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Israeli und Palästinenser - Rivalität um die Opferrolle?

Autor:Schwager Raymund
Veröffentlichung:
Kategoriekommentar
Abstrakt:
Publiziert in:# Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2002-03-11

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Sie lassen uns ratlos, diese täglichen Berichte von neuen blutigen Opfern im Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern. Was geschieht da? Wollen die palästinensischen Attentäter nicht nur sich selber töten, sondern auch ihr Volk zerstören? Weiß Israel, das ein moderner Staat sein will, keine andere Antwort, als immer härter dreinzuschlagen? Keine realistische politische Lösung ist gegenwärtig in Sicht. Der harte Alltag scheint einmal mehr die Botschaft von Johannes Paul II bei seinen Friedenstreffen in Assisi zu bestätigen: Der wahre Friede ist kein Menschenwerk, er kann nur von Gott erfleht werden. Im Augenblick können wir kaum etwas anderes tun, als uns diesem Gebet anschließen und hoffen, dass Gott das Geschick des 'heiligen Landes' so führt, dass aus allem Chaos und allem Bösen doch noch etwas Gutes entspringt.

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Dennoch müssen wir versuchen zu verstehen, was das geschieht, um vielleicht mit der Zeit doch einen kleinen Beitrag zu einer friedlicheren Lösung beisteuern zu können. Im Gespräch mit dem Palästinenser Jamil Hamad hat der Jude Henryk Broder schon 1983 gesagt: "Es gehört wohl mit zu dem Konflikt, dass beide Seiten, die Israelis und die Palästinenser, sich für die Opfer dieses Konflikts halten. Und beide Seiten bestehen darauf, dass sie die eigentlichen und einzigen Opfer sind. Und ich habe den Eindruck, dass beide Seiten die Opferrrolle inzwischen geradezu genießen, dass sie entschlossen sind, Opfer bleiben zu wollen - um jeden Preis." Hamad hat darauf geantwortet: "Ich sehe es genauso... Hier schlagen beide Seiten, die Israelis und die Palästinenser, aus ihrem Leiden politisches Kapital. Auf meiner Seite nenne ich das die 'palästinensische Symphonie': 'Sie haben uns unser Land genommen, sie haben uns vertrieben, wir müssen in Flüchtlingslagern leben...' (H. Broder, Die Irren von Zion, 242f).

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In 'Zwischen Halbmond und Davidstern' (Hg. von H. Suermann) kommen christliche Palästinenser zur Sprache, die alle für die palästinensische Sache Partei ergreifen und sich mit den Muslimen solidarisieren. Auch durch ihre Beiträge zieht sich wie eine Symphonie der Hinweis auf die verderbliche Maxime des frühen Zionismus "Ein Land ohne Volk für ein Volk ohne Land". Durch diese lügnerische Behauptung der Zionisten sei den Palästinensern seit dem Ende des 19. Jahrhunderts ihr Dasein und ihr Existenzrecht abgesprochen worden. In ähnlicher Weise führt die Argumentation auf der Gegenseite rasch auf Auschwitz, ja auf die ganze Geschichte des Antisemistismus zurück: "Die Israelis versuchen den Palästinensern nachzuweisen, dass sie doch was mit den Nazis zu tun hatten: nämlich über einen Mufti, Amin al-Husseini, der mit Hitler sympathisierte und Freiwillige an die Front schickte. Und dieselben Palästinenser, die sich darüber aufregen, dass die Israelis den Holocaust für politische Zwecke missbrauchen, erklären sich zu den eigentlichen Opfern der Nazis." (Broder, Die Irren von Zion, 270).

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Haben wir es folglich mit zwei Völkern zu tun, die beide darum rivalisieren, das größere Opfer, ja das einzige Opfer zu sein (vgl. Jean Michel Chaumont: Die Konkurrenz der Opfer. Genozid, Identität und Anerkennung)? Benützen beide Völker ihre jeweiligen bitteren Erfahrungen, um mittels der 'internationalen Opferkultur' (vgl. Neue Zürcher Zeitung 23./24. Febr. 2002, 33) internationale Zustimmung für ihre eigene Sache zu gewinnen?

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Es ist eine christliche Haltung, für die Opfer einzutreten. Die moderne Erfahrung zeigt aber, dass die stete Berufung auf die eigene Opferrolle, Konflikte nicht löst, sondern eher unlösbar macht. "Erinnerung ist eben nicht das Geheimnis der Erlösung, sondern der direkte Weg ins ewige Fegefeuer" (Broder, Die Irren von Zion, 270). Nur wenn die Erinnerung mit einer entsprechenden Bereitschaft zum Verzeihen verbunden ist, kann sie neues Leben und Zukunft eröffnen.

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Zur Information: Einen detaillierten und weitgehend überzeugenden Bericht über die Möglichkeiten und Fehler auf beiden Seiten seit dem Osloer Vertrag bietet Dr. Ron Pundak (one of "Oslo's" architects): http://www.gush-shalom.org /generous/generous.html -

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vgl. auch: http://members.tripod.com/~other_Israel /

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