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Ist eine christliche Theologie des Opfers noch möglich?

Autor:Schwager Raymund
Veröffentlichung:
Kategorieartikel
Abstrakt:Die Problematik des Opfers ist eine der sensibelsten in unserer heutigen Welt. Bereits das Wort weckt unterschiedlichste Emotionen, die ruhige Überlegungen erschweren.
Publiziert in:GEWALTige Opfer. Filmgespräche mit René Girard und Lars von Trier. Hg. von L. Karrer (Film und Theologie 1), Köln: KIM 2000, 17-27.
Datum:2001-09-20

Inhalt

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1) Opferkritik

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Ein zentraler Strom des liberalen und aufklärerischen Denkens, wendet sich seit langem scharf dagegen, daß andere Menschen geopfert oder ihnen Opfer zugemutet werden. J. Habermas sieht in einer seiner neuesten Veröffentlichung sogar den „normativen Kern" der Aufklärungskultur darin, „die Moral des öffentlich zugemuteten sacrificium abzuschaffen". (1) Diese Kritik hat auch Eingang in die Theologie gefunden und wird heute in gewissen Fällen sehr massiv vertreten. So hat z. B. Regula Strobel in der Karfreitagsausgabe der Neuen Zürcher Zeitung von 1999 eine Kritik der christlichen Opfertheologie veröffentlicht (2), die fast brutal klingt. Nach ihr ist die christliche Opfertheologie u.a. dafür verantwortlich, daß sexuelle Gewalt an Kindern leichter akzeptiert wird und daß die Machthaber in der Wirtschaft geneigter sind, Entscheidungen gegen ihre Arbeiter zu treffen und diese zu opfern.

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Wenn man die Geschichte des Opfers und des liberalen und wirtschaftlichen Denkens etwas kennt, wird man allerdings vorsichtiger urteilen. In einer sehr sorgfältigen Studie hat J.-P. Dupuy (3) aufgezeigt, wie die großen Theoretiker des liberalen ökonomischen Denkens auf prinzipieller Ebene zwar versucht haben, das Prinzip zu verteidigen, daß der einzelne nicht geopfert werden darf, daß sie de facto aber nie ohne eine Opferlogik ausgekommen sind und diese - direkt oder indirekt - auch wieder gerechtfertigt haben. Dupuy schließt daraus: ‚Le marché contient la violence' und zwar im doppelten Sinn des Wortes ‚contenir'. Der Markt enthält in sich Gewalt, und er dämmt sie ein. Keine Gesellschaft konnte je ohne Opfer existieren, auch die moderne nicht. Der große Unterschied zwischen der archaischen Welt und der modernen besteht - unter Rücksicht des Opfers - nicht darin, daß die frühere Opfer kannte und brauchte und die heutige nicht. Archaischen Gesellschaften waren vielmehr bewußt auf Opfer ausgerichtet und sahen darin ihr Zentrum, während die moderne Gesellschaft ohne Opfer auszukommen versucht, aber dennoch viele produziert, diese jedoch so gut wie möglich verschleiert. Dieser Widerspruch zeigt sich nicht nur in der wirtschaftlichen, sondern auch in der politischen Welt. In allen Kriegen haben die Staaten verlangt, daß ihre Bürger sich fürs Vaterland oder eine Ideologie opfern. Besonders einprägsam hat dies der englische Dichter W. Owen, der gegen Ende des ersten Weltkrieges gefallen ist, in einem Text zur Darstellung gebracht, der nach dem zweiten Weltkrieg von Benjamin Britten in seinem ‚War Requiem' aufgegriffen wurde. Owen erzählt die alte Geschichte von der Bereitschaft Abrahams, seinen Sohn Isaak zu opfern, im Kontext des ersten Weltkrieges auf neue Weise: „Da band Abraham den Jüngling mit Gürteln und Riemen, und baute daselbst Wälle und Schützengräben, und hob das Messer, daß er seinen Sohn schlachtete. Doch siehe, ein Engel rief ihn vom Himmel und sprach: Lege deine Hand nicht an den Knaben, und tu ihm nichts. Siehe, ein Widder mit seinen Hörnern in einer Hecke hängend; opfere den Widder des Stolzes an seiner Statt. Doch der alte Mann wollte nicht, sondern schlachtete seinen Sohn, und die halbe Saat Europas, einen nach dem anderen." (4) Modernes Denken kritisiert die Opfer, und dennoch ist die heutige Welt in keiner Weise bereit und fähig, von ihnen zu lassen und dafür den Widder des Stolzes zu opfern. Neueste Erfahrungen zeigen sogar noch mehr. Die Luftangriffe der Nato gegen Serbien wurden mit den Menschenrechten begründet, und man argumentierte, man müsse Bomben werfen und Menschen opfern, um viel größere Opfer zu verhindern. Diese Argumentation entspricht genau der alten Opferlogik, auf die sich bereits der Hohepriester Kajaphas berufen hat, um die Verurteilung Jesu zu rechtfertigen: Es ist besser, daß ein Mensch stirbt, als daß das ganze Volk zugrunde geht (vgl. Joh 11,50). Die Evangelien legen diese Opferlogik bloß und zeigen, wie Jesus selber ganz anders gehandelt hat. Die Welt funktioniert dennoch in den alten Bahnen weiter. Unter dem Einfluß der Evangelien kam es zwar zur aufklärerischen Opferkritik, die letztlich aber nur wenig verändert hat und vor allem dazu führte, daß die Opferlogik - außer in Kriegsfällen - meistens nicht mehr offen eingestanden wird. Diese Widersprüchlichkeit ist einer der Gründe, weshalb eine redliche Rede vom Opfer heute schwierig geworden ist.

