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Korrelation als Verschleierung
(Zur theologischen Auseinandersetzung um das Konzept des Lehrplanes für den katholischen Religionsunterricht auf der Sekundarstufe I (Lehrplan 99))

Autor:Scharer Matthias
Veröffentlichung:
Kategorieartikel
Abstrakt:Der Korrelationsbegriff kann in einer sehr 'flachen' Weise verwendet werden und verkehrt sich damit ins Gegenteil.
Publiziert in:# Scharer M., Korrelation als Verschleierung. Zur theologischen Auseinandersetzung um das Konzept des Lehrplanes für den katholischen Religionsunterricht auf der Sekundarstufe I (Lehrplan 99), in: ÖRF 8 (1998) 8-11.
Datum:2002-06-07

Inhalt

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Als einer der „wissenschaftlichen Begleiter" der Lehrplangruppe bin ich von der Auseinandersetzung um den Lehrplan 99 mitbetroffen. Schließlich fließt viel Zeit und Energie in ein solches Projekt von dem ich (noch immer) erhoffe, daß es zu einer Verständigung über die künftige Konzeption des Religionsunterrichtes führt und das Fach noch besser in der Schule verankert. Es wäre schade, wenn der Dienst, den viele ReligionslehrerInnen mit dem Religionsunterricht an den SchülerInnen, an der Schule und damit an der Gesellschaft leisten, durch innerkirche Querelen verstellt würde. Die ReligionslehrerInnen benötigen in ihrer ausgesetzten Situation in der Schule das volle Vertrauen und die vorbehaltlose Unterstützung der Kirchenleitungen.

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Mit den folgenden Überlegungen zur jüngsten Auseinandersetzung um das Lehrplanprojekt 99 will ich das theologische Konzept dieses Lehrplanentwurfes - auch in der Auseinandersetzung mit anderen theologischen und religionsdidaktischen Konzepten - aus meiner Perspektive vedeutlichen.

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1. Formale „Zustimmung" zum Korrelationsprinzip - ein möglicher Rückschritt im theologischen Verständnis der Religionsunterrichtes?

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Bei der Herbstkonferenz der Schulamtsleiter Österreichs mit Kardinal Schönborn in Seckau hat man sich u. a. darauf geeignet, daß hinsichtlich des bisherigen Grundverständnisses des Religionsunterrichtes „kein grundlegender Paradigmenwechsel" zur Diskussion steht. „An der bisherigen bewährten Linie des Religionsunterrichtes, der sich dem Korrelationsprinzip verpflichtet weiß, soll selbstverständlich festgehalten werden." (Presseaussendung)

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Der nachfolgende Satz in der veröffentlichten Erklärung zeigt aber deutlich, daß der Einigung ein lediglich formales Verständnis des Korrelationsprinzips im Sinne einer allgemeinen Wechselseitigkeit von „Schülerorientierung" und „fachspezifischen" bzw. „allgemeinbildenden Inhalten" zugrunde liegt: „Ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Schülerorientierung auf der einen Seite und der Vermittlung fachspezifischer, auch allgemeinbildender Inhalte auf der anderen Seite soll nach wie vor gewährleistet sein." (Presseaussendung).

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Ein auf diese Ebene verkürztes Korrelationsprinzip wie es u.a. dem noch geltenden AHS Unterstufenlehrplan zugrunde liegt, verwischt die eigentliche Problematik der theologischen Auseinandersetzung um die Korrelation und damit auch um den Lehrplan 99. Es geht eben „nicht in erster Linie" um die Auseinandersetzungen, die „...es bei der Umsetzung dieser grundlegenden Perspektiven immer wieder geben wird" (Presseaussendung), also um didaktische Fragen; auf dem Spiel steht das grundlegende theologische Konzept von Korrelation.

