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Zukunftsdimension des Christusglaubens

Autor:Schwager Raymund
Veröffentlichung:
Kategorieartikel
Abstrakt:
Publiziert in:# Vortrag beim Symposium der Redemptoristen in Gars/Inn (5.1.2000)
Datum:2001-10-17

Inhalt

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1) Apokalyptische Problematik

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Wenn wir von Christus als dem Kommenden und von der Zukunftsdimension des christlichen Glaubens sprechen drängt wie von selbst die apokalyptische Problematik auf, von der im Blick auf die Jahrtausendwende in letzter Zeit viel gesprochen wurde. Sie ist eine verwirrende Problematik. Schon im Urchristentum gab es Strömungen, die mit einer baldigen Wiederkunft Christi und einem baldigen Ende der Welt rechneten. Obwohl diese Erwartung enttäuscht wurde und die offizielle Lehre der Kirche die biblische Rede vom nahen Ende auf den individuellen Tod hin deutete, ist die kollektive Deutung nie ausgestorben. Bei Randgruppen und in bedrängten Zeiten tauchte sie im Altertum und im Mittelalter immer wieder auf ,und sie erhielt vor allem durch die Reformation einen starken und neuen Auftrieb. Luther sah im Papsttum den Antichristen, gegen den der Endkampf zu führen sei, und er rechnete wegen dieses Endkampfes mit einem baldigen Ende der Welt. Für radikale Gruppierungen und Strömungen der Reformation wurden die endzeitlichen Erwartungen noch wichtiger(1) , wobei sie im englischen Puritanismus und in den USA sogar größere politische Bedeutung gewannen  (2) . "Besonders nachdem die puritanische Revolution in England fehlgeschlagen war, wurden die Hoffnungen auf die 'Neue Welt' übertragen, auf die Gründung 'einer Stadt, die auf einem Berge liegt', um das dekadente Europa in ein herrliches neues Zeitalter zu führen. Jahrhundertelang sind [die] nationalen Ideale [der USA] von verschiedenen 'postmillennialistischen' Visionen inspiriert worden, d.h. von der Erwartung, die Wiederkunft Christi würde sich nach 1000 Jahren utopischen Lebens auf der Erde ereignen." (3) Ähnliche Visionen inspirierten sogar das Entstehen der Naturwissenschaften, wie das Beispiel von J.Newton zeigt, der nicht nur zum Begründer der modernen Physik wurde, sondern sich auch intensiv mit dem Propheten Daniel und der Offenbarung des Johannes beschäftigt und entsprechende Arbeiten veröffentlicht hat. Die Naturwissenschaften trugen allerdings entscheidend dazu bei, den messianische Zukunftsglaube in einen rein innerweltlichen Fortschrittsglauben zu transformieren.  (4)

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Seit der innerweltliche Zukunftsglaube in Krise geraten ist, hat der apokalyptische Glaube wieder neue Konjunktur. Im Handbuch Seher, Grübler, Enthusiasten führt Kurt Hutten weit über hundert Gruppen und Sekten an, die ein baldiges Weltende erwarteten oder erwarten und teilweise sogar konkrete Termine angeben.  (5) Die Endzeitstimmung hat während der letzten Jahrzehnte auch in einer breiteren Öffentlichkeit - und zwar vor allem durch die Ängste wegen der atomaren Bewaffnung - neuen Auftrieb erhalten. "Eine Umfrage von 1984 kam zu dem Ergebnis, daß ca 40 % der Amerikaner glauben, daß wenn die Bibel vorhersagt, daß die Erde durch Feuer zerstört werden wird, sie uns damit sagt, daß ein Atomkrieg unvermeidlich ist." (6) Die Tendenz, mit der Erwartung eines baldigen Endes auch Berechnungen zu verbinden, hat durch die Gründung des Staates Israel und den Sechs-Tage-Krieg (mit der Eroberung von ganz Jerusalem durch Israel) neue Nahrung erhalten. Manche glaubten, nun über konkrete Angaben zu verfügen, die sie mit Aussagen aus dem Buch Daniel und aus der Offenbarung des Johannes kombinieren könnten. Beispielhaft für die Tendenz, die atomare Problematik mit Berechnungen, die sich auf die Gründung des Staates Israel stützen, zu verbinden, steht das Buch Alter Planet Erde wohin? von H. Lindsey und C. Carlson, das ein weltweiter Bestseller wurde und eine Auflage von 20 - 30 Millionen Exemplaren erreicht haben soll.  (7) Dieses Buch ist der herausragendste Repräsentant der sogenannten Harmagedon-Theologie  (8) in den USA, die auch den früheren Präsidenten Reagan beeinflußt hat. (9)

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Apokalyptische Visionen haben die Menschen folglich immer wieder fasziniert. Sie haben utopische Erwartungen provoziert und zugleich zu vielen Enttäuschungen geführt und durch beides die abendländische Geschichte tief geprägt. Es wäre kurzsichtig die apokalyptische Thematik in Bausch und Bogen zu verwerfen. Da diese Thematik heute immer wieder im einen möglichen Atomkrieg in Beziehung gebracht wird, müssen wir kurz auf die Rolle der Naturwissenschaften und der Technik eingehen.

