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"Der Geist aber macht lebendig"
(Der menschliche Atem als Metapher für das Wirken des Heiligen Geistes )

Autor:Panhofer Johannes
Veröffentlichung:
Kategorieartikel
Abstrakt:
Publiziert in:A. Findl - J. Panhofer - V. Prüller-Jagenteufel (Hg.), Weil nichts so bleibt, wie es ist. Theologische Beiträge zum ambivalenten Phänomen Wandel, Ostfildern 2009, 78-98.
Datum:2011-07-20

Inhalt

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1. Einleitung

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Wenn Sie diese Zeilen lesen, so wird Ihre Aufmerksamkeit auf die inhaltlichen Ausführungen ausgerichtet sein. Währenddessen läuft Ihr Atem unbemerkt und ganz von selbst weiter. Ich lade Sie ein, einen Moment inne zu halten und darauf zu achten, wie Ihr Atem fließt. Lesen sie nun langsam weiter, damit Sie bei den folgenden Hinweisen auf Ihren Atem und Ihre Körperempfindungen achten können. Lassen Sie Ihren Atem einfach weiter fließen – er kommt und geht – und greifen Sie nicht lenkend ein. Spüren Sie, wie sich die Bauchdecke hebt und senkt. Nach einigen bewussten Atembewegungen nehmen Sie vielleicht auch wahr, wie Sie sitzen, wie sich Ihr Oberkörper, die Schultern und Arme entspannen (oder auch Verspannungen bewusst werden) und wie Sie mit jedem Ausatmen etwas mehr loslassen. Vielleicht spüren Sie den Impuls, Ihre (Sitz-)Haltung etwas zu verändern. Probieren Sie eine neue Haltung aus, aber lassen Sie dabei den Atem weiter fließen – vermutlich wird er in der neu eingenommenen Haltung mehr Raum bekommen. Nach Abschluss dieser kleinen Übung versuchen Sie – auch wenn dies anfangs nicht ganz einfach ist – den Wirkungen nachzuspüren. Vielleicht nehmen Sie ein tieferes Bei-sich-Sein wahr, sind Sie auf Verspannungen im Körper aufmerksam geworden, haben Sie Ihre „Geschwindigkeit“ verändert oder die Haltungsänderung als wohltuend empfunden. Mit dieser kleinen Übung wollte ich Sie zu einem Thema hinführen, das allein mit kognitivem Bemühen nicht ausreichend zu erfassen ist.

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Als ich vor vielen Jahren im Rahmen meiner psychotherapeutischen Ausbildung mit leibtherapeutischem Schwerpunkt[1] die Atemtherapie nach Ilse Middendorf[2] kennen lernte, war das für mich ein Aha-Erlebnis. Die sehr spezifische, funktionale Leibtherapie mit Hilfe des Atems führte mich nicht nur zu einer (Wieder-)Aneignung des eigenen Körpers. Die Erfahrungen mit dem Atem ließen mich als Theologen auch hellhörig werden für die Parallelen zwischen dem atemtherapeutischen Geschehen und den Wirkungen des Geistes Gottes, wie sie in der Bibel beschrieben werden.

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Damit ist das Anliegen dieses Beitrags benannt: Ich möchte durch die Beschreibung der Wirkphänomene des Atmens die Wirkweise des Geistes Gottes ein Stück zugänglicher und nachvollziehbarer machen. Einer oft erfahrungsarmen und als theoretisch empfundenen Rede vom Heiligen Geist[3] will ich die Erfahrung des menschlichen Atems – die jedem Menschen zugänglich ist – gegenüberstellen, um für die Wirkweise des Geistes zu sensibilisieren, ein Hinspüren und Hinhören auf den Geist zu provozieren. Der Beitrag kann freilich weder eine differenzierte Pneumatologie[4] noch eine umfassende leib- und atemtherapeutische Darstellung[5] leisten, sondern will biblische und frühkirchliche Bilder des Geistes Gottes in Analogie zu den Erfahrungen der Atemtherapie zur Sprache bringen. So kann man die folgenden Ausführungen als einen kleinen Beitrag zu einer erfahrungsbezogenen Pneumatologie verstehen.

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Zunächst geht es um die Erfahrung des Atems (2.). Da das Atemgeschehen immer in seinem Zusammenspiel mit Leib und Bewegung gesehen werden muss, bedarf es einiger leibtheoretischer Hinweise, um seine heilsame Wirkung im Kontext der je individuellen Lebensgeschichte verstehen zu können. Danach sollen die Atmenerfahrungen Inspiration und Erhellung für die theologische Rede über das Wirken des Geistes Gottes (3.) sein. An ausgewählten Themen setze ich die parallele Wirkweise von Atem und Heiligem Geist beispielhaft in Beziehung. Warum dieser Beitrag in einem Buch mit dem Thema „Wandlung“ zur Sprache kommt, wird spätestens dann deutlich werden, wenn die gewaltfreie Verwandlungskraft des Geistes sichtbar wird.

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2. Auf den Atem hören – Wirkweisen der Atemtherapie

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2.1. Das natürliche Atemgeschehen

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Atmen ist das Selbstverständlichste der Welt. In der Regel machen wir uns über das Atmen erst dann Gedanken, wenn es eine Atemstörung gibt: vom atemlosen Gehetztsein über Asthma und Hustenanfälle bis zum Atemstillstand. Solange wir atmen leben wir: vom ersten Schrei des Neugeborenen (ein Ausatmen) bis zum „letzten Atemzug“.

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In physiologischer Hinsicht versorgt uns der Atem mit dem lebenswichtigen Sauerstoff, den das Blut in die kleinsten Zellen unseres Organismus transportiert und „entsorgt“ das schädliche Kohldioxyd. Der Atem versorgt und reinigt uns. Während ein Mensch über Tage und Wochen ohne Nahrung auskommen kann, sind bereits einige Minuten ohne Sauerstoff tödlich. Atem und Atmen bedeuten Leben.

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Der Atemrhythmus ist in drei Phasen gegliedert: Einatmen – Ausatmen – Atempause. Mit dem Einatmen durchweht den Körper eine Sauerstoffwolke, nehmen wir Lebenskraft und die „Witterung“ der Welt auf. Wir sind Empfangende, die sich für die Gaben der Welt öffnen. Mit dem Ausatmen geben wir alles Verbrauchte, Schädliche ab und können Belastendes, Fehlspannungen loslassen. In der Atempause geschieht scheinbar nichts, es ist ein Moment der Ruhe, in dem der Mensch auf das Neue wartet. Der Impuls zum Einatmen kommt ohne unser Zutun. Die Atempause provoziert Gelassenheit und unser Vertrauen, dass der Atem von selbst wieder kommt. Hier bedarf es keiner Anstrengung, braucht nichts „gemacht“ zu werden. „Es“ atmet auch ohne unser Mühen.

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Der Rhythmus des Atmens ist dynamisch und nichts Statisches. Er passt sich der jeweiligen Tätigkeit an. Wenn wir anstrengende Tätigkeiten ausführen, so beschleunigt sich die Atmung und die Atempause wird verschwindend kurz. Lassen wir uns nieder, beruhigt sie sich. Der Atem geht mit unserer Bewegung mit und versorgt uns mit dem Sauerstoff, den wir brauchen.

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Der größte Muskel des Menschen ist das Zwerchfell, das für die Zu- und Abfuhr der Atemluft verantwortlich ist. Durch seine Bewegung senkt und hebt sich der Brustkorb, werden Lungen weit und eng. Die Bewegung des Zwerchfells wird vom Atemzentrum aus gesteuert, einer Ansammlung von Nervenkernen im Stammhirn. Dieses liegt gut geschützt und steuert alle vegetativen Vorgänge – selbst in Narkose und Tiefschlaf. Das Atemzentrum empfängt Signale über den Sauerstoffgehalt und gibt entsprechende Impulse über die Nervenbahnen an das Zwerchfell weiter.