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2) Kritik an der Opferkritik

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Eine nüchterne Betrachtung der theologischen Opferproblematik wird noch durch weitere Gründe erschwert. F. Nietzsche hat - anders als der Hauptstrom der Aufklärung - die christliche Lehre nicht wegen ihrer Opfertheologie, sondern gerade mit gegenteiligen Argumenten angegriffen. In einem Fragment aus seinen letzten Lebensjahren, das sein tiefstes Denken verrät, schreibt er: „Der Einzelne wurde durch das Christentum so wichtig genommen, so absolut gesetzt, daß man ihn nicht mehr opfern konnte: aber die Gattung besteht nur durch Menschenopfer. Vor Gott werden alle ‚Seelen' gleich: aber das ist gerade die gefährlichste aller möglichen Werthschätzungen! ... Die ächte Menschenliebe verlangt das Opfer zum Besten der Gattung - sie ist hart, sie ist voll Selbstüberwindung, weil sie das Menschenopfer braucht. Und diese Pseudo-Humanität, die Christenthum heißt, will gerade durchsetzen, daß Niemand geopfert wird." (5) Die Theologin Strobel klagt die christliche Lehre an, daß sie eine Opferhaltung verbreitet habe, und Nietzsche, der Kritik des Christentums, wirft ihm vor, daß es die Opfer abschaffen will. Nietzsche dürfte in diesem Punkt viel klarer gesehen haben. Wenn es eine aufklärerische Opferkritik gab und gibt, dann ist dies eine Nachwirkung des Evangeliums. Jene Kritik aber, die Nietzsche vorträgt, entspringt einer Rückkehr zur mythischen Welt, wie er selber ausdrücklich sagt : „Dionysos gegen den ‚Gekreuzigten': da habt ihr den Gegensatz." (6) Nietzsche macht auch klar, worin seiner Ansicht nach der Gegensatz besteht: „Es ist nicht eine Differenz hinsichtlich des Martyriums, nur hat dasselbe einen anderen Sinn. Das Leben selbst, seine ewige Fruchtbarkeit und Wiederkehr bedingt die Qual, die Zerstörung, den Willen zur Vernichtung... im anderen Fall gilt das Leiden, der ‚Gekreuzigte als der Unschuldige', als Einwand gegen dieses Leben, als Formel seiner Verurtheilung."(7) Nach Nietzsche gehört zur ewigen Fruchtbarkeit des Lebens die Zerstörung und der Wille zur Vernichtung, und er wirft dem Christentum vor, daß es diesen Willen zur Vernichtung schlecht mache und durch die Lehre von der Unschuld des Gekreuzigten die Gewalt moralisch verurteile.

