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Handy-Fasten
(Tiroler Tageszeitung und die Diözese Innsbruck begleiten durch die Fastenzeit.)

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriekommentar
Abstrakt:
Publiziert in:Tiroler Tageszeitung 56 vom 8./9. März 2003, 13.
Datum:2003-03-18

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Zu seinem 13. Geburtstag bekommt mein Patenkind David ein Handy. Von seinem Vater. Dieser lebt getrennt von der Mutter. Es ist ein Vertrag- Handy, und der Vater übernimmt die Gebühren bis zu 30 Euro. Einen Tag später begleite ich David zum Fußballturnier. Den ganzen Sonntag lang spielen die Burschen gegen andere Mannschaften. In jeder Pause ruft David den Vater und einige Kollegen an. Toll, das Geschenk! Zwei Tage später habe ich selber Geburtstag und lade David mit seiner Mutter und den Großeltern zum Essen ein. Die meiste Zeit spielt David am Handy irgendein Spiel; er schickt und empfängt SMS. So können wir - die Erwachsenen - uns bestens miteinander unterhalten. Toll, das Geschenk! Inzwischen schläft David mit dem Handy unter dem Polster. Bloß immer in Verbindung bleiben! Und die Mutter zerbricht sich den Kopf, ob sie das Handy vom Sohn benutzen darf. Abnehmen, wenn es läutet und die Mailbox abhören. Das ist doch so, als ob sie in seinen Sachen schnüffeln würde.

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Beim Treffen meiner ehemaligen Studierenden erwähnt eine Klosterfrau, dass in ihrem Haus Nonnen einander zwischen Stockwerken anrufen. So erspart man sich ja das Treppensteigen, sagt sie. Darauf erzählt eine Lehrerin, dass in ihrer Schule den Jugendlichen das Handy für 24 Stunden abgenommen wird, wenn die Schülerinnen während des Unterrichts beim Hantieren mit Handy erwischt werden. "Die kriegen dann regelrechte Entzugserscheinungen; sind bereit Sachen in Kauf zu nehmen, die sie sonst nie machen würden. Etwa den Gang zum Lehrerzimmer und Betteln um die Rückgabe." Und sie glaubt, dass der Durschnittsjugendliche inzwischen zwischen 60 und 80 Euro im Monat an Gebühren zahlt..

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Nichts hat in unserer Gegenwart den Alltag so schnell geändert, wie das Handy. Wir sind freier und kommunikationsfreudiger geworden, rücken näher aneinander. Menschen, die kaum etwas miteinander reden, führen Dauergespräche im Bus und Zug. Verbaler Salonexhibitionismus landauf, landab. Mit Handy ist ja eine neue Intimspäre entstanden. Mein Handy ist doch ein Teil meiner selbst, es gehört mir noch persönlicher an, wie die Zahnbürste. Im Unterschied zur Zahnbürste verleitet es aber dazu, die Intimsphäre zu verletzen. Die Eigene und die der Anderen. Also produziert das Handy auch schlechtes Gewissen! Wenn man es abschaltet. Wenn man nicht sofort zurückruft. Und das SMS nicht gleich beantwortet. Wenn man ständig die Frage unerdrückt, wie viel Geld ich denn eigentlich schon vertelefoniert habe.

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Noch nie hat auch eine Sache, so schnell neue Abhängigkeiten im Alltag geschaffen. Das Kommunikationsnetz trägt zwar, es beschneidet aber auch zugleich. Neue unsichtbare Zwänge stressen das Leben und vermindern Lebensqualität. Sie vermehren Gespräche, die oft gar keine sind. Und sie stören auch Kommunikationsvorgänge, bei gemeinsamen Essen in der Familie und der Partnerschaft etwa. Auch wenn man dort hin und wieder doch über solche Störungen froh ist, weil man sich dann ungestörter zurückziehen kann. Längerfristig führen sie zu unseligen Zusammenhängen: Wenn in unserem Hirn eine Assoziation entsteht, dass man für Gespräche halt immer zahlen muss.

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Für kaum eine Sache aus dem Bereich unseres alltäglichen Lebens bleiben wir so blind, wie für das Handy. Man stelle sich nur den Aufruhr vor, wenn die Strom- und Wasserpreise analog zu unseren Ausgaben fürs Telefonieren in die Höhe geschnellt hätten. Oder wenn man die Erhöhung des Taschengeldes für unsere Kinder auf die Summe der Handy-Gebühren diskutiert hätte. Ich sage nicht, dass das Handy etwas schlechtes ist. Es ist uns aber zu einem der vielen Götzen geworden. Diese alten Biester machten zwar hier und dort das Leben komfortabel, sie faszinierten, aber sie machten die Menschen auch von sich abhängig.

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Fasten - die uralte menschliche Strategie zur Erhöhung der Liebe zum Leben - könnte auch hier weiterhelfen. In einer Handy-Gesellschaft wäre ein Handy-Fasten doch ein klares Zeichen von Mündigkeit und Selbstbestimmung. Es wäre doch cool meine Privatsphäre für ein paar Tage zu reinigen. Sensibler zu werden auf die Ausgaben, die damit verbunden sind. Auf die Mailbox die Botschaft hinterlassen: "Hallo! Sorry - aber heute gibt es bei mir Handy-Fasten!" Und dann abschalten! Aha... und für das Geld, das man da eingespart hat, könnte man bewusst jemandem zum Essen einladen. Vielleicht, jene Person, mit der man am meisten per Handy plaudert.

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