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Der Text über die „Einigung in Seggau" legt ein Korrelationsverständnis offen, das den theologischen Fortschritt in der Auseinandersetzung um das Korrelationsprinzip, der in den vergangen zwanzig Jahren erreicht wurde, weitgehend negiert. Er geht eindeutig hinter den theologisch - didaktischen Ansatz des geltenden und von der österreichischen Bischofskonferenz beschlossenen Hauptschullehrplanes (1985), der - wie der AHS Unterstufenlehrplan - durch den neuen Lehrplan abgelöst werden soll, zurück. Mit einem, im Sinne der Presseerklärung verstandenen Korrelationsprinzip käme es zu einem entscheidenden Rückschritt und damit zu einem Paradigmenwechsel im Grundverständnis des österreichischen Religionsunterrichtes.

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2. Das unterschiedliche Korrelationsverständnis und seine theologisch-didaktischen Hintergründe

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Die Interpretation des Korrelationsprinzipes im Pressetext der Schulamtsleiterkonferenz (SALK) beruht im wesentlichen auf der Logik des bisher geltenden AHS-Unterstufen-Lehrplanes (1983), der durch den neuen Lehrplan abgelöst werden soll. (1)

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Der alte Lehrplan wollte über ein sogenanntes „Didaktisches Strukturgitter" eine „Korrelation" zwischen menschlicher Erfahrung und bestimmten theologischen Inhalten erreichen. Schon die Verwendung eines „Didaktischen Strukturgitters" an sich macht deutlich, daß sich der Lehrplan im wesentlichen nicht dem Korrelationsprinzip wie wir es heute in der Theologie verstehen, sondern der curricularen Didaktik verpflichtet weiß, wie sie zur Zeit der Würzburger Synode im Bereich der Profandidaktik „Mode" war. Als „Kind der Zeit" greift der Synodentext, der in vieler Hinsicht bis heute für den Religionsunterricht sehr wichtig ist, im Bemühen um die schulische Verankerung und gesellschaftliche Anerkennung, terminologisch auf die damals gängige Didaktik zurück. Diese ist aber im Unterschied zum Korrelationsprinzip, das über die systematische Theologie (Tillich, Schillebeeckx, K. Rahner u.a.) in die Religionsdidaktik Eingang gefunden hat, von seiner Herkunft her rein erziehungswissenschaftlich begründet. Kardinal Döpfner soll die Theologieferne dieses Ansatzes mit dem Ausspruch karikiert haben: „Immer wenn ich in den DKV komme und das Wort „Curriculum" höre möchte ich eine Kniebeuge machen".

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Bekanntlich ging es im curricularen Ansatz um die Vernetzung der sogenannten „Determinanten" Fachwissenschaft, Adressaten und Gesellschaft zum sogenannten curricularen Strang aus dem die operationalisierbaren und damit evaluierbaren Ziele des Unterrichtes formuliert werden sollten. Die curriculare Wende in der Religionsdidaktik forcierte - in der Ablöse kerygmatischer Konzepte - den Einbruch von formal-theologischen Inhalten in die Lehrpläne und Religionsbücher, wie sie etwa die Beschäftigung mit der Zwei-Quellen-Theorie und mit anderen einleitungswissenschaftlicher Fragen ohne Textzusammenhang darstellten. Diese Hereinnahme formal-theologischer Inhalte in das Religionscurriculum ermöglichte zwar die Operationalisierbarkeit und Evaluierbarkeit des Unterrichts ähnlich wie in anderen Unterrichtsgegenständen, muß aber im Hinblick auf die Möglichkeit, sich mit der Grundbotschaft christlichen Glaubens und der eigenen, biographisch geprägten Religiosität persönlich bedeutsam auseinanderzusetzen, als problematisch eingestuft werden. Die elementaren Inhalte und Strukturen des universitären Curriculums der theologischen Fachbereiche ergeben eben - auch in ihrer Minimalform - kein taugliches Curriculum für den Religionsunterricht. (2)

