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Jerusalem - Hoffnung oder Untergang?
(Die Gewalt zeigt ihr wahres Gesicht und droht zwei Völker in ihrer inneren Substanz zu vernichten. In dieser Situation schlägt die Stunde für einen neuen Weg, für aktive Gewaltfreiheit.)

Autor:Schwager Raymund
Veröffentlichung:
Kategoriekommentar
Abstrakt:
Publiziert in:# Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2002-04-23

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Am 6. April 2002 rief US-Präsident Bush - vor der Reise seines Außenministers Powell in den Nahen Osten - Israel zum sofortigen Rückzug aus den palästinensischen Autonomiegebieten auf. Nun kehrt Powell mit leeren Händen zurück, und er wirkt nicht wie der Außenminister der einzigen Supermacht, sondern eher wie ein Schulbube, den man zurechtgewiesen hat. Nach diesem Misserfolg, der fast vorprogrammiert war, scheint es endgültig zu sein: die Israelis und Palästinenser sind der wechselseitigen Logik ihrer Gewalt überlassen, bei der jede Seite die andere nachahmt.

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Das massive militärische Vorgehen Israel's dürfte nur dann irgendeinen Sinn haben, wenn es darauf zielt, die Palästinenser als Volk zu vernichten, um dann die einzelnen Palästinenser zum Auswandern zu bewegen oder unter strenger Besatzungsmacht zu halten. Sollte dies gelingen, wäre dies eine schwere Hypothek für den ganzen Staat Israel. Sein jüdischer Charakter würde um einen mörderischen Preis für einige Zeit 'gerettet'. Wird dies aber gelingen? Die Juden haben sich im Laufe der Geschichte erfolgreich geweigert, sich in die umliegenden Völker aufzulösen. Werden die Palästinenser ihnen in dieser Weigerung nicht folgen? Ihre Selbstmordattentäter zeigen auf alle Fälle, dass viele bereit sind, für die Existenz ihres Volkes zu sterben, und wo ein solcher Einsatz vorliegt, lässt sich ein Volk nicht leicht auflösen. Dazu kommen jetzt die für die Palästinenser so bitteren Ereignisse von Ramallah und Jenin. Die israelische Friedensinitiative Gush-Shalom schreibt in ironischer Weise: "Sharon sollte in sein Tagebuch schreiben: 'In Jenin habe ich den palästinensischen Staat gegründet'." Der Text (wohl von Uri Avnery) meint dies auf folgende Weise: "Nationen sind auf Mythen aufgebaut. Ich wurde mit den Mythen von Massada und Tel-Chai erzogen, die das Bewusstsein der neuen hebräischen Nation formten. Die Mythen von Jenin und von Arafat's Festsetzung in Ramallah werden das Bewusstsein der kommenden palästinensischen Nation prägen" (http://gush-shalom.org/english).

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Völker und Kulturen wurden im Laufe der Geschichte immer wieder über Opfern und Gräbern errichtet (vgl. R. Girard). In Israel-Palästina wollen aber zwei Völker und zwei unterschiedliche Kulturen sich am gleichen Ort behaupten, was nicht geht. Dazu kommt, dass gerade von diesem Land Religionen ausgegangen sind, die - wenn auch auf unterschiedliche Weise - die gewalttätigen Gründungsmythen durch prophetische Worte massiv kritisiert haben. Auf solchen Mythen lässt sich deshalb keine dauerhafte Stabilität mehr aufbauen. Sie taugen heute höchstens noch zur wechselseitigen Selbstzerfleischung.

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Vor zweitausend Jahren, als die Juden durch die Römer unterdrückt wurden, wandte sich Jesus gegen jene jüdischen Zeloten und Attentäter, die mit Gewalt die Fremdherrschaft abschütteln wollten. Er wurde damals von der Mehrheit nicht gehört. In der tödlichen Krise hat er es jedoch vorgezogen, selber getötet zu werden, als dem Geist und der Methode seiner Gegner zu verfallen. Jerusalem hingegen hat sich dem zelotischen Geist überlassen und sich im blutigen Aufstand gegen die heidnische Besatzungsmacht bald selber vernichtet, wie Jesus es vorausgesagt hat. - Gehen wir heute auf eine ähnliche Selbst-Zerstörung zu?

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Die Gewaltfreiheit Jesu ist im Laufe der Geschichte öffentlich nur selten wirksam geworden. Auch die Christen haben sich, sobald sie politische Verantwortung übernahmen, weitgehend anderen Kräften überlassen. Trotzdem hat das Verhalten Jesu das Empfinden der Menschen im Laufe der Geschichte langsam geprägt, was schließlich zu einer negativen Einschätzung der Gewalt führte. Und nun scheint die Zeit gekommen zu sein, wo wenigstens an einem Ort deutlich wird, dass auch auf politischer Ebene die Gewalt nur in Sackgassen führt. Die einzige Hoffnung für Israel/Palästina und für Jerusalem/Al-Quds dürfte jetzt in jenen kleinen Gruppen liegen, die trotz einer brutalen Umgebung immer noch dem Weg einer aktiven Gewaltfreiheit vertrauen. Diese schwachen und doch einzig zukunftsträchtigen Gruppen werden wahrscheinlich entscheiden, wie es mit Jerusalem/Al-Quds weitergehen wird. Eine große Mitverantwortung liegt aber auch bei uns. Werden wir diese schwachen Kräfte genügend stützen, dass sie überleben und wachsen können? Lassen sich die internationalen Medien nur von Terrorattentaten faszinieren oder schenken sie aufkeimenden Friedenshoffnungen so starke Aufmerksamkeit, dass diese ermutigt und so auch politisch wirksam werden? Die Kraft der Gewaltfreiheit liegt ja darin, Öffentlichkeit zu gewinnen.

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