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2) Möglichkeit der Selbstvernichtung und Christus als Herr der Geschichte

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Die Naturwissenschaften sind von sich aus weder gut noch böse; sie sind aber auch nicht wertneutral, wie oft behauptet wurde, denn sie werden, wie der bekannte Physiker Carl Friedrich von Weizsäcker betont hat, von einer "Erkenntnis ohne Liebe"  (10) vorangetrieben. Diese Erkenntnis sammelt auf naturhafter Ebene immer mehr Einzelwissen, fördert aber weder das Zusammenleben noch das wechselseitige Verstehen. Sie ist technisch sehr wirksam und steigert vor allem die Macht, die Macht über die Natur und über die Mitmenschen. Wissenschaft und Technik sind deshalb zwar nicht böse, wohl aber haben sie, wie C.F. von Weizsäcker ebenfalls betont hat, einen verschärfenden Charakter.  (11) Durch sie werden neue Formen des Guten, aber auch ganz neue Dimensionen des Bösen und der Zerstörung möglich. Das wissenschaftlich-technische Unternehmen, das mit großen Versprechungen bezüglich der Verbesserung der Welt angetreten ist, erweist sich deshalb als ein gewagtes Abenteuer, und dies nicht zufällig. Nach C.F. von Weizsäcker führt ein schnurgerader Weg von Galilei nach Hieroschima.

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Daß eine ganz neue Form der Bedrohung auch nach einer theologischen Deutung ruft, ist verständlich, ja notwendig, selbst wenn solche Deutungen nicht leicht zu geben sind.

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Zwei Faktoren lassen sich heute aber klar festhalten. 1) Die biblische Rede vom Gericht ist komplex. Zentrale Texte zeigen, daß damit nicht in erster Linie ein äußeres Eingreifen Gottes in die Geschichte, sondern ein Selbstgericht der Menschen gemeint ist. Die Gewalttat fällt auf das Haupt des Täters zurück, wie Psalm 7 sagt, oder Gott zürnt, indem er die Menschen ihren eigenen Begierden und bösen Gedanken ausliefert, wie Paulus in Röm 1,18-32 darlegt. Welche Formen und Dimensionen dieses Selbstgericht annehmen kann, läßt sich vom biblischen Texten allein her nicht eindeutig beantworten. Die Offenbarung des Johannes zeigt aber klar, daß in der Zeit nach dem Kommen Christi die Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse sich steigert; es ist weder eine Zeit des Glücks noch eine Zeit des Unglücks, sondern eine Zeit der Verschärfung. Es ist eine Zeit, in der genau das sich abspielt, was C.F. von Weizsäcker bezüglich der Naturwissenschaften sagt. Die Möglichkeiten von Gut und Böse werden größer und die Auseinandersetzungen schwieriger und drängender. 2) Jene geistige Revolution, die zum Entstehen der Naturwissenschaften und der Technik geführt hat, ist nicht zufällig entstanden. Die historische Forschung weist heute klar nach, daß vielfältige christliche Einflüsse und Impulse den Weg dazu bereitet haben. Auch wenn massive Tendenzen in den neuen Wissenschaften sich bald gegen das Christentum gewandt haben, so sind diese dennoch klare eine Entwicklung innerhalb der christlichen Tradition. Sie sind ein unvorhergesehenes, ein indirektes Produkt der christlichen Geschichte.  (12) Jesus hat die Menschen in eine erhöhte Verantwortung gerufen, und die Geschichte des Christentums hat - ungewollt und auf überraschende Umwege - dem Menschen tatsächlich eine ganze neue Verantwortung in die Hand gegeben.

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Fassen wir zusammen: Es hat immer eine Tendenz gegeben, die biblische Botschaft vom nahen Ende nicht ausschließlich im Blick auf den individuellen Tod zu sehen. Diese Tendenz dürfte ein wahres Element enthalten. Darüber hinaus hat die christliche Verkündigung in einem langwierigen und komplizierten Prozeß dazu beigetragen, die Welt so zu verändern, daß sich heute eine neue Deutungsvariante der überlieferten Botschaft vom nahen Ende nahelegt, und diese lautet: die Menschen haben von nun stets angesichts eines möglichen nahen Endes der Menschheit zu leben, das sie selber herbeiführen können. Sie leben in der Nähe eines möglichen kollektiven Selbstgerichts. Auch wenn diese Katastrophe in den kommenden Jahrhunderten oder vielleicht sogar Jahrtausenden nicht eintritt, so ist sie dennoch als Möglichkeit ständig da. Wir haben von nun an ständig damit zu rechnen. Die bedrohliche Möglichkeit zeigt uns sehr konkret, daß wir in eine neue und erweiterte Verantwortung gestellt sind, - eine Verantwortung, die uns zu überfordern scheint, der wir aber nicht entrinnen können. Von da her erhält aber auch ein Herzstück der christlichen Verkündigung eine neue Aktualität und Plausibilität: wir Menschen haben die größere Verantwortung nicht allein zu tragen. Zum christlichen Glauben gehört die Überzeugung, daß Gott durch Christus auf hintergründige Weise die ganze Weltgeschichte führt. Diese Aussage ist nicht bloß der Ausdruck frommer Worte oder Gefühle. Sie ist eine Glaubensüberzeugung von weltpolitischer Bedeutung. Die meisten Menschen versuchen heute das Gefahrenpotential im Alltag zu verdrängen. Als Christen sollten wir die Situation klar sehen. Wir sollten zwar nicht einer Untergangsstimmung verfallen, wohl aber wissen, daß der Fortgang der Welt nicht selbstverständlich. Wir tanzen auf einem Seil. Da ist es doppelt wichtig zu wissen, daß wir letztlich nicht dem Zufall ausgesetzt sind, sondern eine weise Hand - auch durch menschliches Böse hindurch - die Welt führt.

