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Mit Leib und Seele
(Internetseelsorge und Gemeindepastoral im Dialog)

Autor:Böhm Thomas, Udeani Monika
Veröffentlichung:
Kategorieartikel
Abstrakt:Steht Gemeinde für verbindliche Vergemeinschaftung und Internet für individuelle Unverbindlichkeit, erscheinen sie als komplementär. Wie zwischen diesen Polen fruchtbare Spannung entstehen kann, macht der folgende Dialogbeitrag nachvollziehbar. (Ko-Autorin: Monika Udeani ist Assistentin an der Katholisch- Theologischen Fakultät in Linz)
Publiziert in:Diakonia 33 (2002) 126-132.
Datum:2002-05-23

Inhalt

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Seelsorge im Internet sei ihm ein Graus, denn so verliere die christliche Botschaft ihre Adressaten. Das einzige aber, was die Menschen an der Barbarei hindere, sei das »Antlitz des anderen«. So äußerte sich - laut einer Meldung der Deutschen Presseagentur vom 23. Januar 2001 - der Gießener Soziologe Reimer Gronemeyer auf einer Veranstaltung der evangelischen Kirche unter dem Motto »Das Netz kommt - die Person geht« in Frankfurt. Der frühere evangelische Pfarrer warnte weiter, der Blick der Christen und der Kirche auf das Netz bedeute eine »Rücknahme der Inkarnation«, das heißt der Körperlichkeit es Christentums. Die »wunderbare Geschichte der christlichen Nächstenliebe« drohe damit zu zerfallen. Die Tendenz zur Entkörperlichung sei ein »bedrohlicher Grundzug unserer Zeit«.Durch die Ich-Zentriertheit der Informationsgesellschaft werde - so Gronemeyer - die Existenz des christlichen Individuums »auf das höchste gefährdet« und kirchliches Handeln werde einerseits so aussichtslos, andererseits so notwendig wie nie zuvor. Die Tendenz, in selbst geschaffene oder selbst gewählte elektronische Welten zu flüchten, ist sicherlich eines der Probleme, die sich aus der virtuellen Realität des Internets ergeben.

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Bei einem Seminar mit dem Thema »Seelsorge und Internet«, das im Wintersemester 2000/2001 am Institut für Praktische Theologie der Universität Innsbruck stattfand (1), stellten wir aber auch umgekehrt die Frage, inwieweit die Möglichkeiten einer Seelsorge »von Angesicht zu Angesicht« im gemeindlichen und pastoralen Alltag genügend genutzt werden. Der Blick auf die Sitzordnung in vielen Kirchen, auf den räumlichen Abstand zwischen Altarraum und Gemeindebänken oder teilweise auch auf die Kommunikation in Gremien wie dem Pfarrgemeinderat lässt da zumindest eine gewisse Skepsis aufkommen.

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Zusammensetzen zum Auseinandersetzen

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Im Folgenden wollen wir weiter darüber diskutieren, welche Konsequenzen eine »ganzheitlich« verstandene Seelsorge sowohl für das

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pastorale Handeln im Internet als auch in der Gemeinde hat. Wir gehen hierbei von einem Begriff von Seelsorge aus, der in der Situation der einzelnen Menschen ansetzt und sie dabei begleitet, in Gemeinschaft mit Gott und den Menschen authentisches Subjektsein zu verwirklichen. Es stellt sich die Frage, was Seelsorge im Internet und »pfarrliche« Seelsorge dabei voneinander lernen können. So entstand der folgende Text im regen Kontakt zwischen der Autorin und dem Autor dieses Beitrags - auf persönlicher und auf E-Mail-Basis. Von unseren persönlichen Arbeitsinteressen her ergab sich die jeweilige schwerpunktmäßige Verantwortung für die nachfolgenden Textteile zur "Gemeindepastoral" bzw. zur "Internetseelsorge". Diese Vorgangsweise erscheint uns insofern markant und sinnvoll, als gerade die Art und Weise der Kommunikation - und der sie unterstützenden bzw. behindernden Rahmenbedingungen - wesentliche Faktoren dafür sind, ob wir von »ganzheitlicher« Seelsorge sprechen können oder nicht. Gleichzeitig will dieser Beitrag an die Diskussion innerhalb der DIAKONIA anschließen. Wir greifen deshalb Wortmeldungen aus Beiträgen des Schwerpunktheftes »www.gott-online« vom November 2000 auf und fokussieren sie in Richtung auf unser eigenes Anliegen.