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Die Atembewegung durchströmt den ganzen Menschen. Bei genügend Wahrnehmungserfahrung lassen sich die Atembewegungen, d.h. die Schwingungen des Zwerchfells, über die Beine bis zu den Zehen und über Rumpf und Arme bis zu den Händen spüren. Die „Durchlässigkeit der Atembewegung“ kann jedoch durch äußere Behinderungen (zu enge Kleidung), durch muskuläre Verspannungen oder durch eine einengende, falsche Haltung behindert werden. Frei fließend fördert sie den Fluss der Körpersäfte und den Blutkreislauf.

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„Die gesunde, natürlich zugelassene, d.h. ungehemmte Bewegung des Zwerchfells ist gleichzusetzen mit einer feinen Massage aller Organe, besonders des Bauchraums – Organe wie: Leber, Magen, Nieren, Bauchspeicheldrüse, Därme.“[6]

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Die Bewegung des Zwerchfells beeinflusst auch die Tätigkeit des Herzens, v.a. aber des Sonnengeflechts, das direkt unter dem Zwerchfell liegt. Der Bereich Zwerchfell-Herz-Sonnengeflecht-Leber-Nieren ist zuständig für unser „Gemüt“, ein altes Wort, das persönliche (Ver-)Stimmungen und Gefühle zusammenfasst. Dieser Gemütsbereich nimmt seelische Erschütterungen und Höhenflüge am ehesten wahr, was sich in Redewendungen wie „es wird mir warm ums Herz“, „mir kommt die Galle hoch“ oder das „geht mir an die Nieren“ niederschlägt.[7] Auch beim Lachen oder Weinen wird das Zwerchfell heftig durchgeschüttelt, Freude und Schmerz lösen tief gehende Reaktionen in der Magengegend aus. Es scheint also einen Zusammenhang zu geben zwischen einer gelösten Stimmung und einem freien atmenden Zwerchfell, das den Kraftströmen des Sonnengeflechts Freiraum gibt. So wird deutlich, dass die Wirkung des Atems weit über den physiologischen Bereich hinausgeht. Der Atem stellt die Brücke vom Physisch-Körperlichen zum Geistig-Seelischen dar. Er verbindet und vereint Körper, Seele und Geist, wirkt auf allen diesen Ebenen und beeinflusst deren Zusammenspiel. Er ist somit am Übergang vom Bewussten zum Unbewussten angesiedelt.

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Auf diese „Brückenfunktion“ des Atems greift die Atemtherapie zurück. Denn die beschriebenen physiologischen Vorgänge sind nur die eine Seite (die „hardware“) des Atemgeschehens und stehen nicht im Zentrum der Atemtherapie. Ihr geht es um den Zusammenhang von Atem, Bewegung und Bewusstsein mit der Absicht, einen für den in Leibhaftigkeit existierenden Menschen ganzheitlichen, heilsamen Prozess auszulösen.

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2.2. Die im Leib „eingeschriebene“ Lebensgeschichte: Anthropologische Grundlagen der Atemtherapie

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Um die bewusste und gezielte Arbeit mit dem Atem in seiner therapeutischen Wirkung besser verstehen zu können, möchte ich an dieser Stelle den anthropologischen Hintergrund, die leibbezogene Therapietheorie skizzieren. Ich ziehe dazu den Ansatz der Integrativen Therapie heran, der meiner Ansicht nach mit einer christlichen Anthropologie weitgehend kompatibel ist.[8] Im Besonderen greife ich zwei Aspekte heraus, die existentielle Bezogenheit des Menschen auf seine Umwelt und die Einheit der Person als Leib-Seele-Geist-Wesen, um sie dann mit der Atemarbeit zu verbinden.

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Der koexistierende und auf seine Umwelt bezogene Mensch

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Die Integrative Therapie sieht den Menschen als Leib-Seele-Geist-Wesen in einem ökologischen und sozialen Umfeld. Er ist ein ko-existierendes, subjektives (d.h. sich fühlendes und erkennendes) Wesen, das mit seinem Leib als „totalem Sinnesorgan“ (Merleau-Ponty) das In-der-Welt-Sein auf je spezifische Weise erlebt. Über unseren Leib sind wir intentional auf den uns umgebenden Raum ausgerichtet, befinden wir uns in ständigem Austausch mit der Umwelt. Nun ist aber diese Kommunikation mit der Umwelt nie nur harmonisch und friedlich, sondern immer auch spannungs- und konfliktreich. Die körperlichen, seelischen und geistigen Bedürfnisse werden nie zur Gänze von der Umwelt gestillt. Die umgebende Welt ist einerseits die „Bühne“, um sich zu entfalten und zu entwickeln, andererseits aber domestiziert sie auch, engt ein und kränkt. Alle diese Geschichten meines Lebens „graben“ sich im Leib ein: jede Lach- und Gramfalte, jede Mühsal der Arbeit wie die Freude des ungetrübten Festes. Die „eingefleischte Lebensgeschichte“ schlägt sich sowohl im Leib, in Bewegungsmustern und in der Haltung nieder: in der Mimik und Gestik, in nonverbalen Kommunikationsformen, Symbolen und Riten des Körpers. Die Erfahrungen mit dem Leben bringen den gebückten Menschen, aber auch den aufrechten Gang hervor.

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Der Mensch ist nun psychisch so ausgestattet, dass er Konfliktives, Defiziterlebnisse und traumatische Erfahrungen, kurz, alle belastenden Erlebnisse aus seinem Gedächtnis verdrängen kann. Die bewusste Erinnerung geht verloren, aber verdrängte Erlebnisse werden „in den Leib hinein verdrängt“, speichern sich in den „Archiven des Leibes“ (Hilarion Petzold). Obwohl dem Bewusstsein nicht mehr zugänglich, sind solche belastenden Erlebnisse aber dennoch wirksam und manifestieren sich in schlurfenden Schritten, einem gesenkten Kopf, einem gebeugten Rücken, einer gedrückten Körperhaltung, Verspannungen, Erschlaffungen, eingeschränktem oder überzogenem Ausdrucksverhalten, Kopfschmerzen und Magengeschwüren.[9] So ist jede menschliche Geschichte eine Verschränkung von konkreten Heils- und Unheilsgeschichten in der Korrespondenz mit seiner Umwelt. Multiple Entfremdungen bedürfen auch einer multimodalen Weise therapeutischer Interventionen, bei denen es immer darum geht, dass der „deprimierte Leib“ seine Lebendigkeit wieder zurückgewinnt. Dies ist teilweise nur über schmerzhafte Erinnerung an Verdrängtes und in den Leib Abgelegtes möglich.

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Das ganzheitliche Erleben – Einheit von Körper-Seele-Geist

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Die Integrative Therapie sieht den Menschen als differenzierte Einheit, in der zwischen „Leib“ und „Körper“ zu unterscheiden ist. Während „Körper“ den naturwissenschaftlich-medizinisch erfassbaren physio-biologischen Organismus (mit messbarem Herzklopfen, Blutwerten und Knochenbrüchen usw.) meint, verstehen wir unter Leib den erlebenden und sich selbst erlebenden Körper, also den „beseelten Körper“, der fühlt, denkt und spürt.[10] Körper und Geist stehen also nicht beziehungslos nebeneinander. Körperliche Vorgänge wirken auf die Psyche und umgekehrt: Wenn ein Mensch erschrickt, so lassen sich körperliche Symptome wie erhöhtes Herzklopfen, vermehrte Adrenalin- und Noradrenalin-Ausschüttung, eine körperliche Schutzstellung mit muskulärer Verhärtung usw. feststellen. Gleichzeitig erlebt der Mensch ein Gefühl der Angst und Bedrohung. Das Zusammenzucken ist körperlich und seelisch zugleich. Dabei ist noch gar nicht gesagt, was das Erschrecken ausgelöst, ob ein heranrasendes Auto oder die unerwartete Bemerkung eines Freundes. Ähnlich ist es bei angenehmen Gefühlen: Loslassen ist eine sowohl seelische als auch körperliche Entspannung.

