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Selbstmordattentäter, "Weltretter" und der göttliche Sohn.
(Selbstmordattentäter, "Weltretter" und der göttliche Sohn. Eine Predigt zu Joh 3,14-21)

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:Gottesdienst in der Jesuitenkirche (am 30. März 2003 um 18 Uhr).
Datum:2003-03-31

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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"Von wegen retten, nicht richten!" - wird der zynische Zeitgenosse einwenden? "Wem nützt so etwas? Auch Präsident Bush rettet, aber er richtet auch!"

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Je mehr er aber die Iraker zu retten glaubt, weil er den Saddam samt seiner Getreuen richtet, umso mehr entzweit er die Welt, stürzt sie in eine Krise, liefert seinerseits das eigene Volk dem Gericht aus. Dem Gericht einer empörten Öffentlichkeit, die mit ihren Urteilen nicht nur das Leben zu retten gewillt ist, sondern sich auch ihre eigenen schmutzigen Hände an den Amerikanern abputzt und aus dem widersprüchlichen Geschehen ein nicht berechenbares politisches Kapital zu schlagen versucht. Vor allem aber liefert der rettende Präsident Bush sein Volk - und nicht nur dieses, er liefert die Menschheit - dem Willkürgericht des Terrorismus aus und dem Zufallsurteil der Selbstmordattentäter.

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Denn auch die Selbstmordattentäter richten. Mit ihrer Entscheidung, den eigenen Leib zu zerfetzen, fällen sie ein Todesurteil: das Urteil des Sterbens für sich selber, das Urteil der Auslöschung für die in den Tod mitgerissenen Mitmenschen, und alle übrigen dämonisierten Feinde. Denn: jeder in Stücke zerrissene Leib verkündet den Feinden doch die eindeutige Botschaft: "Ihr habt ja keine Zukunft. Ewiger Tod und die Auslöschung Eures Namens ist Euer Schicksal!" Sie selber glauben zwar, durch das Selbstgericht in das ewige Leben zu gelangen: aber in ein Leben ohne Feinde, also ohne uns. Ein ewiges Leben voll von Genuss und mitten unter den Seinigen. Und selbst wenn die ganze Welt zu Schutt und Asche werden sollte, ist das immer noch kein Grund, dieser verhassten Welt das Gericht zu ersparen, das Urteil nicht anzukündigen und es auch nicht zu vollstrecken.

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Freilich bleiben die Selbstmordattentäter eine Ausnahme. Es sind ja einzelne, Sonderlinge. Gerade aber als einzelne bilden sie die Spitze eines Eisbergs. Und von welchem Eisberg ist hier die Rede? Vom Eisberg einer aufs Richten und Aburteilen ausgerichteten Kultur. Der auf andere Menschen ausgestreckte Finger, der allzu leicht seine Verlängerung in den neuesten Präzisionswaffen findet, weitet hier bloß seine anschuldigende und richtende Geste auf den ganzen Leib aus. Der vom Sprengstoff nur so schwangere Leib, so verschlossen unter Verkleidung und in sich verkrümmt er auch erscheinen mag, stellt nichts anderes dar, als Fleisch gewordene Geste des Aburteilens und Abrichtens.

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"Das ist doch ein Wahnsinn!" - wird jeder normal denkende Mensch urteilen und unter Berufung auf gesunden Menschenverstand wird er danach trachten, den Wahnsinnigen auf die Spur zu kommen, ihnen das mörderische Werkzeug aus der Hand schlagen, oder gar den mit Sprengstoff und Vernichtungswillen schwangeren Leib zerstören. Er wird ja versuchen, bloß die Welt zu retten, von jenen Richtern, die dieser Welt den Tod, sich selber aber das Leben bringen wollen. Indem er aber dies tut, schließt er den teuflischen Kreis des Richtens erst recht ab, und wird selber zur Fleisch gewordenen Geste des Aburteilens und Abrichtens und zum Spiegelbild seiner Feinde.

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Groß geworden in der Laissez-faire-Kultur und in der Spaßgesellschaft, einer Kultur, die normalerweise weder retten noch richten will, wird der "richtende Retter" aus dem Westen zwar das Töten zu minimieren suchen, vor allem aber die Selbstmordgeste verteufeln. Kann er ihr aber etwas Überzeugendes entgegensetzen?

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"Viel Spaß!" - sagte die Ehefrau eines britischen Offiziers ihrem Mann zum Abschied. Sie habe sich doch immer gewünscht, dass er einmal die Möglichkeit bekomme, das auszuleben, was er sein Leben lang gelernt habe. Bis zur Pensionierung sind es doch nur noch sieben Jahre und wer weiß, ob er noch einmal eine solche Gelegenheit bekommt. Selbst dann, wenn er nicht zurückkommen sollte, sei ihre Einstellung richtig. Sie wird leben können im Bewusstsein, dass ihr Mann sein Leben lang nicht nur Spaß gehabt hat am Trockentraining, sondern dass ... er wirklich gelebt hat. Mag die Frau mit ihrer Aussage als große Ausnahme, als Sonderling erscheinen. Gerade als einzelne bildet sie auch die Spitze eines Eisbergs ..., des Eisbergs einer Laissez-faire-Kultur, einer Kultur, die weder richten noch retten will, die das Leben als Spaß definiert, die aber gerade deswegen immer und immer wieder zum Inbegriff der ausgestreckten Hand pervertieren kann: einer Hand, die verurteilt, verteufelt und tötet, sich deswegen als rettende Hand präsentiert.

