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Was wir vom Rücktritt des Papstes lernen können
(Gedanken zum ersten Fastensonntag 2013 (LJ C))

Autor:Wandinger Nikolaus
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:
Datum:2013-02-21

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Liebe Gläubige,

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wir leben doch in interessanten Zeiten. Das letzte – und einzige – Mal dankte ein Papst frewillig ab vor gut 700 Jahren: Coelestin V., 1294. Und nun also Benedikt XVI. Ab 28. Februar, 20 Uhr, heißt es in seiner Erklärung, ist der Stuhl Petri vakant. Ein Konklave muss einberufen werden und einen neuen Papst wählen. Inzwischen sieht es so aus, als würde das relativ schnell gehen – wobei man da vor Überraschungen ja nie sicher ist.

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Benedikt XVI. spricht in seiner Rücktrittserklärung davon, dass er im Gebet sein Gewissen erforscht habe, und so zu dieser Entscheidung gekommen sei. Ich habe meine Fantasie etwas spielen lassen und versucht, mich ein wenig in den Menschen Joseph Ratzinger hineinzudenken. Welche Fragen mögen ihm dabei wohl durch den Kopf gegangen sein: Darf ich das wirklich, aufgeben, alles hinwerfen? Ist das nicht Fahnenflucht? Aber andererseits: Wenn ich weitermache und versage, weil meine Kräfte nachlassen, bin ich dann schuld, wenn die Kirche Schaden nimmt? Triumphieren meine Kritiker und Gegner, wenn ich gehe? Glauben sie, sie haben gewonnen? Oder ist es Stärke, freiwillig zu gehen und einem Neuen Platz zu machen? Und wen wird ein neues Konklave wählen? Vielleicht tut er was, das mir ganz gegen den Strich geht – und ich kann dann nichts mehr dagegen machen, ich müsste es hinnehmen?

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Zugegeben, das sind nur meine Vorstellungen. Es könnte ganz anders gewesen sein. Und doch, könnte es auch so ähnlich gewesen sein. Und dann war sicher auch für den Papst schwer zu unterscheiden, welche dieser Gedanken dem Willen Gottes entsprechen und welche ihm entgegenstehen und dann ja Versuchungen wären. Ist es Gott gefällig, etwas Sensationelles zu tun und vorzeitig zurückzutreten? Oder muss man durchhalten bis er selbst einen abberuft? Ist das eine sein Wille, dann könnte das andere eine Versuchung sein – und umgekehrt. Und so hat diese topaktuelle Sache des Papstrücktritts doch eine Ähnlichkeit mit unserem heutigen Evangelium, das von der Versuchung Jesu erzählt. Gerade noch – bei seiner Taufe – hörte Jesus die Stimme aus dem Himmel, die ihn seinen geliebten Sohn nannte; dann geht er in die Wüste, um zu beten und nachzudenken, worin das Sohn-Sein eigentlich besteht. Und dann kommen auch die Versuchungen in frommem Gewand daher: Wenn du Gottes Sohn bist, dann mach doch dies oder jenes. Die Versuchung verkleidet sich als Gottes Wille und ist nicht so leicht zu erkennen. Vor diesem Problem stand Jesus in der Wüste, vor ihm stand wohl auch der Papst bei seiner schwierigen Entscheidung. Dieses Problem haben auch wir, wenn wir dem Anruf Gottes folgen wollen, unser Leben in seinen Dienst zu stellen. Was ist Versuchung und was Gottes Wille?

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Ein anderer Papst hatte dieses Problem schon einmal in besonderer Weise, hat sich falsch entschieden und hat daraufhin eine ziemlich drastische Zurechtweisung von Jesus bekommen. Es war der erste Papst, nach dem das Petrusamt benannt ist. Bei ihm war es ähnlich wie bei Jesus: Zuerst machte er eine große Erfahrung der Bestätigung und des Vertrauens für eine Aufgabe: „Du bist der Fels, auf den ich meine Kirche bauen werde …“. Doch danach kam die Versuchung in Gestalt einer frommen Anwandlung. Als Jesus davon spricht, dass er leiden und sterben müsse, protestiert Petrus: „Nein, das darf nicht geschehen!“ Doch das war nicht fromm, es war so daneben, dass es sogar zur Versuchung für Jesus wurde und ihn veranlasste, Petrus „Satan“ (Mt 16,23) zu nennen, weil Petrus wolle, was die Menschen wollen, nicht was Gott will. Heißt das, dass Gott eher das Leiden will als dessen Vermeidung?

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Auch Papst Benedikt stellt in seiner Rücktrittserklärung fest, dass das Papstamt nicht nur durch Taten und Worte, sondern auch durch Leiden und Gebet ausgeübt wird; und er hat dabei sicher an seinen Vorgänger, Johannes Paul II., gedacht, der der ganzen Welt Inspiration war durch die Art und Weise, wie er seine Krankheit bis zum Schluss ertrug. Vielleicht mag Papst Benedikt auch die Frage gekommen sein, ob er nicht auch diesen Leidensweg gehen müsse – wie Jesus ihn gegangen ist, wie Petrus ihn letztlich auch ging, wie Johannes Paul II. ihn zeigte. Und doch hat sich Papst Benedikt anders entschieden: unsere Zeit, sagt er, braucht jemanden auf dem Stuhl Petri, der bei Kräften ist, um dieses Amt gut ausüben zu können. Der Papst nimmt die Aufgabe, die er hat, und seine persönliche Situation als Maßstab dafür, wie er sich zu verhalten hat. Und ich denke, darin liegt eine ganz wichtige Einsicht über Gott und über den Umgang mit fromm auftretender Versuchung.