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Die Wirkungen des Zeitgeistes

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Neben Entfremdungserfahrungen in der eigenen Lebensgeschichte kann wohl auch der Zeitgeist zu einem verdinglichenden Umgang mit dem Körper beitragen. Denken wir an Büroangestellte, die die Wahrnehmung des Körpers vernachlässigen, weil sie ihn – zugespitzt formuliert – nur als Vehikel zur Fortbewegung brauchen, oder an Berufs- und Spitzensportler, die dem eigenen Körper Höchstleistungen abverlangen und ihn wie eine gut funktionierende Maschine warten müssen, oder an jene, für die der eigene Körper als Medium der Selbstdarstellung und als Experimentfeld einer postmodernen Ästhetik fungiert. Der Körper, zwischen Verdinglichung und Körperkult schwankend, wird in vielfacher Weise sich selbst entfremdet, was immer auch zu leiblicher und d.h. auch psychischer und seelischer Lähmung, Erstarrung, Verhärtung führt.

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Den natürlichen, individuellen Atem kennenlernen

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Alle körperlichen Bewegungen und seelischen Regungen werden vom Atem begleitet. Der Atem stockt, oder es entfährt uns ein tiefer Seufzer oder wir jubeln vor Freude. Halten wir den Atem an, dann ist das körperlich-seelische Empfinden erschwert bzw. unterbunden, lassen wir den Atem fließen, so fließen auch die Gefühle und Empfindungen. Bei allen Lebensgeschichten ist der Atem unbewusst dabei. So wie sich die Geschichte unseres Lebens in unserem Leib widerspiegelt, so ist es auch mit dem Atem.

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„Sie sprechen, wie Sie atmen, Sie atmen, wie Sie leben. Sie leben, wie Sie sind … Darum ist auf dem Weg der Selbsterkenntnis der Atem ein untrüglicher Führer. An unserem Atem können wir ablesen, in welchem Zustand wir uns befinden. Darauf können wir mit Hilfe der Arbeit am Atem die Arbeit am eigenen Wesen beginnen “[11]

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Für jemanden, der keine besonderen Erfahrungen mit dem Atem hat, mögen diese Worte fremd klingen. Erst bei genauerem Hinschauen entdeckt man, dass jeder Mensch seinen ganz persönlichen Atemrhythmus hat.

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„Bis in die tiefsten Feinheiten ist Atem Ausdruck absoluter Individualität. Persönliche Geschichte, gegenwärtiger Zustand, das, was jeder einzelne denkt, fühlt, selbst das, was er gerade sieht oder wie er sich bewegt, alles drückt sich in jedem Atemzug aus.“[12]

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Wenn sich Lebensgeschichte und Lebenshaltung in unseren Leib „einschreiben“, so gilt das für den Atem in ganz besonderem Maß. So zeigt sich etwa bei Menschen, die längere Zeit depressiv sind, die Eigenart, sich in der Atemruhe zu verlieren. Gehetzte Menschen wiederum, die keine Pause in ihrem Leben finden, haben in der Regel ein Atembild mit einem kleinen, schnellen, oft flachen Atem mit seltener Atemruhe. Die prägenden Lebensumstände überlagern den natürlichen Atem.

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„Jeder Mensch hat einen Atemrhythmus, der ihm ganz und gar entspricht, doch ist dieser oft zugedeckt und tief vergraben. Behutsam kann er Schritt für Schritt freigelegt werden, einhergehend mit zunehmender Erkenntnis seiner selbst.“[13]

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2.3. Arbeit mit dem Atem

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Innerhalb des Spektrums der leibtherapeutischen Atemarbeit gibt es mannigfaltige Verzweigungen und Differenzierungen.[14] Der Ansatz, dem ich folge, arbeitet mit dem so genannten natürlichen Atem und grenzt sich von jenen Ansätzen ab, die mit künstlich forcierter Atemarbeit bestimmte (wie behauptet wird, vorgeburtliche) Bewusstseinzustände herbeiführen.[15] Beim natürlichen Atem geht es darum, den „ursprünglichen Atem kennen zu lernen durch eigenes Erleben, ihn zuzulassen und ihm Möglichkeiten zu geben, sich zu entfalten“[16]. Das alltägliche Ich-Bewusstsein bleibt dabei erhalten, selbst wenn tiefe leiblich-seelische Schichten im Menschen angesprochen werden. Der Atem dient als „Leitseil“. Damit die Wahrnehmung des Atems im alltäglichen Leben besser gelingt, gibt es eine Vielzahl von hilfreichen Atemübungen, die die Achtsamkeit und das Bewusstsein für Atem und Bewegung schulen. Eine Besonderheit ist die symptomspezifische atemtherapeutische Behandlung durch TherapeutInnen. Die folgenden Beispiele wollen die konkrete Atemarbeit vorstellen.

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Damit der Atem den Leib gut durchfließen kann, benötigt er Raum und Durchlässigkeit. Deswegen werden Atemübungen meist mit Dehnübungen begonnen. Gemeint ist damit ein möglichst natürliches und spontanes Strecken und Dehnen – auch Räkeln, wie wir es nach dem Aufwachen unwillkürlich tun.[17] Diese Dehnung wirkt auf den ganzen Leib anregend, macht die Körperwände und Bänder weiter und Arme, Beine und Rumpf (und Kopf!) werden geschmeidiger. Muskelverhärtungen werden elastischer. Der natürliche, kreatürliche Atem wird beschleunigt und mit der Bewegung „mitgezogen“. Nur wenn man sich zu fest streckt, stockt der Atem.

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Es gibt unzählige Atemübungen, die im Liegen, Sitzen, Stehen ausgeführt werden und jeweils einen besonderen Körperbereich „beleben“ wollen. Die Auswahl richtet sich nach dem „Bedarf“ des Übenden.[18] Am Beginn gilt es den Kontakt zur eigenen Mitte zu finden. Eine erste Übung widmet sich der Leibmitte, die ja auch Ausgangspunkt der Atembewegung ist. Man nimmt (im Sitzen oder Stehen) eine möglichst aufrechte Haltung ein, legt beide Hände auf die Leibmitte und spürt die Atembewegung. Eine innere Sammlung stellt sich ein. Dann wandert man schrittweise mit beiden Händen um die Körpermitte bis zum Rücken und verweilt kurz an einigen Stellen, um die Atembewegung zu erspüren. Schließlich kann man eine Hand an die Vorder-, die andere Hand an die Rückseite der Leibesmitte halten. Wichtig ist, das Atmen nicht zu forcieren – etwa um mehr zu spüren –, sondern den Atem kommen und gehen zu lassen, wie er will. Am Ende der Übung soll der Wirkung nachgespürt werden. Diese einfache Übung fördert das Bewusstsein für die eigene Mitte, der innere Raum wird weiter und wärmer erlebt. Die Verbindung zur eigenen Mitte bewirkt Ruhe und Vertrauen, führt zu einem tieferen Bei-sich-Sein, verbunden mit einer Entspannung.

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Eine zweite Übung im Stehen soll die Durchlässigkeit und Einheit des gesamten Leibes fördern. Im aufrechten, hüftbreiten Stand nimmt man zunächst die Atembewegung in der Leibmitte wahr. Sodann versucht man mit den Füßen Kontakt zum Boden aufzunehmen, z.B. indem man mit den Zehen am Boden „kratzt“ bzw. sich wie in Sand „eingraben“ will. Der Stand bleibt dabei locker, Schultern und Arme entspannen sich im Bewusstsein, des Getragenseins durch den Boden. Schließlich stellt man sich langsam auf die Zehen und hebt gleichzeitig die Arme parallel nach vorne in einem Halbkreis nach oben über den Kopf. Dabei atmet man ein. Nach einer kurzen Atempause lässt man die Arme seitlich des Körpers im Ausatmen in einem Halbkreis herunter, wobei man sich gleichzeitig wieder auf die ganze Fußsohle absenkt. Man geht wieder auf die Zehen, wobei man diesmal seitlich die Hände nach oben über den Kopf führt und nach einer kurzen Atempause seitlich im Halbkreis wieder herunter. Diese Übung richtet auf, macht den „Bewegungs- und Aktionsradius“ bewusst, schafft Präsenz und eine deutliche Beziehung zum umgebenden Raum. Das fördert die Durchlässigkeit der Atmung in den verschiedenen Leibregionen, verbindet dadurch die „Peripherie“ des Körpers, die Gliedmaßen, mit der Mitte und verleiht dadurch ein Ganzheits- und Einheitsgefühl des Leibes.