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3) Menschenzüchtung und Neuschöpfung

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Eine ähnliche Problematik zeigt sich noch unter anderer Rücksicht. Bis zur Atomtechnologie - im Zusammenhang mit dem zweiten Weltkrieg - feierten die Naturwissenschaften ihre größten Erfolge im Bereich der Physik. Seither hat sich die Situation rapide verändert. Die Entdeckung des genetischen Codes brachte eine eigentliche Revolution in die Wissenschaften vom Lebendigen, und diese Revolution wirkt unmittelbar auf uns Menschen zurück. Es kommen immer mehr Lebensmittel auf den Markt, die gentechnisch verändert sind. Vor allem aber greift heute die medizinische Technik in Bereiche hinein, die bisher ganz der Natur vorbehalten waren. So laufen bereits etwa eine halbe Million Menschen auf Erden herum, die nicht mehr in einer geschlechtlichen Begegnung gezeugt wurden, sondern im klinischen Reagenzglas ihren Ursprung haben. Diese Trennung von Sexualität und Fortpflanzung dürfte in Zukunft noch zunehmen. Manche sprechen davon, die traditionelle Sexualität und Fortpflanzung sei in Zukunft nur noch eine Sache der Armen. Im Kampf gegen Krankheiten hat man ferner zu forschen begonnen, wie man das genetische Erbe der Menschen verändern kann. Sollen in Zukunft Menschen hergestellt werden, die ganz bestimmten Wünschen und Zielen entsprechen?

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Vor einigen Wochen hat der Erfolgsphilosoph Peter Sloterdijk bei einem internationalen Symposium im oberbayerischen Schloß Elmau - unter Berufung auf Heidegger, Nietzsche und Platon - die Problematik der Menschenzüchtung angesprochen. Er fragte zunächst: "Was zähmt noch den Menschen, wenn der Humanismus (d.h. die Erziehung) als Schule der Menschenzähmung scheitert?" Er versuchte dann zu zeigen, daß man seit Platon einen Zusammenhang zwischen Zähmung und Erziehung einerseits und Züchtung anderseits gesehen hat. Angesichts der modernen Möglichkeiten führe dies zu Menschentechniken, "vor denen das heutige Denken den Blick nicht abwenden" dürfe, wenn es nicht einer Verharmlosung der Problematik verfallen wolle. Es habe schon immer eine Evolution durch Mutation und Selektion gegeben. Heute gerate der Mensch aber "mehr und mehr auf die aktive oder subjektive Seite der Selektion". In Zukunft werde es deshalb darauf ankommen, "das Spiel aktiv aufzugreifen und einen Codex der Anthropotechniken" oder "Regeln für den Menschenpark" zu entwickeln.

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Dieser Vortrag hat schlagartig eine mächtige Diskussion ausgelöst. So schrieb z. B. "Der Spiegel" von einem Vortrag der "Züge faschistischer Rhetorik" trage (6. Sept. 1999, 268). Besonders beunruhigt zeigt sich Jürgen Habermas, und der ZEIT-Redakteur Thomas Assheuer hielt in seinem renommierten Wochenblatt fest: "Sloterdijks skandalöse Rede entspringt nicht nur der Verirrung eines Weltanschauungsphilosophen, der in den Fußstapfen von Nietzsche und Heidegger versinkt und sich dabei einbildet, er könne die Moderne begraben. In Sloterdijks Selektionsfantasien haust ein fürcherlicher Realismus, der das diabolische Potenzial der Genforschung nüchtern ins Auge faßt." (Die Zeit, 2. Sept. 1999). Sloterdijk reagierte scharf, warf seinen Gegner falsche Verdächtigungen vor und glaubte zugleich, den Tod der kritischen Theorie à la Habermas feststellen zu können. Nüchtern reagierte der amerikanische Philosoph Ronald Dworkin, machte aber gerade dadurch die ganze Tragweite der Diskussion deutlich. Er fragte, warum man Angst vor der Genforschung habe und hob dann - neben vordergründigen Motiven - folgende Grundproblematik hervor: Bisher habe man klar zwischen Schicksal und Freiheit unterscheiden können. Vieles sei den Menschen vorgegeben gewesen, an dem sie nichts ändern konnten, - die Natur, die man als Schöpfung Gottes betrachtete. Dieses Vorgegebene habe man respektieren müssen und daraus habe sich grundsätzlich eine klare Unterscheidung zwischen Gut und Böse ergeben. Durch die Genforschung werde diese Trennung zwischen Schicksal und Freiheit aber eingerissen und damit auch die Grundlage der traditionellen Moral, was selbstverständlich Angst auslöse. Man dürfe aber nicht der Angst folgen. Die Zeit sei gekommen, die bisherigen Grundlagen der Moral mutig in Frage zu stellen. Die Menschen hätten angefangen, bewußt Gott zu spielen. Dies sei zwar ein gefährliches Spiel, im Grunde hätten dies die Menschen aber immer schon getan. (13)

