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Ein Beistand für die Lügner
(Gedanken zum 3. Ostersonntag (LJ B))

Autor:Wandinger Nikolaus
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:Haben wir Christus erkannt? Oder laufen wir Gefahr, uns als Lügner zu outen, wenn wir dieses behaupten - jedenfalls warnt uns der 1. Johannesbrief davor. Er gibt uns aber auch ein Kriterium, wie wir wissen können, ob wir Christus erkannt haben.
Publiziert in:
Datum:2012-04-24

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Lesungen: (Apg 3,12a.13-15.17-19); 1 Joh 2,1-5a; Lk 24,35-48

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Liebe Gläubige,

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haben Sie Christus erkannt? Was denken Sie? Aber ich sollte mich wohl lieber selber fragen: Habe ich Christus erkannt? Und vielleicht käme es uns in den Sinn zu antworten: aber natürlich haben wir ihn erkannt. Wir gehen sonntags in die Kirche und hören das Wort Gottes; wir beten und meditieren; das ganze Leben lang haben wir gehört, dass der Vater und Christus uns lieben und wir Gott zurücklieben sollen – und das tun wir doch auch: wir lieben Christus, sonst wären wir ja nicht da; sonst würden wir doch keine Kirchensteuer zahlen. Wir müssen ihn doch erkannt haben und lieben, sonst wäre doch so vieles, was wir tun, sinnlos – so könnte es uns in den Sinn kommen.

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Und der Autor des ersten Johannesbrief würde uns fragen: Bist du sicher? Und wir würden ihn vielleicht verständnislos anschauen und fragen: ja wieso denn nicht? Und er würde entgegnen: Haltet ihr denn seine Gebote? Und dann würden wir vielleicht unsicher. Die Gebote halten? Wirklich alle?Naja, was heißt alle, würde Johannes sagen, es ist doch eh nur eines: „Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe“ (Joh 15,12). Dieses eine von Johannes überlieferte Gebot schließt ja alle anderen ein und geht weit über sie hinaus: nicht nur nicht morden, lügen, stehlen, Ehe brechen usw., sondern andere lieben – und zwar so, wie Jesus seine Jünger geliebt hat; die Jünger, die ihn immer wieder missverstanden, die ihn verleugneten und allein ließen, die immer wieder in Unglauben und Verstocktheit fielen; ja, lieben, wie Jesus uns geliebt hat, das bedeutet auch unsere Feinde zu lieben. Tun wir das?

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Und vielleicht müssten wir dann verlegen den Kopf einziehen und sagen: nein, Johannes, nein, die Gebote Jesu haben wir nicht gehalten. Wir haben es versucht, aber wir haben es nicht geschafft. Und Johannes würde sagen: dann seid ihr Lügner, wenn ihr behauptet, ihr hättet Jesus erkannt. Dann seid ihr, wie die Apostel vor der Nacht von Gethsemane. Da haben sie sich auch gegenseitig mit Treueschwüren überboten – und dann sind sie alle auf und davon. Es ist so leicht, zu meinen man habe Jesus erkannt; aber genauso leicht täuscht man sich darin. Johannes nennt uns ein ganz einfaches Kriterium: Erfüllst du seine Gebote? Wenn ja, dann hast du ihn erkannt; wenn nein: erzähl keine Märchen! Mach dich nicht zum Lügner!

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Jetzt stehen wir da wie die begossenen Pudel, als Lügner und Aufschneider enttarnt, nicht wert, uns Jünger und Jüngerinnen Christi zu nennen. Wenn wir den Gedanken, dass wir Christus nicht erkannt haben, dass wir immer wieder versagen im Leben seiner Liebe, sehr ernst nehmen, dann kann es bei manchen geschehen, dass sie nahe an die Verzweiflung kommen. Ich habe es so oft versucht, ich habe mich so bemüht; ich habe gedacht, es wäre soweit – und jetzt das: Desillusionierung. War also alles umsonst? Bin ich ein Sünder und Taugenichts, der vor dem Angesicht Gottes nichts verloren hat? So mag eine Stimme in uns fragen. Und dann bekommen wir Angst vor Gott, auch Angst vor Jesus: lieben, wie er uns geliebt hat …– Ist das nicht einfach zu viel verlangt? Schließlich sind wir doch nicht er.

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Und schon wäre es uns wieder passiert, dass wir glauben, ihn zu kennen und uns doch vor allem selber dabei belügen. Wie die Jünger und Jüngerinnen kurz nach Ostern, die es einfach nicht glauben können, dass Jesus auferstanden ist – und dass dieser Auferstandene zu ihnen kommt, die ihn doch verleugnet und verlassen hatten. Immer wieder geschieht dasselbe: Jesus erscheint – die Jünger erkennen ihn nicht und haben Angst.

