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Sonne der Barmherzigkeit.
(Eine Predigt zum Fest der Göttlichen Barmherzigkeit am Weißen Sonntag 2003.)

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:Predigt bei der 18 Uhr (SJ-) Messe am 27.04.03 in der Kapuzinerkirche in Innsbruck
Datum:2003-04-29

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Ich möchte Ihnen ein Märchen erzählen: Das Märchen "vom Tal im Nebel". Irgendwo hat es dieses Tal gegeben. Es lag immer im Nebel; noch nie hat jemand das Licht der Sonne gesehen. Mindestens sagte man es so! Niemand stieg auf die Berge und auch nicht auf die Türme der Stadt hinauf; außerdem war es verboten! Die greisen Autoritäten und alle Erwachsenen sagten immer wieder: "Es gibt nichts Schöneres als unsere Welt, außerdem haben wir alles, was wir brauchen in unserem Dorf." Die Kinder glaubten ihnen, und als sie selber erwachsen wurden, sagten sie dasselbe zu ihren Kleinen.

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So vergingen Jahre, Jahrzehnte, ja Jahrhunderte. Nur ein alter Großvater erzählte einmal seinem Enkel Stephan, dass hinter den Bergen eine farbige Welt existiert und dass man dort die Sonne sieht. Doch der Großvater galt in der Öffentlichkeit des Dorfes als ein Narr. Stephan - sein Enkel - wagte sich aber eines Nachts hinaus. Angsterfüllt wollte er doch der Botschaft seines Großvaters zur Wahrheit verhelfen. Auf dem Gipfel des Berges angekommen, erlebt er den Sonnenaufgang und sieht auch das im Nebel liegende Tal. Nur die Spitze eines der Türme schaut aus dem dichten Nebel heraus.

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Atemlos rennt er hinunter, schreit auf den Dorfplatz: "Ich habe die Sonne gesehen!" Er lässt sich von den greisen Autoritäten und den Erwachsenen nicht einschüchtern.... , rennt zum Turm; die Wachen hinter ihm her, sie wollen ihn ergreifen und einsperren. Stephan ist aber schneller,... Als die außer Atem geratenen Wachen und Autoritäten, die Stephan nachgerannt sind, ihm im wahrsten Sinn des Wortes nachgefolgt sind, auf dem Turm angekommen sind, hat es ihnen allen die Sprache verschlagen. Zum ersten Mal in ihrem Leben sahen sie die Sonne und das im Nebel eingetauchte Tal: ihre bisherige Heimat.

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Warum erzähle ich Ihnen dieses Märchen? Wegen dem heutigen Fest natürlich! Um uns einen Zugang zu eröffnen zu diesem unmodernen, deswegen auch sperrigen, aber doch revolutionären Fest. Warum ist es sperrig? Kann es denn für unsere Zeit eine unzeitgemäßere Person geben, als die der polnischen Nonne Faustyna Kowalska (1905-1938). Eine junge Frau, kaum dreißig, die den Großteil ihres erwachsenen Lebens in der Küche und der Bäckerei verbracht hat; jahrelang an Tuberkulose litt und auch daran starb; stundenlang gebetet und Visionen gehabt hat. Deswegen galt sie während ihrem Ordensleben als Außenseiterin. Sie hatte stets Schwierigkeiten mit den kirchlichen Autoritäten und lebte immer im Häresieverdacht. (Das wäre vielleicht der einzige Aspekt ihres Lebens, der diese Frau den antikirchlich eingestellten Zeitgenossen näher rückt.)

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Diese Gestalt von gestern - möchte man sagen - bekommt einen Zugang zu Gott, sie bekommt - eine Vision von Gott, die dem Erlebnis unseres Stephan aus dem Märchen vom "Tal im Nebel" gleicht: Und warum? Jahrhundertelang erzählten die greisen Autoritäten und die erwachsenen Führer im Glauben: gelehrte Theologen von höchster intellektueller Brillanz und einfache Volksheilige, Bischöfe, Priester und Päpste, katholische und evangelische Christen: sie erzählten alle bloß vom Jammertal menschlichen Daseins. Sie beschrieben halt das, was sie tagtäglich sahen: den Nebel des menschlichen Elends. Unterentwicklung, Armut und Ausbeutung, Krankheiten, Epidemien und Kriege! So erzählten sie von der Not der menschlichen Sünde: den tagtäglich wahrgenommenen Nebel des Elends ließen sie durch Blitze des göttlichen Zornes erhellen, verwandelten damit aber den Nebel regelrecht zum dunklen Mysterium tremendum (zum erschreckenden Geheimnis): der Not der Sünde stellen sie die göttliche Gerechtigkeit, seinen Zorn, ja seine Rache gegenüber.