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Hinter der Position Nietzsche's steht eine ästhetische Faszination durch das Rauschhafte und die Gewalt. Es wäre eine lohnende Aufgabe, dieser Faszination auch bei anderen Vertretern der modernen Ästhetik und Kunst näher nachzugehen. Hier sei nur auf ein neuestes Beispiel hingewiesen. Der österreichische Aktionist Hermann Nitsch veranstaltet seit 1971 in regelmäßigen Abständen ein mehrtägiges „Orgien-Mysterien-Theater", bei dem Schlachtungen und Blut eine entscheidende Rolle spielen. H. Hurka hat in einer Arbeit über die mediale Konstruktion des Opfers die Aktionen von Nitsch und seine Schriften analysiert und zeigt, daß diese „Orgien-Mysterien" - durch eine moderne Verbindung von Tiefenpsychologie und Mythologie - ganz auf ein opferartiges Töten ausgerichtet sind. (8) Durch das ‚Origen-Mysterium' soll aufgestaute Lust und Aggression abgeleitet werden. Nitsch selbst schrieb schon 1969: „Die abreaktionsorgiastik mit geschlachteten tieren (mit rohem fleisch) ist unter umständen nur ein hinweis für den drang zu einem extremeren erlebnis, das selbst innerhalb des spieles ausgespart blieb, gemeint ist die tötung, das tötungserlebnis... Der rausch der grausamkeit erlaubt das extrem verbotene und endet im töten." (9) In seinen späteren Spielen werden die Hinweise auf die Tötung noch deutlicher, und Nitsch bringt den Rausch der Grausamkeit, der das extrem Verbotene erlauben soll, ausdrücklich mit Ödipus, Dionysos und sogar mit Christus in Beziehung. In seine Orgien-Mysterien-Spiele integriert er wichtige Elemente von Opferungen und von der Kreuzigung. Sexualität, Aggression und Gewalt verbinden sich so zu einem kollektiven Abreaktionsgeschehen, das durch Schlachtung eine Tötung nahelegt und - wie Hurka zeigt - letztlich auf Menschenopfer zielt.(10) Dadurch soll das nachgespielt werden, was die Grundlage jeder Gesellschaft, jeder Ästhetik und jeder Religion ist: die kollektive und rauschhafte Tötung eines Opfers, um auf diese Weise die soziale Harmonie wieder herzustellen. (11) Nitsch hat Skandale erregt. Er tut aber kaum etwas Außergewöhnliches, wie Hurka zeigt: „Nitsch legt bloß, was die Gesellschaft sich rund um die Uhr von den Medien - vor allem den audiovisuellen - ohne sich dessen bewußt zu sein, verabreichen läßt. Jeder Prominentensturz, jeder in seinem Blut verendende Filmschuft sind rationalisierte, beziehungsweise verkitschte Opfer, die kollektive Aggressionen kanalisieren. Weniger in seinem Gebrauch von Realien wie Tierkadavern und Blut liegt die Einlösung von Nitschs Bewußtmachungsprogramm als im radikalen Verzicht auf jeglichen narrativen Ansatz, durch den etwa dem Opfer irgendeine Schuld zugeschrieben würde. Nitschs Sinngebung der Opferkulte reduziert sich auf die Feststellung aggressiver Impulse der Mehrheit gegen Einzelne."(12) Nitsch vollzieht eine Art Opferritus ohne Mythos. Er propagiert damit einen Abreaktionsmechanismus in Reinkultur.

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3) Problemlage

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Die bisherigen Ausführungen dürften zeigen, daß wir beim Stichwort ‚Opfer' eine äußerst komplexe Situation vor uns haben. Der normative Kern des aufklärerischen Denkens spricht sich dagegen aus, daß Menschen zum Wohl eines Kollektivs geopfert werden. Die gleiche Tradition muß aber immer wieder feststellen, daß Opfer unvermeidlich sind, nur sucht sie diese im Alltag so gut wie möglich zu verdrängen. Eine abweichende, vor allem ästhetische Tradition der Moderne ist direkt von kollektiv-rauschhaften Opferungen fasziniert, spielte diese - wie Nietzsche - gegen das Christentum aus oder bringt sie - wie Nitsch- auf völlig unglaubwürdige Weise mit diesem in Beziehung. Zu dieser in all ihren Tiefenschichten schwer überschaubaren Situation kommt hinzu, daß die deutsche Sprache - im Gegensatz zu den romanischen - keinen Unterschied macht zwischen dem Opferakt (sacrificium) und dem Objekt des Opfers (victima). Diese mangelnde sprachliche Differenzierung trägt zu weiteren Verwirrungen bei.