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Demgegenüber nimmt bereits der Hauptschullehrplan 1985 durch seine korrelativen Leitmotive und Themenfelder, die den Religionsunterricht anthropologisch-theologisch orientieren, die SchülerInnen in ihrer biographisch geprägten, multireligiösen Situation nicht nur didaktisch, sondern theologisch als religiöse Subjekte ernst; dies trifft in besonderer Weise auch auf die verbindlichen Korrelationsebenen zu. Die SchülerInnen sind nicht mehr nur „AdressatInnen", sondern werden im Wissen um ihre unterschiedliche Religiosität und Gläubigkeit - die sich immer seltener ausdrücklich kirchengebunden zeigt - als geistbeschenkete und -begabte Menschen wahr- und ernst genommen werden. Auch im Lehrplanprojekt 99 stehen die „jungen Menschen mit ihren Lebens- und Welterfahrungen" nicht aus didaktischen Gründen „im Mittelpunkt" des Religionsunterrichtes, sondern aus theologischen. Das theologische Paradigma des neuen Lehrplanes führt also konsequent weiter, was schon im Hauptschullehrplan angestrebt wurde.

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Wenn die Lebens- und Glaubensgeschichten der SchülerInnen, so verstellt sie im Moment auch sein mögen, in ihrer theologischen Dignität gewürdigt werden, dann ist es nur konsequent, daß der Religionsunterricht jungen Menschen einen„Raum für das offene Gespräch" bietet in dem es zur ganzheitlichen Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Überzeugungen kommen kann. Religionsunterricht als Gespräch zwischen den Generationen (vgl. K.E. Nipkow) bleibt in diesem Interaktions- und Kommunikationsraum, der für die Glaubwürdigkeit christlichen Glaubens von großer Bedeutung ist, kein neutrales, religionswissenschaftliches Gespräch oder ein theologisch abstrakter Diskurs, sondern ermöglicht lebendige Auseinandersetzung in der die unterschiedlichen Religiositäten und Weltanschauungen der SchülerInnen ihren Ausdruck finden (3)

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. Nicht zuletzt an der Glaubwürdigkeit dieses Begegnungsraumes zeigt sich die Perspektive des christlichen Glaubens, die in der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus ihre Mitte hat.

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3. Korrelation als biografische und kommunikative Inkulturation

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Den Kinder- und Jugendgott „unter dem Arm" begegnen die SchülerInnen im Religionsunterricht „dem Kirchengott", schreibt die amerikanische Religionspsychologin A.Rizutto treffend (4)

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. Wie diese biografische Inkulturation des Glaubens gelingt oder mißlingt, hängt wesentlich davon ab, mit welcher Aufmerksamkeit und mit welchem Respekt vor der religiös weltanschaulichen Würde aller am Religionsunterricht Beteiligten die Kommunikation geschieht und auf welche Begegnungsstruktur hin Lehrpläne ausgerichtet sind. Das ganze Geschehen des Religionsunterrichtes und nicht nur dessen Inhalte sind inkarnations- und geisttheologisch bzw. ekklesiologisch zu begreifen. Vor allem über die Person der ReligionslehrerInnen, aber auch über entsprechende Themen - durchaus konfrontativ eingebracht - wird der Religionsunterricht zur Herausforderung der SchülerInnen. In dem Sinn sind „Gegenstand des Unterrichtes das menschliche Leben und der christliche Glaube und deren Mit-, In- und Gegeneinander. So werden Schülerinnen und Schüler in ihrer religiösen Wahrnehmungs-, Urteils- und Entscheidungsfähigkeit gefördert." (Lehrplan 99)

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4. Bleibende Unkorrelierbarkeit und Fremdheit

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Wie sehr das Korrelationsverständnis des neuen Lehrplanes über ein „nur"

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in Beziehung setzen von menschlicher Erfahrung und „fachspezifischen Inhalten" hinausgeht, zeigt sein theologisches Bewußtsein, daß es im Verhältnis von menschlichem Leben und christlichem Glauben nicht nur um ein Mit- und Ineinander, sondern auch um ein „Gegeneinander" gehen wird. Hier ist die von Bischof Klaus Hemmerle angemahnte „bleibende Unkorrelierbarkeit" ausdrücklich in den Lehrplan aufgenommen:

