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Sündige Kirche in der Wüste
(Eine Predigt zu Mk 1,12-15, auf dem Hintergrund der Psalmen 51 und 102.)

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:Gottesdienst in der Jesuitenkirche (am 9. März 2003 um 18 Uhr).
Datum:2003-03-10

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Der empirische Befund scheint immer eindeutiger zu werden: Als Kirche werden wir in die Wüste geschickt. Wüste: das ist der Ort der Bestrafung, der Ort der Ausgrenzung und der Isolation. Das ist der Ort, an dem man verdurstet und verhungert.

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Seit eh und je haben Menschen Sündenböcke in die Wüste geschickt. Seit eh und je grenzten sie jene aus, die anders waren als sie selber. Im Namen ihrer Wahrheit und ihrer Moral schreckten Menschen oft nicht davor zurück, eigene Geschwister, ja Mütter und Väter der Beziehungslosigkeit der Wüste zu übergeben und auf sie mit dem Finger zu zeigen. Und dies nicht deswegen, weil sie besonders bös und korrupt waren. Nein! Im besten Wissen und Gewissen, in der Überzeugung, das Recht auf ihrer Seite zu haben, gingen Menschen vor: gegen Einzelne, gegen Gruppen, gegen Völker und Kulturen! Der Abgrund der Sünde ist ja gerade deswegen so abschreckend, weil er denjenigen. die in ihn hineinfallen, sich keineswegs als ein Abgrund präsentiert.

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Im besten Wissen und Gewissen haben also seit eh und je Menschen ihre Mitmenschen in die Wüste gejagt und auch die kirchlichen Wege pflastert das Leiden unzähliger Sündenböcke. Auch Kirche hat Menschen in die Wüste geschickt; auch Kirche schreckte vor Gewalt nicht zurück. Brünstig wühlte sie sich in ihrer Selbstgerechtigkeit, und übersah dabei, dass dies der Abgrund ihrer Sünde war.

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"Geschieht ihr also Recht! - schreit die empörte liberale Öffentlichkeit - "geschieht ihr Recht, wenn sie heute am Pranger steht.., wenn all jene, die up to date sein wollen, mit ausgestrecktem Finger auf sie zeigen und ihr ihre Sünden vor Augen führen..., ihr also zurufen: - 'In Schuld bist du geboren; in Sünde hat dich deine Mutter empfangen" (vgl. Ps 51,7). Denn: vom ersten Augenblick deiner Existenz an hast du Juden gehasst, Nächstenliebe hast du gepredigt und Brudermord praktiziert. Bluttat hast du an Bluttat gereiht, Kulturen und Völker verachtet, Traditionen ausradiert, die Frauen hast du erniedrigt und dämonisiert, hast dich mit ihnen wie David mit der Batseba vergnügt und sie anschließend der Hurerei und Hexerei beschuldigt!"

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Im besten Wissen und Gewissen - so möchte man meinen - schickt unsere aufgeklärte liberale Öffentlichkeit die Kirche in die Wüste und viele von uns: Priester und Laien schließen sich problemlos dieser Aktion der Bestrafung und der Isolierung an. Sie distanzieren sich innerlich von der Kirche - von der Institution, wie sie sagen -, übergeben sie der kulturellen Ausgrenzung und dem Selbstgericht in der Wüste.

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Aber die Wüste muss nicht bloß ein Ort der Ausgrenzung sein und auch nicht nur ein Ort der äußeren Bestrafung. Wüste kann auch zum Ort der inneren Umkehr werden. Zum Ort, an dem neues Leben entsteht! Sie wird zum Ort der Umkehr, sie wird zur Quelle der Kraft und zum Ansatz fürs neue Leben, wenn - im Erlebnis der Ausgrenzung, im Erlebnis der Isolation und der Anschuldigung, im Erlebnis des Verhungers und Verdurstens - im Akt der Verwüstung Einem das Wunder der Zuwendung zuteil wird. Das Wunder der bedingungslosen Identifikation, das Wunder der Solidarität.