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Voneinander lernen

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Seelsorge im Internet unterliegt nicht dem Territorialprinzip der herkömmlichen Gemeindepastoral. (2) Aber auch sonst sind die Grenzen offen: Wer im Internet seelsorglichen Kontakt anbietet, wendet sich nicht (nur) an die treuen Sonntags-Kirchgänger und -gängerinnen, sondern an ganz unterschiedliche Menschen - die entweder gezielt im Netz nach Rat suchen oder aber zufällig beim »Surfen« auf das Seelsorgeangebot aufmerksam werden. Die Erfahrungen des ökumenischen Projekts »Webseelsorge« in Graz mit der Kommunikationsform »Chat« lassen sich dabei wohl auch auf andere Formen der elektronischen Kommunikation übertragen. Demnach benutzen Personen das Internet »nicht mit der Intention [...], Gespräche zu seelsorglichen Fragen zu führen«, andererseits ist »der Wunsch, sich zu Fragen zu äußern, die Spiritualität, Religion oder Kirche betreffen, massiv vorhanden« (3). Viele kirchliche Seelsorge-Angebote im Netz sind über die Seiten von kirchlichen Institutionen oder Diözesen zu erreichen. Andere www-Adressen »wagen« sich bewusst weiter nach »draußen« - so der »Veteran« der Internetseelsorge www.seelsorge.net, der sich in die Seiten eines lokalen Internet-Anbieters integriert, die Diözese Hildesheim, die in der von einem Rundfunksender getragenen virtuellen Stadt mit der bezeichnenden Adresse www.ffnfuncity. de eine Kirche eingerichtet hat, oder das www.kummernetz.de, das Seelsorge und Lebensbegleitung anbietet und gezielt die Kommunikation zwischen seinen Nutzerinnen und Nutzern fördert.

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Das World Wide Web disponiert »auf Kontakt«, es reduziert - auch mit negativen Folgeerscheinungen - Hemmschwellen und Vorurteile. Damit eröffnet es die Chance, Menschen, die sonst mit Kirche nicht mehr viel anzufangen wissen, anzusprechen und ihnen unvoreingenommen zu helfen. So setzt die Internet-Seelsorge einen wesentlichen Schritt in Richtung Offenheit hin zu den Menschen unserer Gesellschaft - und das sind zu Beginn des dritten Jahrtausends bei

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weitem mehr als nur jene, die sich als praktizierende Christinnen und Christen bezeichnen. Sie erfüllt einen primären katholischen Auftrag, hinauszugehen in alle Welt (vgl. Mk 16,15) und dort teilnehmend präsent zu sein (vgl. GS 1). Dieser Ansatz fordert aber auch, die in vielen Internetangeboten vorherrschende »Erwartung einer Hermeneutik der Zustimmung« (4) u. U. aufzugeben - oder zumindest eingehend zu reflektieren.