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Atemtherapeutische Behandlung durch TherapeutInnen

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Im Rahmen einer atemtherapeutischen Behandlung kann wesentlich gezielter und unter professioneller Mithilfe mit dem Atem in heilender Weise gearbeitet werden. Der Atem wird als Leitseil benützt, um „unbewohnte, verhärtete Körperstellen aufzusuchen“, Blockaden zu lösen und damit wieder Zugang zu versperrten Gefühlen zu bekommen oder auch um eine neue Haltung einzuüben. Die Hände der/des Atemtherapeuten/in locken die Atemwellen, die von der Mitte aus in den ganzen Leib hineinschwingen, gezielt zu jenen Körperzonen, wo die Wellen hinkommen und gespürt werden sollen. Entscheidend ist dabei, dass sich beide Akteure den aufgesuchten Körperzonen ungeteilt zuwenden. Dies zeigt das folgende Beispiel: 

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„Ein Patient sitzt in guter Haltung auf dem Hocker. Ich sitze seitlich neben ihm und lege meine Hand auf sein Kreuzbein. Nun gibt es verschiedene Möglichkeiten. Wenn wir beide nicht ganz ‚bei der Sache’ sind, ist im nachhinein für den Patienten keine Veränderung zu spüren, eventuell ein wenig Wärme durch das Handauflegen. Bin ich ganz gesammelt, der andere aber nicht, so tut sich auch wenig. Ich spüre, dass der andere abwesend ist. Es fühlt sich seltsam leer an unter der Hand. Erst wenn die Sammlung beider vorhanden ist, stellen sich deutliche Reaktionen ein. Manchmal geht ein leises, nachgebendes Rucken durch den Körper.“[19]

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Das Rucken, das sich einstellt, deutet auf die Lösung einer Spannung hin, die Wiederbelebung einer „toten“, unbelebten Stelle, die Wiederaneignung einer „abgespaltenen Körperregion“. Man sieht an diesem Beispiel, dass „Erfolg“ und Wirkung sich nicht automatisch einstellen, sondern die innere Präsenz und Zuwendung der Beteiligten verlangen – im Zusammenspiel mit dem Atem. Das Ganz-bei-der-Sache-Sein, die innere Sammlung und die innere Öffnung gegenüber den Atemwellen sind entscheidende Faktoren. Je nach Geübtheit, Erfahrung und aktueller Tagesverfassung kann die Wirkung daher sehr verschieden ausfallen.

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2.4. Die Wirkungen der Atemarbeit

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Die Wirkungen der Atemarbeit sind vielfältig und hängen wesentlich von der Art der Übung bzw. dem Behandlungsfokus ab. Ich fasse sie hier nochmals kurz zusammen.

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Durch die anfänglichen Dehnungsübungen wird der Leib (also Körper und Geist!) elastisch gemacht, die „Leibräume“ zum Atmen vorbereitet und die Durchlässigkeit gefördert. Hier wird bereits – relativ unspezifisch – die eigenleibliche Wahrnehmung angeregt, die dann im Weiteren auf den Ausgangspunkt der Atembewegung, auf die Leibmitte gerichtet wird. Dieses Zur-Mitte-Gehen bewirkt eine innere Sammlung, lässt ruhiger und gelassener werden. Von dieser Mitte aus werden dann je nach Absicht die verschiedenen Körperbereiche mit Hilfe des Atems „aufgesucht“, d.h. die Atemwellen werden durch leichte Bewegung, äußere Berührung „angelockt“ und dadurch bewusst durchatmet. Dadurch werden unbelebte, betäubte, blockierte und verhärtete Leibbereiche Stück für Stück durchatmet, wieder belebt und angeeignet.[20] Der eigene Körper bleibt nicht länger etwas Fremdes, er wird wieder „bewohnt“.[21] Durch diese „zuwendungsvolle“ Arbeit mit dem Atem wird der Leib Stück für Stück gelöster, „erlöster“. Festgehaltenes wird losgelassen, der Körpertonus ändert sich, pendelt sich zwischen Über- und Unterspannung ein (eu-tonus!). Der Atem bewegt sich freier, ein inneres Raumgefühl entsteht, das Gemüt und Stimmungen aufhellt.

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Da sich im Leib auch Lebensgeschichten abgespeichert haben und das Atemgeschehen am Übergang vom Unbewussten zum Bewusstsein angesiedelt ist, werden dadurch auch „alte, oft unerledigte Geschichten“ angerührt und wachgerufen. Spielen die Atemwellen an solche (Gefühls-)Verhärtungen heran, so lösen sie nicht selten mehr oder weniger heftige Gefühle aus, die in den Archiven des Leibes abgespeichert waren. Verspannungen und Blockierungen lösen sich, die Durchlässigkeit wird erhöht und gestaute Energie und Kraft kommen wieder ins Fließen. Rücken und Schultern (in der Leibtherapie die Bereiche des Unbewussten) sind dabei die bevorzugten Orte, wo sich Spannungen und Belastendes ablageren.[22] Mit oftmaligem Üben werden sie jedoch mehr und mehr vom heilenden Atmen durchströmt. Diese neu erworbene Durchlässigkeit für den Atem richtet den Menschen auf, stärkt das Einheitserleben des eigenen Körpers und hellt die Stimmung auf. Im achtsamen Spüren wächst der Zugang zur eigenen Lebendigkeit – durch alle schmerzhaften Verwundungen hindurch. Der Atem ist ein Geist, der lebendig macht. Seine verwandelnde Kraft besteht v.a. in einer heilenden und identitätsstiftenden Wirkung.

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Das alles passiert freilich nicht in einer Stunde, sondern auf einem längeren Übungsweg. Dazu bedarf es der Entschlossenheit und Ausdauer, der Wachheit und des Mutes, sich auf Unvohersehbares einzulassen, der geistigen Sammlung sowie einer inneren Präsenz und aufmerksamen Zuwendung. Im achtsamen Arbeiten mit dem Atem wird auch deutlich, dass die oben beschriebenen Früchte nicht plan- und machbar sind. Obwohl der Heilungs- und Wandlungsprozess zum einen vom eigenen Bemühen und Zutun abhängt, ist der heilend-identitätsstiftende Prozess zum anderen ein unverfügbares Geschenk des Atems selbst.

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„Alles Gewaltsame, alles Übertreiben- oder Erzwingen-Wollen ist von Übel und vertreibt die Heilkraft aus dem Atem. Alles einfühlsame, zärtlich-liebevolle und geduldige Vorgehen wird dem Übenden Hilfe bringen. Der Atem erschließt uns seine Heilkraft in dem Maße, in dem wir sie dankbar und bescheiden entgegennehmen.“[23]

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3. „Der Geist macht lebendig!“ Eine kleine erfahrungsbezogene Pneumatologie

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Für LeserInnen, die mit biblischen Bildern vertraut sind, mögen sich bei der Beschreibung der Atemtherapie da und dort schon Vergleiche und Assoziationen zum Wirken des Heiligen Geistes eingestellt haben. Inspiriert und angeregt durch die Erfahrungen mit der Atemtherapie soll nun direkt Bezug zu den biblischen und theologischen Aussagen über den Heiligen Geist hergestellt werden. Schon oft Gehörtes kann durch den z.T. verfremdenden Vergleich in einem neuen Licht erscheinen, vielleicht tiefer verstanden werden. In diesem Sinne gerät „die Atemtherapie nicht zum Selbstzweck“[24], sondern kann als Metapher Hilfe sein, das Geheimnis des Lebens und auch der christlichen Existenz tiefer zu ergründen. Die Ausführungen verstehen sich dabei nicht als eine systematische Durchführung, sondern wollen in assoziativer Weise Analogien herstellen. Dabei werde ich drei Ebenen unterscheiden: Der Atem als Geschenk des Lebens im Allgemeinen (3.2.), im Leben des einzelnen Christen (3.3.) und im Leben des Organismus Kirche (3.4.). Zuvor aber muss geklärt werden, ob und in welcher Weise dieses assoziative und analoge Reden über Gott als Heiligen Geist überhaupt legitim und angemessen ist.