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Doch...: Wer wendet sich noch dieser Kirche, die heute am Pranger steht, zu? Selbst Priester und Ordensleute, engagierte Laien und Kirchenhierarchen vermitteln oft den Eindruck, die Distanzierung von der Kirche sei ein Gebot der Stunde. Wer wendet sich der Kirche zu? Wie eine Dohle in der Wüste, wie eine Eule in öden Ruinen, wie ein einsamer Vogel auf dem Dach, muss sie den Hohn ihrer Feinde Tag und Nacht hören. Durch Kirchenaustritte abgemagert bis auf Haut und Knochen, siecht sie dahin..., ihre Lebenskraft ist verdorrt. Und sie muss glauben, dass selbst Gott sein Angesicht von ihr abgewendet hat, dass seine Pfeile sie trafen und seine Hand schwer auf ihr lastet. Hochgerissen hat er sie und nun zu Boden geschleudert. (vgl. Ps 102,7-11). Wer wendet sich dieser Kirche in der Wüste unserer Gegenwart zu und in der kulturellen Öde unserer Tage? WER?

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Das Evangelium sagt eindeutig: Christus selber! Er selber kommt freiwillig in diese Wüste. Die alte Kirche glaubte - und dies mit Recht - dass Christus sich von seiner sündigen Kirche nicht distanziert. Er, der absolut sündenreine zeigt nicht auf die sündige Kirche mit dem Finger, um sie anzuschuldigen - wie dies die Fernsehreporter, Parteigenossen und Parteigegner tun - und ihr zuzurufen: "Gestehe Deine Verbrechen!" Nein. Die alte Kirche glaubte, dass Christus in seiner Heiligkeit sich mit dem Dreck seiner armseligen und sündhaften Kirche identifiziert. Ja: dass er in ihrem Namen sogar Bußpsalmen betet: 'Gott sei mi gnädig nach Deiner Huld ...und lösche meine Abtrünnigkeiten..!' (Vgl. Ps 51,3)

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Die einsame Dohle in der Wüste und die Eule in den Ruinen - die Vögel aus dem Bußpsalm 102 -, die isolierten, auf sich selbst in ihrer Schuld zurückgeworfenen Kreaturen, dürfen nun erleben, dass ein anderer Vogel des Himmels sich neben ihnen setzt und freimütig bekennt: "Meine Sünde steht mir immer vor Augen!" (Vgl. Ps 51,5). Er richtet nicht und er beschuldigt nicht, er kräht nicht die Schuld der Anderen lauthals heraus zur Beschämung, zur Bloßstellung der Anderen und zur Selbstrechtfertigung seiner selbst. Nein. Er identifiziert sich! War er doch selber ausgegrenzt. Im Namen der Wahrheit und der Moral... in die Wüste der radikalsten Beziehungslosigkeit des Todes hinausgetrieben. In die scheinbare Wüste der Isolation! Wurde er doch, trotz der offensichtlichen Gottverlassenheit in der Wüste des Todes vom "Liebhaber des Lebens" getragen!

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Deswegen identifiziert er sich und sprengt die Wüste der Isolation und der Anschuldigung. Mehr noch: Er verwandelt den Ort der Bestrafung und des Selbstgerichtes zum Ort der Umkehr! Aus der Wüste, in der man verdurstet und verhungert, wird nun die Wüste in der neues Leben entsteht.

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In der vom Papst Johannes Paul II. am ersten Fastensonntag des Jubiläumsjahres 2000 begründeten Tradition wollen wir nun zusammen mit Christus unsere kirchliche Schuld bekennen, wir wollen unser Gedächtnis reinigen und vom barmherzigen Vater die Gnade der Vergebung empfangen. Auf diese Weise wollen wir zur Beginn der Fastenzeit zur Heilung beitragen: zur Heilung unseres vergifteten Alltags, zur Heilung unserer liberalen Kultur, die sich immer und immer wieder in den Sackgassen der Anschuldigung verirrt, wenn sie sich bloß auf die Sündenbockjagd begibt. Zur Heilung unserer selbst, die wir uns so gerne von der Kirche distanzieren. So lass uns gemeinsam unser Gedächtnis reinigen und unsere Schuld (mit den Gebetstexten des "päpstlichen" Gottesdienstes) bekennen.

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Priester vom Altar: "Liebe Brüder und Schwestern, lasst uns vertrauensvoll zu Gott unserem Vater rufen, der barmherzig und langmütig ist, reich an Erbarmen, Liebe und Treue. Er möge die Reue seines Volkes annehmen, das in Demut seine Schuld bekennt, und ihm seine Barmherzigkeit schenken."

