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Verbunden. Geschieden. Und dann?
(Predigt zum 27. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr B)

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:
Datum:2012-10-18

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Predigt zum 27. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr B, gehalten am 7. Oktober 2012 in der Jesuitenkirche (Gen 2,18- 24; Mk 10,2- 12)

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Klar, eindeutig und auch unmissverständlich ist die jesuanische Rede: „Am Anfang der Schöpfung hat Gott die Menschen als Mann und Frau geschaffen“, als „Isch“ und „Ischa“, als Mensch und Menschin – könnte man es übersetzen (oder aber mehr im feudalen Geiste: als Herr und Herrin). Die moderne deutsche Übersetzung: als Mann und Frau vernichtet die Logik der Zusammengehörigkeit. Sollten die Zwei ein Fleisch werden, also nicht mehr zwei, sondern eins sein, sollten sie sich aneinander binden, so binden, dass man diese Bindung als eine Bindung durch Gott begreifen könnte, so darf der Mensch die Bindung nicht lösen. Klarer geht es wohl kaum: Eine Scheidung vor Augen Gottes darf es nicht geben! Jahrhundertelang leuchtete dieses klare Licht unzähligen Menschen ihre Lebenswege aus, half über die dunklen Situationen hinweg und über die tiefen Abgründe. So ganz nach dem Motto: „egal in welcher Sackgasse wir uns verrannt haben und wie tief wir beide ,in der Scheiße sitzen´, wir dürfen nicht aufgeben. Unsere Treue auch die Treue trotz oder gerade durch den Treuebruch hindurch – sei doch nur ein schwacher Widerschein der Treue Gottes zu uns Menschen, die wir ja treulos sind. Er selber begleitet uns mit seinem Segen auf allen Wegen, lebt und leidet mit. Lass uns also noch einmal versuchen!“ Heute gewinnen unzählige Paare Kraft aus diesem Glauben und aus diesen Worten Jesu: Was Gott verbunden hat, das dürfen die Menschen nicht trennen, dürfen nicht leichtsinnig ihren Bund aufs Spiel setzten, sie dürfen sich nicht scheiden. „Vor Angesicht Gottes bleibe ich Dir verbunden, solange ich lebe, selbst oder gerade dann, wenn Du schwach, krank und alles andere als liebenswürdig werden solltest!“

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Doch wird – liebe Schwestern und Brüder – dieses leuchtende Licht der jesuanischen Weisung heute vielerorts als ambivalent erlebt. In unserer Zeit scheint dieses ausleuchtente Wort sogar zu blenden! Seit Jahren blendet uns dieses Wort in unsrer Suche nach einem Ausweg aus einer Pattsituation in die nicht nur unzählige Paare geraten sind; Paare, die in ihren Ehekrisen keinen anderen Auswegen mehr sehen konnten als Trennung und Scheidung: weil das gemeinsame Leben, das Leben das ein Vorgeschmack himmlischer Gemeinschaft sein sollte, weil sich dieses Leben zu einer Art Inferno, zur Hölle auf Erden verwandelte, oder aber zur trockener Wüste in der nichts aber gar nichts mehr wuchs. Seit Jahren blendet die Klarheit dieses Wortes uns aber auch in unserer Suche nach einem Ausweg aus der kirchlichen Pattsituation, in die jene Dogmatik und jene Pastoral geraten sind, die den Wert der sakramentalen Bindung um jeden Preis zu retten suchen und erkennen müssen, dass sich heutzutage auch sakramentale Bindungen in vielen Fällen als nicht fähig erweisen der Realität standzuhalten. Immer mehr sakramental geschlossene Ehen werden ja faktisch „sub contrario“ gelebt, gewissermaßen als ihr exaktes Gegenteil, weil sakramentale Bande von der Kirche dort geglaubt werden, wo Menschen, die einander entfremdet sind, oder gar einander hassen, wo keine gnadenspendende Gemeinschaft mehr existiert, während die vielen Gemeinschaften der Wiederverheirateten, während die Gemeinschaften, die aus dem Vertrauen und der Erfahrung der gegenseitigen Hilfsbereitschaft sich nähren von der Kirche als Sünde qualifiziert werden.

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Liebe Schwestern und Brüder! Das leuchtende Licht kann die Dunkelheit ausleuchten und es leuchtet diese auch aus. Da gibt es nichts zu rütteln an dieser Wahrheit. Das Wort von der Treue solange man lebt, leuchtet den Weg des Lebens aus! Dafür soll man dankbar sein und sich glücklich schätzen, wenn man dieses Licht auf diese Art und Weise erlebt. Das Licht kann aber auch blenden und hinderlich sein bei der Suche nach einem Weg, dem Weg auf dem das Leben: auch das kirchliche Leben weiterwachsen kann. Lass uns also einen Schritt zurücktreten und der jesuanischer Logik folgend zuerst fragen, was noch an anderen Sachen am Anfang der Schöpfung anders war.