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3.1. Analoges Reden über das Wirken des Heiligen Geistes

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Was für jedes menschliche Erkennen gilt, gilt auch für das Erkennen Gottes. Wir können über Gott und sein Wirken nur in menschlicher Sprache und auf dem Hintergrund menschlicher Erfahrungen reden. Die Menschen haben – in welcher Religion auch immer – zu jeder Zeit versucht, Gott und sein Wirken mit vielerlei Begriffen und Bildern zu beschreiben. Gerade der Atem und seine Wirkweise nehmen im Zusammenhang mit der Beschreibung des Wirkens Gottes eine bevorzugte Rolle ein und stellen ein häufig verwendetes Bild dar.[25] Das Wort Atem leitet sich von „Atman“ ab, einem altindischen Sanskritwort, das soviel wie „das in uns wirksame Göttliche“ bedeutet.[26] Die alten Ägypter bezeichneten den Atem als „Heilmittel der Könige“[27]. Auch in der jüdisch-christlichen Tradition ist der Atem die bevorzugte Metapher, um das Wirken Gottes darzustellen.

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Die Theologiegeschichte hat das Thema des angemessenen Redens und Sprechens über Gott unter dem Begriff der „Analogie“ abgehandelt: „Wie können Welt, Sprache und Geschichte Medien der Selbstoffenbarung Gottes und der Gotteserkenntnis sein?“[28] Schon in der Bibel wird erkannt, dass wir Gott aus der Welt analog erkennen können (vgl. Weish 13,5), „weil die Welt durch Ordnung und Schönheit über sich selbst hinaus verweist“[29]. Das Erkennen Gottes setzt also einen positiven Zusammenhang zwischen Gott und Schöpfung voraus; Gott ist aus den Wirkungen der Welt erkennbar. Dieser Moment der via affirmationis wird durchkreuzt durch die Erkenntnis, dass Gott so groß und von der Welt verschieden ist, dass wir von Gott eher sagen können, was er nicht ist, als was er ist (via negationis). So hat das IV. Laterankonzil im Jahr 1215 festgestellt: „Denn vom Schöpfer und vom Geschöpf kann keine Ähnlichkeit ausgesagt werden, ohne dass sie eine je größere Unähnlichkeit einschlösse“ (DS 806). Diese negative Aussage will uns auf begrifflich nicht fassbares Übersteigendes hinweisen, vor dem die begreifen wollende Vernunft verstummt. Gott überbietet jede Weise des Redens über ihn (via eminentiae). Damit behält das Reden über Gott seinen Wert – auch Jesus hat über Gott bzw. das Reich Gottes in Gleichnissen, Bildern gesprochen. Aber es ist letztendlich „wissendes Nichtwissen“[30], das bekennt, dass jede Rede über Gott von ihm zugleich unbegreiflich überstiegen wird. Die analoge Rede schließt somit Ähnlichkeit und Vergleichbarkeit einerseits und Unterschiedenheit und ein je Mehr andererseits ein.

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Für die folgenden Ausführungen gilt also das Prinzip der Analogie, das zugleich Sinn und Grenze im Reden über Gott markiert.[31] Das Erkennen ist Stückwerk und nie erschöpfend: „Der Mensch erkennt Gott nur als Geheimnis. Gott ist nicht in eine reale oder begriffliche Dialektik mit der Welt verspannt.“[32]

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3.2. Der Heilige Geist als unverfügbares Geschenk des Lebens

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Mit dem Atem ist eine allgemein menschliche Grunderfahrung gegeben: Wer und was atmet, lebt; ja: Atem ist Leben! Mit dieser ersten Grunderfahrung ist eine zweite eng verknüpft: Der Lebensodem ist dem menschlichen Zugriff, seiner Machbarkeit entzogen, er ist unverfügbar. Das wird im Atem, der ohne unser Zutun kommt und geht, deutlich. Der für den Menschen nicht verfügbare Atem weist ihn auf eine existentielle Abhängigkeit hin, die einzugestehen oft nicht leicht fällt. Auch wenn der Spruch „Jeder ist seines Glückes Schmied“ den Menschen als Schöpfer seines eigenen Lebens wähnt, so belehren uns Schicksalsschläge eines besseren. So sehr der Mensch sein Leben aktiv zu gestalten versucht, er muss sich bewusst sein, dass er es – wie am Beginn des Lebens – auch immer wieder neu empfängt. Das Leben lässt sich nicht endgültig in den Griff bekommen, es bleibt ein Geschenk.

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Die Bibel greift diese Grunderfahrung auf. Dem hebräischen wie dem griechischen Wort Geist (ruach, pneuma) liegt die Wortbedeutung Wind, Atem, Hauch zugrunde. Ruach steht für das Prinzip des Lebens, für den Lebensodem schlechthin.[33] Für den gläubigen Menschen ist jener Bereich des Unverfügbaren aber nicht einfach ein unerklärbares Nichts, sondern es ist Gott, der die Welt und alles Leben erschaffen hat, und der ein Freund des Lebens ist: „Da formte Gott, der Herr, den Menschen aus der Erde vom Ackerboden und blies in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen“ (Gen 2,7). Der Atem ist dem Menschen geschenkt, ruach ist die unverfügbare Gabe Gottes.

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„Verbirgst du dein Gesicht, sind sie verstört; nimmst du ihnen den Atem, so schwinden sie hin und kehren zurück zum Staub der Erde. Sendest du deinen Geist aus, so werden sie alle erschaffen, und du erneuerst das Antlitz der Erde“ (Ps 104,29-30).

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Dort, wo Gottes Geist weht, lebt die Erde auf, wo er entzogen wird, stirbt das Leben. Gott ist also der Herr über das Leben und über den Lebensatem. Sosehr diese Unverfügbarkeit den Menschen auch verunsichern mag; in der Annahme dieser Tatsache liegt auch eine Freiheit, die mit Dankbarkeit und Gelassenheit einhergeht: „Wer von euch kann mit all seiner Sorge sein Leben auch nur um eine kleine Zeitspanne verlängern“ (Mt 6,27)?

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Für die Bibel ist Leben nicht gleich Leben, wenn sie weiter differenziert und ein bloßes Vegetieren, ein Leben in der Entfremdung, vom wahren Leben unterscheidet. Verheißen wird ein Leben in Fülle: Der Geist Gottes erweckt das erstorbene Volk zu neuem Leben (vgl. Ez 37,1-14) und schenkt den Menschen ein neues Herz (vgl. Ez 11,19; vgl. Ps 51,12). Der Geist Gottes wird die Wüste in ein Paradies verwandeln (vgl. Jes 32,15f.).

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„Ich öffne eure Gräber und hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern herauf. … Ich hauche euch meinen Geist ein, dann werdet ihre lebendig, und ich bringe euch wieder zurück in eurer Land“ (Ez 37,13-14).

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Land steht hier für die eigene von Gott geschenkte Identität. Der Vergleich mit der Wiederaneignung des eigenen Leibes mit Hilfe des Atems liegt auf der Hand. „Wo immer wahres Leben ist, da ist Gottes Geist am Werk.[34] Der spiritus creator ist also Ursprung und sensibler Anwalt des wahren Lebens gleichermaßen.

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3.3. Leben aus dem Geist

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Nach den Analogien zwischen Atem und Heiligem Geist auf einer sehr allgemeinen Ebene wenden wir uns nun der persönlichen Seite zu. Jeder Mensch – so haben wir gesehen – hat eine individuelle Atembewegung. So kennt auch die Bibel verschiedene Qualitäten des Geistes: Der Ungeduldige hat einen kurzen Geist (vgl. Jiob 21,4), der Traurige einen zerbrochenen (vgl. Jes 54,6), der Zornige einen erregten (vgl. Ez 3,14).