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Den komplementären Part zur virtuell-offenen Netzseelsorge bilden die Gemeinden vor Ort, in denen Menschen mehr oder weniger verbindlich- konkret - d. h. über »Worte« hinaus mit Taten und entsprechendem Einsatz - miteinander Gemeinschaft leben. Gemeinde bedeutet hier, sich regelmäßig mit christlichem »Urmaterial «, sprich biblischen Texten, christlicher Ethik, den Festen im Jahreskreis usw. auseinanderzusetzen. Dort ist es möglich, miteinander ein Stück weit Leben zu teilen, gemeinsam zu feiern, Nähe und Distanz zu spüren, ganzheitlich Beziehung zu erleben und zu üben. Den Seelsorgern und Seelsorgerinnen in der Ortsgemeinde stehen folglich im Vergleich zur Internetseelsorge andere - »erweiterte« - Möglichkeiten, heilsam zu wirken, zur Verfügung. Das miteinander Arbeiten und Reflektieren in Kleingruppen, Einzelgespräche oder auch die Vorbereitung und Feier der Sakramente bieten Gelegenheiten, »mit Leib und Seele« wahrzunehmen und wahrgenommen zu werden. Gerade die sakramentale Feier verhindert, dass eine menschlich verfügbare elektronische Welt an die Stelle des Lebens in seiner ganzen Breite tritt, dass »totale Virtualität [...] zur einzigen Realität« (5) wird. Sakramente setzen im Leben mit seinen Höhen und Tiefen an und weisen gleichzeitig auf das Unverfügbare und menschlich nicht Einholbare hin, das der Existenz letzten Sinn zu geben vermag. Gleichzeitig müssen Verantwortliche im Gemeindealltag die berechtigten Erwartungen und Hoffnungen interessierter Menschen wahrnehmen, die vielfach an der konkreten Realität der Gemeinden scheitern. Die Sehnsucht nach Beheimatung, Zugehörigkeit und Anerkennung - in ganz verschiedenen Abstufungen und Vorlieben - steht oft in einer unbenannten Korrelation mit vorausgesetzter Verbindlichkeit, Engagement und Ehrenamt. Hier kann sich eine Eigendynamik entwickeln und zu Enttäuschung führen. Auch die Frage, welchen Raum Querdenker und Unangepasste - wie es vielfach auch Jugendliche sind - zugesprochen erhalten, ist offen.

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Offenheit und verschiedene Stufen der »Mitgliedschaft« sind unter den veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen - und nicht zuletzt aufgrund des Anspruchs des Evangeliums, zu den Menschen zu gehen - notwendige Voraussetzungen für kirchliches Handeln. Diese Offenheit des Internets birgt in sich aber auch die Gefahr, dass alles »offen« und damit unverbindlich bleibt: Der Ausstieg aus der Kommunikationssituation liegt im Netz immer nur »einen Mausklick entfernt«. Wenn sich Nutzer und Nutzerinnen im virtuellen Raum ihre Kommunikationswelten aufgrund persönlicher Interessen und Vorlieben selbst auswählen - oder sogar selbst »erschaffen« -, ist zudem zu klären, unter welchen Bedingungen hier notwendige und fruchtbare Auseinandersetzung geschehen kann. Entscheidender »Knackpunkt« für jede Form der Internetseelsorge ist die Frage, inwie-

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weit es ihr gelingt, mögliche narzisstische Verengungen und Projektionen zu verhindern und aufzubrechen und das Leben in seiner Gesamtheit - als Ineinander von virtueller und realer Realität - zu thematisieren. (6) Es gilt, einer möglichen »Flucht« in den virtuellen Raum und in seine selbstreferenziellen Welten entgegenzuwirken. Ebenso gilt es aber auch dafür Sorge zu tragen, dass die virtuelle »Nicht-Kommunikation« nicht auf die reale Realität übertragen wird - und hier die gleichen »Verengungen« wie im Netz greifen. Dabei ist nicht nur der andere als Dialogpartner und als Anfragender, der die eigene Selbstreflexion fördert, wichtig. Im Idealfall gelingender Internetseelsorge kommt auch - mehr oder weniger explizit - die Botschaft des Evangeliums zum Tragen: Zum einen spricht sie in die konkrete Situation der jeweiligen Nutzer und Nutzerinnen hinein, zum anderen liefert sie neue »Argumente«, die u. U. eine »sich im Kreis drehende« Situation aufzubrechen vermögen. So eröffnen sich neue und zukunftsverheißende »Auswege«.

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Diese weiterführenden kommunikativen Prozesse in der Internetseelsorge vermeiden die persönliche und u. U. selbstgefällige »Nabelschau « und erlauben so die Auseinandersetzung mit der problembeladenen Situation. Das Insistieren auf die gemeinschaftlich-leibhaft erfahrbare Dimension des Lebens und des Glaubens sowie der Versuch, die - mit Reimer Gronemeyer gesprochen - »Rücknahme der Inkarnation« zu verhindern, sind für jede Form der Internetseelsorge dringend einzufordern.

