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Hat Gott die Welt verlassen?
(Reaktionen auf eine päpstliche Generalaudienz (Ende 2002))

Autor:Schwager Raymund
Veröffentlichung:
Kategoriekommentar
Abstrakt:
Publiziert in:# Originalbeitrag für den Leseraum
Datum:2003-01-20

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Am 11. Dezember 2002 hat Papst Johannes Paul II. eine seiner üblichen Generalaudienzen gehalten, die normalerweise kein besonderes Echo auslösen. Diesmal war es aber anders. Tages- und Wochenzeitungen reagierten auf die päpstlichen Worte, und Der Spiegel fragte sogar unter dem Titel 'Von Gott verlassen', ob der greise Kirchenführer ketzerisch geworden sei und ob ihn jenes Syndrom befallen habe, "das strenggläubige Menschen in hohem Alter häufiger heimsucht - der Zweifel" (Nr. 3/ 2003/ 47f). Was war geschehen?

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Wie üblich hat der Papst einen biblischen Text aus der Liturgie der Woche kommentiert. Diesmal war es eine drohende Klage des Propheten Jeremia über die Untreue Israels und eine Klage eben dieses Volkes wegen des hereinbrechenden Unheils. (14,17 - 21). Der Prophet weint, er trauert aber nicht nur wegen des Hungers und des Schwertes, die drohend nahen, sondern vor allem über die Hartherzigkeit des Volkes, das nicht hören will und sich so das Gericht zuzieht. Die prophetischen Worte deutet der Papst mit eigenen Worten: "Es gibt neben dem Schwert und dem Hunger eine noch größere Tragödie, nämlich die des Schweigens Gottes, der sich nicht mehr offenbart und sich scheinbar in seinem Himmel eingeschlossen hat, so als sei er des menschlichen Tuns überdrüssig". In diesen Worten mag die eigene Erfahrung des Papstes mitschwingen, der den Eindruck hat, die Welt sei verschlossen und gehe drohendem Unheil entgegen. Er fühlt mit der bedrohten Welt und mit dem verlassenen Volk Israel: "Man fühlt sich jetzt allein gelassen, ohne Frieden, ohne Heilung, ohne Hoffnung. Das sich selbst überlassene Volk fühlt sich verloren und von Furcht ergriffen." Gleich danach stellt der Papst jedoch eine Umkehr im biblischen Text fest, der er selber mit seinen kommentierenden Worten folgt: "Aber jetzt tritt die Wende ein: Das Volk wendet sich wieder Gott zu und richtet eine inständige Bitte an ihn. Es erkennt vor allem die eigene Sünde." Daraus ergibt sich die Folgerung: "Das Schweigen Gottes wurde also von der Abkehr des Menschen verursacht." (L'Osservatore Romano [deutsch], 20. Dez. 2002, 2)

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Was Johannes Paul II. vorgetragen hat, ist nicht aufsehenerregend. Er hat nur etwas von der biblischen Gerichtsbotschaft aktualisiert, gemäß der Gott immer wieder - wie etwa im Buch Deuteronomium - ankündigt: "An jenem Tag wird mein Zorn gegen sie entbrennen. Ich werde sie verlassen und mein Angesicht vor ihnen verbergen. Dann wird dieses Volk verzehrt werden. Not und Zwang jeder Art werden es treffen" (Dtn 31,17; 32,20; Mich 3,4). Das Gericht Gottes besteht gerade darin, dass er sich vor den Menschen verbirgt und diese ihrem eigenen Schicksal überlässt. So haben die Propheten das Gericht über Israel verstanden, und so sieht der Papst die heutige Weltlage. Dass die Audienzansprache vom 11. Dezember 2002 ein breites und eher verständnisloses Echo gefunden hat, stellt keine besondere Frage an ihn, sondern ist eher ein Zeichen, wie fremd die biblische Gerichtsbotschaft der heutigen Welt geworden ist. Ist dies eine Folge, dass dieses Thema auch aus den kirchlichen Predigten weitgehend verschwunden ist? Der Papst hat immer wieder gemahnt, er wurde aber wenig gehört. Nun spürt er - wohl mit Recht - ein Unheil kommen. Er freut sich aber nicht darüber und triumphiert nicht - wie schlechte Propheten - über die böse Welt und ihren Untergang. Er fühlt vielmehr mit ihr und teilt ihr Leid.

4
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Die Worte des Papst verraten keinen Zweifel. Sie machen aber deutlich, wie sehr er die dramatische biblische Heilsgeschichte - auch mit ihren tiefen Erfahrungen des Unheils - innerlich mitlebt und mitleidet. Er ist nicht bloß ein Lehrer, Führer und Mahner; wie Jeremia, wie Mose und der Gottesknecht, wie Israel und Jesus trägt er mit und leidet mit. Vielleicht wird die Welt seine Worte später, wenn die Folgen der heutigen Entwicklung jedem sichtbar werden, besser verstehen.

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