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Von der schwierigen Kunst, ein Prophet zu sein
(Gedanken zum 3. Sonntag im Jahreskreis, LJ B)

Autor:Wandinger Nikolaus
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:Was ist ein Prophet? Einer, der die Zukunft vorhersagt? Ist dann ein falscher Prophet einer, der sich dabei täuscht? Oder ist es doch ganz anders? Das kleine Buch Jona und sein Prophet helfen uns zu überraschenden Antworten.
Publiziert in:
Datum:2012-03-01

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Lesungen: Jona 3,1-5.10; (1 Kor 7,29-31); Mk 1,14-20

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Liebe Gläubige,

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was eigentlich ist ein Prophet? Jona ist ja einer der seltsamsten unter ihnen – und doch können wir gerade von ihm viel lernen. Propheten sind Menschen, die von Gott den besonderen Auftrag bekommen, Menschen zu trösten oder zu warnen. Entsprechend gibt es Heils- oder Unheilspropheten. Ein Prophet hat also manchmal Heil zu verheißen; dann ist er gern gesehen und wohlgelitten. Oft aber hat er Unheil zu prophezeien und dann wird er gefürchtet, abgelehnt und oft genug verfolgt oder gar getötet. Darum ist es gar nicht so verwunderlich, dass Jona nicht nach Ninive gehen will, um der Stadt den bevorstehenden Untergang anzukündigen. Was werden sie mit ihm machen, wenn er ihnen ein göttliches Strafgericht androht?

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Ich nehme an, die meisten von Ihnen kennen die Geschichte, wie Jona versucht vor Gott und seinem Auftrag zu fliehen; wie sein Schiff in schwere See gerät und die Seeleute ihn aus Angst vor Gottes Zorn ins Meer werfen. So scheint es einem zu gehen, wenn man aus Angst vor Gottes Auftrag flüchten will: man gerät dann in eine andere Gefahr, gerade durch die Flucht. Das erste, was wir von Jona lernen können: Es gibt unangenehme Wahrheiten in unserem Leben, die können wir nicht vermeiden, die können wir nicht totschweigen oder verdecken. Wir müssen ihnen realistisch ins Auge sehen, so unangenehm sie auch sein mögen. Der Versuch, sie zu umschiffen, endet im Schiffbruch. Der Versuch, sie wegzudrücken nach dem Motto „was nicht sein darf, kann auch nicht sein“, endet erst recht in einer Katastrophe.

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Doch wir wissen: Jona geht nicht zu Grunde. Es folgt ja die rührende, aber gänzlich unmögliche Erzählung von dem großen Fisch, den Gott schickt, damit er Jona verschlingt. Und doch rettet gerade das den widerwilligen Propheten. Jona verbringt drei Tage und Nächte im Bauch dieses Fisches und dort fällt es ihm ein zu beten und Gott um Erbarmen zu bitten. Und es heißt, der Herr befahl dem Fisch, Jona an Land zu speien. Was sollen wir von dieser unmöglichen Episode halten? Nun ja, biologisch ist sie unmöglich, aber psychologisch? Jona hat versucht einer unausweichlichen Wahrheit zu entkommen und es hat ihn in einen Sturm geführt – einen Sturm widersprüchlicher Gedanken und Gefühle, irrationaler Ängste und Wahnvorstellungen der Verfolgung, bis ihn schließlich das Meer verschlingt, ein Symbol jener Urgewalt unseres Unbewussten, die alles vernichtet, was sich ihr in den Weg stellt. Der riesige Fisch ist nun nur noch ein Sinnbild der letzten Aussichtslosigkeit und Verlorenheit. Eine dunkle Nacht der Sinne – oder auch des Sinnes: Ausdruck von Verzweiflung und Depression. Wo könnte man verworfener, einsamer, hilfloser sein als mitten in einem sturmgepeitschten Meer im Bauch eines riesigen Fisches. Und doch: gerade dieses dumpfe Gefängnis schützt Jona vor dem Ertrinken, es errettet ihn vor dem Ansturm fremder Gewalten – und es zwingt ihn, zur Besinnung zu kommen. Das bedeutet auch: er findet die Kraft zu beten. Er sieht seine ganze Verlorenheit und zunächst hält er Gott immer noch für seinen Gegner. Und doch wendet er sich diesem Gott, vor dem er fliehen wollte, den er als Grund seines Elends betrachtet, zu und ruft zu ihm. Und im Verlauf seines verzweifelten Gebets wandelt sich sein Verhältnis zu Gott plötzlich. So betet Jona:

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4 Du hast mich in die Tiefe geworfen, in das Herz der Meere; mich umschlossen die Fluten, all deine Wellen und Wogen schlugen über mir zusammen. 5 Ich dachte: Ich bin aus deiner Nähe verstoßen. […] 6 Das Wasser reichte mir bis an die Kehle, die Urflut umschloss mich; […]“ (Jona 2,4-6)

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„Doch du holtest mich lebendig aus dem Grab herauf, Herr, mein Gott. 8 Als mir der Atem schwand, dachte ich an den Herrn, und mein Gebet drang zu dir, zu deinem heiligen Tempel. […] 10 Ich […] will […] laut dein Lob verkünden. Was ich gelobt habe, will ich erfüllen. Vom Herrn kommt die Rettung.“ (Jona 2,7-10)

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Aus „Du hast mich in die Tiefe geworfen“ wird „Du holtest mich lebendig aus dem Grab herauf“. Gerade aus letzter, unüberwindlicher Ausweglosigkeit schafft die Macht Gottes einen Ausweg und einen neuen Anfang – und Jona bekommt sogar den Mut, seinen Auftrag auszuführen.

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Wir lernen von Jona: Selbst wenn wir glauben, uns gerade wegen Gott in scheinbar letzter Ausweglosigkeit und Hoffnungslosigkeit zu befinden, sollten wir doch zu ihm rufen, und wenn es mit Klage und Anklage ist. Denn Gott kann uns auch dann einen neuen Weg eröffnen. Oft sieht dieser Weg für uns aus wie ein geöffnetes Maul, das uns verschlingt – doch es ist der Durchgang zu unserer Rettung. Und wir werden vielleicht die neue Erfahrung machen: Von Gott kommt nicht die Ausweglosigkeit, sondern die Errettung.

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Nach Jonas Rettung nun spielt die heutige Lesung: Jona geht nach Ninive, droht ihr Gottes Gericht an, und es geschieht etwas ganz Unerhörtes: Die Menschen wenden sich nicht gegen ihn, sie verfolgen ihn nicht, sie töten ihn nicht; sie gehen in sich, bereuen und tun Buße. Von allen Propheten hat der Prophet wider Willen den eindeutigsten und klarsten Erfolg. Elija, Jesaja, Jeremia, Ezechiel – sie alle mussten Menschen das Gericht Gottes androhen; nicht weil Gott so rachsüchtig wäre, sondern weil die Menschen in ihr eigenes Unglück rannten und Gott sie davor warnen wollte. Und sie alle mussten Spott, Ablehnung, Verfolgung dafür erleiden. Jona, der sich drücken wollte, geht hin und – zack – schon bekehrt sich ganz Ninive. Man möchte meinen, Jona müsste nach diesem Erfolg der glücklichste Prophet überhaupt sein. Weit gefehlt!

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Als Jona sah, dass Gott Mitleid mit Ninive hatte, „missfiel [… es ihm] ganz und gar, und er wurde zornig. 2 Er betete zum Herrn und sagte: ‚Ach Herr, habe ich das nicht schon gesagt, als ich noch daheim war? Eben darum wollte ich ja […] fliehen; denn ich wusste, dass du ein gnädiger und barmherziger Gott bist, langmütig und reich an Huld und dass deine Drohungen dich reuen. 3 Darum nimm mir jetzt lieber das Leben, Herr! Denn es ist für mich besser zu sterben als zu leben.‘“ (Jona 4,1-3)

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Ja, liebe Gläubige, Sie haben recht gehört: Jona will vor Gott fliehen, weil dieser Gott barmherzig ist, weil er seine Drohungen nicht wahrmacht. Gerade hat Gott ihn, den Untreuen, gerettet; nun ist er sauer, weil Gott die Einwohner von Ninive verschont. Kann man mehr mit zweierlei Maß messen? Wir lernen durch Jona: Gott ist barmherzig zu allen: zu verirrten Propheten wie zu ganzen Sündenpfuhlen von Städten. Er rechnet anders als wir: unparteiisch, aber nicht in einer kalten, aufrechnenden Gerechtigkeit, sondern in einer heißen, barmherzigen Liebe.

