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Wer das Leben gewinnen will, wird es verlieren
(Gedanken zum 13. Sonntag im Jahreskreis (LJ A))

Autor:Wandinger Nikolaus
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:Die heutigen Lesungstexte scheinen zu bestätigen, wovon viele schon lange überzeugt sind: Das Christentum ist lebensfeindlich und morbide. Ist das wirklich so?
Publiziert in:# Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2005-07-05

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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(2 Kön 4,8-11.14-16a; Röm 6,3-4.8-11; Mt 10,37-42)

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 Liebe Gläubige,

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ist es angesichts der heutigen Bibeltexte verwunderlich, dass so viele Leute das Christentum für eine lebensfeindliche, ja morbide Religion halten? Da ist die Rede davon, dass wir unsere Eltern oder unsere Kinder – je nachdem – nicht mehr lieben sollen als Jesus; da ist die Rede davon, dass wir unser Kreuz auf uns nehmen sollen; da spricht Paulus davon, dass wir auf den Tod Christi getauft werden. Ja, kann es etwas Lebensfeindlicheres geben, als kleine Kinder, die gerade ihr Leben begonnen haben, auf den Tod zu taufen? Paulus versteigt sich sogar zu der Aussage, dass wir tot sein sollen. Doch all dem scheint Jesus selber die Spitze aufzusetzen, wenn er sagt: „Wer das Leben gewinnen will, wird es verlieren“. Ja wollen wir das nicht alle, das Leben gewinnen? Will nicht gerade die Jugend das Leben in vollen Zügen genießen ohne schlechtes Gewissen? Könnte das nicht der Grund sein, warum so viele Menschen dem Glauben und der Kirche den Rücken kehren, weil sie ihnen das Leben zu vermiesen scheinen? Und die heutigen Texte scheinen zu beweisen, dass nicht nur alte Männer in der Kirchenleitung so denken, sondern Jesus selbst.

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Natürlich, liebe Gläubige, Sie werden vielleicht sagen: So schlimm ist es ja nicht; es gibt ja auch andere Bibelstellen, in denen davon die Rede ist, dass Gott will, dass wir das Leben in Fülle haben. Dennoch bleibt die Frage: Wie passen denn diese zu den heutigen Lesungen. Wie kann man denn das eine und das andere sagen?

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Ich glaube, ein wichtiger Schlüssel ist das Gipfelwort Jesu, das ich schon genannt habe: „Wer das Leben gewinnen will, wird es verlieren“. Schauen wir doch einmal in unseren Alltag, wie das aussieht, wenn wir unser Leben gewinnen wollen. Wie verhalten wir uns denn da? Geht es dabei nicht allzu oft darum, zu schauen, was andere haben, und zu sagen: „Das möchte ich auch!“? Das coole Outfit, das trendy Handy, das geile Bike, das spritzige Auto, das der coole Typ hat – das ist Leben. Oder für die etwas Reiferen unter uns: Der tolle Job, das gute Renommee, das Foto in der Zeitung, die Verkaufszahlen seines Buches, das brauche ich auch, damit ich wirklich lebe. Und wehe ein anderer scheint mir zuvorzukommen oder unverdienter Weise mehr zu haben als ich. Da werde ich rabiat – und wenn es nur der Parkplatz vor dem Supermarkt ist! Wenn wir unser Leben gewinnen wollen, dann laufen wir meistens anderen hinterher, von denen wir glauben, dass sie wirklich leben, dass sie das große Los gezogen haben, und oft geraten wir mit ihnen darüber in Streit. Auf diese Weise werden wir nicht zu uns selbst, auf diese Weise werden wir zu schlechten Kopien anderer: wer so sein Leben gewinnen will, wird es verlieren.

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Wo kann man das deutlicher sehen als beim Sturz der Ikone der 80er und frühen 90er, dem Popstar Michael Jackson. Er wurde vor ca. zwei Wochen gerichtlich freigesprochen und hat als nicht schuldig zu gelten. Dennoch gibt es wohl kaum ein besseres Beispiel dafür, wie hohl und vergeblich bestimmte Vorbilder sein können: was vor 15 Jahren noch als der Gipfel des high life, des erfüllten Lebens, erschien, ist heute nur noch eine bedauernswerte Figur, ein Schatten seiner selbst. Wer sein Leben gewinnen will, indem er einem solchen Idol nacheifert, wird es verlieren.