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In der Pfarrseelsorge bringt die Fülle an zu organisierenden Gruppentreffen und Festen die Gefahr einer rein nach innen bezogenen Orientierung der Gemeinschaft mit sich. Diese braucht bereits viel Energie, um (zumindest teilweise) die eigenen Bedürfnisse nach Wohlbefinden und Zugehörigkeit zu stillen. Kirche »inkarniert« sich in diesem Fall nicht mehr - oder nur noch teilweise - in die Welt. Sich in diesem Kontext der Radikalität des Evangeliums zu stellen, heißt, aus dem vertrauten Zirkel der (Kern-)Gemeinde herauszutreten. Deshalb darf das Angebot von Internetseelsorge nicht zur Alibihandlung einer ansonsten zu wenig offenen und kontaktfreudigen » Gefahr einer rein nach innen bezogenen Orientierung« Pfarrseelsorge führen, sondern muss als unaufgebbare Anforderung an christliche Pfarrgemeinden wahr- und ernst genommen werden. Das Internet ermöglicht, dass Menschen verstärkt eigene Interessen zur Sprache bringen und den eigenen Vorlieben entsprechend in den - mehr oder weniger - binnenkirchlichen Raum eintreten. Ebenso muss es auch ein Herzensanliegen der pfarrlichen Seelsorge sein, verstärkt die Fragen und Charismen der Menschen vor Ort wahrzunehmen. Diese neuen konsequent und synodal getroffenen Prioritäten vor Ort würden viel Lebendigkeit und neue Entwicklungsräume zulassen. Hier ginge es konkret u. a. um eine neue Balance zwischen einem »Angebot« an fixen »Serviceleistungen« - wie z. B. Sakramentenvorbereitung und Begleitung zu den Lebenswenden - und variablen situations- und teilnehmerorientierten Aktivitäten. Ergänzend dazu wird es notwendig sein, »interaktiven« Kommunikationsformen in den Pfarrgemeinden größeren Raum zu geben. Das bedeutet, dass z. B. im Bereich des Feierns in Gottesdiensten und des Glauben-Lernens vieles neu überdacht werden muss ...

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Interaktivität und Kommunikation setzen Freude am Dialog und Kreativität voraus. Auch Kirche und Glauben sind keine trockenen und weltabgewandten Angelegenheiten: Wer glaubt, hat Zuversicht in die Welt und feiert das Leben - in all seinen Dimensionen. Wenn im Internet unter www.joerg-sieger.de beispielsweise mit einem Bild aus dem Leben der Gemeinde »gepuzzelt « werden kann, eine andere Rubrik zum »Basteln eines Seelsorgsteams« einlädt, unter www.domus-domini.de Kirchenliedmelodien als Klingeltöne fürs Handy herunterzuladen sind oder das Anliegenbuch des Frankfurter Kapuzinerklosters unter www.liebfrauen.net zum Entzünden einer virtuellen Kerze einlädt, dann sind dies nicht nur nebensächliche Accessoires. Hier wird deutlich, dass Leben aus dem Glauben - und seelsorgliches Engagement im World Wide Web - durchaus einen »Fun-Faktor« aufweisen kann und muss. (7)

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Das Schöne, Unterhaltende und Abwechslungsreiche ist ein wesentlicher Teil der Schöpfung Gottes - und kann deshalb selbst zum Schöpfer führen. Und wird nicht zuletzt anhand solcher Beispiele deutlich, was glauben »mit allen Sinnen« - auch virtuell - bedeuten kann?

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Gefährlich wird es, wenn die anderen Seiten des Lebens ausgeklammert werden und nicht zur Sprache kommen - wenn z. B. von Armut, Traurigkeit, Misserfolg, Krankheit, schwerem Leiden und Tod nicht mehr die Rede sein darf. Diese unreflektierte Anbiederung an eine Auswahl-, Fun- und Erfolgsgesellschaft würde dem Geist der christlichen Botschaft vehement widersprechen.