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Jesus – vom Heiligen Geist erfüllt

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Wir haben gesehen, wie heilsam und identitätsfördernd es ist, sich vom Atem als „Leitseil“ führen zu lassen. Von Jesus selbst wird überraschend viel über seine „Beziehung“ zum Heiligen Geist ausgesagt. Schon seine Empfängnis geschieht unter Mitwirkung des Heiligen Geistes, wenn seiner Mutter Maria verheißen wird: „Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten“ (Lk 1,35). Jesus ist ein Geschöpf des Geistes. Er lässt sich vom Geist führen und leiten (vgl. Mt 4,1). Der Geist Gottes ruht auf ihm (vgl. Lk 4,18). Mit Hilfe der Kraft und des Geistes Gottes heilt er viele Menschen, kommen sich selbst entfremdete Menschen „wieder zu sich“ und treibt er Dämonen aus (vgl. Lk 4,40-41). In Jesus ist der Atem Gottes voll wirksam, er ist vom Heiligen Geist erfüllt (vgl. Lk 4,14). Wollen wir das Bild der Atemtherapie übertragen, so ist Jesus jener Mensch, der sich dem Atem Gottes ganz öffnet, ihm in sich freien Raum gibt, sodass er ungehindert und frei in ihm wirken kann – heilsam und identitätsstiftend.

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Christliches Leben aus dem Geist

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Aus dem eben Gesagten wird verständlich, weshalb Paulus das Leben als ChristIn als ein Leben aus dem Geiste beschreibt. „In-Christus-Sein“ und „Im-Geist-Sein“ sind für Paulus austauschbare Aussagen: „Ihr aber seid nicht vom Fleisch, sondern vom Geist bestimmt, da ja der Geist Gottes in euch wohnt“ (Röm 8,9). An anderer Stelle weist Paulus darauf hin, welche Würde sich allein daraus ergibt, der sich die Christen bewusst sein sollen: „Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott habt“ (1 Kor 6,19)?

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Für Paulus besteht gerade im Leben aus dem Geist das Neue, das durch Christus eröffnet wurde und das eine Religion ablöst hat, die sich nach Gesetz und Buchstaben ausrichtet: „Er hat uns fähig gemacht, Diener des Neuen Bundes zu sein, nicht des Buchstabens, sondern des Geistes. Denn der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig“ (2 Kor 3,6).

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Das Leben nach diesem Geist aber führt zu einer existentiell neuen Lebenshaltung: „Alle, die sich vom Geist Gottes leiten lassen, sind Söhne Gottes. Denn ihr habt nicht einen Geist empfangen, der euch zu Sklaven macht, so dass ihr euch immer noch fürchten müsstet, sondern ihr habt einen den Geist empfangen, der euch zu Söhnen macht, den Geist, in dem wir rufen: Abba, Vater“ (Röm 8,14-15)! Freilich sind auch für jene, die nach dem Geist leben, die Bedrängnisse und Widerfahrnisse der Welt nicht einfach obsolet. Die Schöpfung liegt vielmehr in Geburtswehen und der Geist ist die „Erstlingsgabe“. Seufzend – so Paulus – warten wir darauf, bis die „Erlösung des Leibes“ (vgl. Röm 8,22-23) offenbar wird.

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Das Gebet als Ort des bewussten Wirkens des Heiligen Geistes

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In der Atemarbeit beginnt man bewusst mit dem Atem zu „arbeiten“, der einem im Alltag unbewusst begleitet. Auch den ChristInnen ist in der Taufe der Heilige Geist geschenkt worden. Gibt es einen Ort, an dem man sich bewusst dem Wirken des Heiligen Geistes öffnet – so wie man sich bewusst für das Atemgeschehen öffnen kann? Ich denke, man kann das Gebet damit vergleichen. Bei der Taufe Jesu heißt es, dass, während er betete, der Heilige Geist auf ihn herabkam (vgl. Lk 3,21-22). Wie ein verborgener, unterirdischer Fluss begleitet der Geist Gottes unser Leben, im Gebet aber können wir uns bewusst für sein Wirken öffnen:

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„So nimmt sich auch der Geist unserer Schwachheit an. Denn wir wissen nicht, worum wir in rechter Weiser beten sollen; der Geist selber tritt jedoch für uns ein mit Seufzen, das wir nicht in Worte fassen können. Und Gott, der die Herzen erforscht, weiß, was die Absicht des Geistes ist: Er tritt so, wie Gott es will, für die Heiligen ein“ (Röm 8,26-27).

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Im Gebet wird das Leben mit allem Schönen und Schwierigen vor Gott gebracht. Paulus weist darauf hin, dass wir aber wohl nur einen geringen Teil unseres Lebens in Worte fassen können, der Geist Gottes aber die tieferen Schichten unserer Person durchdringt. So wie der Atem unserem Bewusstsein nicht (mehr) zugängliche Bereiche durchatmen kann, so tritt der Geist – wenn uns die Worte fehlen – mit Seufzen für uns ein. Entscheidend ist auch hier – wie bei der Atemtherapie – die innere Öffnung und Präsenz.

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In der spirituellen Literatur wird dieses Seufzen auch oft mit dem Begriff der Sehnsucht umschrieben. „Es gibt ein Gebet in uns, das nie erlischt: unsere Sehnsucht. Und wenn du unaufhörlich beten willst, dann lass deine Sehnsucht nicht erkalten.“[35]

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Der Geist als Kraft gewaltloser Veränderung

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Öffnet sich der Betende dem Wirken des Geistes, so lässt er ihn nicht gleich zurück, sondern verwandelt ihn. Diese Veränderung kann präziser mit dem Begriff der Erneuerung beschrieben werden.[36] Für den Evangelisten Johannes ist die Wiedergeburt aus dem Geist (vgl. Joh 3,6) die Voraussetzung dafür, ins Reich Gottes zu gelangen. Die Verwandlung ist dabei – wie bei der Atemtherapie – eine gewaltlose, wenn auch oft schmerzvolle: „Nicht durch Gewalt und Kraft, sondern durch meinen Geist soll es geschehen“ (Sach 4,6). Der Geist ist Motor der Erneuerung, der heilsamen, aber gewaltlosen Neuschöpfung: „Denn der Geist drängt sich dem menschlichen Willen niemals auf, sondern gestaltet den Menschen der sich danach sehnt.“[37] Letztlich zielt das Wirken des Geistes auf die eschatologische Verwandlung und Vollendung hin. Dass diese geistgewirkte Transformation des Herzens oft mit einem dramatischen Ringen einhergeht, das wie ein Ostern ist, ein Durchgang vom Tod zum Leben, bringt Roger Schutz zum Ausdruck:

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„An welchen anderen Zeichen erkennst du, dass du dem Auferstandenen begegnet bist? Wenn die inneren Kämpfe, die seine Nachfolge mit sich bringt, wenn Anfechtungen und selbst der innere Tränenstrom, der aus dir hervorbrechen kann, wenn dein eigenes Ringen statt dich zu verhärten, sich in einen Quellort verwandelt. Mit einer solchen Verwandlung bricht schon auf der Erde die Auferstehung an. Eine Wende, die sich im eigenen Inneren vollzieht, Pascha, Ostern mit Christus, ein beständiger Durchgang vom Tod zum Leben.“[38]

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So wie der Atem die tieferen Schichten des Menschen durchströmt, so heilt der Geist Gottes die verborgenen, oft unzugänglichen Wunden, die inneren Widerstände und Vorbehalte Gott gegenüber.

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Die Atemtherapie macht etwas bewusst, das die Kirchenväter immer wieder betont haben: „Was nicht angenommen wird, kann auch nicht erlöst werden.“ D.h., es kann sich auch nicht heilsam verwandeln. Dieses liebevolle Aufsuchen des Abgestorbenen, das Durchatmen der Blockaden usw. meint dieses Annehmen der konkreten „Fleisch gewordenen“ Lebensgeschichte.

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Erneuerung: zum Ursprung in Gott zurück und voraus

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Das Atemgeschehen hat in der Leibmitte seinen Ausgangspunkt. Die Atemwellen in peripheren Körperstellen entfalten nur dann ihre heilende Wirkung, wenn die Verbindung zum Ursprung, zur Mitte gegeben ist. Was hat das mit dem Heiligen Geist zu tun?

