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Geheimnis des Kreuzes
(Zwischen Sprachlosigkeit und Destruktivität im Umgang mit dem Leid)

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:18. Uhr SJ-Messe in der Kapuzinerkirche am Fest: Kreuzerhöhung am 13. September 2003
Datum:2003-09-15

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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"Selig sind, die da Leid tragen!" In wunderschönen Harmonie vertonte Johannes Brahms diese biblischen Verse für den Anfangs seines Deutschen Requiems. "Selig sind, die da Leid tragen"?- beim besten Willen, nein! - wird der Zeitgenosse sagen.

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Was soll denn Seliges dabei sein? -Bei den entsetzlichen Schmerzen eines krebskranken Mannes? - Beim Leid eines behinderten Kindes? - Bei der Verzweiflung einer AIDS-Kranken? Was soll denn "Seliges" dabei sein? - Beim Leid der schon langsam nicht mehr zählbaren Terroropfer und ihrer Angehörigen? Was soll schließlich "Seliges" dabei sein: in der desperaten Situation von Millionen palästinensischer Jugendlichen, die nichts anderes in ihrem Leben gekannt haben als das Elend des Zusammengepferchtseins in den Flüchtligslagern?

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"Denn sie sollen getröstet werden!", dichtete Brahms - biblische Motive aufnehmend - weiter... und Millionen von heutigen Desperados könnten ihm paradoxerweise folgen. Sie blicken ja auch auf jene, die ihr Leid zur brachialen Gewalt wandeln, den eigenen leidgeprüften Leib mit Sprengstoff schwängern, die Feinde und sich selber in die Luft sprengen und so zur Hoffnung von Millionen werden..., weil sie sich mit Gewalt den Eintritt verschafft haben: in den Himmel. Diese jugendhaften Märtyrerinnen und Märtyrer. "Selig seid ihr, die ihr Leid getragen habt, denn ihr wurdet uns zum Trost" - rufen ihnen ja unzählige zu.

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Ähnlichen Trost erwarten aber auch all jene Opfer, die in ihrem Leid auf Vergeltung hoffen. Eine Ewigkeit lang scheinen die Angehörigen von ermordeten Opfer auszuharren beim Zuschauen, wenn das Todesurteil in amerikanischen Gefängnissen vollstreckt wird. Emphatisch versichern sie die mediale Öffentlichkeit nachher, dass sie nun getröstet sind und Frieden gefunden haben, weil sich ihr Leid in dieser Gewalttat verdichtete und so verwandelte.

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Den Krebskranken bleibt freilich eine solche Verwandlung versagt. Sie können nur auf die Linderung von Schmerzen hoffen..., und auf das Ende warten. Und keiner von uns vermag die Abgründe zu erkennen und zu ermessen in welche sie hinabstürzen. Ein jeder von uns erhofft aber, dass solche Erfahrung ihm erspart bleibe und dass ich vom Leid verschont bleibe. Deswegen träumen wir ja auch unablässig von der Abschaffung des Leidens, lassen uns immer auf neue verzaubern von jenen Göttinnen und Göttern, die mit dem Leiden nichts am Hut haben. Weil sie ja immer jung, schön, gesund und potent bleiben und mit aller Gewalt auch bleiben wollen.

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Solche Denkmuster im Kopf habend, schaut unsere eventsverwöhnte liberale Öffentlichkeit mit Entsetzen auf den Gekreuzigten herab und stempelt das Kreuz zum Inbegriff einer lebensfeindlichen Religiosität. Von "Kreuzerhöhung" kann also kaum die Rede sein in unseren Tagen. Nicht einmal in unseren "christlichen Köpfen". Vor allem den Köpfen meiner Generation.

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Mit welchem Aha-Erlebnis war für mich die religiöse Revolution der 70-er Jahre verbunden? Die Infragestellung der Opfermentalität. Die Zuwendung zum Gott, dem Liebhaber des Lebens und Jesus, seinem Gesandten, der sich auf Menschen einlässt, ihnen liebevoll begegnet, Kranke heilt, Leiden lindert und auch beseitigt. Mit welchem Überschuss an Hoffnung war uns der Satz verbunden: Die Sache Jesu geht weiter? Und wir: die jungen und potenten Zeitgenossen sorgen schon dafür! Die traditionelle Sprache, die sich um eine Sinngebung des Leidens bemühte und die sogar die Leidenden selig preisen konnte, warfen wir übers Bord, weil sie uns unverständlich war und allzu leicht das Leiden rechtfertigte. Und wir hielten doch eisern daran fest, dass nichts, aber gar nichts das unschuldige Leiden rechtfertigt.