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„Im Sinne einer letzten und im tiefsten mich betreffenden Realität glaube ich, daß die höchste Offenbarung Gottes darin besteht, daß er in sich, in seinem Sohn Jesus Christus, die Unkorrelierbarkeit von Gott und Mensch und die Unkorrelierbarkeit der menschlichen Erfahrungen ausgehalten hat: Das ist das Ausgespanntsein. Das ist es, daß er die absolute Nähe zu Gott und die absolute Ferne Gottes nicht dialektisch vermittelt, sondern aushält, daß er dorthin geht, wo wir sind, daß er sich ausliefert und einfach auch aushält. . . . . nicht mehr das ‚ich denke' der transzendentalen Apperzeption Kants, nicht mehr irgendwo eine Konstruktion eines umgreifenden Systems, nicht die dialektische Vermittlung eines Hegel, sondern die Wortlosigkeit des Wortes, das Fleisch, das heißt Unkorrelierbarkeit, geworden ist. . . .weil das Wort nicht irgendwo eine frohe Realität jenseits der sarx hat, sondern sich einfach reingibt radikal, in die sarx, in das Fleisch, in die Wirklichkeit, die er aushält. Das ist Menschwerdung, das ist Kreuzigung, Gottverlassenheit. Und da kommt eben nicht als dialektische Vermittlung die Auferstehung heraus, sondern als reines Geschenk, als reines Ereignis." (5)

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Die „bleibende Unkorrelierbarkeit" von Gott und Mensch darf nach K. Hemmerle nicht mit dem Rückfall in die „Unkorreliertheit" verwechselt werden, welche keine, oder nur eine oberflächliche Korrelation - wie der geltende AHS Unterstufenlehrplan - kennt.

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5. Actio et contemplatio im Lehrplan 99

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Der Lehrplan 99 schafft ein Bewußtsein dafür, daß die als Dienst der Kirche an den jungen Menschen und damit an Schule und Gesellschaft verstandene, biographische und kommunikative Inkulturation des Glaubens nicht nur zu ständiger Aktivität führen darf, sondern vor allem auch im Innehalten, im Unterbrechen gängiger Wahrnehmungsmuster, in Stille und den situativen Bedingungen angemessenen Formen des Schweigens und des Gebetes geschehen kann und muß: „Diese Auseinandersetzung will zu einem ‚neuen' Handeln ermutigen, das sich in Tun (actio) und Innehalten (contemplatio) ausdrückt.

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Die Glaubwürdigkeit des Religionsunterrichtes und damit der christlichen Botschaft hängt nicht nur, vielleicht sogar nicht einmal in erster Linie an seinen Inhalten; sie zeigt sich im Interaktions- und Kommunikationsgeschehen der Schulklasse, also im Geschehen selbst. Selbstverständlich wird in diesem Geschehen nicht auf den Erwerb von Wissen und Fertigkeiten verzichtet, ganz im Gegenteil; dieser muß aber in das aktuelle Interaktions- und Kommunikationsgeschehen so eingebunden sein, daß nicht „tote" Lerngegenstände vermittelt, sondern über anthropologisch-theologisch bedeutsame Bildungsgehalte neue Sinn-, Lebens- und Glaubensperspektiven erschlossen werden.

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6. Eine Schule anthroplogisch-theologischer Aufmerksamkeit

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Im Sinne des bisher Gesagten ergibt sich logisch, daß der neue Lehrplan nicht nur eine normative Funktion im Sinne der Festschreibung von Zielen und Inhalten hat, sondern vor allem auch eine heuristische. Es geht darum die ReligionslehrerInnen, die ja zunächst AdressatInnen des Lehrplanes sind und diesen nach der neuen staatlich vorgegebenen Lehrplankonzeption in allen Unterrichtsgegenständen schultypisch fortschreiben sollen (60% des Lehrplanes sind gesamtösterreichisch, 40 % schulspezifische, bzw. regional zu erstellen) zu einer neuen - anthropologisch-theologisch ausgerichteten - Aufmerksamkeit zu verhelfen:

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Auf die Gottesfrage, wie sie in den Sehnsüchten der SchülerInnen und in den vielfältigen Gottesbildern Ausdruck findet.