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Hier können wir das alte Symbol für den Heiligen Geist, die Taube, heranziehen (vgl. Mt 16,17). Friederich Weinreb beschreibt treffend, was die Grundbewegung der Taube ausmacht: „Die Taube hat die Eigenschaft, dass sie stets an den Ort zurückkehrt, wo sie daheim ist, gleichgültig, wie weit sie davon entfernt sein mag. Immer findet sie den Weg zurück.“[39] Die Taube ist also eine Metapher für die Bewegung der „Auskehr“ und der Heimkehr zum Ursprung.[40] Das ist der Vergleichspunkt mit dem Heiligen Geist. Er hat also die Aufgabe der Vermittlung inne, und zwar nicht nur zwischen Vielfalt und Einheit. Er vermittelt vielmehr zwischen allen Formen der Lebensäußerung, dem pluriformen Ganzen und dem Ursprung der Wirklichkeit und des Lebens. Er bringt diese Lebensäußerungen zurück zum Ursprung, zur „Heimat“.

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„Der Geist führt in die Mitte jenes Geheimnisses, wo auch der Mensch erst wirklich daheim, zu Hause ist – ursprünglich leben kann, weil er vom Ursprung her und auf ihn hin sich zu zeitigen, in den Ablauf der Stunden hinein zu verwirklichen vermag, bis er in die Endgültigkeit des ewigen Ursprungs zeitlos zurückgekehrt ist.“[41]

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Der natürliche Atem, der überlagert ist und den es zu entdecken gilt, erinnert an das Wort des Augustinus: „Gott ist uns näher als wir uns selbst sind.“ Der Geist weckt die Sehnsucht nach diesem Ursprung, und mit Seufzen streben wir der endgültige Heimat entgegen (vgl. Röm 8,23; s.o.). So wie im Gebet der einzelne Gläubige sich dem Wirken des Geistes öffnet, sich dieser „Sehnsuchts- und Heimwärtsbewegung“ anschließt, so öffnet sich die Kirche in der liturgischen Versammlung der Gläubigen diesem Sehnen und der Hoffnung auf diese Heimat.

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3.4. Kirchliche Struktur und Wehen des Geistes

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Was kann uns die Atemtherapie nun im Hinblick auf die Kirche im Ganzen sagen?

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Den Rhythmus finden – Atempausen zulassen

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Wir leben in einer sich zunehmend beschleunigenden Welt. Das Tempo in der Arbeitswelt steigt, selbst die Freizeit ist von Aktivismus durchdrungen. Der Mensch ist atemlos geworden. Viele können das Tempo der modernen Gesellschaft nicht mithalten und fühlen sich überfordert. Der modernen Zeit und dem rastlosen Menschen fehlt die Ruhepause des Atmens zwischen Aus- und Einatmen. Das Immer-schneller ist zur Zeitkrankheit geworden.[42] Im Bild des Atemrhythmus ist die Einatmung in Form des gierigen Aufnehmens (man „zieht sich etwas hinein“) vorherrschend.

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Auch vor den kirchlichen und pastoralen Milieus hat diese Entwicklung nicht Halt gemacht. Die vielen Anforderungen an pastorale MitarbeiterInnen und SeelsorgerInnen führen gerade aufgrund ihres guten Willens oft unweigerlich zu einem Ausbrennen und zu Zusammenbrüchen. Der Erfolglosigkeit der kirchlichen Verkündigung versucht man durch noch größeres Bemühen und neue Aktivitäten zu begegnen. Anstehende, schmerzliche Sterbe- und Erneuerungsprozesse geraten dabei leicht aus dem Blickfeld. Diesem rastlosen Aktivismus droht jedoch manchmal die Seele, also die innere Anbindung, verloren zu gehen. Latente, uneingestandene Frustrationen legen den Boden für einen depressiven Aktionismus. Die Erfahrung der Atemtherapie lehrt eine klare Unterscheidung zwischen Aktionismus und Lebendigkeit, ja das eine kann das genaue Gegenteil des anderen sein. In diesem Sinn täten der Kirche und ihren Milieus regelmäßige Atempausen gut, damit in diesen scheinbar unproduktiven Zeiten – in der auf das Kommen des Atems/Geistes vertraut wird – etwas qualitativ Neues heranwächst.

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Damit wird auch klar, dass es der Kirche nicht um eine Veränderung als solche gehen kann. Die oft im Streit liegenden kirchlichen Pole der Progressiven und Konservativen greifen zu kurz. Die Atemtherapie macht uns auf jene theologischen Kriterien für Veränderung aufmerksam, die wir in der Heiligen Schrift selbst finden: In aller Veränderung ist die Verbindung zum schöpferischen Ursprung zentral. Die Quelle der Erneuerung, die Wiedergeburt, kann nur durch das Hören auf den Geist erfolgen.

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„Dehnungsübungen“ für die Kirche

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Wir haben bei der Atemtherapie gesehen, dass der Atem Raum braucht, um sich entfalten zu können. Dazu sind die Dehnungsübungen wichtig. Die Kirche ist einerseits eine Institution mit Strukturen, Gesetzen und Ämtern, andererseits – und in erster Linie – ein geistgewirktes Mysterium. Ein Großteil der Christen und Christinnen leidet an der Unbeweglichkeit der Strukturen und kirchlichen Gesetze. Der pulsierende Geist scheint ohnmächtig und eingezwängt.

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Heils- und Unheilsgeschichte liegen sowohl im individuell-persönlichen Leben als auch in der Kirche nahe beieinander. Auch die Geschichte der Kirche hat sich in ihren heute aktuellen „(Kirchen-)Leib“ eingeschrieben: in ihre vielfältigen Traditionen, Strukturen und Ämter. Und auch im Organismus der Kirche haben sich Dinge unheilvoll verfestigt, gibt es Blockaden und Verhärtungen – strukturell oder auch durch persönliche Amtsträger. Die Durchlässigkeit für den Heiligen Geist wird nicht immer in dem gewünschten Maß vorhanden sein.

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Braucht die Kirchen nicht Dehnungsübungen, d.h. muss sie nicht Experimentierfelder auftun, damit der Geist wirken kann? Im Rückblick scheint mir das Konzil ein solch institutionalisierter Raum gewesen zu sein, in dem der Geist Gottes sich (geordnet-konstruktiv) entfalten konnte. Das Konzil als geistgewirktes Ereignis wäre wohl nicht denkbar ohne die vielen kleinen Aufbrüche schon vor dem Konzil: die Bibelbewegung, die liturgische Bewegung usw. Diese „kleinen Räume“, in denen der Geist vorher wirken konnte, sind dann in den großen institutionalisierten Raum des Ökumenischen Konzils zusammengeflossen. Braucht es heute nicht mehr synodale Vorgänge? Und ist es nicht Aufgabe und Verantwortung des Amtes, solche Räume zur Verfügung zu stellen, in denen sich der Geist entfalten kann? Es ist wichtig, sich in Erinnerung zu rufen, dass es der Geist ist, der die Kirche erneuert und immer wieder verjüngt.

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„Damit wir aber unablässig erneuert werden (vgl. Eph 4,23) gab er uns von seinem Geist, der als der eine und gleiche im Haupt und in den Gliedern wohnt und den ganzen Leib so lebendig macht, eint und bewegt, dass die heiligen Väter sein Wirken vergleichen konnten mit der Aufgabe, die das Lebensprinzip – die Seele im menschlichen Leibe erfüllt“ (LG 7).

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In diesem Sinne würde der Kirche heute eine Atemtherapie gut anstehen. Die heilsam berührenden Handflächen der Therapeutin könnten dabei die Berührungspunkte mit der schrecklich-schönen Welt und der gesellschaftlichen Realität sein. Diese können der Kirche zwar einerseits auch den Atem stocken lassen. Andererseits transformieren sie die Kirche im „Hören auf den Geist“ (vgl. Off 2,7) und seine „Atemwellen“ auch zu einer immer stärker evangeliumsgemäßen Praxis des christlichen Lebens und der eschatologischen Gestalt von Kirche.