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4) René Girard

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In dem schwer überschaubaren Gelände der Opfer scheint mir das Werk von René Girard die beste Orientierungshilfe zu bieten. Aus seiner Sicht sind zunächst drei große Bereiche zu unterscheiden:

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Opfer in archaischen, verstaatlichen Gesellschaften

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Girard deutete diese Riten ähnlich wie Nitsch, nämlich als kollektive Entladungen auf ein zufälliges ‚Opfer' (Tier oder Mensch), durch die die soziale Harmonie wiederhergestellt wird. Im Unterschied zu Nitsch sieht Girard im Umschlagen der bedrohlichen wechselseitigen Gewalt in die einmütige Gewalt aller gegen einen auch ein geistiges, wenn auch zum Großteil ein projektives Geschehen, das den Kern einer Erzählung in sicht trägt. Diese Erzählung berichtet, teils auf wahre, teils auf ganz verfälschende Weise - d.h. als Mythos - , was geschehen ist, und sie spricht so von der Tötung einer Gottheit, durch die die Stammesgemeinschaft gegründet und eine friedliche Ordnung hergestellt wurde. (13)

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Spiritualisierung der Opfer

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Die Opferriten erhalten dadurch einen neuen Sinn, daß die Opfernden sich nicht mehr als Tötende sehen, sondern als solche die etwas vom Kostbarsten durch Vernichtung an andere hingeben (an Ahnen, Geister, Götter, Gottheit). Auf diese Gabe erwartet man eine Gegengabe (Segen der Gottheit, der Geister, der Ahnen).

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Bei einer weiteren Stufe der Spiritualisierung kann der Akt der Vernichtung ganz wegfallen. Der Opferakt wird dann zu einem rein religiösen oder ethischen Akt, etwa zum Lobopfer der Lippen, zum ‚Opfer' als Selbstüberwindung oder zum ‚Opfer' als materielle Gabe für die Armen.

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Rückkehr zum gewaltsamen Opfer, aber unter total veränderter Perspektive und in einem ganz neuen Sinn ( Sokrates, Leidensknecht im AT, Jesus).

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Die Tötenden sind hier nicht mehr die Opfernden, sondern jene, die - aus der Sicht von Dritten - einen Unschuldigen umbringen. Die Tötenden machen sich dadurch schuldig, sie sind aber zugleich blind für ihr eigenes Tun und lasten durch die Verurteilung ihre Schuld dem ‚Opfer' an. Dieses verfällt - im Unterschied zu den archaischen Menschenopfern, die immer die einwillig der Geopferten verlangten - nicht der Sicht jener Menge, die es tötet; es reagiert aber auch nicht mit Resignation, Verfluchung oder Gegengewalt, sondern nimmt den Tod freiwillig zum Wohl anderer, zum Wohl der tötenden Menge an.

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Die drei skizzierten Arten des Opfers können weiter unterteilt werden; so gibt es etwa große Unterschiede zwischen dem Tod des Sokrates und dem Tod Jesu, auf die wir im Augenblick aber nicht einzugehen brauchen.

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Mit der Einteilung von drei Opferarten ist nicht eine rein historische Abfolge gemeint. Zwar dürften die archaischen Opfer auch zeitlich die ersten gewesen sein. In veränderter Form wirkt dieser Mechanismus aber bis heute weiter. Das Christentum in seiner genuineren Form und das aufklärerische Denken haben ihn zwar bekämpft, konnten ihn aber nicht außer Kraft setzen. Nietzsche und Nitsch haben ihn ästhetisch wieder gepriesen. Hitler hat ihn erneut voll ausgelebt, wie die Allgegenwart der Opfersprache in seinen (gewalttätigen) Reden und in seinen Taten zeigt. E. Nordhofen hat meiner Ansicht nach überzeugend nachgewiesen, daß Hitler die Vernichtung der Juden als Opfer- und Gründungsakt seines neuen Reiches verstanden wissen wollte: "Hitlers Abschied vom Christentum restituiert das alte Sündenbock-Muster im großen Stil. Er gründet die Religion der Gewalt. Der 'größte Führer aller Zeiten', wie einer der messianischen Hoheitstitel Hitlers lautete, organisierte den größten Mord aller Zeiten als Gründungsakt seines 'tausendjährigen Reiches'. Die 'Endlösung' war gemeint als Ganzopfer und Gründungsmord, als 'Holocaust'."(14)

