen durch das Kommen und den Tod Christi einerseits mit Gott versöhnt seien, anderseits aber der persönlichen Umkehr und des Glaubens bedürften. Im Leben der Gläubigen sei die Erlösung zwar wirksam, warte aber auf die Vollendung.

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Dieser Glaube an eine beginnende Erlösung wurde im Laufe der letzten zwei Jahrtausende von den meisten Juden als unjüdisch abgelehnt. Es wurde immer wieder argumentiert, der Beginn der messianischen Zeit lasse sich - gemäß der Botschaft der Propheten - von außen klar feststellen. Die Lehre von einem verborgenen Beginn widerspreche ganz dem jüdischen Glauben (vgl. P. Lapide, Jesus der Jude(1)).

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Auf diesem Hintergrund ist es überraschend, dass im heutigen Israel die National Religious Party und die Siedlerbewegung Gush Emunim ausdrücklich ein Konzept der beginnenden Erlösung vertreten. Obwohl der Messias noch nicht offen gekommen sei, habe mit der Gründung des Staates ein kosmischer Prozess der Erlösung begonnen. Deshalb müsse das Land, das Gott seinem Volk verheißen habe, in Besitz genommen werden. Alles andere sei eine Sünde gegen das begonnene Heilshandeln Gottes (vgl. I. Shahak u.a., Jewish Fundamentalism in Israel, 19f). Aus diesem Grund widersetzt sich jetzt z.B. die National Religious Party vehement dem Bemühen des israelischen Aussenministers Ben-Eliezer, illegale Außenposten von jüdischen Siedlungen aufzulösen.

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Obwohl andere religiöse Parteien, die im Einflussbereich der ultraorthodoxen Haredis stehen, das religiös-politische Konzept der beginnenden Erlösung ablehnen, ist es eine der einflussreichen Varianten des heutigen jüdischen Glaubens. Der Einwand, die christliche Überzeugung von einer beginnenden Erlösung sei unjüdisch, kann deshalb nicht mehr glaubwürdig aufrecht erhalten bleiben.

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Die National Religious Party und die Siedlerbewegung Gush Emunim zeigen allerdings auch, wie politisch gefährlich der Glaube an eine beginnende Erlösung sein kann. Für den christlichen Glauben ist es zentral, dass Jesus mit seiner Ankündigung der Gottesherrschaft zugleich die Botschaft von der Feindesliebe und Gewaltfreiheit verbunden und im eigenen Leben entsprechend gehandelt hat. Nur ein Messias, der angesichts gewaltsamen Widerstandes den Weg des Leidens wählt, kann den Glauben an eine beginnende Erlösung begründen, ohne dass dieser zu einer gewalttätigen Ideologie wird.

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Anmerkungen:  

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 1. "Ehe die oben erwähnten 11 prophetischen Verheißungen (Sach 8,23; 14,16; 13,2; 14,9; Jer 31,34; Zef 3,9; Jes 2,2-3; 19,24f; Hos 2,20; Ez 37,21ff; Jes 11,6-9) auf dem öffentlichen Schauplatz der Weltgeschichte einer wahrnehmbaren Erfüllung nicht näher kommen, kann kein toratreuer Jude an den Anbruch des messianischen Zeitalters glauben." P. Lapide, u.a., Jesus der Jude. Zürich 21980, 56.

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