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Angesichts einer fast 2000 Jahre alten Gemeindetradition einerseits und dem allmählichen Zusammenbruch volkskirchlicher Strukturen auf der anderen Seite macht sich in den Territorialgemeinden zunehmend die Atmosphäre des »heiligen Rests« bemerkbar. Dieser versucht mit »Verbissenheit« und einem unglaublichen Engagement, aufrechtzuerhalten, was scheinbar »immer schon war« und auch in Zukunft so sein muss. Leichtigkeit - so würden wir den Begriff »fun« für die Gemeinde »übersetzen« und neu akzentuieren - könnte bedeuten, sich neben allem Bewahrenden auch Experimentierräume zuzugestehen. In ihnen könnten die Menschen auf phantasievolle Weise zeitgemäße Ausdrucksformen des christlichen Glaubens und Feierns ausprobieren - damit Wesentliches der überlieferten christlichen Botschaft auf die konkrete Zeit und Situation hin fruchtbar werden kann. Nicht zuletzt ginge es darum, elementare Zeichen und Riten neu zu entdecken - mit dem Ziel, sie wieder von sich aus verständlich zu gestalten, ohne gleichzeitig in die Banalität abzugleiten. Das Offen-Sein und die Wachsamkeit für den »kairos« - dafür, was hier und heute angesagt ist - können eine monolithische, nur institutionstragende Haltung aufbrechen lassen und - immer wieder neu - lebendig-kreatives Erspüren und Entwickeln fördern. Diese Leichtigkeit stünde für ein fröhliches und damit auch wohltuendes Christsein.

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Tradition und aktuelle Situation, unaufgebbare, bewährte »Anhalts-Punkte« und kreatives Suchen, virtuelle Welt und leibhaft erfahrbare Gemeinschaft - das sind einzelne Eckpunkte, die das unaufgebbare Terrain gelingender Seelsorge abstecken. Das mit diesem

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»Feld« angedeutete Einfordern einer ganzheitlichen Sicht des Menschen und des Lebens insgesamt, das auch Internetseelsorge zu leisten hat, umfasst immer auch die Frage nach den Ausgeschlossenen, die keinen Zugang zu den modernen Informationstechnologien haben. (8) Und es geht um die Menschen, die nicht über genügend Kaufkraft verfügen und deren Nöte, Sehnsüchte und Ansprüche deshalb bei der - unterschwellig stattfindenden - Aufteilung des Netzes in Marktsegmente und Käufergruppen nicht thematisiert werden. (9)

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Hier gilt es, einerseits diese »Ausgrenzungsmechanismen « im Auge zu haben und zu benennen, andererseits die Breite pastoralen» Ausgrenzungsmechanismen« Engagements zu unterstützen und gezielt Alternativprojekte zur Internetseelsorge zu initiieren bzw. zu fördern.

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$ Wenn es um die strukturelle und systematische Ausgrenzung von Einzelnen und Gruppen geht, verfügt gerade die Pfarrgemeinde als »Kirche vor Ort« über situationsnahe und »handgreifliche « Möglichkeiten zu Gegeninitiativen. Sie kann konkret mit den Ausgegrenzten und Hilfsbedürftigen Solidarität üben und - aus dieser Betroffenheit heraus - stellvertretend für diese ihre Stimme erheben. Die Pfarrgemeinde kann unkompliziert die tatkräftige »Solidarität der vielen Hände und Füße« einfordern und umsetzen: So ist und bleibt das Christsein nicht nur eine »Glaubens-«, sondern auch eine »Lebensangelegenheit«.

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Inkarnation

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Seelsorge im Internet - ein Graus? Wir glauben: nein. Seelsorge im Netz - und die Auseinandersetzung mit ihr - eröffnet Chancen für die verschiedenen Formen des pastoralen Engagements (das haben wir nicht zuletzt hier anzudeuten versucht). Würde die Kirche nicht auch über das World Wide Web kommunizieren, würde sich ihre »Inkarnation« - das eingangs genannte zentrale Anliegen Reimer Gronemeyers - in einem heute wesentlichen Bereich menschlichen Lebens nicht ereignen.