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In milderer Form benützen praktisch alle Politiker den Opfermechanismus, und zwar auch in Demokratien; sie benützen ihn als Anschuldigungsmechanismus gegen andere Parteien, gegen Ausländer oder gegen andere Länder, um dadurch unter den eigenen Parteigängern oder unter den eigenen Landsleuten größere Einheit oder ein stärkeres Gefühl der Geschlossenheit und Harmonie zu erreichen.(15)

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Auch die anderen Arten des Opfers wirken bis heute weiter. Vor allem gibt es die vielfältigsten Formen der Spiritualisierung des Opfergeschehens als Verzicht auf etwas Kostbares zugunsten anderer,- bis ihn zur Idee des Opfers des eigenen Lebens. So schreibt Andrey Tarkovskij zu seinem Film ‚Opfer': „Mich als religiösen Menschen interessiert vor allem jemand, der fähig ist, sich als Opfer hinzugeben, sei es um eines geistigen Prinzips willen, sei es um sich selbst zu retten, oder aus beiden Motiven zugleich." (16)

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Auch die dritte Form eines gewaltsamens Geschehens, bei dem Menschen zwar zu ‚Opfern' (victima) werden, aber ihren Peinigern innerlich nicht zustimmen, wirkt bis heute weiter, wie die Geschichte der Märtyrer belegt. Hier stellt sich allerdings die Frage, ob das eigene Tun der Getöteten sinnvollerweise als ‚Opfer' (sacrificium) oder Selbstopfer bezeichnet werden soll. R. Girard, auf den ich mich bei der Einteilung stütze, hat dies zunächst klar abgelehnt und deshalb eine antisakrifizielle Deutung des Kreuzes vertreten. In diesem Punkt war ich mit ihm aber nie einverstanden und habe deshalb jahrelang mit ihm darüber diskutiert. Meiner Ansicht nach sprechen mehrere und wichtige Gründe eindeutig dafür, die Hingabe Christi am Kreuz - in Übereinstimmung mit einer zentralen christlichen Tradition - als Opfer zu bezeichnen, auch wenn dabei der Begriff ‚Opfer' (sacrificium) einen neuen Sinn erhält.

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Würde man den Tod Christi nicht mehr als Opfer bezeichnen, dann würde - mindestens auf sprachlicher Ebene - sein Geschick ganz von der komplexen Opferwelt abgetrennt. Das Zentrum des Christentums fiele dann gleichsam aus der religiösen Welt heraus, was vielfältige und komplexe Folgen nach sich ziehen würde. Einerseits würde die Welt dieser Opfer - mit all ihren vielen Verdrehungen - nicht mehr kritisch beleuchtet, ihre Mechanismen würden im Glaubensbereich nicht mehr aufgedeckt werden, und sie könnten deshalb wieder ungebrochener wirken. Anderseits würde das Kreuzesgeschehen gesellschaftlich ortlos und zu einer rein spirituellen Angelegenheit.

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Nietzsche und Nitsch - und fast die ganze Filmwelt - zeigen, daß die Welt des rauschhaften Opfern und Tötens bis heute eine tiefe Faszination ausübt und tief in der menschlichen Seele verwurzelt sein muß. Wenn diese dunkle Welt sprachlich vom Geschick Jesu ganz abgetrennt wird, dann besteht die Gefahr, daß sie vom christlichen Glauben her nicht mehr aufgearbeitet wird und losgetrennt von der offiziellen Religion und Kultur in dunkleren Bereichen der Seele und der Gesellschaft ihr Unwesen treibt.

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Ließe man den Begriff ‚Opfer' für den Tod Christi am Kreuz fallen, dann würde die Nachfolge des Gekreuzigten von jenen immensen Kräften losgetrennt, die in der Religionsgeschichte zu den vielfältigen Spiritualisierungen des Opferbegriffs geführt haben.