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Auf dem Hintergrund solcher Selbstverständlichkeiten aus unserem Alltag wird nun die Haltung eines anderen Sonderlings zur Offenbarung. Die Fleisch gewordene große Ausnahme - von der das heutige Evangelium redet - der einzelne, der Gottessohn kommt in die Welt. Er rettet, richtet aber nicht. Er unterscheidet sich also von den Modetrends der Laissez-faire-Kultur und der Spaßgesellschaft, die weder richten noch retten will. Ist also antimodern! Er unterscheidet sich aber auch von jenen Rettern, die vom gesunden Menschenverstand inspiriert und ihrem Glauben an den richtenden Gott, die Welt durch ihr eigenes Gericht retten wollen. Retten vor den Schurken und auch retten von den Rettern. Vor allem aber unterscheidet er sich von all den Sonderlingen, die ihren eigenen Leib bewusst als Waffe einsetzen: als Waffe zur Urteilsvollstreckung oder aber zum Spaß des Tötens.

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In seiner Lebenskultur unterscheidet er sich von all den Eisbergen und all den Eisbergspitzen: von den übrigen Sonderlingen. Diese Fleisch gewordene Geste der Rettung Gottes kommt nämlich in die entzweite Welt mit einer eindeutigen Botschaft: dass ein Leben ohne Anschuldigung möglich ist, und auch eine Rettung ohne Gericht ..., wenn sich bloß Feinde untereinander versöhnen. Er selber beschuldigt nicht, streckt seine Hand zur Versöhnung aus, radikalisiert aber auch unsere Auffassung vom Leben. Etwa dann, wenn er den Mord und den Zorn auf den Bruder scheinbar auf die gleiche Stufe stellt. So macht er mir den Preis bewusst, den Preis, den auch ich zu zahlen bereit sein muß: für eine Welt, in der nur gerettet, aber nicht gerichtet wird.

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Und er scheitert. Er scheitert nicht nur deswegen, weil es Schurken, Gegner und Feinde gab. Nein! Er scheitert, weil auch ich diesen Preis nicht bezahle. Als moderner Theologe und Priester wäre ich zwar für eine Idee der "Rettung ohne Gericht" zu haben. Aber zu einem Dumpingpreis! Und den sollen auf jeden Fall andere bezahlen. "- Ich will keineswegs auf die gleiche Stufe mit Mördern und Schurken gestellt werden. Und schon gar nicht mit der vor sich hin plappernden Frau des englischen Offiziers. Denn: So blöd bin ich doch nicht. Vor allem kann ich meine Abgründe besser kaschieren. Schließlich habe ich studiert. Da bin ich besonders stolz darauf. Und wenn mir jemand auf die Schliche kommen sollte, steht mir der Weg der Anschuldigung immer noch offen, die beste Strategie zur Selbstrechtfertigung!"

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Liebe Schwestern und Brüder! Christus scheitert. Und er scheitert schon deswegen, weil ich: ein Priester und Theologe - und in diesem Kontext bin ich keineswegs eine Ausnahme, ein Sonderling - mich selber zu retten gewillt bin, indem ich über andere richte und zur Etablierung des Teufelskreises von Richten und Aburteilen meinen Beitrag leiste. Er scheitert, scheitert aber doch nicht. Er scheitert nicht, weil er auch in dieser Situation über mich nicht urteilt, mich also nicht verurteilt. Selbst dann nicht, wenn ich mich an ihm vergreife ..., ihn aus meinem Leben ausstoße, ihn verwerfe und töte.

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Sein eigener Tod stellt nämlich nicht das Ergebnis seiner Entscheidung und seines Urteils dar, seinen eigenen Leib als Waffe gegen mich einzusetzen. Da hat er mit den Selbstmordattentätern nichts gemeinsam. Er selber läßt sich aber durch ihre Selbstmorde treffen, stirbt mit den Opfern den Opfertod, den Tod, den Opfer und Täter unterschiedlos sterben. Er stirbt den Opfertod, nicht um dadurch über die Täter zu urteilen. Nein!

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Der suggestiven Kraft der Bilder von zerfetzten Leibern der Selbstmordattentätern und der eindeutigen Botschaft, die sich hinterlassen: "Ihr habt ja keine Zukunft. Ewiger Tod sei Euer Schicksal!" wird da ein anderes Bild als einzige realistische Alternative gegenübergestellt. Das Bild des auferweckten Leibes Christi! Ein Leib, an dem die Spuren der Qual noch zu sehen sind. Ein Leib, der sich zur Versöhnung berühren läßt. Ein Leib, der die Geste der Versöhnung zeigt und auch von der eindeutigen Zukunft zeugt. Es ist die Zukunft Gottes ..., eine Zukunft, die allen Feinden offensteht.

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Sie steht offen den Richtern und den Rettern. Sie steht offen dem Saddam und auch dem Bush, genauso wie sie der Frau des englischen Offiziers offen steht und auch all denen, die weder richten noch retten, auf den Spaß des Lebens aber nicht verzichten wollen. Diese Zukunft steht uns allen offen, uns, die wir uns hier zur Eucharistiefeier (einer Versöhnungsfeier) versammelt haben. Damit steht sie auch mir, dem Priester und dem Theologen offen, der seinen Preis für eine Welt, in der nur gerettet, nicht aber gerichtet wird, nicht oder aber kaum zahlt. Sie steht also allen Feinden offen; sie hat aber einen eindeutigen Inhalt, der nicht mehr zur Diskussion steht. "Gott hat seinen Sohn nicht gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird" (Joh 3,17). Diese Botschaft stellt den eigentlichen Grund zur Freude dar, schließlich ist heute Laetare-Sonntag.

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 Und wem nützt die Botschaft? Uns allen! Heute mehr denn je.

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