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Stressfasten
(Tiroler Tageszeitung und die Diözese Innsbruck begleiten durch die Fastenzeit.)

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriekommentar
Abstrakt:
Publiziert in:Tiroler Tageszeitung 74 vom 29./30. März 2003, 14.
Datum:2003-03-31

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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"Bist immer noch so gestresst?"- kriege ich immer wieder selber zu hören. "Dich am Telefon zu bekommen, grenzt schon an ein Wunder. Von einem Termin schon zu schweigen!" Stimmts. Mein Terminkalender gleicht einer Graffitiwand im heruntergekommenen Hinterhof. Vollgeschmiert! Selbst den Beitrag zum Thema: "Stressfasten" schreibe ich spät in der Nacht. Nach einem Tag voll von Sitzungen. Vollgestresst also. "Dein Fastenartikel zum Handyfasten hat doch wenig mit dir zu tun" - sagte Wolfgang, ein Arbeitskollege vor zwei Wochen zu mir. "Du hast ja gar kein Handy!" Und Karin, eine Studentin äußerte ihre Zweifel, ob der "Experte" nur Ratschläge gibt, oder ob er auch selber diese einzuhalten gedenkt.

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Was habe ich denn mit den meisten Zeitgenossen gemeinsam? Mit den Managern, Medienschaffenden, Friedensaktivisten, Stadtmissionspredigern und Wellnessfreaks? Weiblicher Anteil der Bevölkerung eingeschlossen! Was verbindet mich mit Jugendlichen, die von einem Club zum anderen jetten? Mit Pfarrern, die von einer Pfarre zu anderen pilgern? Und den Pensionisten, die die Reisebüros stürmen und Kurzreisen und Kuraufenthalte buchen? Von jenen Müttern, die ihre Kinder zu Sport- und Ballettstrainings und zum Violinunterricht mit den Autos fahren schon zu schweigen. Und den Menschen, die tagtäglich von Kufstein nach Innsbruck und von Innsbruck nach Landeck zu ihrem Job fahren. Ganz gleich, ob wir joggende Gesundheitsfanatiker oder Autobahnfetischisten sind: Wir alle haben doch eines gemeinsam! Und was? Keineswegs das Bewusstsein, dass wir alle Sünder sind. Nein! Uns verbindet weder Schuld, noch Gnade. Uns verbindet Stress! Der Arbeitsstress und der Erlebnissstress. Unentwegt horten wir Überstunden bei der Arbeit, damit der verlängerte Freizeitstress ordentliche Spuren hinterlassen kann. Und wir sind keineswegs damit unglücklich. Im Gegenteil! Mindestens ich selber habe das Gefühl, dass mein Leben ein ordentliches Tempo hat. Langeweile ist mir ein Fremdwort! Hin und wieder vielleicht eine kleine Depression und ein Loch. Aber dann, gibt es doch den nächsten Termin. Und die Sache ist geritzt.

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Als Theologe trage ich vollbegeistert öfters folgende These vor: Die kulturelle Abschaffung des Glaubens an das Leben nach dem Tod, hat dieses Leben zur letzten Gelegenheit verwandelt. Zur Gelegenheit etwas zu leisten und etwas zu erleben. Sie hat nämlich die Gelassenheit abgeschafft. Und damit auch die Lebensqualität. Die Menschen haben halt Angst etwas im Leben zu verpassen. Und zwar unwiderruflich! Wie steht es aber mit mir? Und meinem Stress? Hat das Fasten etwas mit mir selber zu tun? Natürlich könnte ich jetzt schreiben, dass das Stressfasten mir da weiter helfen könnte. Doch ist Stressabbau längst wiederum zum Wellnesstress geworden. Wie wäre es also mit der Revitalisierung des Glaubens an das Leben durch den Tod hindurch? Gerade um der Lebensqualität willen. "Das wäre ein Fasten, wie ich es liebe" - würde der liebe Gott sagen.

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