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Zusammenfassend läßt sich deshalb festhalten: Das Opfer ist sowohl in der Welt der Religionen als auch in der modernen Sprache und in der Filmwelt so zentral gegenwärtig, daß eine Loslösung davon notwendigerweise zu einer spirituellen Verarmung führen müßte. Diese würde ihrerseits unweigerlich einen neuen Wildwuchs um das ‚Opfer' provozieren. (17)

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Trotz dieses Ergebnisses, dem Girard nun auch selber zustimmt (18), war sein zentrales Gegenargument in sich sachlich richtig: Rituelle Opfer und der Tod Christi sind in keiner Weise das gleiche. Damit bleibt als Folgerung nur: Am Opferbegriff ist zwar festzuhalten, er ist aber radikal neu zu verstehen. Dieses neue Verstehen ist nicht nur eine Sache der Definition. Gefordert ist vielmehr eine dauernde Auseinandersetzung mit der Sprache und mit all jenen Tiefenschichten menschlicher und gesellschaftlicher Existenz, die durch das Wort ‚Opfer' angesprochen werden. Wie dies geschehen kann, soll abschließend kurz skizziert werden, indem der Tod Jesu in den Kontext seines eigenen dramatischen Geschicks gestellt wird. Dadurch können Leitlinien für die Nachfolge und für eine Transformation der Opferwelt gewonnen werden.

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5) Dramatisches Opferverständnis

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Bei einer dramatischen Deutung geht es darum, größere Zusammenhänge zu beachten und den Interaktionen und konflikthaften Situationen zwischen den Handlungsträgern besondere Bedeutung zu schenken. In diesem Sinn kann das Geschick Jesu nach dem Modell eines Dramas auf der Bühne als ein Geschehen in verschiedenen Akten verstanden werden, bei dem unterschiedliche Themen zur Sprache kommen, die aber alle durch die Interaktionen zwischen den Protagonisten unter sich verbunden sind:

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1) Akt: Jesus verkündet die nahe Gottesherrschaft, wodurch er nicht bloß eine neue Idee über Gott lehrt, sondern ein neues Handeln dieses Gottes für Israel ansagt. In den kommenden und bereits anbrechenden Ereignissen soll sich zeigen, wer Gott tatsächlich ist, - nämlich ein Gott, der keiner Versöhnung wegen der menschlichen Beleidigungen bedarf, sondern sich von seiner Seite her zuvorkommend den Sündern zuwendet und ihnen Verzeihung anbietet (Feindesliebe Gottes). Dieses Angebot eines reinen Geschenkes schließt allerdings die Forderung ein, daß die Menschen sich tatsächlich davon erfüllen lassen und deshalb beginnen, untereinander ähnlich zu handeln.

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2) Akt:Die Botschaft von der anbrechenden Gottesherrschaft stößt - nach kurzer öffentlicher Begeisterung - auf wachsende und schließlich völlige Ablehnung, weil sie teils nur oberflächlich gehört, teils mißverstanden, teils mit Gleichgültigkeit übergangen und teils offen verworfen wird. In diese neue Situation hinein ergehen die Gerichtsworte Jesu, durch die aber kein zweites Gesicht Gottes verkündet wird (etwa im Sinne: ‚bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt'). Sie decken vielmehr jene Mechanismen auf, in die sich die Menschen unweigerlich verfangen, wenn sie nicht auf den Gott der Güte hören. Die Gerichtsworte beschreiben wesentlich ein Selbstgericht und sind als letzte Mahnung gedacht. De facto führen sie zu einer Verschärfung der Situation und des Konflikts. Aus der verbalen Ablehnung Jesu wird eine handgreifliche und schließlich gewalttätige.

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3) Akt:In der Schlußphase des öffentlichen Lebens Jesu spitzt sich die Krise so zu, daß das Tun aller handelnenden Personen durch die Taten der anderen ganz mitbestimmt wird. Um folgenschwere Mißverständnisse zu vermeiden ist es deshalb wichtig, die verschiedenen Handlungsträger und ihre Intentionen klar voneinander abzuheben:

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Das Tun der sündigen Menschen: Unterschiedliche Gruppen finden sich immer mehr gegen Jesus zusammen (Pharisäer, Sadduzäer, Herodianer, - Juden und Heiden) und bilden de facto eine Allianz gegen ihn. Was er in der Menschheit aufgedeckt hat, wird nun ihm selber vorgeworfen und schließlich auch physisch auf ihn abgeladen. Er hat eine untergründige Lüge aufgedeckt, und er wird dafür selber lügnerisch verurteilt. Er hat die Gewaltmechanismen in der Menschheit bloßgelegt und er wird selber gewaltsam hingerichtet. Er hat den teuflischen Geist offen genannt, und er wird selber angeklagt, teuflischen Geistes zu sein (Gotteslästerer).