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Sollen wir tatsächlich Gott spielen? Es ist richtig, daß sich diese Frage den Christen schon immer gestellt hat. Auch wenn man die heutigen technischen Möglichkeiten nicht gekannt hat, finden sich in der Bibel diesbezüglich dennoch deutliche Aussagen. Ich möchte nur zwei entgegengesetzte Linien kurz herausgreifen.

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Im biblischen Schöpfungsbericht am Anfang des Alten Testaments heißt es, daß Gott den Menschen als sein Ebenbild geschaffen hat. Diese Aussage ist zentral für das biblische Menschenverständnis. Wenn der Mensch Abbild des Schöpfers ist, dann dürfte er wohl berufen und eingeladen, am schöpferischen Tun Gottes irgendwie teilzuhaben. Die alttestamentliche Erzählung legt diese Folgerung durch weitere Aussagen ausdrücklich nahe. Im Anschluß an die Schöpfungsberichte heißt es nämlich, Adam habe mit Eva einen Sohn, Seth, gezeugt, der ihm ähnlich, der sein Abbild war (Gen 5,3). Das Zeugen von Nachkommen dürfte folglich ein menschliches Abbilden der schöpferischen Tätigkeit Gottes sein. - Dies ist aber nur die eine Seite. Bereits vor dem Bericht über die Zeugung von Seth findet sich die Paradiesesgeschichte, in der die Schlange Eva mit der Verlockung, wie Gott zu sein, verführt. Die Teilhabe am Schöpferischen erscheint folglich in der Bibel von Anfang an unter zwei radikal verschiedenen Aspekten, als gottgewollter Auftrag und als teuflische Anmaßung. Beide Themen ziehen sich durch die ganze Bibel hindurch weiter und prägen auch das Neue Testament. Einerseits heißt es nämlich vom wahren Glaube, daß er in seiner letzten Ausprägung Berge versetzen kann und insofern an der Macht Gottes teilhabe.  (14)

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Anderseits gibt es die teuflische Art, wie Gott zu sein, deren Höhepunkt vor allem in der Offenbarung des Johannes dramatisch dargestellt wird. Dort wird geschildert, wie zwei Tiere auftauchen, die vom Drachen, dem Teufel, ihre Macht erhalten. Das erste Tier verkörpert die politische Macht, während es vom zweiten heißt, es sehe aus wie ein Lamm (= Christus), rede jedoch wie ein Drache. Es gleicht folglich äußerlich der Kirche, dem Geschöpf des Lammes, vertritt aber etwas ganz anderes. Es dürfte die gottfeindliche ideologische Macht sein, die dem ersten Tier, der politischen Macht dient und für diese ein Standbild errichten läßt. Dabei besitzt es ganz ungewöhnliche Kräfte: "Es wurde ihm Macht gegeben, dem Standbild des Tieres Lebensgeist zu verleihen, so daß es auch sprechen konnte und bewirkte, daß alle getötet werden, die das Standbild des Tieres nicht anbeteten" (Offb 13,15). Bei dieser Prophetie fällt auf, daß das zweite Tier nicht nur eine wunderbare Macht vortäuschen und damit die Menschen irreführen kann. Es wird ihm tatsächlich die Macht gegeben, dem toten Standbild Lebensgeist und Sprache einzuhauchen. Es verfügt folglich über ganz ungewöhnliche Kräfte und ahmt genau das nach, was Gott - gemäß dem zweiten Schöpfungsbericht - bei der Erschaffung des Menschen getan hat, nämlich dem Gebilde aus Lehm Lebensgeist einzuhauchen (Gen 2,7). Wie der biblische Schriftsteller dazu gekommen ist, einer widergöttlichen Macht derart außergewöhnliche Kräfte zuzusprechen, mag hier offen bleiben. Durch seine prophetische Aussage wird uns in unserem heutigen Kontext auf alle Fälle nahegelegt, die Möglichkeiten menschlichen Könnens nicht vorschnell einzugrenzen. Wenn die Offenbarung des Johannes sich selber mit dem Gedanken beschäftigt, daß es einer geschöpflichen Macht gelingen könnte, Leben zu schaffen und dadurch die Menschen zu ihrer Anbetung zu verführen, dann haben wir eine ähnliche Problematik vor uns wie beim Selbstgericht. Die christliche Verkündigung hat indirekt und ungewollt zum Entstehen einer Welt beigetragen, in der ihre eigenen Aussagen einen neuen, radikaleren und dennoch sehr konkreten Sinn bekommen: Der Mensch hat Anteil an der schöpferischen Kraft Gottes. Damit stellt sich für uns aber die schwierige Frage: Wie können wir zwischen dem göttlichen Auftrag, an seinem schöpferischen Tun Anteil zu haben, und dem widergöttlichen Versuch, die letzten Geheimnisse der schöpferischen Kräfte eigenmächtig an uns zu reißen, richtig unterscheiden? Diese Frage können wir nicht ein für allemal beantworten. Wir müssen uns tastend zurechtfinden. Wenn das kirchliche Lehramt z.B. seit Jahrzehnten - seit die neuen technischen Möglichkeiten gegeben sind - sich gegen die Trennung von Sexualität und Fortpflanzung wendet, dann war und ist sie nicht einfach stur. Sie hat ein riesiges Problem schon sehr früh gespürt. Ob sie dabei in allem richtig handelt, ist eine andere Frage, die wir gegenwärtig wohl kaum beantworten können. Erst wenn die Folgen der sich abzeichnenden Entwicklung ganz zur Auswirkung kommen, wird eine klareres Urteil möglich sein.

