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“Du Ochse du, denkst du denn nicht an das Kind?” Weihnachten ist...
(Predigt beim Weihnachtsgottesdienst am 25. Dezember um 11. 00 Uhr in der Jesuitenkirche)

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:
Datum:2011-12-29

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Eine modernes Märchen, das wohl – wie alle Märchen – bestens bekannt ist: Der liebe Gott wollte es so, dass die Tiere am Heiligen Abend sprechen. So diskutierten halt unsere lieben Vierbeiner und auch die gefiederten Zweibeiner darüber, was wohl die Hauptsache sei: an Weihnachten. „– Na klar, Gänsebraten” – sagte der Fuchs. „Was wäre Weihnachten ohne Gänsebraten?” „– Nein, nein, nein! Schnee!” – sagte der Eisbär. „Viel Schnee. Nur weiße Weihnacht ist echte Weihnacht!” Und das Reh warf gleich ein: „– Und ich, ich brauche einen Tannenbaum, sonst kann ich nicht Weihnachten feiern. Ohne Tannenbaum, nein!” „-Aber bitte nicht so viele Kerzen” – heulte die Eule laut. „Schön schummrig muss es sein und gemütlich. Stimmung. Stimmung im Dämmerlicht: das ist die Hauptsache.” „– Schon” – krächzte der Pfau – „aber mein neues Kleid muss man halt sehen. Wenn ich kein neues Kleid kriege ist für mich Weihnachten gestorben.” „– Und der Schmuck? Ich muss Schmuck haben..., einen Ring, ein Armband, oder eine Brosche” – schrie die Elster ganz hysterisch.“– Beruhige dich meine Liebe“ – brummte der Bär. „Aber den Stollen, den Stollen soll man nicht vergessen. Der Stollen: das ist die Hauptsache und all die Süßigkeiten.” „– Ihr habt Probleme, ich verstehe euch nicht. Macht’s wie ich” – sagte der Dachs. „Pennen, Pennen, Pennen. Das ist das Wahre! Weihnachten heißt für mich, endlich mal richtig pennen”. „– Und saufen!” – warf der Ochse ein. „Mal richtig einen saufen und dann pennen!” „– Aua!” – brüllte der Ochs, denn der Esel versetzte ihm einen gewaltigen Tritt.“– Du Ochse, du, denkst du denn nicht an...”

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Ja, liebe Schwestern und Brüder! Woran denken Sie beim Wort „Weihnachten”? Was lässt ihre Haut prickeln? Was den Adrenalinspiegel steigen? Momentan sicher nur noch ein Gedanke: „Endlich ist er da: der Weihnachtstag!” Vorausgegangen ist ihm ja dieses Jahr der lange Advent. Selbst der kirchliche Advent war der denkbar längste. Ganze vier Wochen lang, mit dem heiligen Abend am Samstag. Wochenlang ließen wir uns durch die unzähligen Weihnachtsmärkte formen und kneten, weihnachtlich stimmen. Unaufhörlich zuckten wir die Geldbeutel, bezahlten Punsch und Glühwein und auch die Geschenke, zahlten uns dumm und dämlich. Der Rubel rollte ja wie noch nie: Rekordsummen im Umsatz, Rekordsumme beim „Licht ins Dunkel”. Erschöpft vom Einkaufsstress und Vorbereitungswahn atmen wir tief durch und seufzen zufrieden: „Endlich! Endlich ist Weihnacht.” Und wagen nicht daran zu denken, dass schon in zwei Tagen der Ausverkauf und der große Umtauschboom einsetzen.

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Ja, Weihnachten ist, wenn eine Pause einkehrt, eine Unterbrechung des geschäftigen Treibens. Eine Unterbrechung, in der aber die echte Freude nie so richtig aufkommen will. Nostalgisch denken viele zurück an die alte Zeit, an die Zeit, in der sie als Kinder sich noch regelrecht freuen konnten, weil sie die Erfahrung des Mangels mitmachen durften und auf etwas noch regelrecht warteten und hoffen konnten, sich dann auch regelrecht freuen durften, oder aber auch die Tränen der Enttäuschung schluckten. Weihnachten ist also, wenn im Trubel Pausen einkehren; Weihnachten ist aber auch, wenn Menschen nostalgisch werden. Und Weihnachten ist, wenn Einsamkeit zum Thema wird! Nicht dass Menschen an diesem Tag einsamer wären als sonst. Es ist bloß die Zeit, in der einem die Einsamkeit bewusst wird, die Zeit, in der auch oder gerade das hochgepriesene Singledasein unerträglich erscheint. Weil man halt das Gefühl hat, dass man doch falsch gebettet liegt, wenn Lebenspartnerin und Lebensgefährte, wenn Ehefrau, Ehemann, wenn Kinder, wenn lebenslange Freundschaften fehlen. Deswegen hassen auch so viele Menschen diese Weihnachtszeit und setzen sich sarkastisch über die Atmosphäre dieses Festes hinweg und auch über dessen Botschaft. „Bloß fressen, saufen und pennen” wollen sie, wie unsere Tiere im Weihnachtsmärchen, jene Tiere, die ja so menschlich sind. Und gerade, weil sie so menschlich sind, vernehmen die sprechenden Tiere auch doch noch die Botschaft des Festes.