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Auf die Religion, bzw. auf die Religionen der SchülerInnen und anderer Menschen in einer multikulturellen und multureligiösen Welt, wie sie sich auch in der Schulklasse niederschlagen.

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Auf Heil-Unheil-Erlösung im Zusammenhang mit der Fragwürdigkeit des Lebens angesichts individueller und gesellschaftlicher Grenzsituationen.

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Auf Freiheit und Verantwortung in der Vielfalt von Lebensmöglichkeiten aber auch der Beschneidung von Lebenschancen für viele Menschen.Auf Schöpfung-Geschöpflichkeit in einer Welt, in der Ressourcen, Konsum und Gestaltungsmöglichkeiten genützt, aber auch mißbraucht werden.

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Auf Symbole, Rituale, Sakramente in einer Bilder- und Medienwelt, die symbolisch Rituelles in ganz anderen Zusammenhängen, als sie kirchlich in der Regel bewußt sind zeigt.

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Auf Glaube und Kirche und ihrer Traditionen innerhalb einer schnell vergeßlichen und sich ständig beschleunigenden Gesellschaft.

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7. Theologische Orientierung des Religionsunterrichtes

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Diese vielfältige anthropologisch-theologisch sensibilisierte Aufmerksamkeiten auf das Leben der SchülerInnen, ihrer Welt und der Gesellschaft in die sie eingebunden sind ermöglicht theologisch verantwortete Orientierungen und eine biographisch und kommunikativ geerdete Auseinandersetzung mit der christlichen Gottesanschauung, mit dem christlichen Verständnis von Religion und Religionen, mit dem kirchlichen Glaubens- und Sakramentenverständnis usw. Hier müßten nochmals alle Ziele des Religionsunterrichtes aufgeführt werden.

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8. Theologische Herausforderung für die LehrerInnen und für die Aus- und Fortbildung

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Es ist nicht zu bezweifeln, daß der Lehrplanentwurf 99 eine große theologische Herausforderung für die LehrerInnen darstellt. Aus- und Fortbildungseinrichtungen müssen diese theologischen Herausforderungen aufnehmen und systematisch bearbeiten um jene Defizite aufzuheben, deretwegen Korrelation in der Schule so wenig gelingt. R. Englert schreibt dazu in einer Zwischenbilanz zur Korrelationsdidaktik:

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„Daß ReligionslehrerInnen andere schwerlich lehren können, was sie selbst nicht gelernt haben, trifft die gesamte universitäre Theologenschaft. Diese hat sich, bei allen sicherlich vorhandenen guten Ansätzen, nicht entschieden genug der Aufgabe gestellt, Theologie korrelativ zu lehren. Wie aber sollen ReligionslehrerInnen und SchülerInnen „korrelationsfähig" werden, wenn die „große" Theologie hier nicht Spuren legt und Schneisen schlägt, wenn das Studium der Theologie (als ganzes!) nicht auch Einübung in eine solche Form raum- zeitlich und biographisch geerdeten Theologisierens ist." (6)

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9. Zusammenfassung

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Der Lehrplanentwurf 99 läßt das theologisch-religionsdidaktisch überholte, rein formale und lediglich inhaltlich bestimmte „Korrelationsprinzip" des bisherigen AHS Lehrplanes, das auf dem theologiefremden curricularen Ansatz der Erziehungswissenschaft beruhte, zurück.

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Ausgangspunkt des neuen Lehrplanes ist das theologisch begründete Korrelationsverständnis, das von der Bischofskonferenz durch den 1985 beschlossenen Hauptschullehrplanes gutgeheißen wurde.