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Gerade in diesem Zusammenhang scheint mir ein traditionelles Thema eine neue Aktualität zu haben. Die christliche Lehre von der Schöpfung war immer auf die Neuschöpfung ausgerichtet. In Genesis 1 heißt es zwar, daß Gott sah, daß alles gut war. Aber bereits in Genesis 6 taucht eine andere Sicht auf: "Die Erde war in Gottes Augen verdorben. Sie war voller Gewalttat. Gott sah sich die Erde an: Sie war verdorben" (Gen 6,11). Die dramatische Spannung zwischen Gen 1 und Gen 6 bildet den Hintergrund für die ganze alt- und neutestamentliche Gerichts- und Heilsgeschichte. Und diese Geschichte zielt auf die neue Schöpfung. Zeichen dieser neuen Schöpfung innerhalb der alten Schöpfung sind vor allem jene Wunderzeichen, die in die Natur eingreifen: Jungfrauengeburt, Naturwunder, leibliche Auferweckung Jesu. In weiten Kreisen auch der katholischen Theologie ist es in den letzten Jahrzehnten Mode geworden, gerade diese biblischen Erzählungen nur noch bildhaft zu deuten. Man hielt sich an die moderne Trennung zwischen Naturgeschichte und Freiheitsgeschichte und meinte der christliche Glaube habe nur etwas mit der Freiheitsgeschichte zu tun, und alle Erzählungen, die die Natur betreffen müßten entsprechend umgedeutet werden. Gerade die Entwicklung in der Genetik zeigt aber, daß die Trennung zwischen Natur- und Freiheitsgeschichte trügerisch ist. Diese Trennung ist ein Dogma des 18. Und 19. Jahrhunderts, das durch die tatsächliche Entwicklung längst überholt ist, und die Theologie wird nicht aktuell, indem sie sich an überholte Moden anpaßt. Angesichts der enormen Probleme, die die Genetik heute stellt, halte ich die traditionelle christliche Lehre von der neuen Schöpfung und von den Wunderzeichen Gottes, die auch die Natur betreffen, für aktueller als sogenannte kritische Theologien.

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4) Begegnung der Religionen

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Die Begegnung mit Anhängern anderer Religionen ist heute ein alltägliches Faktum, und es wird in Zukunft eher noch zunehmen. Die Kirche und die Theologie reagiert darauf durch die Betonung des Dialogs, wobei bis in die höchsten kirchlichen Stellen hinein viel Unsicherheit festzustellen ist. 1986 hat sich der Papst in Assisi mit Führern anderer Religionen zum Gebet für den Frieden getroffen. Sie haben zwar nicht gemeinsam gebetet, wohl aber in Gegenwart der anderen. Der Papst hat dafür von Kritik bekommen. - Im vergangenen November gab es wieder ein solches Treffen in Rom. Diesmal hat man nicht mehr gebetet, sondern nur noch überlegt, was man gemeinsam Tun kann.

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Noch größere Unsicherheit gibt es im Bereich der Theologie. Viele meinen, einen wahren Dialog könne man nur führen, wenn man den Anspruch der eigenen Religion zurücknehme und alle Religionen mehr oder weniger auf die gleiche Ebene stelle (Pluralistische Religionstheologie).

