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Warum Kreuz tragen? Predigt in der Jesuitenkirche
(12. Sonntag im Jahreskreis 2016 (LJ C))

Autor:Wandinger Nikolaus
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:
Datum:2016-06-20

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Lesungen: Sach 12,10–11; 13,1 (Gal 3,26–29); Lk 9,18–24

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„Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“

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Diesen Satz, liebe Gläubige, diesen Satz hören wir nicht so gern. Wir wollen uns nicht verleugnen, sondern verwirklichen! Wir wollen kein Kreuz auf uns nehmen – schon gar nicht täglich –, sondern wir wollen glücklich sein! So ist das doch, wenn wir ehrlich sind.

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Und ist das nicht auch, was Jesus für uns will? Sagt er nicht selbst, er sei gekommen, damit wir das Leben haben und es in Fülle haben (vgl. Joh 10,10)? Das ist es, was wir wollen! – Das Kreuz, das wollen wir lieber nicht.

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Und doch sollte uns Jesu eigener Weg zeigen, dass das eine wohl nicht ohne das andere zu haben ist. Wie aber geht das zusammen? Das lässt sich nur verstehen, wenn wir zuerst genauer hinschauen, wie es zum Kreuz Jesu gekommen ist.

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Dieses Kreuz ist ja der Endpunkt eines langen Weges und es ist Schluss- und Höhepunkt dieses Weges. Jesus beginnt ihn, indem er von Gott als einem barmherzigen Vater spricht, der bereit ist, jedem und jeder eine neue Chance zu geben, dessen Güte keine Grenzen kennt. Dies ist sein erster Schritt – und zunächst scheint Jesus damit sehr erfolgreich zu sein. Die Massen scharen sich um ihn, Jüngerinnen und Jünger folgen ihm nach, verehren ihn als den Messias. Und doch verbietet ihnen Jesus, darüber zu reden und spricht davon, dass er leiden müsse – etwas, das die Jünger so gar nicht mit dem Messias verbinden. Doch Jesus sieht den nächsten Schritt auf seinem Weg.

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Er weiß, dass die Begeisterung der Massen nicht lange anhalten wird, vor allem dann nicht, wenn Mächtige sich gegen ihn stellen. Wie soll man weitermachen, wenn einem die eigene Intention ins Gegenteil verkehrt wird? Derjenige, der die Größe Gottes zeigt, wird zum Gotteslästerer erklärt; der mit Heiligem Geist Dämonen austreibt, wird beschuldigt im Bund mit dem Anführer der Dämonen zu stehen; der anderen vergibt, wird angeklagt; derjenige, der für das Leben eintritt, mit dem Tod bedroht. Eine Zeit lang, wenn die Gegnerschaft noch nicht ganz deutlich ist, kann man sie vielleicht ignorieren, so tun, als gäbe es sie nicht, einfach weggehen, um die Situation nicht eskalieren zu lassen, denn oft macht man ja durch Widerspruch etwas größer, als es von sich aus ist.

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Aber irgendwann kommt der Punkt, an dem für Jesus klar wird: Wenn er seinem Auftrag, seiner Überzeugung, seinem Gott treu bleiben will, dann kann er den Konflikt mit den Gegenkräften nicht mehr vermeiden. Der Kreuzweg Jesu beginnt eigentlich schon, als er sich auf diesen Konflikt einlässt. Wir sind es gewohnt, Jesus als friedlichen, sanften Menschen zu sehen. Das stimmt aber nur zum Teil. Jenen gegenüber, die verletzlich oder schon verletzt waren, hat sich Jesus so verhalten. Doch zu jenen, die die Verletzten zusätzlich verwunden wollten, war Jesus nicht milde und sanft, sondern er hat ihnen entschieden Contra gegeben. Er hat ihre verborgenen inneren Beweggründe offen gelegt und gezeigt, dass sie sich keinesfalls für Gerechtigkeit einsetzen, keinesfalls etwas sagen, was schon lange gesagt werden müsste, sondern lediglich ihre eigenen Machtgelüste durch vermeintlichen Einsatz für Gerechtigkeit tarnen. Ich denke, bereits diese Auseinandersetzung war für Jesus schwer, sie war schon ein Kreuz. Liebte er doch auch seine Gegner. Sah er doch auch ihre Verblendung und Verletzung. Aber er wusste: Ohne Widerspruch würden sie sich und andere nur weiterverletzen. Darum ging er den Konflikt mit ihnen ein.

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Manchmal ist das erfolgreich. Manchmal lassen sich Verblendete und Verführer durch deutlichen Widerspruch aufhalten. Sei es, weil ihnen die Auseinandersetzung zu mühsam oder zu riskant ist, weil sie merken, dass sie keine Sympathisanten haben; sei es, weil sie tatsächlich zur Einsicht kommen. In anderen Fällen gelingt es den Verführern, ein Klima zu schaffen, in dem sie die Sympathien haben. Der Widerspruch verstummt langsam, immer weniger wagen ihre Stimme zu erheben, weil sie ihr Leben retten wollen, und dann ist der einzelne, der seiner Überzeugung treu bleibt und sich nicht vom Druck der unausgesprochenen Sympathien mitreißen lässt, mit einem Mal allein. Und wenn er jetzt immer noch nicht umschwenkt, dann droht ihm der Tod, dann endet der Weg wirklich am Kreuz.