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Lektor vom Ambo: "Lass unser Bekenntnis und unsere Reue vom Heiligen Geist beseelt sein. Unser Schmerz sei ehrlich und tief. Und wenn wir in Demut die Schuld der Vergangenheit betrachten und unser Gedächtnis ehrlich reinigen, dann führe uns auf den Weg echter Umkehr."

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Priester: "Herr unser Gott, du heiligst deine Kirche auf ihrem Weg durch die Zeit immerfort im Blut deines Sohnes. Zu allen Zeiten weißt du in ihrem Schoß um Glieder, die durch ihre Heiligkeit strahlen, aber auch um andere, die dir ungehorsam sind und dem Glaubensbekenntnis und dem heiligen Evangelium widersprechen. Du bleibst treu, auch wenn wir untreu werden. Vergib uns unsere Schuld und lass uns unter den Menschen wahrhaftige Zeugen für dich sein. Darum bitten wir durch Christus unseren Herrn." (Auf den Altar wird ein Licht angezündet.)

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Lektor: "Lass jeden von uns zur Einsicht gelangen, dass auch Menschen der Kirche im Namen des Glaubens und der Moral in ihrem notwendigen Einsatz zum Schutz der Wahrheit mitunter auf Methoden zurückgegriffen haben, die dem Evangelium nicht entsprechen. Hilf uns, Jesus Christus nachzuahmen, der mild ist und von Herzen demütig."

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Priester: "Herr, du bist der Gott aller Menschen. In manchen Zeiten der Geschichte haben die Christen Methoden der Intoleranz zugelassen. Indem sie dem großen Gebot der Liebe nicht folgen, haben sie das Antlitz der Kirche, deiner Braut, entstellt. Erbarme dich deiner sündigen Kinder und nimm unseren Vorsatz an, der Wahrheit in der Milde der Liebe zu dienen und sich dabei bewusst zu bleiben, dass sich die Wahrheit nur mit der Kraft der Wahrheit selbst durchsetzt. Darum bitten wir durch Christus unseren Herrn." (Auf dem Altar wird ein Licht angezündet.)

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Lektor: "Lass das Eingeständnis der Sünden, die die Einheit des Leibes Christi verwundet und die geschwisterliche Liebe verletzt haben, den Weg ebnen für die Versöhnung und die Gemeinschaft aller Christen."

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Priester: "Barmherziger Vater, am Abend vor seinem Leiden hat dein Sohn darum gebetet, dass die Gläubigen in ihm eins seien: Doch sie haben seinem Willen nicht entsprochen. Gegensätze und Spaltungen haben sie geschaffen. Sie haben einander verurteilt und bekämpft. Wir rufen inständig dein Erbarmen an und bitten dich um ein reumütiges Herz, damit alle Christen sich in dir und untereinander aussöhnen. In einem Leib und einem Geist vereint, sollen sie die Freude über die volle Gemeinschaft wieder erleben dürfen. Darum bitten wir durch Christus unseren Herrn." (Auf dem Altar wird ein Licht angezündet.)

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Lektor: "Lass die Christen der Leiden gedenken, die dem Volk Israel in der Geschichte auferlegt wurden. Lass sie ihre Sünden anerkennen, die nicht wenige von ihnen gegen das Volk des Bundes und der Seligpreisungen begangen haben, und so ihr Herz reinigen."

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Priester: "Gott unserer Väter, du hast Abraham und seine Nachkommen auserwählt, deinen Namen zu den Völkern zu tragen. Wir sind zutiefst betrübt über das Verhalten aller, die im Laufe der Geschichte deine Söhne und Töchter leiden ließen. Wir bitten um Verzeihung und wollen uns dafür einsetzen, dass echte Brüderlichkeit herrsche mit dem Volk des Bundes. Darum bitten wir durch Christus unseren Herrn." (Auf dem Altar wird ein Licht angezündet.)

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Lektor: "Lass die Christen auf Jesus blicken, der unser Herr ist und unser Friede. Gib, dass sie bereuen können, was sie in Worten und Taten gefehlt haben. Manchmal haben sie sich leiten lassen von Stolz und Hass, vom Willen, andere zu beherrschen, von der Feindschaft gegenüber den Anhängern anderer Religionen und den gesellschaftlichen Gruppen, die schwächer waren als sie...".