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Unabhängig von der Wahrheitsfrage, die für mich zentral ist, auf die ich hier aber nicht näher eingehen möchte, halte ich die Position der pluralistischen Religionstheologie für völlig unrealistisch:

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  • Kein Anzeichen im Islam für eine solche Position
  • Klare Ablehnung durch Lehramt der katholischen Kirche
  • Klare Ablehnung durch die evangelischen Freikirchen, die weitaus die erfolgreichste Gruppe innerhalb des Christentums ist. (15)
  • Krise der Säkularisierungsthese (16)
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Der Islam wird auch ein besonderes Problem stellen. In ihm gibt es eine wachsende Zahl von Bewegungen, die Religion und Politik ganz vermengen und die Religion als Mittel im Kampf gegen die Dominanz des Westens und vor allem der USA verwenden. Innerhalb des Islams gibt es zwei Richtungen, die davon abhängen ob man sich eher am Propheten in Mekka oder in Medina orientiert. In Mekka war Mohammed in einer Minderheitenposition und er trug seine Lehre als Angebot vor. In Medina setze sich Mohammed auch mit militärischen Mitteln durch und er verstand seine Religion als umfassende Lebensordnung, die auch mit Gewalt durchgesetzt werden muß (propose oder impose).

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Die Tendenz im Islam, sich am Propheten in Medina zu orientieren, ist heute so stark, daß selbst Muslime beginnen, den Westen zur Vorsicht zu mahnen. Bassam Tibi: Toleranz dem Islam, wehrhafte Demokratie dem Islamismus gegenüber.  (17)

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5) Zukunft der Kirche und der Erlösungslehre

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Der kurze Überblick zeigt, daß große Gefahren vor uns stehen. Die ganz neuen Möglichkeiten genetischer Manipulation legen ferner nahe, daß es auch zu massiven Mißbräuchen kommen wird. Können wir damit nur klagen? Nein, eine doppelte positive Einstellung legt sich vielmehr nahe.

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(1) Die Christen sind eingeladen, sich untereinander enger zusammenzuschließen, damit sie sich wechselseitig ermutigen und stärken, einen eigenen Weg zu gehen. Das war der Weg der Christen in den ersten drei Jahrhunderten, als sie innerhalb des römischen Reiches noch in großer Minderheit waren. Das heidnische Rom hatte damals ganz andere moralische Vorstellungen (z.B. Aussetzung der Kinder, Schauspiele mit Kämpfen auf Leben und Tod, etc.), von denen sich die Christen bewußt distanziert haben. Heute treten wir schrittweise wiederum in eine neue nicht-christliche oder nach-christliche Welt ein. Es legt sich deshalb eine ähnliche Vorgangsweise nahe wie damals. Es werden sich in Zukunft wohl auch ganz neue soziale Probleme stellen, die vom Staat nicht mehr gelöst werden können und wo Gemeinschaften, zu denen sich Menschen frei zusammenfinden, antworten anbieten müssen (alte Menschen).

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Vielfalt konkurrierender christlicher Gemeinschaft!!

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R. Finke, R. Stark, The Churching of America 1776 - 1990. Winners and Losers in Our Religious Economy. New Brunswick 21994.

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R. Stark, A Supply-Side Reinterpretation of the 'Secularization' of Europe. In: Journal for the Scientific Study of Religion 33/3 (1994) 230-252.

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(2) Das entscheidende in der christlichen Botschaft ist nicht die Moral, sondern der G laube an das Handeln Gottes mit den Menschen und an sein erlösendes Tun. Dieses Handeln hat aber in der biblischen Gerichts- und Heilsgeschichte in besonderer Weise immer dort angesetzt, wo die Menschen versagt haben. Im Alten Testament sehen wir, wie die Menschen kaum der prophetischen Predigt gefolgt sind. Dafür kam das Unheil, das sich vor allem in der Zerstörung Jerusalems und des Tempels zeigte und das als Gericht Gottes gedeutet wurde. Gerade in der Zeit des Unheils wurde aber - dank neuer prophetischer Inspiration - auch eine ganz neue Dimension des Glaubens, die eschatologische Erwartung lebendig (neuer Bund, Ausgießung des Hl. Geistes, Auferweckung der Toten). - Ähnliches ereignete sich im Geschick Jesu. Er verkündete zunächst die Nähe der Gottesherrschaft und rief zu einem neuen Verhalten auf. Die Menschen versagten aber angesichts dieser Botschaft. Sie lehnten den unliebsamen Prediger ab, verurteilten und töteten ihn sogar. Gerade durch seinen Tod, durch die Art und Weise wie er auf das Böse, das ihm angetan wurde, reagierte, brachte er aber ein neues Heil in die Welt. Im Zusammenhang mit dem menschlichen Versagen kam es zum Erlösertod. (18) Paulus kann deshalb rückblickend sogar festhalten: "Wo jedoch die Sünde mächtig wurde, da ist die Gnade übergroß geworden" (Röm 5, 20). Im Anschluß an dieses Wort singt die Kirche seit der Väterzeit in jeder Osternacht das Wort von der felix culpa, von der glückseligen Schuld.