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Denn vieles war damals anders, wenn man der Logik der biblischen Geschichte Glauben schenken möchte. Da lag noch der Löwe neben dem Lamm, denn die Gewalt war dieser Welt noch fremd. Und auch das Misstrauen und die Hartherzigkeit der Menschen. Die Schöpfung so wie Gott sie ursprünglich gedacht habe, stellte ja den Inbegriff des Paradieses dar. Wir alle aber..., wir leben nicht mehr im Paradies. Durch Sünde verletzt, geraten wir und gerät auch unsere Welt immer und immer wieder an den Abgrund der willkürlichen Zerstörung ihrer selbst und auch unserer selbst. Auch oder gerade unter der Flagge der Selbstverwirklichung. Mit Lust, Freude und einer Emsigkeit sondergleichen kann der Mensch sich selber und den seinigen die Lebensqualität vergiften. Dieser Hartherzigkeit wegen gab Mose und gab wohl Gott selber Gesetze und Gebote, auch das Gebot: „Du sollst nicht ehebrechen!“ Er gab aber auch Regelungen, wie das Nichteinhalten der Gesetze, wie das Versagen, wie die Erfahrung des Bruches sanktioniert und geordnet werden konnte. Auf dass die Willkür nicht überhand nimmt! Der Hinweis Jesu aus dem heutigen Evangelium, der die Scheidungsurkunde aus der mosaischen Tradition bewertet, soll unser aller Aufmerksamkeit auf die Tatsache lenken – und das beachtet unsere Kirche leider viel zu wenig , dass eine geregelte Scheidung immer noch besser sei als völlige Willkür: in einer Welt, die durch Sünde verletzt nicht mehr der Inbegriff des Paradieses sei und in der wir alle – alle ohne Ausnahmen – bis zu einem gewissen Grad hartherzig sind. Genauso, wie das gesetzlich geregelte Gewaltmonopol immer noch besser sei, als das unkontrollierte Gewaltverhalten in einer Welt in der der Löwe und das Lamm nicht nebeneinander liegen. Der Hartherzigkeit wegen, der Sünde wegen, einer Sünde, die verletzt, soll es – nach jesuanischer Meinung – gesetzliche Regelungen geben, Regelungen, die die Verletzungen gering halten. Liest man das heutige Evangelium mit diesem Brillen, so wird man wohl folgen müssen, dass eine verantwortliche Scheidungspraxis keineswegs von vorne herein im Widerspruch zur jesuanischer Tradition steht, dass also Jesus bodenständiger war als unser Kirchenrecht etwa.

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„Moment mal!“ – wird sich wohl spätestens jetzt der Widerspruchsgeist zum Wort melden – „machst du dir, du salopp denkender Prediger, machst du dir und den anderen die Sache nicht zu leicht. Die Ehe ist doch nicht nur eine gesetzlich geregelte Gemeinschaft. Sie ist ein Sakrament, das heiligste also, was die Katholiken haben. Soll etwa der kirchliche Schatz durch Ehebruch und Scheidung profaniert und banalisiert werden?“ „Nein! – würde Jesus selber sagen. Im gleichen Atemzug aber auch auf die Gefahr der Verblendung aufmerksam machen, jener Verblendung, die das klare Licht seiner Worte vom Ehebruch unwillkürlich hervorrufen kann. „Wer eine Frau auch nur lüstern ansieht, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen.“ Diejenigen, die nicht geschieden sind und auch nicht verheiratet, dürfen nicht in ihrem – auch in ihrem klerikalen – Hochmut und ihrer Überheblichkeit sich über andere erheben. Im Grunde sind sie doch selber auch nur Ehebrecher: Ehebrecher im Herzen, Ehebrecher im Geist, gar im Geiste spezifisch klerikaler Überheblichkeit. Sie dürfen nicht hartherzige Menschen sein, Menschen, die andere Menschen an den Pranger stellen und sie zu Sündenböcken machen.

