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Rendezvous mit einer schönen Fremden
(Predigt beim Gottesdienst zu den Festwochen den Alten Musik 2012 am 19. August 2012 um 11. Uhr in der Jesuitenkirche in Innsbruck)

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:
Datum:2012-09-18

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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(20. Sonntag im Jahreskreis Lesejahr B; Spr 9,1-6; Joh 6,51-58)

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Verführerisch sehen sie aus: Diese Augen! Die Augen, die uns schon seit Wochen von den unzähligen Plakaten auf den Straßen Innsbrucks anschauen! Uns alle zu einem Rendezvous einladen, dem Rendezvous mit einer schönen Fremden - ein Abenteuer soll es werden: ein Abenteuer für Junge und Alte, für Potente und Gelassene, für all jene, die in der Hektik des 21. Jahrhunderts noch den sinnlichen Genuss der raffinierten und doch so einfach klingenden Barockmusik zu schätzen wissen.

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Die Logik des Plakates ist klar: Diese musikalische fruitio sei genauso prickelnd wie ein Schäferstündchen mit  jener schönen Fremden, einer Fremden, die überall in der Welt zu Hause zu sein scheint: im sinnlichen Arabien aus Tausendundeine Nacht genauso wie im geheimnisvollen China, hinter den Mauern der verbotenen Stadt, von Italien schon ganz zu schweigen. So paradox es klingen mag, wollen diese schönen Augen auch zu seinem Rendezvous in der Kirche verführen, in dieser Kirche hier. Und die Verführung scheint gelungen zu sein: Eine bis auf den letzten Platz gefüllt Kirche - und dies beim Traumwetter, dem Wetter, das auf die Gipfeln und Almen lockt, dorthin also, wo es Gaudi gibt, Gaudi ohne Sünd, wie dies die Tiroler zu sagen pflegen. “Kommt, lasst euch berauschen - berauschen mit paradiesischer Musik”, scheinen uns diese Augen zuzurufen, Augen, die ja bloß Platzhalter sind, Platzhalter für die wunderbaren Augen und noch wunderbareren Stimmen der Sängerinnen und Sänger von Novocanto, Platzhalter für die Raffinesse der Tiroler Barockinstrumentalisten, Platzhalter für die Augen der wunder schönen Kantorin, von den Ministrantinnen schon ganz zu schweigen. Zum Zelebranten äußere ich mich nicht!

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Die Augen der schönen Fremden, die auch zu einem Rendezvous in der Kirche einladen, wollen ja, wie dies die Augen aller Verführerinnen tun, sie wollen zu einer Grenzüberschreitung verführen: zur Grenzüberschreitung zwischen einem modernen Festival, dem über die Grenzen des Landes bekannten kulturellen Event, und der traditionellen römisch-katholischen Liturgie. Wow! Wenn das nicht ein Werbetrick ist für die Kirche und für die Festwoche? Das Programm “Alte Musik im Gottesdienst” bezieht ja den gefeiert Gottesdienst ein, ein Ereignis, das von zahlreichen Gläubigen Woche für Woche, gar Tag für Tag hier an diesem Ort gefeiert wird - das Programm “Alte Musik im Gottesdienst” bezieht den Gottesdienst ein als einen integralen Bestandteil des Festivals. Die Innsbrucker Festwochen haben demnach keine Angst vor Religion, keine Angst gerade vor der gelebten Religion, einer Religion von bester Qualität.

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“Also, Prediger, bremse dich jetzt ein und übertreibe nicht ...!”, wird sich dieser und jener Zuhörer nun denken. Warum denn?, möchte ich entgegnen. Die Augen der schönen Fremden auf dem Plakat sind doch hoffentlich auch Platzhalter für die Augen jener geheimnisvollen Frau, der wir vor ein paar Augenblicken in der Lesung begegnet sind. Auch sie lud ja zu einen Rendezvous ein: “Kommt, ... esst von Mahl und trinkt vom Wein, den ich gemischt!” (Spr 9,5). Es ist die Frau Weisheit, die uns dieses Stelldichein anbietet, eine auch sinnlich greifbare Gestalt Gottes, eine schöne Fremde, die unsere appetitio anregt und uns auch zur fruito verhilft: zum Genuss. Und das ist alles andere als banal. Und warum denn?