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Wenn Gott in der Vergangenheit dort, wo die Menschen systematisch versagt haben, auf ganz überraschende Weise Gutes gewirkt hat, dann dürfen wir eine ähnliche Zuversicht auch für die Zukunft haben. Die neuen technischen Möglichkeiten werden aller Voraussicht nach bedenkliche und bedrohliche Folgen haben. Dennoch haben wir die Zukunft nicht bloß schwarz zu sehen. Wir dürfen vielmehr hoffen, daß auch in dem, was die Menschen Böses tun, auf überraschende Weise Gutes entstehen kann. Das Böse wird damit nicht gut. Wohl aber zeigt sich, daß der Gang der Welt nicht bloß moralisch beurteilt werden kann. Gott knüpft immer wieder dort an, wo die Menschen tatsächlich stehen, auch wenn sie Böses tun. Er führt deshalb die Menschheit über viele Um- und Abwege zu seinem Ziel. Die Selbstmanipulation kann sich vielleicht in Zukunft einmal als ein böser Umweg entpuppen, der dennoch eine Etappe war zur neuen Schöpfung.

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Anmerkungen:  

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 1. Vgl. E. Kunz, Handbuch der Dogmengeschichte IV, 7c: Protestantische Eschatologie. Von der Reformation bis zur Aufklärung. Freiburg i. Br. 1980.

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2. Vgl. I. Escribano-Alberca, Handbuch der Dogmengeschichte IV/7d: Eschatologie. Von der Aufklärung bis zur Gegenwart. Freiburg i. Br. 1987.

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3. Chapman, Amerikanische Theologie im Schatten der Bombe (s. Anm. 4) 37.

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4. N. Cohn, Das Ringen um das tausendjährige Reich. Revolutionärer Messianismus im Mittelalter und sein Fortleben in den modernen totalitären Bewegungen. München 1961; K. Löwith, Weltgeschichte und Heilsgeschichte. Die theologischen Voraussetzungen der Geschichtsphilosophie. Stuttgart 81990.

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5. K. Hutten, Seher, Grübler, Enthusiasten. Das Buch der traditionellen Sekten und Sonderbewegungen, Stuttgart 131984; vgl. auch: H. Gasper u. a (Hrsg.), Endzeitfieber. Apokalyptiker, Untergangspropheten und Endzeitsekten (Herder Spektrum 4522). Freiburg i. Br. 1997.

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6. G.C. Chapman, Amerikanische Theologie im Schatten der Bombe. In: Evangelische Kommentare 47 (1987) 33 - 49, 37.

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7. H. Lindsey u. a., Alter Planet Erde wohin? Im Vorfeld des dritten Weltkrieges. Asslar 191991.

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8. Vgl. A. Lang, Armageddon: The Doctrine of Survivable Nuclear War. In: Convergence: Report from the Christic Institute. Washington D.C. Winter 1985 ( A. Lang, Harmagedon. Die religiöse Doktrin vom überlebbaren Atomkrieg. In Weißenseer Blätter, H. 6, 1986, 10-20). - Harmagedon ist gemäß Offb. 16.16 der Ort, wo die gottfeindlichen Mächte sich zum Endkampf versammeln und wo die Hure Babylon besiegt wird.

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9. Vgl. Chapman, Amerikanische Theologie im Schatten der Bombe (s. Anm. 4) 37 - 42.

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10. "Die wissenschaftliche und technische Welt der Neuzeit ist das Ergebnis des Wagnisses des Menschen, das Erkenntnis ohne Liebe heißt. Diese Erkenntnis ist an sich weder gut noch böse. Ihr Wert hängt davon ab, in den Dienst welcher Macht sie tritt. Ihr Ideal war, frei von jeder Macht zu sein. So hat sie den Menschen schrittweise aus seinen instinktiven und traditionellen Bindungen gelöst, aber ihn nicht in die neue Bindung der Liebe geführt... Wenn aber die Erkenntnis ohne Liebe in den Dienst des Widerstandes gegen die Liebe tritt, so rückt sie an die Stelle, die in den mythischen Bildern des Christentums durch den Teufel bezeichnet ist. Die Schlange im Paradies rät dem Menschen zur Erkenntnis ohne Liebe. Der Antichrist ist die Macht in der Geschichte, welche die lieblose Erkenntnis zur Vernichtung der Liebe ins Feld führt. Sie ist freilich auch die Macht, die sich durch ihren Sieg selbst vernichtet." C.Fr. von Weizsäcker, Die Geschichte der Natur. Göttingen 71970, 126.

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11. "Die Formel, die Technik sei wertneutral, ist ungenau. Wissenschaft und Technik sind nicht wertneutral, sondern verschärfend. Sie steigern die Macht mit ihren Folgen. Sie schützen den Menschen vor Naturgewalten und bedrohen ihn durch Zerstörung seiner natürlichen Umwelt." C.F. von Weizsäcker, Die Aufgabe der Kirche in der kommenden Weltgesellschaft. In: Evang. Kommentare 11 /1970, 641.

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12. Auch der griechische Einfluß war wichtig. Aber dieser allein hat nicht weiter geführt, wie vor allem die islamische Welt zeigt, die zwar den griechischen Einfluß auch aufgegriffen und hohe Kulturen geschaffen hat, in keiner Weise aber jene geistige Revolution hervorbrachte, die zu den modernen Naturwissenschaften führte.