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Und doch: Können wir Jona nicht verstehen? Hat er nicht einen Idioten aus sich gemacht? Geht in die Stadt und verkündet deren Untergang, nur damit gar nichts passiert? Ist das nicht das Schicksal so vieler Unheilspropheten, dass man ihnen vorhält: „Schau doch, es ist ja gar nichts passiert! Was willst du denn mit deiner Panikmache? Entspann dich doch, es ist doch alles in Ordnung!“ Die so sprechen, übersehen dabei eines: Es ist gerade deshalb nichts passiert, weil der Unheilsprophet gewarnt hat und weil die Warnung gefruchtet hat. Eine Prophetie ist keine Vorhersage, sondern eine Voranzeige: Wenn du auf diesem Weg weitermachst, dann wird das Unheil über dich hereinbrechen. Wenn du aber den Weg korrigierst, dann wirst du Heil erfahren, denn Gott ist ein Gott des Heiles. Wenn die Wettervorhersage Regen verkündet und morgen die Sonne scheint, dann hat sie sich geirrt – das kommt vor. Wenn ein Unheilsprophet den Weltuntergang prophezeit und der tritt nicht ein, dann muss er sich nicht unbedingt geirrt haben: es könnte auch sein, dass seine Warnung die Mächtigen davon abgehalten hat, auf den nuklearen Sprengknopf zu drücken – und deshalb die Welt noch steht. Sicher: viele sagen den Weltuntergang voraus und wir tun gut daran, uns von ihnen nicht in Panik versetzen zu lassen. Der Grund dafür ist aber nicht, dass ohnehin keine Gefahr besteht. Der Grund ist, dass Gott diese Welt nicht verlässt, sondern in ihr am Wirken ist, und dass deshalb vielleicht die Menschen sich ändern können und so ein schreckliches Ende vermeiden.

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Noch etwas, das wir durch Jona lernen: Propheten sind keine Wahrsager, sie sind Warner und Verheißer Gottes. Ob die Voranzeigen der Propheten wahr werden, hängt immer auch von uns ab, denn sie sind Appelle an unsere Entscheidungsfähigkeit: Appelle, sich von Unheilswegen abzuwenden und Gott zu suchen; Appelle, dass wir uns ganz auf Gott und seine Güte verlassen und dadurch die Kraft finden, etwas in unserer Welt, in unserem Leben zum Besseren zu wenden.

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Am Ende des Buches Jona heißt es: Als Jona so zornig und beleidigt unter einem Rizinusstrauch saß, den Gott eigens hatte wachsen lassen um Jona Schatten zu spenden, schickte Gott einen Wurm, der den Strauch zerstörte, und dazu große Hitze. Jona wurde noch zorniger und wünschte sich wieder den Tod. „10 Darauf sagte der Herr: Dir ist es leid um den Rizinusstrauch, für den du nicht gearbeitet und den du nicht großgezogen hast. Über Nacht war er da, über Nacht ist er eingegangen. 11 Mir aber sollte es nicht leid sein um Ninive, die große Stadt, in der mehr als hundertzwanzigtausend Menschen leben, die nicht einmal rechts und links unterscheiden können – und außerdem so viel Vieh?“ (Jona 4,10f.)

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Ein Letztes lernen wir durch Jona: Nichts ist zu gering, als dass sich Gott darum kümmerte, sogar das Vieh ist ihm wichtig. Wir können uns darauf verlassen, dass seine Güte nicht wankelmütig ist, dass wir sie nicht umkehren können in ihr Gegenteil, wie schlimm und dumm wir uns auch aufführen. Denn sie ist keine Belohnung für unser Gutsein. Sie ist eine Folge der Treue Gottes zu sich selbst: Er hat sich schon viel zu viel Mühe gemacht mit dieser seiner Schöpfung. Wenn wir sie nicht zugrunde richten – er wird es nicht tun. Es wäre ihm leid um 7 Milliarden Menschen und außerdem so viel Vieh …

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