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Das Korrelationsverständnis des Lehrplanes 99 beruht nicht auf dem theologisch fragwürdigen, „augedünnten", didaktischen Korrelationsbegriff, der lediglich „ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Schülerorientierung auf der einen Seite und der Vermittlung fachspezifischer, auch allgemeinbildender Inhalte auf der anderen Seite" gewährleisten will (SALK Presseaussendung). Wesentlich ist vielmehr eine durchgängige anthroplogisch-theologische Perspektive des Lehrplanes aus der heraus die SchülerInnen mit ihren unterschiedlichen Religiositäten und Weltanschauungen nicht „Aufhänger", „Anwendungsort", „AdressatInnen" der christlichen Botschaft sind, sondern in einen „Raum der Begegnung" eingeladen werden, in dem sie selbst mit ihrer Lebens- und Glaubensgeschichte als geistbegnadete und -begabte Menschen ernstgenommen und in ihrer theologischen Würde geachtet werden. Dazu ist der „Sensus" für ein „raum- zeitlich und biographisch geerdetes Theologisieren" (R. Englert) notwendig.

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In diesem „multireligiösen" Begegnungsraum, den auch der konfessionelle Religionsunterricht in einer offenen Gesellschaft in der Regel darstellt, werden die SchülerInnen über entsprechende Themen und durch die ReligionslehrerInnen selbst, nicht nur mit dem „Mit- und Ineinander" ihrer biographisch geprägten Religion und der christlichen Botschaft, sondern auch mit deren „Gegeneinander" konfrontiert. Damit ist im Lehrplan 99 über die Korrelation hinaus auch die bleibende nicht (mehr) Korrelierbarkeit angesprochen, die nicht mit dem Rückfall in die „Nicht-Korreliertheit" verwechselt werden darf.

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Ein solcher Religionsunterricht ist konsequent als Dienst der Kirche an den SchülerInnen, an der Schule und an der Gesellschaft zu begreifen.

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Der Lehrplan 99 hat nicht nur eine normative, sondern auch eine heuristische Funktion. Er sensibilisiert die anthropologisch-theologische Aufmerksamkeit der ReligionslehrerInnen an die er sich richtet und die ihn schulspezifisch und regional fortschreiben sollen.

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Das Entscheidende am neuen Lehrplan ist seine Grundstruktur, an der alle Ziel- und Inhaltsbestimmungen ausgerichtet sind.

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Anmerkungen:

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1. Zum Überblick über die Konzepte vgl. u.a. Feifel, Erich, Der Religionsunterricht in Bedrängnis, in: Ds., Religiöse Erziehung im Umbruch, 28 - 42. Scharer, Matthias, Religionsunterricht mit Zukunft. Auf dem Weg zum hermeneutisch-kommunikativen Dienst des Religionsunterrichtes, in: Ds. (Hg.), Abschied vom Kinderglauben, Salzburg 1994, 25 - 38.

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2. Vgl. die aus dieser Zeit stammenden Versuche: Biemer, Günter/Biesinger, Albert, Theologie im Religionsunterricht. Zur Begründung der Inhalte des Religionsunterrichtes aus der Theologie, München 1976. Biesinger, Albert/Schreijäck, Thomas (Hrsg.), Religionsunterricht heute. Seine elementaren theologischen Inhalte, Freiburg i. Br. 1989.

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3. Vgl. Scharer, Matthias, Begegnungen Raum geben. Kommunikatives Lernen als Dienst in Gemeinde, Schule und Religionsunterricht, Mainz 1995.

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4. Vgl. Rizzuto, Annemaria, The birth of a living god, Chicago 1979.

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5. Hemmerle Klaus, Der Religionsunterricht als Vermittlungsggeschehen. Überlegungen zum Korrelationsprinzip, in: Katechetische Blätter 119 (1994), 309 f

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6. Englert, Rudolf, Die Korrelationsdidaktik am Ausgang ihrer Epoche. Plädoyer für einen ehrenhaften Abgang in Hilger, Georg, Reilly George, (Hrsg.) Religionsunterricht im Abseits? Das Spannungsfeld Jugend Schule Religion, München 1993, 101.

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