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Harry Potter als der Gefangene der Filmindustrie
(Eine Kritik)

Autor:Wandinger Nikolaus
Veröffentlichung:
Kategoriekommentar
Abstrakt:
Publiziert in:# Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2004-06-28

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Der neue Film „Harry Potter und der Gefangene von Askaban" läuft nun schon einige Wochen in unseren Kinos und die meisten Kritiken loben ihn über den grünen Klee. Ich – selbst Potter-Fan – kann dies allerdings nicht nachvollziehen. Die Verfilmung des dritten von J. K. Rowlings Romanen richtet sich offensichtlich an ein Publikum, das diese Romane gut kennt, so dass es die vielen wichtigen im Film fehlenden Elemente und Handlungsteile – wohl ohne sich dessen bewusst zu sein – intuitiv ergänzt, und so mehr sieht, als tatsächlich geboten wird.

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Die im Roman so einfühlsam erzählte Geschichte vom vermeintlichen Verräter und Schwerverbrecher, der sich schließlich selbst als Verratener und Opfer herausstellt, vom 13-jährigen Zauberschüler, der zwischen der Angst, heimatlos zu werden, der Wut auf den vermeintlichen Verräter seiner Eltern und der Erkenntnis, dass dieser in Wahrheit seine Hoffnung auf ein neues Zuhause ist, hin und hergerissen wird, vom Kampf des Jungen mit seiner Furcht und den Schrecknissen der Vergangenheit – all das wird im Film zu einer relativ zusammenhanglosen Aneinanderreihung mehr oder weniger gelungener Action- und Grusel-Szenen, bei denen es mir ein Rätsel ist, wie man sie für Kinder ab 6 Jahren freigeben kann. So junge Kinder können die Handlung des Films noch nicht verstehen, sind zwar alt genug, sich an den gruseligen Stellen zu ängstigen, aber noch zu jung, um dies als angenehmen Nervenkitzel zu empfinden. Eine Freigabe ab 12 Jahren schiene mir wesentlich angemessener.

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Nur wenige gute Dialoge zwischen Harry und seinem Lehrer Lupin stehen dem entgegen. Der im Roman so wichtige Schulleiter Dumbledore wird vollends zur Staffage herabgestuft, das Wechselbad zwischen himmeljauchzender Glückseligkeit und abgrundtiefer Verzweiflung, dem Harry ausgesetzt wird, als seine Hoffnung, bei seinem Taufpaten wohnen zu können und so von seinem Leidensweg bei den Pflegeeltern befreit zu werden, zunichte wird, kommt nicht annähernd zur Darstellung. Stattdessen nimmt der Film anstandslos eine Fülle von Inkonsistenzen der Handlung in Kauf, um nur ja nicht zu lang zu sein: Niemand, der es nicht schon aus dem Roman weiß, erfährt im Film, dass die Zeichner der geheimnisvollen Hogwarts-Karte niemand anderer als Harrys Vater und seine besten Freunde, mit denen es Harry in der Geschichte zu tun hat, sind; niemand kann erklären, warum Prof. Lupin die Karte sofort erkennt, während Prof. Snape keinen blassen Schimmer hat, worum es sich handelt. Auch der Zeitdruck, unter dem die jugendlichen Helden Harry, Hermine und Ron am Ende stehen, als sie Sirius Black vor dem sicheren Tod retten müssen, kommt im Film nicht zum Ausdruck.

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Etwas Gutes will ich nun aber doch noch sagen: Die schon erwähnten Dialoge zwischen Harry und Lupin bieten einen leisen Schimmer des in den Romanen vorhandenen Tiefgangs, die tricktechnische Gestaltung des Hippogriffs Buckbeak kann sich sehen lassen, und als spezielles Schmankerl lassen die Filmemacher die Hogwarts-SchülerInnen einen Chorgesang anstimmen, dessen Text im Roman nicht vorkommt und der von keinem geringeren als William Shakespeare stammt. Passenderweise ist er aus Macbeth genommen: der Gesang der Hexen, als sie den Zaubertrank brauen, mit dessen Hilfe sie Macbeth verklausuliert die Art seines Untergangs vorhersagen (4. Akt, 1. Szene). Und: Der Film ist äußerst kurzweilig, die Zeit verfliegt im Nu. Gerade deshalb: er hätte ruhig zugunsten von Konsistenz und Tiefgang etwas länger sein dürfen.

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Zugegebenerweise wird es schwieriger, die immer umfangreicheren Romane zu verfilmen. Während es beim ersten noch gelang, den ganzen Charme und die Emotionalität des Buches – mit nur wenigen vereinfachenden Glättungen der Handlung – zu übertragen, wurde dies beim zweiten schon zugunsten von rasanter Action zurückgestellt. Beim dritten nun gehen nicht nur Emotionalität und Tiefgang fast völlig verloren, sondern auch der Handlungsstrang wird zerschnitten und zu einem Teil aufgelöst. Nicht, dass es in den Büchern nicht auch heiße Action und spannenden Grusel gäbe. Ganz im Gegenteil! Aber dort sind sie eingebettet in gute Dialoge und nachdenkliche Sequenzen. Der in den Romanen deutlich spürbare Niederschlag wichtiger menschlicher, ja eigentlich christlicher, Haltungen verflüchtigt sich so. Im Gefangenen von Askaban wird Harry Potter ein Stück mehr ein Gefangener der Film- und Merchandising-Industrie. Wirklich schade.

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