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Man könnte sich fragen, ob es bei diesem Nicht-Erkennen immer nur darum geht, die Identität des Auferstandenen mit dem Gekreuzigten zu erkennen; das sicher auch. Aber vielleicht verbirgt sich dahinter noch ein anderes Nicht-Erkennen: das Nicht-Erkennen davon, wie Jesus mit denen umgeht, die ihn nicht erkannt, die ihn daher verlassen und verleugnet haben, die nicht lieben, wie er geliebt hat, und daher sich und andere belügen, wenn sie sagen, sie hätten ihn erkannt. Vielleicht haben auch die Jünger gedacht: Ich kann diesem Jesus nicht mehr unter die Augen treten, habe vor seinem Angesicht nichts mehr verloren, denn alles was mich dort erwarten würde, wären doch nur Vorwürfe: Du hast versagt, du kennst mich immer noch nicht, was bist du nur für ein Lügner, für eine Lügnerin!

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Und es ist wahr: wer so denkt, hat Jesus nicht erkannt. Denn sein Zugang ist ein ganz anderer: Sein erstes Wort ist immer wieder „Friede sei mit euch“. Jesus ist – auch und gerade nach seiner Auferstehung – nicht gekommen, um uns in Unfrieden und Selbstablehnung zu stürzen, sondern um uns zu versöhnen – mit sich, mit dem Vater, aber auch mit uns selbst. Er will uns gerade aus unserem Nicht-Erkennen und aus dem Irrglauben, wir hätten ihn erkannt, befreien. Ja, wir haben ihn nicht erkannt, ja wir haben uns belogen, als wir das Gegenteil dachten, ja, wenn Jesus so wäre, wie wir in dunklen Momenten meinen, dann hätten wir nichts vor seinem Angesicht verloren. Aber so ist er eben nicht. Er ist ja gekommen, weil er wusste, wie sehr die Menschen Gott missverstehen und sich über ihn belügen, und weil er gerade in dieser Situation bei den Menschen sein wollte, um sie aus dieser Lüge zu befreien.

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Jesus erklärt im Evangelium, sein Weg ans Kreuz und aus dem Tod ins neue Leben ist im Gesetz des Mose, bei den Propheten und in den Psalmen schon beschrieben. Im wörtlichen Sinne stimmt das nicht. Aber: in den Schriften des AT ist immer wieder davon die Rede, dass Menschen einen Gerechten verfolgen und ungerecht behandeln, weil sie sich selbst über Gott belügen; weil sie denken, Gott wolle, dass sie einen angeblich schlechten Menschen verfolgen. Bis sie schließlich merken: „Wir meinten, er sei von Gott geschlagen, von ihm getroffen und gebeugt. Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen, wegen unserer Sünden zermalmt.“ (Jes 53,4-5). Jesu Weg war vorgezeichnet, weil er der Gerechte schlechthin ist und weil es in einer der Selbsttäuschung und Lüge verhafteten Menschheit gar nicht anders möglich war, als dass er den Weg des leidenden Gerechten ging. Aber er tat das gerade, um uns von dieser Täuschung und Lüge zu befreien, um uns – wie den Jüngern und Jüngerinnen damals – gerade wegen unserer Verhaftetheit in die Lüge zu sagen: „Friede sei mit euch“. Sehr her, ich bin nicht gekommen, um euch anzuklagen, sondern um euch zu zeigen, dass Gott anders ist.

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Und im selben Sinne schreibt Johannes seinen Brief, damit wir nicht sündigen – um dann sofort anzufügen: „Wenn aber einer sündigt, haben wir einen Beistand beim Vater: Jesus Christus, den Gerechten.“ (1 Joh 2,1) Johannes macht uns darauf aufmerksam: Wenn wir Jesu Gebot der Liebe nicht halten, haben wir ihn nicht erkannt und belügen uns selbst; aber gerade wenn wir uns selbst belügen, haben wir diesen Beistand, der uns nicht wegen unserer Lüge verurteilt, sondern immer wieder aufs Neue auffordert: Schau her, ich bin doch anders als du denkst. Sieh mich doch richtig, dann kannst du mein Liebesgebot auch leben.

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Ist das aber nicht doch eine Überforderung? Wenn wir das von heute auf morgen und auf uns allein gestellt schaffen wollen, dann sicher. Wenn wir uns aber bewusst sind, dass Jesus uns dafür ein Glaubensleben lang Lernzeit gewährt und dass wir dabei ganz und gar nicht auf uns allein gestellt sind, sondern Jesus als Beistand beim Vater und seinen Heiligen Geist als Beistand in unseren Herzen haben, dann sieht es ganz anders aus. Dann können wir sagen: Ja, Herr, ich weiß, dass ich dich noch immer nicht richtig erkannt habe, dass ich mich immer wieder über dich und mich belüge; aber ich weiß auch, dass du mich nie aufgibst, dass du mich besser kennst als ich mich selbst und dass du unwiderruflich zu mir stehst. Wenigstens diese Lüge, dass du etwas gegen mich hast, die kann ich aufgeben, weil du für mich – für jeden Menschen – den Tod durch Lüge und Gewalt mit Liebe und Hingabe überwunden hast. Und dann werden wir Christus immer ähnlicher, unser Menschsein wird von allen Verschüttungen befreit und zu der Vollkommenheit reifen, die sein wahres Menschsein hatte.

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