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Palästina - ein 'Schlachthaus der Religionen'?
(Eine Reaktion auf Titel und Berichte im 'Spiegel' (8. April 2002))

Autor:Schwager Raymund
Veröffentlichung:
Kategoriekommentar
Abstrakt:Geschichtsbilder sind wirksam. Das Geschichtsbild des 'Spiegels' von der dreitausendjährigen Geschichte Palästinas ist nicht objektiver als jenes der Extremisten. Was man besser tun könnte!
Publiziert in:# Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2002-04-10

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Unter Überschriften wie 'Der Biblische Krieg' oder 'Schlachthaus der Religionen' berichtet 'Der Spiegel' (8. April 2002) über den Konflikt zwischen den Israelis und den Palästinensern. Dass die Religionen in dieser Auseinandersetzung eine Rolle spielen, ist unbestreitbar, und dass manche ihrer Vertreter gegenwärtig die Gewalt und nicht den Frieden fördern, ist leider eine Tatsache. Sie sollte alle Gläubigen der drei abrahamitischen Religionen aufrufen, nicht unbeteiligt zuzusehen, sondern aufgrund dieser bitteren Erfahrungen im eigenen Bereich für mehr Verständnis zwischen den Menschen und Religionen zu arbeiten.

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'Der Spiegel' benützt den gegenwärtigen Konflikt aber, um einen kurzen Abriss über die Geschichte Palästinas während der letzten drei tausend Jahre zu geben. Dabei trägt er ein paar blutige Geschichten zusammen, die ganz aus ihrem Zusammenhang gelöst werden und die alles übergehen, was an tiefer religiöser Inspiration und kultureller Arbeit von diesem kleinen Land in die ganze kommende Weltgeschichte ausgestrahlt hat. Für Leser und Leserinnen, die die komplexe Geschichte nicht näher kennen, bleibt nur der Eindruck von einem 'Schlachthaus der Religionen', in dem das Prinzip 'Auge um Auge' herrscht. Dabei wird übersehen, dass die alttestamentliche Rede von 'Auge um Auge' bereits auf eine klare Eingrenzung der spontanen Tendenz zur siebenfachen Rache zielte und dass das Neue Testament auch diese Eingrenzung nochmals für ungenügend erachtet: es stellt dagegen das Prinzip der Feindesliebe und der aktiven Gewaltfreiheit. Das Bild vom Gekreuzigten, das 'Der Spiegel' in sein Bild vom 'biblischen Krieg' einfügt, bezeugt genau das Gegenteil von einem 'Schlachthaus'. Es zeigt jenen, der sich lieber foltern und töten ließ, als selber gewalttätig zu werden. Aber all dies scheint den 'Spiegel' nicht zu interessieren. Warum? Weil es nicht in sein Weltbild passt?

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Wenn man sich in die Auseinandersetzung zwischen Israelis und Palästinensern vertieft, dann fällt vor allem auf, wie beide Seiten ein je anderes Geschichtsbild vom gemeinsamen Konflikt in sich tragen. Was die einen ins Zentrum rücken, wird von den anderen übergangen oder ganz anders gewertet. Der Konflikt beweist die Wirkmächtigkeit von einseitigen Geschichtsbildern, und er zeigt, wie diese einer der Hauptgründe sein können, wieso Konflikte sich verschärfen und kaum mehr lösbar sind. Wer einseitige Geschichtsbilder entwirft, trägt deshalb Verantwortung. Genau diese Einseitigkeit spiegelt 'Der Spiegel' wider. Sein Bericht über die vergangenen drei tausend Jahre Palästinas ist nicht ausgeglichener als die Geschichtsbilder der Fanatiker in beiden Lagern im 'Heiligen Land'. Er passt bestens in diese Welt der Extremisten hinein. Er erlaubt sich nur die zusätzliche 'Tugend', aus scheinbarer Neutralität - in Wahrheit aber aus pharisäischer Überheblichkeit - auf 'Finsterlinge' herabzublicken. Man mag einwenden, das alles geschehe in einer ruhigen Situation und sei deshalb harmlos und eher zum Lachen. Der Anlass aber - der Konflikt in Palästina - ist nicht zum Lachen. Der aktuelle Beitrag des 'Spiegels' steht auch nicht allein. Er liegt auf der generellen Linie dieses Magazins. In einer Zeit, in der die geschichtlichen Kenntnisse der durchschnittlichen Bevölkerung gering sind, bleibt eine einseitige Dauerberieselung nicht wirkungslos. Dadurch werden Menschen leicht verführt, in ähnlicher Weise ebenso einseitige Gegenbilder zu entwerfen, wodurch Schritt für Schritt und Tropfen für Tropfen kommende Konflikte vorbereitet werden. Wenn 'Der Spiegel' Gewalt und Streit nicht schüren, sondern einen realen Beitrag zur Versöhnung leisten will, dann müsste er sich jetzt bemühen, eine Gruppe von jüdischen und palästinensischen Historikern zusammen zu bringen, damit diese gemeinsam kurz darstellen, wie man die Geschichte Palästinas in den letzten hundert Jahren auf eine Weise sehen kann, die beiden Seiten möglichst gerecht wird.

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