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Das Verhalten Jesu: Auf die Gewalt reagiert er nicht mit Gegengewalt, ja er greift nicht einmal zur spirituellen Gewalt, zum Verfluchen oder zum Gebet um Rache, wie es der Prophet Jeremia in ähnlicher Situation getan hat (Jer 15,5;18,18-32). Er betet vielmehr für seine Feinde (Lk 23,34). Seine Hingabe geht so weit, daß er sich ihnen sogar zur Speise gibt und sich ganz identifizieren läßt, wie die Abendmahlsworte im voraus andeuten.

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Das Verhalten des himmlischen Vaters: Er schweigt, während der Sohn in größte Not gerät und stirbt. Was hat dieses Schweigen zu bedeuten? Distanziert sich Gott letztlich doch von Jesus, oder liegt darin eine andere Bedeutung? Die kommenden Ereignisse müssen darüber entscheiden.

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4) Akt:Durch die Auferweckung des Gekreuzigten bekennt sich Gott trotz der schweren Frage, die das Kreuz aufbrechen ließ, total zu ihm und zu seiner Botschaft. Gott erweist sich damit selber als ein Gott der Feindesliebe und der Gewaltfreiheit, wodurch auch sein Schweigen beim Kreuz einen klaren Sinn erhält. Hätte er mit Macht eingegriffen, um seinen Sohn zu retten, dann hätte er die Freiheit seiner Gegner überfahren. Er hätte der Botschaft von der Gewaltfreiheit durch die eigenen Machttaten widersprochen. Demgegenüber zeigt der Friedensgruß des Auferweckten an seine Jünger, daß Gott bis ins letzte ein verzeihender Gott ist. Die Jünger sind ja - moralisch gesehen - am meisten schuldig geworden, denn ihnen wurde ein innerer Einblick in die Botschaft ihres Meisters gewährt, und sie haben ihn dennoch verlassen und verraten. Gerade ihnen, die ausdrücklich schuldig wurden, bringt der Auferweckte aber den Frieden und die Verzeihung. Damit dürfen alle, die schuldig werden, auf eine ähnliche Verzeihung hoffen.

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5. Akt:Während seines irdischen Wirkens und selbst noch bei den Ostererscheinungen blieb Jesus für die Menschen und für seine Jüngere eine ihnen äußere Gestalt. Der Geist von Pfingsten ergreift erstmals die Menschen und vor allem die Jünger ganz von innen her und legt so das dramatische Heilsgeschehen um ihren Meister in ihre eigenen Herzen hinein. In ihrem eigenen Inneren werden sie nun berufen, einen ähnlichen Weg zu gehen.

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Zusammenfassung

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Den Tod am Kreuz hat Gott nicht direkt gewollt. Er hatte keine Freude daran und brauchte insofern kein Opfer; wohl aber hat er gewollt, daß sein Sohn als guter Hirte die verlorenen Schafe (die sündigen Menschen) nie verläßt und ihnen bis in ihre extreme Not hinein nachgeht. Die Welt des Bösen, die versagende menschliche Freiheit, sollte nicht mit Macht besiegt, sondern von innen her, aus ihrem eigenen Kerker heraus aufgebrochen werden. - Jesus hat als Mensch diese schwere Aufgabe auf sich genommen und sich insofern ‚geopfert'. Er hat sich aber nicht selber zerstört und durch sein ‚Opfer' auch nicht indirekt Selbstmord begangen. Er ließ vielmehr etwas in ihm durch die Menschen zerstören (seine erfahrungshafte Verbundenheit mit dem Vater und sein irdisches Leben), um die Not und Verlassenheit der sündigen Menschen ganz zu teilen und um so bei seinen eigenen Feinden und bei allen Menschen zu sein, wenn diese mit eigener Kraft keinen Ausweg mehr aus ihren Gefängnissen finden.

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Das Drama und ‚Opfer' Jesu ist eine Einladung an alle Gläubige, ihm auf seinem Weg zu folgen. Wahre Gläubige dürfen sich aber, wenn sie nicht hochmütigen werden wollen, nicht über die ersten Jünger stellen. Haben diese in ihrem Umgang mit Jesus versagt, dann hat auch jeder Gläubige mit Versagen zu rechnen. Jeder und jede ist aufgerufen, dem Weg Jesu zu folgen, und jeder und jede muß aber auch damit rechnen, immer wieder zu versagen. Die österliche Botschaft des Verzeihens verhindert, daß diese Spannung zu einer unerträglichen Spaltung wird.