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Doch lesen wir weiter im Evangelium. Jesus spricht ja weiter: „Wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen.“ Um seinetwillen das Leben verlieren, das muss wohl heißen, das Leben verlieren, weil man ihn als Idol, oder besser gesagt als Maßstab, nimmt für das, was man selber unter Leben versteht. Jesus hatte die Fähigkeit, sich nicht an den Launen und Moden der Leute zu orientieren. Als alle ihm nachliefen und ihm als König zujubelten, da stiegt ihm das nicht zu Kopf, sondern er blieb bei seiner Botschaft und seiner einfachen Lebensweise. Als alle ihn ablehnten und ihn umbringen wollten, brachte ihn nicht einmal das aus dem Konzept, sondern er blieb bei seiner Botschaft und seinem Vertrauen. Was war aber diese Botschaft, die ihm so wichtig war, dass er sich dafür kreuzigen ließ, und wem galt dieses Vertrauen?

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Die Botschaft habe ich schon genannt: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“ (Joh 10,10) Und Jesu Vertrauen galt immer nur einem: dem, der wahrhaft das Leben schenken kann, dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der ein Gott der Lebenden ist. Er schenkt das Leben jedes kleinen Kindes, das diese Welt erblickt, und er will jedem Menschen das Leben über den Tod hinaus schenken. Dieser Botschaft ganz treu zu sein und diesem himmlischen Vater ganz zu vertrauen, daran allein orientierte sich Jesus. Das hat ihn auch ans Kreuz gebracht; die Treue zu dieser Botschaft und das Vertrauen zu diesem Vater hat ihn aber aus dem Tod ins neue, unvergängliche Leben geführt.

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Wir wissen, dass jedes neugeborene Kind irgendwann einmal sterben wird, auch wenn wir ungern daran denken. Es bedroht uns alle der biologische Tod. Viel mehr noch bedroht uns aber der Tod, der davon kommt, dass wir das Leben durch falsche Idole gewinnen wollen. Ein Kind auf den Tod Christi zu taufen, bedeutet daher, es in den Tod hineinzustellen, der der Durchgang zum ewigen Leben ist, bedeutet schon von Anfang an sein Leben unter den Maßstab Jesu zu stellen. Die Weigerung sich falschen Idolen zu unterwerfen, und stattdessen Christus zu unserem Maßstab zu machen, kann manchmal sehr schwer werden. Sie kann uns entfremden von denen, die den gängigen Idolen nachlaufen und die deshalb „in“ sind; es kann sein, dass wir für sie zu Trotteln und Querköpfen werden; und dann werden sie uns zu Außenseitern und Ausgestoßenen machen – wie sie es mit Jesus auch gemacht haben. Das auf uns zu nehmen, weil wir uns keinem anderen Maßstab als dem Jesu unterwerfen wollen, heißt unser Kreuz auf uns zu nehmen.

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Und so fordert Paulus uns auf, unser Leben für Gott zu leben und tot zu sein – tot für die Sünde und für den Gott zu leben, den Christus verkündet hat. Dieser Gott hat seine Ehre und das Heil der Menschen ein für allemal miteinander identifiziert. Das wahre Glück und das Leben für diesen Gott sind dasselbe. Wer also Vater oder Mutter, Sohn oder Tochter mehr liebt als Christus und seinen Vater, hat das nicht verstanden. Er meint immer noch, er müsste sich entscheiden zwischen Gott und den Menschen, die ihm wichtig sind. Das ist aber nicht so: in allen Menschen, die wir wirklich lieben, lieben wir letztlich Gott selber. Wir dürfen Menschen echt und tief lieben, weil das nicht gegen die Liebe Gottes ist, sondern mit ihr zusammenfällt. Nur: machen wir Menschen nicht zu unseren Idolen. Eltern haben die schöne, aber auch schwere Aufgabe, für ihre Kinder eine ganze Zeit lang Lebensvorbild zu sein, sozusagen stellvertretend für Jesus und seinen Vater. Aber je reifer die Kinder werden, desto mehr werden und sollen auch sie verstehen, dass tragender Grund ihres Lebens nur der sein kann, der kein menschliches Vorbild hat, sondern sich nur am Vater im Himmel orientiert, und daher immun ist gegen alles Ausspielen der Liebe gegeneinander: Jesus Christus.

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Tot sein für die Sünde bedeutet dann zuallererst, Gott nicht mehr als Rivalen unseres Glücks, unserer Liebe, unseres Lebens zu sehen, sondern zu begreifen, zu erfahren und danach zu leben, dass Gott uns nichts neidet, sondern in seiner nicht-ausgrenzenden, alles umfassenden Liebe das Leben in Fülle schenken wird, wenn wir auf ihn vertrauen und uns nicht anderen Idolen unterwerfen.

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 „Wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen.“

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