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Für das menschliche Jammertal gab es kein Entkommen: Das kirchliche Tal im Nebel der Sünde und des göttlichen Zornes! Und nun kommt diese junge Nonne, ein Mädchen, das in ihrer Kindheit tagein, tagaus nichts anderes gehört hat als diese Predigt vom Zorn und von der Rache Gottes..., sie kommt in diese Kirche: sie kommt in das Tal, das seit eh und je im dichten Nebel lebt, sie kommt und sagt, sie habe die Sonne gesehen..., die Sonne der grenzenlosen göttlichen Barmherzigkeit, eine Sonne, die den Nebel des menschlichen Elends verwandeln kann: Man will die junge Frau für verrückt erklären, schickt sie zu Psychiatern, die dem Phänomen ratlos gegenüber stehen, man isoliert sie, will sie einsperren: im unzugänglichen Verlies der gefährlichen Traditionen. Doch ihr Geist und ihre Botschaft entkommen und werden von den Autoritäten verfolgt. Im doppelten Sinn des Wortes, den uns das Bild der Wächter vermittelt, der Wächter, die dem kleinen Stephan nachrennen, um ihn zu ergreifen, die ihm nachrennen, ihm im wahrsten Sinne des Wortes nachfolgen auf den hohen Turm hinauf, wo sie selber ein Bild auf die Sonne und auf ihr Tal im Nebel bekommen.

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Nicht anders war es mit der Botschaft der Schwester Faustyna. Was diese Frau zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufgrund ihrer Vision verkündet hat, das hat die akademische Theologie eigentlich erst Mitte der 70-er Jahre entdeckt: dass sich Gott bedingungslos dem Sünder nähert, ihm auch in seiner Barmherzigkeit vergibt. Die liberale Theologie, die diese Botschaft erst in der Mitte des letzten Jahrhunderts entdeckt hat, hat sie bald wiederum - wie halt alles im akademischen Bereich - problematisiert und relativiert.

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Nicht aber die kirchlichen Autoritäten und Wächter! Sie haben den Geist und die Botschaft Faustynas verfolgt, sind ihr aber deswegen gefolgt. Sie scheinen nun selber den Blick auf diese Sonne bekommen zu haben: Johannes Paul II. hat die ursprünglich häresieverdächtige Nonne im Jahr 2000 heilig gesprochen und ihre Botschaft als Zusammenfassung des Ostergeheimnisses erkannt und zum Anlass für ein Fest für die ganze Kirche genommen: ein Fest, das sinnvoller Weise die Osteroktave abschließt. Er hat auch bei der Heiligsprechung die Botschaft für die moderne Welt übersetzt: die Wahrheit von der göttlichen Barmherzigkeit ist identisch mit der Botschaft vom Wert eines jeden Menschen!

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Die moderne und liberale Kirchlichkeit in unseren Breitengraden nimmt das Fest - und auch die Schwester Faustyna kaum zur Kenntnis. Sie hat sich im Nebel komfortabel eingerichtet, hält von einem Blick von oben nicht allzu viel, gibt sich zufrieden mit Details, ärgert sich deswegen am unmodernen Erscheinungsbild der jungen und kranken Nonne Faustyna, der Frau, die man einem modernen Mädchen höchstens noch als ein Opfer kirchlicher Frauenarbeit präsentieren kann. Für ihre Botschaft ist sie taub!!

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Die damaligen Psychiater waren dem Phänomen gegenüber ratlos, die heutige liberale und tolerante Öffentlichkeit psychiatriert es. Den Bewohnern des Dorfes im Tal nicht unähnlich sagt sie: "Wir haben doch alles, was wir brauchen in unserem Alltag. Wozu noch die sperrigen visionären Nonnen, die man nicht zu einem Werbespot verarbeiten kann?

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Und doch: hat die Nonne aus der Provinz dem liberalen und alles vernebelnden Geist mehr zu sagen als ihm vielleicht lieb ist. Sie weist auf die Sonne hin, die den Nebel verwandelt: auch den Nebel als liberalen Zeitgeist! Sie weist auf die göttliche Barmherzigkeit hin, den allerersten Grund unseres menschlichen Lebens und Zusammenlebens. Das Mysterium dieser Barmherzigkeit feiern wir jetzt in der Eucharistie. Erleben können wir es auf Schritt und Tritt - tagtäglich!! Wenn die Sonne der Bahrmherzigkeit den modernen Nebel lichtet und immer und immer wieder uns die Wahrheit vom Wert eines jeden Menschen aufleuchten lässt.

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