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Anmerkungen:  

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 1. Habermas, Die postnationale Konstellation. Politische Essays (edition Suhrkamp 2095). Frankfurt a. M. 1998,152.

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2. Strobel, Gekreuzigt für uns - zum Heil der Welt? Die christliche Opfertheologie und ihre unheilsamen Folgen. In: NZZ 3. April 1999.

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3. Dupuy, Sacrifice et envie. Le libéralisme aux prises avec la justice sociale. (Liberté de l'esprit). Paris: Calmann-Lévy 1992. Dupuy ist Professor an der École Polytechnique in Paris und an der Stanford University/ USA.

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4. Übersetzung im Text zur CD: B. Britten, War requiem.

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5. Nietzsche, Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe: Bd. 13. Hg. von G. Colli und M. Montinari. München 1980, 470f.

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6. 266.

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7. 266.

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8. Hurka, Phantasmen der Gewalt. Die mediale Konstruktion des Opfers. Wien: Passagen Verlag 1997.

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9. nach Hurka, 109.

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10. 112.

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11. große, den Ursprung des Sozialen überhaupt beleuchtende Intuition ist die Entdeckung eines Zusammenhanges zwischen kollektivem Abreaktionsbedürfnis, (Menschen-)Opfer und Katharsis, letztere als harmoniestiftende Konstituenten des Zusammenlebens." ebd. 118.

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12. 119.

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13. "In den großen Kultfesten steht, (...) bei aller Verschiedenheit des Anlasses stets die Wiederholung der mythischen Urzeit-Vorgänge im Mittelpunkt; darin zeigt sich deutlich, daß Menschen- und Tier-Opfer, Reife- und Fruchtbarkeits-Kulte und andere Zeremonien und Ritual-Bräuche nicht einzelne Kultur-Elemente sind, die sich mehr oder weniger zufällig in einem Kulturkreis vereinigt haben, sondern, daß sie alle aus einer zentralen Idee abzuleiten sind, nämlich der von einer getöteten Gottheit, die durch ihren Tod die heutige Seinsordnung in der Welt setzte." Ad.E. Jensen, Die getötete Gottheit. Weltbild einer frühen Kultur (Urban-Bücher 90). Stuttgart 1966, 78. - Die Theorie Girards erklärt auf überzeugende Weise, wie es zur zentralen Idee einer getöteten Gottheit kommen konnte.

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14. Beleuchtung des schwarzen Loches. in: "Die Zeit", 3.März 1995, 67. - Die Bezeichnung der Judenvernichtung als Holocaust verrät eine große Sorglosigkeit oder gar Blindheit, die sich im Bereich der Opfer allerdings sehr leicht einstellt. Wer nämlich voll bewußt die Judenvernichtung als Holocaust bezeichnet, stimmt der Sicht Hitlers zu.

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15. mußte z.B. Milosevic möglichst düster gezeichnet werden, um die Einheit der Nato-Länder bei den Luftschlägen im Kosovo aufrecht zu halten.

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16. Tarkovskij, Opfer (Tarkovskij Edition Bd. 1). München: Schirmer /Mosel 1987, 177.

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17. italienische Erfolgsautor Roberto Calasso vertritt - in neuheidnischer Art - wieder ganz offen die universale Bedeutung der Opfer, die sich bis ins Kosmische erstrecken soll (Der Untergang von Kasch. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1997). Er spricht sich für das Mythische aus und für ein Sakrales, das gewaltsam ins menschliche Bewußtsein eindringt: „Es gibt zwei Formen der Beziehung zwischen Göttern und Menschen: das gesellige Mahl und die Vergewaltigung." (ders., Die Hochzeit von Kadmos und Harmonia [insela taschenbuch 1476]. Frankfurt a.M. 1993, 57.)

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18. R. Girard, Mimetische Theorie und Theologie. In: J. Niewiadomski, u.a. (Hg.), Vom Fluch und Segen der Sündenböcke (Beiträge zur mimetischen Theorie 1). Thaur: Druck- und Verlagshaus 1995, 15 - 30.

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