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In dem sich auf den ersten Blick so gestrig anhörenden biblischen Buch der Sprichwörter sitzt die Frau Weisheit - diese schöne Fremde, die uns heute zu einem Rendezvous einlädt - einer anderen Gestalt gegenüber, einer hoch modernen Frau, die auf allen Gassen und Straßen angetroffen werden kann: Als Billigprodukt oder als Konkursmasse angeboten, mit all den Tricks der modernen Werbungsindustrie an den Mann gebracht. Auch sie will verführen und sie tut es auch. Überall hinterlässt sie ihre Spuren in der Phantasie der Vorüberziehenden: dieses Luder, das vom biblischen Buch mit dem Namen “Frau Torheit” benannt wird: “Süß ist der gestohlene Wein, heimlich entwendetes Brot schmeckt lecker!” (Spr 9.17) - flüstert sie ihr Mantra ins Ohr und findet ihre Kunden unter Pubertierenden und Postpubertierenden, unter Jungen und Alten. Begehrt! “Begehrt, was des Anderen ist! Begehrt auf Teufel komm raus!” Die Urheberin der Seitenblickekultur, die Patin der Kultur des Neides, die letztendlich nichts anderes anzubieten hat als den gierigen Blick auf den Nachbarn und das Gefühl des Ressentiment dem Freund oder Partner gegenüber. Im Unterschied zur Frau Weisheit, die ihren Gästen, die sie eingeladen hat, auch reichlich auftischt, Qualitätsprodukte zum Genuss serviert, weiß die Frau Torheit bloß die Phantasie ihrer Gäste anzuregen. Spätkapitalistisch gesprochen, sie steckt ihr gesamtes Kapital in die Werbung, hat deswegen auch nichts mehr anzubieten außer dem Rendezvous mit dem eigenen Begehren, einem Begehren, das ins Unermessliche gesteigert wird, der appetitio, die sich niemals in die fruitio verwandelt: in den Genuss. Denn: Wie könnte ich mich freuen mit dem, was ich habe, mit dem, was ich bin, mit dem, was ich kann, wenn der andere und auch die andere mehr hat oder was anderes hat, wenn er mehr ist oder auch nur mehr kann? Wir könnte ich mich über den Applaus, den ich bekomme, freuen, wenn meine Konkurrenten mehr Applaus bekommen? Das Gift des Neides vergiftet den Genuss. Und da hilft die Steigerung des Konsums nicht. Einmal der Verführung der Frau Torheit verfallen findet sich der Unwissende in der Gestalt des sich selbst verschlingenden Wolfes wieder. William Shakespeare hat diese Dynamik in seiner Tragödie “Troillus und Cressida” meisterhaft auf die Kurzformel gebracht: “Und diese Gier, ein Wolf der alle Welt frißt, müsste sich die ganze Welt zur Beute machen, und fräß sich selbst dann.”

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“Lasst uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot” (vgl. Jes 22,13), grölt es aus den Wirtshäusern der Frau Torheit, eine Aufforderung, die im Grunde der Resignation entspringt und der Verzweiflung eines homo incurvatus in se ipsum, eines auf sein eigenes Begehren reduzierten Toren, der sich buchstäblich nur noch zu Tode fressen und saufen, sich auch zu Tode ficken und dem Rausch der Gewalt verfallen wird.

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Liebe Schwestern und Brüder, einer Kultur, die ihre Weichen bloß auf die Entfesselung des Begehrens ausrichtet, wird die Frau Weisheit als eine schöne Fremde erscheinen, als eine Gestalt aus einer anderen Welt, eine Gestalt, die aber keineswegs Moralinsäure verspritzt und auch nicht lustfeindlich ist. Nein! Gemäß der Logik des biblischen Buches regt die geheimnisvolle Wirtin unseren Appetit an und hielt uns auch, diesen Appetit zu stillen, beschenkt uns also mit Genuss. Sie betrügt uns nicht, sie lädt ein, sie bewirtet und sie begleicht auch die Zeche. Wogegen die Frau Torheit bloß auf unsere Kosten gedeiht. “Iss freudig dein Bort und trink vergnügt deinen Wein. (Erfreue dich an der Musik.) Mit einer Frau die du liebst, genieß das Leben alle Tage deines Lebens” (vgl. Koh 9,7.9), ruft uns die schöne Fremde zu, die dem biblischen Zeugnis gemäß eine Personifizierung Gottes bleibt, eines Gottes, der durch seine vom Himmel herabsteigende Weisheit, durch sein menschgewordenes Wort eine unerschöpfliche Inspirationsquelle unseres Lebens ist.

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Die Innsbrucker Wochen der Alten Musik überschreiten die Grenzen zur Liturgie und haben keine Angst vor der Religion. Sie signalisieren damit, dass auch unter den modernen Bedingungen des Marktes, auch im Kontext des durch den allgegenwärtigen Seitenblick entfesselten Begehrens, dass die Kunst nicht bloß ein Wirtschaftsfaktor und nicht bloß ein Konsumgut ist, sondern ein Vollzug des menschlichen Geistes, ein Akt, der sich letztendlich der Grenzüberschreitung zur Transzendenz verdankt, der sich letztendlich aus den Quellen göttlicher Weisheit speist, ein Akt also, der mit dem gefeierten Ritus der Eucharistie Hand in Hand geht. Deswegen habe ich auch diese schönen Augen der Fremden auf dem Plakat als Platzhalter für die Augen der biblischen Frau Weisheit gedeutet, für die Gestalt des unter uns gegenwärtigen Gottes. In der katholischen Liturgie, die für so viele eventsversessenen Zeitgenossen bloß nur noch langweilig ist, ruft uns dieser menschgewordene Gott zu: “Nehmt und esst, das ist mein Leib! Trinkt, das ist mein Blut!” Er selber deutet den Vorgang im heutigen Evangelium, wenn er sagt: “Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist.” (Joh 6,51)

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Liebe Schestern und Brüder, unser aller Wege zu dieser Feier führen an den allgegenwärtigen Spuren der Frau Torheit vorbei, in der allgegenwärtigen Kultur des Seitenblicks, in der Kultur des Neides und Ressentiments. Nehmen wir die rituelle, an uns gerichtete Einladung der Frau Weisheit an, nehmen wir die Einladung des menschgewordenen Gotts an, empfangen wir ihn in diesem heiligen Ritual und lassen wir uns wandeln, wandeln durch Gott selber, auf dass wir das Leben haben, das wahre Leben, den Genuss schon hier und auch das ewige Leben, den ewigen Genuss Gottes und seiner Seligen. Lassen wir uns auf dieses Rendezvous ein: Das Rendezvous mit der schönen Unbekannten in der modernen Welt, deren Namen Gott, Weisheit, Religion heißen. 

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