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Jesu Weg ans Kreuz zeigt uns einiges darüber, was „Kreuz“ in einem christlichen Verständnis heißen kann: Es handelt sich nicht um ein Suchen des Leidens oder Sterbens. Das Ziel Jesu ist nicht sein Tod am Kreuz, sein Ziel ist, dass wir das Leben in Fülle haben. Es handelt sich auch nicht um jene Schmerzen und Leiden, die das Menschenleben halt so mit sich bringt. Das Kreuz war nicht etwas, das Jesus einfach zugestoßen ist und das er passiv erduldet hat. Das Kreuz war gerade die Folge seines Aktiv-Seins, seines Einsatzes für die Schwachen und die Ausgestoßenen, für deren Leben in Fülle. Schon dieser Einsatz selber, v.a. aber die Konflikte, die Jesus dafür einging, sind Teil des Kreuzwegs. Erst als der Konflikt an seinem Höhepunkt angelangt war und es für Jesus um die Frage ging, ob er auch bereit sei, bis zum Letzten Gottes Zuwendung zu verkörpern, stellte sich die Frage des physischen Kreuzes. Jesus hat sie mit Ja beantwortet und hat sein Leben hingegeben für seinen himmlischen Vater, den Herrn des Lebens. – Und dieser hat ihn vom Tod auferweckt. Die letzte, höchste Aktivität Jesu war, sein Leben um Gottes willen zu verlieren. Dieses Vertrauen wurde beantwortet mit dem Geschenk neuen, unzerstörbaren Lebens in Fülle.

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Wie also können wir unser Kreuz auf uns nehmen? Sicher nicht dadurch, dass wir bewusst Leiden suchen. Jesus möchte wirklich, dass wir zur Fülle des Lebens gelangen. Aber dazu gelangen wir nicht, wenn wir unser Leben ängstlich schützen auf Kosten unserer Werte und Überzeugungen, auf Kosten des Glaubens an den barmherzigen Gott, der das Leben in Fülle für alle will.

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Vielleicht bedeutet das Kreuz auf sich zu nehmen in dieser Zeit öfter mal, Widerspruch zu erheben und Konflikte einzugehen, wenn starke, laute Menschen gegen verletzliche und schwache hetzen; wenn Engagement für andere und Einsatz für Hilfsbedürftige als Gutmenschentum verunglimpft wird; wenn selbst Verwandte, Freunde und Bekannte plötzlich Thesen in die Welt setzen oder nachsagen, die einer mitmenschlichen Haltung widerstreiten. Ich empfehle nicht, die Moralkeule zu schwingen, das hat Jesus ja gerade auch nicht getan; aber ich meine, wir alle könnten öfter die Stimme der Menschlichkeit erheben und das dazu passende Verhalten versuchen. Das wäre ein würdiges Kreuztragen. Wenn Gutmenschen naive Weltverbesserer sind, die anderen ihre realitätsferne Moral überstülpen wollen, dann sollen wir das nicht sein. Aber gute Menschen sollen wir werden und die Welt sollten wir – mit dem Realitätssinn des Glaubens – ein wenig verbessern. Dazu gehört im Übrigen auch, unseren eigenen inneren Konflikten nicht aus dem Weg zu gehen und wachsam zu sein, wann wir selber zu den Starken und Lauten gehören.

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Wir haben das Glück in einem Land zu leben, in dem es höchst unwahrscheinlich ist, dass uns solcher Einsatz vor die Frage nach Leben und Tod stellt – aber auch das ist nie ausgeschlossen. Wir können also unser Kreuz auf uns nehmen in der Hoffnung, dass es uns nicht das Letzte – das Leben – abverlangt, aber in der Bereitschaft dieses doch zu einzusetzen. Denn einen gewissen Einsatz verlangt es durchaus, gerade jetzt, wo man den Eindruck haben könnte, dass Haltungen wie Empathie, Mitmenschlichkeit und Respekt von allen Seiten attackiert werden: von Terroristen, von Rechtsextremen, von Hooligans, von bisher braven Bürgerinnen und Bürgern, die plötzlich jeden Anstand verlieren, und von demagogisch redenden Politikern, die das auch noch schüren, bei uns und in vielen Ländern.

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Vielleicht würde man lieber schweigen, um die Konflikte zu vermeiden – aus Bequemlichkeit oder aus Angst. Aber wenn wir zulassen, dass die unausgesprochene Sympathie auf Seiten der Hartherzigkeit ist, dann hat diese gewonnen – nicht endgültig, das sagt uns unser Glaube –, aber doch für eine Weile, mit allem, was dies für Schwächere bedeutet. Es gilt für uns, wie für Jesus: Wer sein Leben (durch Stillschweigen und Konfliktvermeidung um jeden Preis) retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um Gottes und willen (für Menschen einsetzt oder gar) verliert, der wird es retten und in Fülle zurück­ge­win­nen.

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