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Liebe Schwestern und Brüder, derjenige, der das leuchtende Wort bringt, macht selber auf die Gefahr der Verblendung durch dieses Wort aufmerksam. Mehr noch: Er selber wird zum Opfer der Ambivalenz. Weil dieses Licht, das normalerweise in den Sackgassen leuchten und eine Hilfe sein soll in der radikalen Krise blenden wird. Jesus selber wird ja an den Pranger gestellt, unter die Sünder gezählt, ja zum Sünder par excellence gemacht und auch zum Teufel. Und dies im Namen Gottes. Geblendet durch das klare Licht des Gesetzen, das Licht der Gebote und Verbote, die im Namen Gottes die Willkür, den Chaos und das Inferno der Gewalt verhindern sollten, Gebote und Verbote, die den Grad der Verletzungen durch die Hartherzigkeit der Menschen niedrig halten sollten, geblendet durch den heiligen Eifer wird Christus selber ausgegrenzt und getötet. Von Menschen, die das Gesetz um jeden Preis retten wollten und dies durchaus nach dem Motto: Es sei besser wenn einer, oder einige zum Handkuss kommen, als dass das Chaos unser aller Herzen beunruhigen sollte. Und uns in die Abgründigkeit unserer Herzen führen sollte, die wir doch alle Ehebrecher im Herzen sind. Und er starb..., starb beladen durch falsche Anschuldigung, starb ausgegrenzt durch den heiligen Eifer, der nur das Licht des Gesetzes und dessen unschätzbaren Wert schützen wollte, selbst aber durch dieses selbe Licht geblendet war.

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Liebe Schwestern und Brüder, wenn die katholische Kirche in ihren Lobgesängen bekennt: die Sakramente würden aus der geöffneten Seite Christi entspringen, sie hätten ihre lebensspendende Quelle in Christus seiner Hingabe, einer Hingabe, die gerade im Abgrund des Todes und der Ausgrenzung von ihm selber gelebt wird, die Sakramente also deswegen Kraft gerade in der Erfahrung von Bruch und Abbruch vermitteln und auch zur Wandlung beitragen, dann stellt die kirchliche Bemühung den Wert sakramentaler Bindungen zu schützen durch Ausgrenzungen hindurch durchaus etwas Ambivalentes dar. Wer weiß, ob sich die Kirche dadurch nicht versündigt, analog zu jenen, die im besten Wissen und Gewissen handelnd sich auch versündigten als sie die Ehebrecherin steinigen wollten, als sie Jesus im Namen des Gesetzes verurteilten, als sie schon nach der Auferstehung Christi auf den Thronen kirchlicher Macht sitzend den „gottmordenden Juden“ die Gemeinschaft mit Gott abgesprochen haben.

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Liebe Schwestern und Brüder, die hier angestellte Betrachtung über die Ambivalenz des heiligen Eifers, der durch das Gesetz den Weg des Lebens ordnet, durch dasselbe Gesetz und durch das klare Licht aber auch blenden kann, wäre missverständlich, wenn man auch dieses Wort Jesu nicht in Erinnerung rufen würde: „Meint ihr, die ihr vielleicht entsetzt seid über das Handeln eurer Väter, über das Handeln jener, die vom heiligen Eifer geblendet, mich ausgegrenzt und gar getötet haben, meint ihr, ihr wäret besser als eure Vorfahren? Vorfahren, die im Namen kirchlicher Normen Menschen ausgegrenzt haben und auch ausgrenzen? Oder aber auch ihr, die ihr euch das Recht nehmt, im Namen des gesunden Menschenverstandes die Kirche bloß an den Pranger zu stellen? Meint ihr, ihr seid besser? Nein. Übertünchte Gräber seid ihr, Ehebrecher im Geiste, gar Mörder im Geiste. Wenn ihr und weil ihr euren Mitmenschen zürnt und diese diffamiert und sie zu den Unmenschen verwandelt. Eure Gerechtigkeit hat viel mit Selbstgerechtigkeit zu tun. Eure Überheblichkeit ist bloß das Ergebnis einer Täuschung!“ Derjenige also, aus dessen geöffnetem Herzen die Sakramente der Kirche entspringen, macht uns alle darauf aufmerksam, dass wir alle im gleichen Boot sitzen: die Zölibatären, die Verheirateten, die Geschiedenen, die Wiederverheirateten, die Witwen und Witwer, diejenigen, die mit einem Partner oder auch Partnerin leben. Und auch die Kinder. Wir, die wir nicht mehr im Paradies leben, brauchen zwar die Normen und Gesetze, um Verletzungen zu vermeiden, oder den Grad der Verletzung niedrig zu halten. Wir alle bedürfen aber auch heilender Kräfte, Kräfte, die die Brüche heilen und Versöhnung über die Abgründe hinweg ermöglichen. Kräfte, die dem sakramentalen Handeln der Kirche entspringen! Deswegen ruft Christus uns allen zu, uns, die wir zu dieser Feier versammelt sind: Kommt! Habt Anteil an der heilenden Kraft meiner Hingabe. Füllt euch nicht ausgegrenzt! Denn: Ich selber lade euch ein. Ich: der Ausgegrenzte.

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