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Keuschheit: Lohnt sich das?

Autor:Repschinski Boris
Veröffentlichung:
Kategoriekurzessay
Abstrakt:
Publiziert in:Jesuiten. Informationen der Deutschen Provinz der Jesuiten an unsere Freunde und Förderer 60/3, S. 6-7.
Datum:2012-09-06

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Als Ignatius in seinen Konstitutionen schrieb, über die Keuschheit müsse nicht viel geredet werden, sie müsse lediglich engelsgleich gehalten werden, da traf er vielleicht unbewusst gleich zwei Punkte, die mir immer wieder Gedanken machen. In den langen Jahren im Jesuitenorden habe ich tatsächlich nur selten ein persönliches Gespräch über den Umgang mit Keuschheit erlebt. Da war eine kleine Gruppe von Mitbrüdern, die sich während meines Studiums zum geistlichen Austausch gebildet hatte, und in der Freundschaft und gegenseitiges Vertrauen auch Gespräche über dies Thema zuließen. Auch während des letzten Ausbildungsabschnittes im Terziat waren die Gespräche über Keuschheit und die damit verbundenen emotionalen Bedürfnisse heilsam und befreiend. Doch sind solche Gespräche auch schwierig, denn man berührt doch die intimsten Ebenen menschlichen Lebens.

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Noch schwieriger scheint mir jedoch die Aufforderung zu engelsgleicher Erfüllung des Gelübdes. Die Gelübde generell weisen uns ja immer wieder auf die menschliche Zerrissenheit hin, in der die Bereitschaft zur Nachfolge Christi auf menschliche Schwäche trifft und uns vor Augen führt, wie sehr wir der Erlösung bedürfen. Das Keuschheitsgelübde tut dies auf besondere Weise.

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Als ich mit 19 Jahren in den Orden eintrat, machte ich mir über Keuschheit wenig Gedanken. Durch Einkehrtage und Exerzitien in St. Blasien war ich auf den Anruf Christi gestoßen „Komm, folge mir nach!“ (Mk 1,16–20). Der Ruf war stark und löste in mir Freude und Enthusiasmus aus. Darauf vertrauend, dass der Herr schon auch „das mit der Keuschheit“ richten werde, folgte ich diesem Ruf in den Orden. Achtundzwanzig Jahre später staune ich immer noch, wie sich dieses Vertrauen bewährt hat, und auf was für unvorhergesehenen Wegen auch die Keuschheit zum Geschenk geworden ist.

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Vielleicht hätte ich ja auch die Berufung der Jünger damals etwas genauer lesen sollen. Denn die Nachfolge beginnt zunächst einmal mit einem Verzicht. Petrus, Andreas, Jakobus und Johannes müssen viel hinter sich lassen: ihre Familien, ihr gewohntes Leben, ihre Einkünfte. Zumindest von Petrus wissen wir, dass er auch seine Schwiegermutter zurückließ. Ließ er vielleicht auch Frau und Kinder hinter sich? Wir wissen dies nicht genau, doch gerade das Keuschheitsgelübde macht Ordensleuten immer wieder deutlich, dass dieser besondere Weg der Nachfolge Jesu Entbehrungen birgt. Und immer wieder kommt die Frage auf, ob sich das auch lohnt. Petrus stellt die Frage sehr präzise: „Wir haben alles verlassen und sind dir gefolgt; was werden wir dafür bekommen?“ (Mt 19,27). Die Antwort war für Petrus wohl nicht offensichtlich. Und gerade im Verzicht auf menschliche Partnerschaft und die eigene Familie, oder auch im Verzicht auf das Ausleben eigener sexueller Wünsche stellt sich mir die Frage: „Lohnt sich das?“

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Natürlich kann man versuchen, die Frage einfach auszublenden. Aber letztlich wird sie dadurch nur drängender. Wieder ist es Petrus, dessen geradlinige und oft emotionale Art mir hilft. Dieser Petrus ist einer, der Jesus mit Begeisterung folgt, aber immer wieder auch auf seine Schwächen verwiesen wird. Er liebt Jesus so sehr, dass er wie Jesus auf dem Wasser wandeln will und dann doch untergeht (Mt 14,28–31); er will Jesus niemals verraten (Mt 26,33) und steht schließlich doch da und weint bitterlich, weil er realisiert, dass er eben genau dies getan hat. Er ist es auch, der Jesus nach einer langen Zeit der Nachfolge und Wundertaten die entscheidende Frage stellt: Lohnt sich das? Petrus stellt sich die Frage nicht insgeheim, versucht nicht, sie selbst zu lösen. Er macht sie zum Thema eines Gesprächs mit Jesus.

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Der gesunde Umgang mit den eigenen emotionalen und sexuellen Wünschen beginnt mit der Einsicht, dass das Keuschheitsgelübde aus uns keine asexuellen oder engelsgleichen Wesen macht, sondern dass unser Verlangen Teil dessen ist, wie Gott uns geschaffen hat und sich uns wünscht. Das Gelübde lädt uns ein, wie Petrus immer wieder unsere Zweifel und unsere Gebrochenheit in das Gespräch mit dem einzubringen, dessen Namen wir tragen. Das Keuschheitsgelübde hat in sich selbst keinen Wert. Erst, wenn es uns immer mehr in das Gespräch mit Jesus hineinführt, wird es glaubhaftes Zeichen seiner heilenden Kraft, auch für andere.

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Als Jakob mit Gott kämpfte, trug er eine bleibende Verletzung davon (Gen 32,23–33). Doch für Jakob war diese Verletzung auch ein Zeichen der Gnade und des Segens. Mit dem Keuschheitsgelübde ist es ganz ähnlich. Keuschheit ist nicht einfach und manchmal schmerzhaft. Aber wenn sie zu Freundschaft und Intimität mit Jesus führt, dann ist sie eben auch Segen und Gnade.

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