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Interreligiöse Konflikte und Hermeneutik

Autor:Schwager Raymund
Veröffentlichung:
Kategoriekommentar
Abstrakt:Extreme Stimmen unter Muslimen und Juden zeigen, wie dringend notwendig eine klare theologische Hermeneutik ist.
Publiziert in:# Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2002-05-08

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Das militärische Vorgehen der Israelis gegen die Palästinenser hat im arabischen Raum tiefste Emotionen geweckt und zum Teil bedenkliche Vorstellungen an die Oberfläche gespült. So klagte Scheich Abderrahman as-Sudais in einer Khutba (Freitagspredigt) Israel an, es sei auf das Friedensangebot der 'Umma' (muslimische Gemeinschaft) nicht eingegangen und wolle nur die Vernichtung der Palästinenser und deren Vertreibung aus dem Land. Die Muslime hätten sich zunächst täuschen lassen und die Frage von Palästina und al-Aksa aus der religiösen in die politische Ebene verlegt. "Doch heute steht die islamische Umma ihren alten Feinden gegenüber, den Bani Kuraiza und den Bani Nadir (den jüdischen Stämmen in Medina zur Zeit des Propheten Mohammed). Es ist ein Konflikt des Glaubens, der Identität und der Existenz, nicht einfach der Grenzen. Die Juden von gestern hatten schlechte Vorfahren, und die heutigen haben noch üblere. Dieses Volk ist voll des Bösen und der Verwerflichkeit. Es suchte den Propheten Mohammed zu töten und missachtete zuvor seine eigenen. Die Juden verachten die Araber und die Muslime. Auf ihnen lastet der Fluch Gottes und der Engel und sie verdienen ihn". (1) Das ist selbverständlich nur eine Stimme neben ganz anderen. Es ist aber keine bedeutungslose. Scheich Abderrahman as-Sudais ist Imam der Grossen Moschee von Mekka und seine Predigten werden in Saudiarabien im staatlichen Fernsehen und Radio übertragen. Seine Worte verraten, wie grundsätzlich der Konflikt für viele Muslime geworden ist.

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Auf jüdischer Seite gibt es ähnliche Äußerungen, vor allem in der national-religiösen Siedlerbewegung Gush Emunim. Hier kann man Stimmen hören, die sagen, den Arabern Land wegzunehmen sei kein Diebstahl, sondern eine Heiligung des Landes, weil es dadurch von einer satanischen in eine heilige Sphäre übergehe. Es sei auch kein Mord, Araber zu töten. (2) Diese jüdischen Extremisten sind ebenfalls alles andere als bedeutungslos. Gush Emunim war die treibende Kraft für die Siedlerbewegung (3), in der viele Palästinenser immer ein Zeichen sahen und weiterhin sehen, dass Israel - trotz gegenteiliger Beteuerungen - letztlich die ganzen besetzten Gebiete annektieren und deren Bewohner vertreiben wolle. Insofern keine israelische Regierung es wagte, den Plänen von Gush Emunim bezüglich der Siedlungen entscheidend entgegenzutreten, haben diese extremistisch-religiösen Stimmen auch die offizielle Politik Israels stets beeinflusst und die Siedlerbewegung hat wesentlich dazu beigetragen, den Frieden zu verhindern.

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Der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern zeigt folglich, wie dringend eine klare Hermeneutik religiöser Texte ist. Von islamischer Seite ist dabei vor allem eine differenzierte Stellungnahme gegenüber Israel und den Juden zu fordern, und auf jüdischer Seite bedarf es einer Landtheologie, die nicht anderen fundamentales Unrecht zufügt. Beide Seiten sind dabei herausgefordert, von ihren heiligen Schriften her klarer und eindeutiger zur Gewaltproblematik Stellung zu nehmen.

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Diese Aufgabe bleibt auch für die Christen eine stets neue Herausforderung. Zwar hat Papst Johannes Paul II immer wieder erklärt, im Namen der Religion dürfe man nie zur Gewalt aufrufen, und der Ökumenische Rat der Kirchen hat bei seiner Vollversammlung in Harare/ Zimbabwe (Dezember 1998) den Zeitraum von 2001 bis 2010 zur 'Ökumenischen Dekade zur Überwindung von Gewalt' erklärt. (4) Die übliche christliche Deutung biblischer Texte, in denen sich ein Gott der Gewalt und der Rache zu zeigen scheint, ist dennoch alles andere als befriedigend. Oft werden die unangenehmen Texte einfach übergangen oder für kontextuell erklärt. Sie seien die Sprache von Opfern der Gewalt, die in ihrer Hilflosigkeit nur zu Gott schreien können. (5) Diese letzte Bemerkung dürfte zwar stimmen. Dennoch ist damit das Problem keineswegs geklärt. Wenn der Kontext Texte rechtfertigt, dann lässt sich fast alles und auch die Predigt eines Scheich Abderrahman as-Sudais rechtfertigen. Der Imam der großen Moschee von Mekka bringt ja in seinem Kontext zum Ausdruck, dass die Muslime sich seit Jahrzehnten als Opfer fremder Mächte fühlen, denen gegenüber sie völlig hilflos sind und in der sie auf den Zorn Gottes gegen die bösen Feinde vertrauen. Solche und ähnliche Situationen können extreme Worte, wie sie sich auch in der Bibel finden, zwar verständlich machen, rechtfertigen sie aber nicht. Bei gewalttätigen Auseinandersetzungen fühlen sich meistens beide Seiten als Opfer, weil der Konflikt bei allen zu einer Verengung der Wahrnehmung führt. Beide Seiten sind in der Not auch versucht, Gott nur für sich in Anspruch zu nehmen. Deshalb bedarf es einer Hermeneutik religiöser Texte, die auch die Gegenseite einbezieht und die verständlich werden lässt, dass Gott mehr ist als die Projektion menschlicher Wünsche oder menschlicher Rachegedanken. Auf beispielhafte Weise hat dies Jesus im tödlichen Konflikt mit seinen Gegnern gezeigt. Er hat für jene gebetet und für jene sein Leben hingegeben, die ihn verfolgt und getötet haben. Deshalb ist für ein christliches Verständnis sein Weg und sein Verhalten der entscheidende Schlüssel zur letzten Deutung aller biblischen Texte. (6)

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Anmerkungen:  

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 1. Islamische Empörung gegen 'die Juden'. In: Neue Zürcher Zeitung, 23. April 2002, 3.

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2. Israel Shahak, Norton Mezvinsky, Jewish Fundamentalism in Israel, London: Pluto Press 1999 ; vgl. http://www.cactus48.com/fundamentalism.html

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3. Vgl. Ian S. Lustick (University of Pennsylvania), The Evolution of Gush Emunimhttp://www.ssc.upenn.edu/polisci/faculty/data/lustick/for_the_land/lustick13.html

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4. Vgl. F. Enns (Hg.), Dekade zur Überwindung von Gewalt 2001 - 2010. Impulse. Frankfurt a. M.: Otto Lembeck 2001.

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5. Vgl. E. Zenger, Ein Gott der Rache? Feindpsalmen verstehen. Freiburg i.Br.: Herder 1994.

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6. Vgl. R. Schwager, Brauchen wir einen Sündenbock. Gewalt und Erlösung in den biblischen Schriften. Thaur: Kulturverlag 31994; drs., Jesus im Heilsdrama. Entwurf einer biblischen Erlösungslehre. Innsbruck: Tyrolia 21996.

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