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Obwohl wir und aber um Linderung und Beseitigung von Leid bemühten, obwohl wir eine Sensibilität sondergleichen für den Missbrauch und Instrumentalisierung menschlicher Leidenssituationen entwickelten, sind wir gerade bei der Konfrontation mit dem Unfassbaren kaum einen Schritt vorwärtsgekommen. Wir pendelt hin und her zwischen Sprachlosigkeit und der Verdichtung der Leidenserfahrung in die Gewalttat, die wir dann gegen uns selber oder gegen andere richten..., damit aber neues Leid provozieren und auf diese Weise auch getröstet werden.

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Unselig sind wir also, wir die Menschen des dritten Jahrtausends, wenn wir Leid tragen. Unselig gerade, wenn wir getröstet werden, weil unser Trost auf Kosten der Selbstdestruktion oder aber der Fremdaggression stattfindet.

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Liebe Schwestern und Brüder. Auch das Kreuz beinhaltet all diese uns so vertrauten Aspekte: das Schweigen und die Sprachlosigkeit, das Warten auf das Ende und die Verdichtung der Leidenserfahrung in der Gewalt. All die zweideutigen Strategien des Trostes können mit dem Symbol des Kreuzes verbunden werden. Und wurden auch! Verschleierung und Verklärung, Verdrängung und Abschiebung des Leids: all das beherrschte auch die christliche Spiritualität. Doch all diese Aspekte stehen nicht für den tröstenden Gehalt des Festes: "Kreuzerhöhung". An diesem Fest sollen wir nicht auf uns selber und auch nicht auf unsere Zeitgenossen und schon gar nicht auf unserer Vorfahren schauen, sondern auf IHN.

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An diesem Fest schauen wir nämlich nicht auf einen, der sich mit Gewalt den Himmel erkämpft hat, auch nicht auf einen, der mit aller Gewalt jung, schön und potent bleiben wollte und vom Leid verschont..., und schon gar nicht auf einen, der einmal mit Scheitern in Berührung gekommen das Leid unter Teppich kehrt, darüber schweigt und sich die unmenschliche Maske des: "Mir geht es ja bestens!" zulegt. Nein!

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Wir schauen auf einen, der vom Himmel hinuntersteigt, der sich dem Wandel ausliefert, der das Leid und den Tod zwar nicht sucht, der aber an der entscheidenden Kreuzung nicht ausweicht. Wir schauen halt auf einen, dessen Phantasie von jenem Gott - den wir ja in den 70-er Jahren neu entdeckt haben -, dem Liebhaber des Lebens geradezu besessen war. Wir schauen auf einen, der diesen Gott, und das ist Leben und Liebe selbst, überall gebracht hat: überall dort, wo nur noch Tod, Hass und Selbsthass Regie führten. ER brachte diesen Gott hinein, schrieb also nicht bloß Rezepte für uns vor, wie wir das tun sollen, verurteilte uns also nicht zur Ratlosigkeit, v.a. aber nicht zur Sprachlosigkeit und zur Erkenntnis, dass wir alle unselig sind: weil wir ja Leid tragen.

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Er brachte Gott, den Liebhaber des Lebens in die erschreckenden Abgründe des krebskranken Mannes, in die Abgründe, die nicht einmal er selber durchzuschauen vermag, geschweige denn wir. Genauso wie er ihn brachte in das Leben eines behinderten Kindes. Ja, er brachte diesen Gott selbst in den ausweglosen Teufelskreis der Gewalt, dem die Desperados verfallen sind.

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Das Bekenntnis des Glaubens am Fest der Kreuzerhöhung - dem Fest, das an die Einweihung der ersten Grabeskirche in Jerusalem erinnert, einer Kirche, die errichtet wurde an einem Ort, wo das Grab leer war... und wo das göttliche Leben den Tod entmachtete -, das Bekenntnis sagt schlicht und einfach: Es gibt kein Lei, dem Gott nicht gewachsen ist. Es gibt auch keine Tod, der nicht gewandelt wird.

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Deswegen gilt die biblische Weisheit weiterhin: Selig bleiben auch jene Menschen, die das Leid tragen! Sie bleiben selig, weil ihr Leid, gewandelt wird . Es wird gewandelt selbst bei jenen, die daran nicht zu glauben vermögen. Denn: nicht wir verantworten diese Wandlung. Gott, der Liebhaber des Lebens tut das! Und dieses Geheimnis feiern wir jetzt: in der Eucharistie.

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