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[1]      Vgl. Petzold, Hilarion, Integrative Bewegungs- und Leibtherapie. Ein ganzheitlicher Weg leibbezogener Psychotherapie, 2 Bde., Paderborn 1988.

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[2]      Vgl. Middendorf, Ilse, Der erfahrbare Atem. Eine Atemlehre, Paderborn 1991.

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[3]      Karl Rahner fasst die Meinung vieler Christen so zusammen: „Wir haben im Schulunterricht vom Heiligen Geist reden gehört, wir sind getauft und gefirmt worden, aber damit erschöpft sich auch schon unser Verhältnis zum Heiligen Geist; in unserem Leben haben wir von ihm noch nichts verspürt.“ (Rahner, Karl, Angst vor dem Geist, in: Rahner, Karl, Chancen des Glaubens. Fragmente einer modernen Spiritualität, Freiburg 1971, 53-57, 53.) Auch Walter Kasper konstatiert, dass der Hl. Geist im durchschnittlichen kirchlichen und theologischen Bewusstsein keine überragende Rolle spielt, die westliche Kirche von einer Geistvergessenheit geprägt ist (Kasper, Walter, Der Gott Jesu Christi, Mainz 21983, 127). Feministische Theologie und die Bezugnahme zum Heiligen Geist als erfahrbare Kraft in „Frauenliturgien“ erscheinen als Ausnahmen.

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[4]      Vgl. Hilberath, Bernd Jochen, Pneumatologie, Düsseldorf 1994. Moltmann, Jürgen, Der Geist des Lebens: Eine ganzheitliche Pneumatologie, München 1991.

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[5]      Vgl. dazu im besonderen: Petzold, Hilarion, Integrative Therapie. Modelle, Theorien und Methoden für eine schulenübergreifende Psychotherapie, 3 Bde, Paderborn 1991-1993. Middendorf, Atem.

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[6]      Vgl. Barknowitz, Susanne, Atem. Ein lebendiges Geschehen, Stuttgart 1994, 15.

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[7]      Barknowitz, Atem, 17.

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[8]      Vgl. dazu Petzold, Leibtherapie.

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[9]      Hier kommen wir in den Bereich der psychosomatischen Erkrankungen, die von kaum wahrnehmbaren Einschränkungen bis hin zu massiven Symptomen und Organerkrankungen reichen. Vgl. Ort, Ilse, Der „domestizierte Körper“. Die Behandlung „beschädigter Leiblichkeit“ in der Integrativen Therapie, in: Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Integrative Bewegungstherapie (Hg.), Integrative Bewegungstherapie. Zeitschrift für Integrative Leib- und Bewegungstherapie in Deutschland, Niederlande, Österreich und der Schweiz, 1/1994, 3-19, 8.

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[10]     Vgl. zu dieser Unterscheidung Rahm, Dorothea, u.a., Einführung in die Integrative Therapie. Grundlagen und Praxis, Paderborn 1993, 76.

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[11]     So Alice Schaarschuch, zit. bei: Barknowitz, Atem, 29.

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[12]     Barknowitz, Atem, 29.

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[13]     Barknowitz, Atem, 29.

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[14]     Vgl. dazu: Petzold, Leibtherapie, 24-25.

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[15]     Vgl. z.B. das holotrope Atmen nach Stanislav Grof bzw. Sylvester Walch. Dabei wird durch Hyperventilieren (kräftiges, bewusst forciertes Atmen) der Sauerstoff- und Kohlenstoffgehalt im Blut so verändert, dass Bewusstseinszustände geschaffen werden, wie wir sie von Drogen kennen.

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[16]     Barknowitz, Atem, 10.

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[17]     Eine zusätzliche „Dehnung“, die sich oft spontan einstellt, ist das Gähnen. Gähnen ist eine Ur- und Naturform der Tiefatmung. Selbst wenn wir das Gähnen rein äußerlich nachahmen und den Mund und Schlund so weit wie möglich öffnen, gibt es einen Punkt, bei dem der echte Gähnreiz einsetzt und wir den Mund nicht mehr aus eigenem Willen schließen können – bis die Ausatmung von selbst eintritt.

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[18]     Zum ungemein reichen Übungsangebot siehe: Middendorf, Atem.

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[19]     Barknowitz, Atem, 21.

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[20]     Drei „Rumpf-Räume“ werde dabei unterschieden: Der Beckenraum, der als basal gilt und – im Bild gesprochen – den „Boden“ darstellt, der den Menschen trägt; die Mitte um das Zwerchfell, von dem her sich die Atembewegung in alle Richtungen des Leibes ausdehnt, und der obere Raum mit Schultern, Kopf und Händen.

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[21]     Vgl. Barknowitz, Atem, 23.

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[22]     Nicht jedes bedrängende Gefühl bedarf einer psychotherapeutischen Aufarbeitung. Die Atemtherapie geht den Weg des achtsamen „Beatmens“ dieser vernachlässigten Zonen. Es geht um eine ganzheitliche, leiblich seelische Zuwendung, die heilsam ist.

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[23]     Derbolowsky, Udo und Regina, Atem ist Leben. Ein Einführungs- und Übungsbuch, Paderborn 1996, 99.

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[24]     Barknowitz, Atem, 25.

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[25]     Besonders in den östlichen Religionen ist der Atem nicht nur ein Bild für die Wirkweise Gottes, sondern spielt auch eine wichtige Rolle bei spirituellen Übungswegen.

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[26]     Vgl. Derbolowsky, Atem, 12.

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[27]     Derbolowsky, Atem, 26.

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[28]     Müller, Gerhard, Art. Analogie II., in: LTHK3, 579-582, 579-580.

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[29]     Kasper, Walter, Der Gott Jesu Christi, Mainz 21983, 126.

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[30]     Kasper, Gott Jesu Christi, 127.

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[31]     Wobei hier nochmals zwischen der Analogie im Bild (eher kognitiv) und der Analogie in der erlebbaren Wirkweise (Ebene der leiblichen Erfahrung) zu unterscheiden ist.

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[32]     Müller, Analogie, 579-580.

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[33]     Vgl. Pratscher Wilhelm, Art. Geist/Heiliger Geist, in: Kogler, Franz (Hg.), Herders Neues Bibellexikon, Freiburg u.a. 2008, 236-237, 236.

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[34]     Kasper, Gott, 250. Kursiv im Original.

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[35]     Augustinus zitiert in: Seele der Welt. Texte von Christen der ersten Jahrhunderte, ausgewählt in Taizé, Freiburg 2001, 89.

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[36]     Vgl. dazu in diesem Band die Beiträge von Weber, Franz, „Seht, ich mache alles neu!“ Wandel als Gnade und Auftrag, und Siebenrock, Roman, Leben heißt sich wandeln. Systematisch-theologische Annäherung an das Thema „Wandlung“ im Blick auf das Zweite Vatikanische Konzil.

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[37]     Maximus der Bekenner zitiert in: Seele der Welt. Texte von Christen der ersten Jahrhunderte, ausgewählt in Taizé, Freiburg 2001, 111.

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[38]     Schutz, Roger, Einer Liebe Staunen, Taizé 1980, 25.

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[39]     Zitiert bei Imhof, Paul, Geist erfahren. Grundkurs Ignatianischer Spiritualität mit Werken von Max Faller. Band 3, St. Ottilien 1992, 2. Bei Imhof in der Titelbildbeschreibung zitiert ohne Seitenangabe aus: Weinreb, Friederich, Das Buch Jonah. Der Sinn des Buches Jonah nach der ältesten jüdischen Überlieferung, Zürich 1970. Die Taube heißt auf Hebräisch Jonah!

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[40]     Imhof, Geist erfahren, 39-43.

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[41]     Imhof, Geist erfahren, 2.

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[42]     Im Beitrag von Udeani, Monika, Zwischen Planbarkeit und Kairós. Inmitten dieser Welt als ChristIn leben, wird die Erfahrung der Beschleunigung zum Ausgangspunkt für eine erneuerte Aufmerksamkeit für den rechten Augenblick. Auch sie beschreibt das Innehalten als wichtigen Schritt.

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