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In unserem Märchen ist es der Esel, der den Verkündigungsengel spielt. Warum auch nicht? Nachdem Gott selber schon mal durch die Eselin des Bileam gesprochen hat, warum soll der sprichwörtliche dumme Esel nicht derjenige sein, der zum allertiefsten Grund des Festes durchdringt und diese Wahrheit auch bezeugt.“ – Du Ochse, du, denkst du denn nicht an das Kind”“ – sagte der Esel zum Ochsen, der ja zuerst nur richtig einen saufen und dann pennen wollte. Da senkte der Ochse den Kopf und sagte: „– Das Kind, ja das Kind, das Kind ist die Hauptsache!”

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Liebe Schwestern und Brüder, warum das Kind? Weil jedes Kind, jede Neugeburt doch davon kündet, dass etwas Neues beginnt. Und dies ungeachtet all der Probleme und Schwierigkeiten, die manchmal mit der Geburt eines Kindes verbunden sind. Ungeachtet der Schmerzen und auch der oft durchkreuzten Pläne einer im Singledasein verliebten postmodernen Partnerschaft. Jede Geburt kündet davon, dass etwas Neues beginnt, dass Beziehungen neue Chancen bekommen, dass trotz all des Schreckens, trotz all der Brüche, trotz all der Tränen, der Schmerzen und all des Todes, dass trotz alledem das Leben die Oberhand behält. Deswegen konnte auch Weihnachten zu einem Fest werden, das die Grenzen der Kirche, die Grenzen des Christentum bei Weiten überschritten hat. Deswegen wollen auch die hierzulande lebenden Muslime und nicht nur sie Weihnachten feiern. Im wahrsten Sinn des Wortes wurde das Fest zum Fest des ganzen Erdkreises, weil die Botschaft dieses Festes das Nobelste und das Beste von dem, was jeder Mensch in seinem Innersten trägt, zu streifen vermag und auch zum Klingen bringt. Und dies trotz all der oberflächlichen Sarkasmen und Verweigerungen. Das Kind, das neue, das menschliche Leben sei die Hauptsache. So sieht es jedenfalls der Esel. Und der Ochse stimmt ihm auch zu. Doch werden der Esel und auch der Ochse bei der bloßen Feststellung der Tatsache, das Kind sei das Wichtigste, nicht stehen bleiben. Die instinktgebundene Sorge um den Nachwuchs, die Freude darüber, dass das Leben einfach weitergeht, weil neues Leben geboren werde, jene Sorge und auch jene Freude, die der animalischen Natur eingepflanzt zu sein scheinen, so wichtig sie für den Zugang zum Geheimnis des Festes auch sein mögen, sich auch deswegen quasi notwendig einstellen, sobald das Kind da ist – das neue Leben , diese der ganzen Menschheit so vertraute Haltung dringt zu der allerletzten Tiefe des Geheimnisses des Festes nicht ganz durch.

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Denn: das Geheimnis stellt nicht die Tatsache der Biologie dar. Es entspringt nicht der empirischen Beobachtung und auch nicht den falsifizierbaren wissenschaftlichen Theorien, so klug und atemberaubend sie auch sein mögen. Das Geheimnis wurde den Menschen kundgetan: verkündet! Von außen in das physikalische Universum eingeschleust. Nicht einmal die präzisesten Berechnungen und nicht die kühnsten Träume der Sterndeuter alter und moderner Prägung werden die Hauptsache von Weihnachten deduzieren können, ableiten oder aber falsifizieren. Den einfältigen Hirten und den wissenschaftlich gebildeten Weisen aus dem Land der aufgehenden Sonne: dem Aufklärungsland per definitionem: dem Morgenland, der intellektuellen Top-Elite der Menschheit also wird diese schlichte Wahrheit zugesprochen. Von außerhalb unserer uns anvertrauten Welt. Sie liegt nicht in der Natur. Sie wird verkündet, zugesprochen. Deswegen kann sie auch vergessen werden! Das scheint auch der Ochse in unserem Märchen beobachtet zu haben. Weil er den Esel fragt: „– Das Kind, das ist doch die Hauptsache. Wissen das eigentlich die Menschen?”