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Priester: "Herr der Welt, Vater aller Menschen, durch deinen Sohn hast du uns gebeten, auch den Feind zu lieben, denen Gutes zu tun, die uns hassen, und für die zu beten, die uns verfolgen. Doch oft haben die Christen das Evangelium verleugnet und der Logik der Gewalt nachgegeben. Die Rechte von Stämmen und Völkern haben sie verletzt, deren Kulturen und religiösen Traditionen verachtet: Erweise uns deine Geduld und dein Erbarmen! Vergib uns! Darum bitten wir durch Christus unseren Herrn." (Auf dem Altar wird ein Licht angezündet.)

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Lektor: "Lasst uns für alle beten, die in ihrer menschlichen Würde verletzt und deren Rechte unterdrückt wurden. Lasst uns beten für die Frauen, die allzu oft erniedrigt und ausgegrenzt werden. Wir gestehen ein, dass auch Christen in mancher Art Schuld auf sich geladen haben, um sich Menschen gefügig zu machen."

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Priester: "Herr unser Gott, du bist unser Vater. Du hast den Menschen als Mann und Frau erschaffen, nach deinem Bild und Gleichnis. Die Verschiedenheit der Völker in der Einheit der Menschheitsfamilie hast du gewollt. Doch mitunter wurde die gleiche Würde deiner Kinder nicht anerkannt. Auch die Christen haben sich schuldig gemacht, indem sie Menschen ausgrenzten und ihnen Zugänge verwehrten. Sie haben Diskriminierungen zugelassen auf Grund von unterschiedlicher Rasse und Hautfarbe. Verzeih uns und gewähre uns die Gnade, die Wunden zu heilen, die deiner Gemeinschaft auf Grund der Sünde noch immer innewohnen, damit wir uns alle als deine Söhne und Töchter fühlen können. Darum bitten wir durch Christus unseren Herrn." (Auf dem Altar wird ein Licht angezündet.)

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Lektor: "Lasst uns beten für alle Menschen auf der Erde, besonders für die Minderjährigen, die missbraucht wurden, für die Armen, Ausgegrenzten und Letzten. Lasst uns für diejenigen beten, die am wenigsten Schutz genießen, für die ungeborenen Kinder, die man im Mutterleib tötet, oder jene, die gar zu Forschungszwecken von denen benützt werden, die Missbrauch getrieben haben mit den von der Biotechnologie gebotenen Möglichkeiten. So haben sie die Ziele der Wissenschaft entstellt."

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Priester: "Gott unser Vater, du hörst stets auf den Schrei der Armen. Wie oft haben dich auch die Christen nicht wiedererkannt in den Hungernden, Dürstenden und Nackten, in den Verfolgten und Gefangenen, in den gerade am Anfang ihrer Existenz schutzlos Ausgelieferten. Für all jene, die Unrecht getan haben, indem sie auf Reichtum und Macht setzten und mit Verachtung die "Kleinen" straften, die dir so am Herzen liegen, bitten wir um Vergebung. Erbarme dich unser und nimm unsere Reue an. Darum bitten wir durch Christus unseren Herrn." (Auf dem Altar wird ein Licht entzündet.)

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Wir wollen alle zusammen mit Christus, der als Haupt seiner Kirche im Namen dieser seiner Kirche auch den Bußpsalm betet, gemeinsam den Psalm 51 beten Möge unsere Bußgesinnung, wie der Weihrauch emporsteigen

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Priester: Schlussgebet: "Barmherziger Vater, dein Sohn Jesus Christus, der Richter über Lebende und Tote, hat in der Niedrigkeit seines ersten Kommens die Menschheit aus der Sünde befreit. Wenn er wiederkommt in Herrlichkeit, wird er für alle Schuld Rechenschaft fordern von unseren Vätern, von unseren Brüdern und Schwestern und von uns, deinen Dienern. Vom Heiligen Geist bewegt, kehren wir mit reumütigem Herzen zu dir zurück. Schenke uns dein Erbarmen und die Vergebung der Sünden. Darum bitten wir durch Christus unseren Herrn. Amen."

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