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13. R. Dworkin, Die falsche Angst, Gott zu spielen. In: "Die Zeit", 16 Sept. 1999, 15- 17.

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14. "Glaube ist Macht, ja geradezu das Partizipieren an der Allmacht Gottes. Dem Erschreckenden an dieser Formulierung dürfen wir nicht ausweichen. Es entspricht nun einmal genau dem Spruch vom bergeversetzenden Glauben." G. Ebeling. Jesus und Glaube. In: ders., Wort und Glaube I, Tübingen: Mohr 1960, 248;

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15. "Wenn wir über nicht-elitäre Prozesse der kulturellen Globalisierung sprechen, müssen wir wenigstens einen Blick auf eine der merkwürdigsten Erscheinungen unserer Zeit werfen (auf ein Phänomen übrigens, das in Europa noch kaum bekannt ist) - nämlich auf die weltweite Explosion des evangelikalen Protestantismus, vor allem in der Form der Pfingstlerbewegung (Pentecostalism). Seit dem Zweiten Weltkrieg hat sich diese Religion mit unglaublicher Geschwindigkeit in vielen Ländern, wo sie bis dahin so gut wie unbekannt war, verbreitet - in ganz Ostasien (mit Ausnahme Japans), in den chinesischen Gesellschaften in Südostasien, auf den Philippinen, in den Pazifikstaaten, in Schwarzafrika, und (mit besonderer Vehemenz) in Lateinamerika, wo sie eine gewaltige Herausforderung der katholischen Kirche darstellt. Ich kenne die lateinamerikanische Situation am besten. Man schätzt heute, daß diese neue protestantische Bevölkerung etwa fünfzig Millionen Menschen südlich der USA-Grenze umfaßt - zum großen Teil Pfingstler, zum großen Teil Konvertiten der ersten Generation. Die meisten dieser neuen Protestanten sind sehr arme Menschen, sowohl auf dem Land (in Zentralamerika sind ganze Dörfer zum Protestantismus übergetreten) und in den explosiv wachsenden Städten. Es ist ein faszinierendes Phänomen, auf das ich hier nicht näher eingehen kann. Der Punkt hier ist einfach, daß wir einer massiven Kulturrevolution gegenüber stehen. Die Bekehrung bringt einen radikalen Wandel der Lebensweise mit sich - im Verhältnis zwischen Männern und Frauen (Ablehnung des herkömmlichen Machismo), in der Einstellung zu Kindererziehung und Arbeit ('protestantische Ethik'), im Aufbau neuer, autonomer Institutionen (Ablehnung der traditionellen Hierarchien, nicht nur der religiösen, und Einübung in demokratische Selbstverwaltung). Und diese Kulturrevolution ist global! Pfingstler aus Guatemala, aus Texas und aus Südkorea verstehen sich sofort, auch wenn sie keine gemeinsame Sprache haben." . Berger, Globaler Pluralismus. In: Conturen 1997, Heft 3, 33-45, hier 38.

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"In Bolivien sind mindestens 20 Prozent der Bevölkerung evangelikalen Fundamentalisten zuzuordnen. Andere Länder mit hohem Anteil sind Chile mit über 30 Prozent, Mexiko, El Salvador und Guatemala. Eine Studie über Brasilien wies schon Anfang der neunziger Jahre allein für die Pfingstkirchen 15 Prozent aus. Durchschnittlich nähern sich diese Gruppen also der 30-Prozent-Marke." Eine italienische Studie, die allerdings auch die Charismatiker aus anderen Kirchen und Denominationen mitrechnet, schätzt die pfingslerische Bewegung im Jahr 1994 auf 446 Millionen, und sie rechnet mit einem Wachstum auf ungefähr 600 Millionen bis zum Jahr 2000.

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Eine Untersuchung aus Indien zuhanden der dortigen Bischofskonferenz (1996) kommt bezüglich des Subkontinents zu einem ähnlichen Ergebnis. Der 'neo-pentecostalism' kenne seit 1980 ein 'phänomenales' Wachstum und mehr als 90 % seiner Mitglieder seien Anhänger der ersten Generation. Als wichtigste Gründe für den Übertritt zu dieser Bewegung werden angegeben: intensive Gotteserfahrung (80 %), zentrale Rolle der Bibel (76%), Gemeinschaftserfahrung (74%), überzeugende Lehre (51 %) und Gaben des Geistes (51 %). Gemäß der Studie waren 41 % der neuen Pfingstler früher Katholiken, 31 % nicht-katholische Christen und 28 % Nicht-Christen, was zeigt, daß der 'neo-pentecostalism' eine deutliche missionarische Kraft besitzt und neue Anhänger aus allen Bereichen zu gewinnen vermag.

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16. S. Huntington, Der Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert. München: Europaverl. 1996.

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17. Bassam Tibi, Kreuzzug und Djihad. Der Islam und die christliche Welt. München Bertelsmann 1999.

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18. Zur ausführlicheren Darlegung und Begründung: vgl. R. Schwager, Jesus im Heilsdrama. Entwurf einer biblischen Erlösungslehre. Innsbruck: Tyrolia 21996.

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