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Ja, liebe Schwestern und Brüder, können sich die Menschen an den Inhalt der Botschaft noch erinnern? Oder: haben sie diesen vergessen. Selbst aber, wenn dies der Fall sein sollte, ändert das Vergessen des Wunders nichts an der Tatsache, dass das Wunder Wirklichkeit wurde. Dass das Kind, dass dieses eine Kind einmalig war, ist und auch bleiben wird. Das Kind, das Maria gebar, ist einmalig; mehr noch: es ist Existenz begründend. Es stellte halt die Welt auf dem Kopf, pflanzte in unser Universum eine Wirklichkeit ein, die uns Hören und Sehen vergehen lässt. Der Mund bleibt offen nicht nur bei den bodenständigen und vielleicht auch einfältigen Hirten, er bleibt offen bei den klugen Weisen und er bleibt auch offen – so paradox es klingen mag – beim Ochs und Esel. Angesicht der Menschwerdung Gottes kann die ganze Natur wohl nur staunen! Denn: bei all ihrer Kunstfertigkeit wird sie dieses Wunder selber nicht hervorbringen können. Engel, Hirten, Weisen, Ochs und Esel, und natürlich auch Maria und Josef: sie alle können nur eines tun: Staunen, sich wundern und anbeten! Und die Folge?

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Gott wird Mensch, er unterwirft sich den Gesetzmäßigkeiten dieser Welt. Deswegen kann diese Welt niemals gottlos werden. Das wird wohl auch der Esel gespürt haben, deswegen reagierte er auf den Disput der Tiere und rückte die Hauptsache in den Vordergrund. Übrigens – wird er noch hinzufügen , so ganz vergessen haben die Menschen auch den allertiefsten Grund von Weihnachten nicht. Und er wird auf die – zur besten Tageszeit, beim besten Wetter – in der Innsbrucker Jesuitenkirche feiernde Gemeinde hinweisen und nicht nur auf diese. Zwei Milliarden Christen feiern, indem sie anbeten! Und eine derartige Faszination auf diejenigen ausüben, dies das nicht tun, dass beispielsweise in Beijing Eintrittskarten für die Weihnachtsmette für Nichtchristen ausgegeben werden müssen, weil der Andrang so groß ist. Die Anbetung kann aber auch zu einem derartigen Stein des Anstoßes werden, dass – wie auch im Jahre 2011 – feiernde Gemeinden zum Angriffsziel der Islamisten, die katholische Kirchen zu Objekten der Sprengstoffattentate werden.

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Weihnachten ist also, wenn Millionen und Abermillionen von Christen den menschgewordenen Gott anbeten und deswegen auch ausgelassen feiern, ihre Häuser schmücken und sich beschenken, essen und trinken. Weil Gott Mensch wurde, weil Gott als Kind zur Welt kam, kann unser aller Sorge um Weihnacht, unsere Ruhepausen und unsere Konsumorgie, unsere Nostalgie, aber auch unsere Einsamkeit, all das kann nicht gottlos sein. Der menschgewordene Sohn Gottes ist ja mit dabei; er ist bei all den Einsamen und den sich einsam Fühlenden, bei all den Kranken und Sterbenden, und natürlich auch bei all den im Weihnachtsrausch lebenden Zweibeinern: all jenen, die ihre Gänsebraten bekommen und jenen, die sich über den Schnee freuen. Über den Tannenbaum und über die gemütliche Schummrigkeit, über die neuen Kleider und auch über den Schmuck. Er ist mit all jenen, die halt nur pennen wollen und einen saufen und dann pennen, wie unser lieber Ochse. Was bleibt dem Prediger noch zu sagen, als dem Esel zu danken? Esel, mein lieber Esel: Danke für den Fußtritt und danke für deine Erinnerungsarbeit bei mir, der ich letztlich auch nur ein Ochse bin.

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