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Zum einen macht es ganz deutlich: Es ist nicht so, dass Gott eher das Leiden will als dessen Vermeidung, ganz und gar nicht. Schon bei Jesus wollte Gott nicht lieber das Leiden als dessen Vermeidung, sondern er wollte, dass Jesus seine Sendung in der Welt ganz erfüllt: Die Frohe Botschaft vom barmherzigen Gott zu bringen, ob man sie hören will oder nicht; ob man sie annimmt oder mit Gewalt ablehnt. Wenn sie aber mit Gewalt abgelehnt wird, dann kann man sie nur aufrechterhalten, wenn man diese Gewalt erleidet; alles andere würde die Botschaft zerstören. Nicht das Leiden wollte Gott eher als dessen Vermeidung, sondern die Frohbotschaft wollte er mehr als ihre Zerstörung, darum war der Weg Jesu ans Kreuz der Wille Gottes. Das musste Petrus lernen – und er hat es gelernt und selbst die Konsequenz daraus gezogen. Die Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI. haben die Frage, ob sie ihr Amt unter Leiden weiter ausüben oder an andere übergeben sollten, unterschiedlich beantwortet. Und wie sollte man von außen beurteilen können, was besser oder weniger gut, Gottes Wille oder Versuchung ist? Hier ist jeder Mensch, auch und gerade ein Papst, auf sein Gewissen verwiesen und darauf, wie er die Stimme Gottes darin vernimmt. Wenn wir einmal annehmen dürfen, dass beide diese Stimme richtig vernommen haben und ihr gefolgt sind, so folgte für Johannes Paul II. und Benedikt XVI. jeweils etwas anderes daraus. Denn der konkrete Mensch und seine Situation sind nicht irrelevant für Gottes Willen, dieser tritt dem Menschen nicht feststehend von außen gegenüber, sondern er ergibt sich aus der Aufgabe, die ansteht, und der Persönlichkeit des Menschen, dem diese anvertraut wird. Die Sendung, die Gott einem Menschen in der Welt gibt, ist wichtig. Wenn der Mensch sie verrät, verrät er sich selbst. Aber die Sendung ist im Konkreten nicht für jeden Menschen gleich, sondern der Person jeweils angemessen. Nach dieser Einsicht handelten beide Päpste, Benedikt und Johannes Paul.

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Und das ist nun auch für jeden und jede von uns am Anfang dieser Fastenzeit interessant: Geht es in der Fastenzeit darum, dass wir uns etwas vorenthalten, weil es Gott lieber ist, wenn wir leiden anstatt das Leid zu vermeiden? – Nein. Es geht darum, dass wir uns auf das Wesentliche konzentrieren, dass wir horchen, ja lauschen auf die Stimme Gottes in unserem Gewissen, die mit uns einen Dialog darüber führen will, was unsere Berufung ist und wie wir diese Berufung leben sollen. Wir müssen uns dabei bewusst sein, dass sich die Versuchung in diesen Dialog einschleichen wird und unter dem Deckmantel des besonders Frommen uns verführen will zu einer falschen Entscheidung. Sind wir als Personen egal, wenn es um diese Berufung geht? Müssen wir uns nur einer Aufgabe unterordnen? – Nein, auch das gilt nicht, sondern die Sendung Gottes ist unseren Kräften, Veranlagungen und Fähigkeiten angepasst. Sie wird diese immer übersteigen, gar keine Frage, aber Gottes Kraft wird uns über uns selbst hinauswachsen lassen, damit wir sie doch erfüllen können. Und wir selbst sind ermächtigt, im Dialog mit Gott festzustellen, wie die anstehende Aufgabe sich zu uns als Person verhält und wie daher unsere Sendung im Konkreten aussieht, das können wir von Papst Benedikt lernen.

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Darum denke ich, dass seine Entscheidung eine große Entscheidung ist. Nicht, weil vielleicht manche froh sein mögen, dass ein konservativer Papst abtritt; und es spricht nicht gegen sie, dass andere bedauern mögen, dass ein großer Theologe den Stuhl Petri verlässt. Wichtig ist, dass Papst Benedikt uns zeigt: nicht das Amt steht über dem Menschen, sondern der von Gott gerufene und geliebte Mensch steht über dem Amt, seine Sendung ergibt sich aus dem einmaligen Zusammenklang von Aufgabe und Person. Dafür dürfen wir dem Papst dankbar sein.

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Beten wir für Papst Benedikt, der bald wieder Kardinal Joseph Ratzinger sein wird, für die Kirche, die einen neuen Nachfolger Petri sucht, und für uns, dass wir diese Einsicht in unserem Leben und unserer Nachfolge verwirklichen.

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