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Wird die Virtualität der Körperlichkeit gegenübergestellt, so sehen wir darin die Gefahr, derselben gnostisch-dualistischen Versuchung zu erliegen, wie sie auch in den Heilsutopien der »Internetpropheten« anzutreffen ist. Angesichts des dort vorhandenen starken Trends, die Körperlichkeit im Virtuellen aufgehen und »erlösen« zu lassen, ist jedoch der deutliche Hinweis Gronemeyers auf den Glauben, der »Leib und Seele« - d. h. den ganzen Menschen - umfasst, richtig und wichtig: Menschsein kann aus christlicher Perspektive nur gelingen, wenn keine Seite der Welt und des Lebens ausgeklammert und ignoriert wird - hier können sich verschiedene Formen der Seelsorge ergänzen und bereichern. An dieser Vorgabe hat sich jedes seelsorgliche Handeln immer wieder aufs Neue auszurichten und» dass sie ein Gott ganz und gar umschließt« zu messen. Gelingt dies, kann pastorales Handeln dazu beitragen, dass Welt und Menschen immer mehr verwandelt und erlöst werden: weil deutlich wird, dass sie ein Gott ganz und gar umschließt - auch und gerade mit ihren Nöten und Widersprüchen (im Netz und im realen Leben). Die »wunderbare Geschichte der christlichen Nächstenliebe« - so die Formulierung von Reimer Gronemeyer - zeichnet sich eben dadurch aus, dass sie erkennt, wer heute der kon-

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krete Nächste ist. Sie verschließt nicht die Augen oder wählt nach eigenem Gutdünken aus. Sie engagiert sich genau dort, wo »vor Ort« Hilfe »not-wendig« ist - heute vielleicht im World Wide Web, morgen in der Pfarrgemeinde, übermorgen in der Obdachlosenbetreuung ... So macht sie deutlich, dass der Gott der Christinnen und Christen - der in Jesus Christus Mensch geworden ist - nicht nur in der Kirche »anzutreffen « ist, sondern zu den Menschen geht: überall dorthin, wo sie anzutreffen sind. An diesem Vorbild haben sich auch die Kirche und die Christen in ihrem pastoralen Handeln - immer wieder neu - zu orientieren.

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Anmerkungen:  

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 1. Die Leitung hatten Thomas H. Böhm und Franz Weber. Informationen zur Lehrveranstaltung mit der Nr. 223021 sind im Internet unter http://www.uibk.ac.at/lehre/lzk/ zu finden.

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2. Vgl. Norbert Kebekus, Seelsorge im Internet, in: Reinhold Jakobi (Hg.), Medien - Markt - Moral. Vom wirklichen, fiktiven und virtuellen Leben (FS Hermann Josef Spital), Freiburg i. Br. 2001, 151-159: 156.

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3. Christian Wessely, Authentische Aussagen? Grundlagen und Probleme internetgestützter Medien, in: Diak 31 (2000) 386-392: 389.

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4. Sabine Bobert-Stützel, Verkündigung im Internet? Befund und Problematik, in: Diak 31 (2000) 416-419: 418

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5. Walter Fürst, Sakramentalität im Zeitalter der Virtualität: Entwicklung und nötige Erneuerung des Sakramentalen, in: Diak 31 (2000) 393-400: 397.

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6. Vgl. auch Sabine Bobert-Stützel, Trägt das Netz? Seelsorge unter den Bedingungen des Internet, unter: http://members.tripod.de/sbobert/Internetseelsorge.htm [Recherchedatum: 20. August 2001].

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7. Zu Anforderungen an kirchliche Webseiten siehe die kompetente Übersicht: Erich Schweizer-Ferrari, Vielfalt und Einheit im Netz, in: Diak 31 (2000) 407-411. Interessant ist hier, dass unter den Stichworten »Kommunikation und Interaktion« die Frage des ansprechenden, kreativen und Unterhaltung bietenden Angebots nicht thematisiert wird - vielleicht ein Indiz für die kirchliche sachlich-seriöse Einstellung dem Internet gegenüber, die in dieser einseitigen Betonung unserer Meinung nach nicht sinnvoll ist.

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8. Vgl. Ute Bernhard, Soziale Herausforderungen durch das Internet, in: Diak 31 (2000) 401-406.

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9. Vgl. Monika Jerolitsch, Gott wohnt nicht im Cyberspace, in: Diak 31 (2000) 420-422: 421.

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