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Hexenjagd auf Priester?
(Über die Verantwortung der Medienmacher)

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriekommentar
Abstrakt:
Publiziert in:# Gekürzte Version erscheint in Tiroler Tageszeitung
Datum:2004-09-09

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Erleben wir mitten unter uns nicht die Anfänge einer Hexenjagd auf die zölibatären katholischen Priester? Die Anschuldigung des bösen Blicks genügte, um Frauen vor Gericht zu ziehen und sie als Hexen zu verurteilen. Die Hexenjagd gehört zu den dunkelsten Flecken abendländischer Geschichte. Die kirchlichen Inquisitoren haben sie zu verantworten. Es waren keine korrupten Menschen. Nach bestem Wissen und Gewissen glaubten sie die teuflische Macht zu outen und diese zu bekämpfen. Um der guten Sache willen! Dass die Jäger selbst der teuflischen Macht der Anschuldigung und des undifferenzierten Hasses verfallen sind, das hat erst die nachfolgende Geschichte erkannt. Und wir haben aus der schmerzhaften Erfahrung gelernt. Dass es sehr gefährlich ist, Menschen zu verurteilen, bevor ihre Schuld bewiesen ist. Dass es noch schlimmer ist, wenn Schuld nicht präzise umschrieben, sondern bloß global benannt und mit anderen möglichen Schuldzusammenhängen verbunden wird. Und dass es katastrophal ist, wenn die Anschuldigung zu einer Kollektivkategorie wird: Alle Frauen seien potentielle Hexen. Eine eindeutige und klare Antwort!

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Nun ist der Vergleich sicher zu weit hergeholt und deswegen auch missverständlich. Dies vor allem deswegen, weil es keine Hexen gab und gibt. Den Tatbestand der Hexerei hat es also nicht gegeben. Im Unterschied dazu gibt es Priester, die sich des Kindesmissbrauchs schuldig gemacht haben. Da gibt es nichts zu beschönigen. Der Strafbestand ist eindeutig. Er ist gerichtlich zu untersuchen, die Schuldigen sind zur Verantwortung zu ziehen. Die Kirche hat den Opfern ihre Empathie entgegenzubringen und auch eine Entschuldigung. Nicht darin liegt aber unser Problem. Es sind die Mechanismen der Öffentlichkeit, die beängstigend wirken. Weil sie einer sich aufschaukelnden Spirale gleichen. Mit einer Sorgfalt sondergleichen werden die Sex-Skandale der Priester aus der ganzen Welt in jedem lokalen Blatt registriert, Pädophilie und Homosexualität dauernd in einen Topf geworfen. Die Formulierungen, man kann keinen Priester mehr anschauen, ohne sich “seinen Teil zu denken”, gehören inzwischen zur journalistischen Schablone. Sind wir also schon so weit, dass es genügt katholischer Priester zu sein, um zum Ziel der Anschuldigung zu werden? Was am meisten an der neuen Sprachkultur verblüfft, ist die eindeutige Antwort auf die Frage nach der “Quelle allen Übels”. Oder auf den “Spuk”. Es sei der Zölibat, der die Männer im Priestergewand krank mache. Man solle sie endlich heiraten lassen! Dann hätten wir keine Pädophile mehr, und auch keine Schwule! Und auch nicht jene, die ihre Sexualität heimlich leben. So die Folgerung, vermute ich. Ist das aber nach irgendwelchen Regeln der Vernunft noch nachvollziehbar? Gerade für die “Post-Beate-Uhse-Generation”?

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Die Sprache der oberflächlichen Sorge um die Kirche, die den moralisierenden Kommentaren zu entnehmen ist, zeigt sich längst als die Sprache der Abneigung, ja des blanken Hasses. Damit will ich den Schreibenden keineswegs das beste Wissen und Gewissen absprechen. Beim Thema: “Sexualität und Kirche” werden aber selbst im ernstzunehmenden Journalismus längst auch andere Rechnungen mitbeglichen. Und das ist beängstigend! Die Kirche ist ja noch stark genug, um ein reizvolles Ziel der gesellschaftlichen Zusammenrottung zu bieten. Verglichen mit anderen gesellschaftlichen Institutionen ist sie aber inzwischen zu schwach um sich dagegen zu wehren. Und zwar so, dass jeder Kommentator sich drei mal fragen müßte, ob er das auch verantworten kann, was er da gerade schnell in seinen Computer hineinschreibt. Die gegenwärtige Schreibkultur über die Sache läuft eher in die umgekehrte Richtung: Bei dem Thema kann immer noch nachgeholfen werden. Mit einem Schuss an Skandallogik! Weil es so zu sein scheint, braucht unsere Presse über den Verfall der Moral nicht zu klagen.

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