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The Charm is Back
("Harry Potter und der Feuerkelch" - Eine Filmkritik)

Autor:Wandinger Nikolaus
Veröffentlichung:
Kategoriekommentar
Abstrakt:
Publiziert in:# Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2005-11-24

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Nachdem ich beim letzten Teil der filmischen Umsetzung der Harry-Potter-Romane mehr als enttäuscht war,1 ging ich diesmal mit entsprechender Zurückhaltung ins Kino. Und in der Tat: wiederum war die Handlung stark vereinfacht, ganze Teile des Plot fehlten und das Gesamte schien mir nur verständlich, weil ich den Roman dazu kannte und das Fehlende so quasi instinktiv ergänzte. Dennoch verließ ich diesmal das Kino nicht enttäuscht, sondern mit dem Gefühl gut unterhalten worden zu sein in einer filmischen Umsetzung, die wohl – die Schwierigkeiten einen Roman von über 600 Seiten in einen zweieinhalbstündigen Film zu komprimieren mit bedacht – nicht viel besser möglich war.

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Im Detail: Schade war das völlige Fehlen der Hauselfen-Problematik und Hermines Vereinigung zur Befreiung dieser Wesen. Damit fehlte das Thema Sklaverei und Unterdrückung und die im Roman mitgegebene wichtige Beobachtung, dass die Unterdrückten oft gar nicht befreit werden wollen, weil sie es nicht besser wissen. Dadurch bedingt musste auch ein größerer Teil der Haupthandlung umgestaltet werden. Doch – geschenkt: was wichtig ist, war vorhanden. Schade war die eklatante Kürzung der Quidditch-Weltmeisterschaft, inklusive des Auftritts der Veela (auf den vielleicht viele schon gewartet hätten). Das Fehlen dieser die Männer betörenden und um den Verstand bringenden Geschöpfe wurde allerdings durchaus gelungen ausgeglichen durch den Auftritt der Mädchenklasse von Beauxbaton in Hogwarts und – um keiner sexistischen Einseitigkeit zu verfallen – dem Einmarsch der Kosaken von Durmstrang. Die üblen Methoden der Klatschpresse, personifiziert durch Rita Skeeter (Kimmkorn), wurden gebührend dargestellt, auch wenn der letzte Clou des Romans (ihr heimliches Belauschen der anderen als Fliege) der Schere zum Opfer fiel. Völlig hinter meinen Leserfantasien zurück blieb das verrückte Auge von Mad-Eye Moody, aber bei genauerem Nachdenken wüsste ich nicht, wie man es hätte anders machen können, und es ist auch eine Nebensächlichkeit der Maskenbildnerkunst, die nicht über die Qualität des Films entscheidet.  Die tragische Familiengeschichte der Crouches ging auch verloren, was sehr schade ist.

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Was dem Film gelingt, ist weitaus wichtiger: Der Zustand des 14-jährigen Harry (dass Darsteller Daniel Radcliffe bereits 16 ist, nimmt etwas Plausibilität, die Nachteile eines Schauspieleraustausches hätten aber bei weitem überwogen), der ohne sein Zutun und Wollen bei einem lebensgefährlichen Turnier mitmachen muss und dafür von seinen engsten Vertrauten nur Ablehnung und Neid erntet; der innerhalb kürzester Zeit zum verfolgten Hassobjekt der ganzen Schule wird („Potter stinks“); der schließlich seine Freunde zurückgewinnt, als sie sehen, wie lebensbedrohlich seine Aufgabe ist; und der bereit ist, sein Leben für die Freunde zu geben; all das wird einfühlsam und plastisch dargestellt. Innehaltende und emotionale Elemente wechseln sich ab mit stiller Ironie und köstlichem Humor (man denke nur an die pubertären Probleme der Jungzauberer, eine Tanzpartnerin für den Yule-Ball zu finden) und mit atemraubender Spannung. Harrys Kampf gegen den Drachen ist ebenso gelungen wie sein Tauchabenteuer.

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Besondere Aufmerksamkeit verdient die einfühlsame und sympathiereiche Darstellung Neville Longbottoms: Neville, der Pechvogel und Schussel der Klasse, leidet besonders, als der falsche Professor in Verteidigung gegen die dunklen Künste die drei verbotenen, unverzeihlichen Flüche zeigt. Sind doch seine Eltern durch den Folter-Fluch „Cruciatus“ von eben jenem Mann, der nun als Professor auftritt, in den Wahnsinn getrieben worden (was man allerdings im Film nur sehr beiläufig erfährt).  Während Neville am ganzen Leib zittert, rinnen einer Figur im Glasfenster die Tränen über das Gesicht, weil Regentropfen gegen die Außenseite des Fensters fallen. Allerdings ist Neville der einzige Junge, der den Yule-Ball zu genießen scheint: Er hat ein Talent zum Tanzen und das Glück mit Ginny Weasley eine flotte Sohle aufs Parkett zu legen (dieser Einfall, der vom Roman abweicht, verleiht dem Film eine fröhliche Note).

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Und dann der dunkle Schlussteil: Harry und Cedric von Lord Voldemort entführt, Cedric wird ohne ein Wimpernzucken getötet, Harry wird Blut entnommen, so dass der dunkle Lord wieder körperlich erstehen kann. Hier nimmt der Film in der Darstellungsweise offensichtlich Rücksicht auf sein jugendliches Publikum (die Altersgrenze von 12 Jahren ist angebracht), die Blutentnahme bei Harry ist wesentlich unspektakulärer als das Buch erwarten lässt und auch die Erstehung Lord Voldemorts ist zwar gruselig, aber keineswegs ein Horrortrip. Besonders ergreifend: Der nach seiner Flucht über der Leiche Cedrics zusammengekauert weinende Harry, aus dem die ganze Verzweiflung über das soeben Erlebte hervorbricht.

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Die in den Romanen so große Bedeutung von Freundschaft, Opferbereitschaft, Mut und Liebe – sie tritt etwas in den Hintergrund, bleibt aber durchaus spürbar in der Verfilmung von Harry Potter und der Feuerkelch. Trotz aller Kompromisse, die das Medium Film der Geschichte abverlangt, lässt sich doch resümieren: Harry Potter’s charm is back.

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Anmerkungen:

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1 Vgl.: http://info.uibk.ac.at/c/c2/theol/leseraum/kommentar/494.html

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