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Advent ist ...
(Predigt zum ersten Adventsonntag)

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:
Datum:2011-12-05

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Predigt zum ersten Adventsonntag am Hintergrund von Jes 63,16b-17.19b; Jes 64,3-7

Adventkränze und Weihnachtsgestecke, Holzspielsachen, Weihnachtsgrußkarten, selbstgebastelte Weihnachtskrippen, selbstgebackenes Weihnachtsgebäck, selbstzubereiteter Glühwein, gar selbstgezogene Kerzen: Advent ist..., wenn Menschen zu Bastlern werden, landauf  landab Lust verspüren selber etwas zu formen, selber etwas zu gestalten. Dem Töpfer nicht ganz unähnlich, der auf seiner Töpferscheibe den Ton gestaltet und Krüge und Schalen, Tonfiguren und vieles andere mehr formen kann. Ist das der Grund, warum Erwachsene im Advent gerne zu Kindern werden, dem Kind Jesu nicht ganz unähnlich, der – so will es jedenfalls die Tradition wissen Tonvögel formte und diese auch in seiner kindlichen Phantasie in der Luft fliegen ließ. Oder aber in der Bastlerstube seines Nährvaters nicht nur die Holzspäne zusammenkehre – wie dies die nazarenischen Malern es wollten –, sondern auch selber zimmerte und bastelte und so – wie könnte es auch anders sein – seine Muter und auch den Josef erfreute. Ich liebe diese Zeit adventlicher Basteleien, auch wenn ich selber weder töpfern noch das Getöpferte brennen tue und auch nicht allzu viel bastle.

Advent ist aber auch, wenn Menschen selber zur Tonmasse werden. Zu einer mehr oder weniger anonymen Masse von Konsumenten, die durch Städte zieht und sich von den unzähligen Weihnachtsmärkten formen lässt. Lichterloh brennend locken unsere Städte Tausende und Abertausende von Touristen an. In Strömen gezogen und geschoben, geknetet und geformt – wie eine Tonmasse – erleben sich die Menschen gerade in den Adventstagen als willige Subjekte. Der Begriff: „subiectum“ kommt ja vom „Unterwerfen“. Unterworfen dem Drang nach vorweihnachtlicher Orgie zucken wir den Geldbeutel unaufhörlich, zahlen unsere Reisen, bezahlen den Punsch und Glühwein und auch die Geschenke, wenn wir am 8. Dezember, und nicht nur dort, die Geschäfte stürmen. Ja! Advent ist Wolllustzeit. Die Zeit der heiligen Geilheit für eine Konsumentenmasse, die wir ja alle sind. Der orgiastische Höhepunkt des Advents lässt sich nicht auf eine andere Jahreszeit übertragen. Das weiß der scheinbar größte und erfolgreichste Töpfer unserer Zeit: der Markt mit seinen Mechanismen sehr gut. Er formt und gestaltet uns, und wir lassen uns formen und sind keineswegs unglücklich dabei. Millionen und Abermillionen glücklicher Augen bezeugen dies Tag für Tag. Ja, wir sind der Ton und der Markt ist unser Töpfer, selbst oder gerade dann, wenn wir uns zu einer anonymen Spendermasse formen lassen und den caritativ ausgerichteten Institutionen die Rolle des Töpfers übertragen. Wir sind der Ton und der Markt ist unser Töpfer. Wie der Töpfer einen missratenen Formgebungsversuch wieder abbricht, einen nicht ganz gelungenen Krug nicht vollendet, sondern diesen gleich wiederum zum Tonklumpen zusammenknetet und von vorne beginnt, so macht es der Markt mit uns: alle nicht marktförmigen Firmen und nicht marktförmigen Karrieren werden gleich verworfen zur anonymen Konkursmasse zusammengeknetet und neu geformt. Wir sind der Ton und der Markt ist unser Töpfer: Das bekommen wir in keiner anderen Zeit so deutlich zu spüren wie im Advent.

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Advent ist aber auch, wenn die Kirche seltsam anmutende Texte in der Liturgie vorlesen lässt und – zumindest bei jenen, die sich noch zur Eucharistiefeier versammeln – für eine kreative Störung sorgt. Es sind dies die sogenannten „Gerichtstexte“, Texte, die zur Wachsamkeit aufrufen, oder sich aber als herzzerreißende Bitten präsentieren: „Reiß doch den Himmel auf und steige herab, dass Berge vor dir erzittern!“ Und nicht nur die Berge. Ausgerechnet zu jener Zeit, in der unsere ganze Welt durch Basteleien und Lichtgirlanden verzaubert wird, ausgerechnet in jene Situation hinein, in der die Atmosphäre der Glühweinseligkeit doch den einzig richtigen Schluss nahelegt: wir sind dem Himmel nahe, so nahe, wie noch keine Generation zuvor. Schließlich werden unsere Straßenbeleuchtungen von Jahr zu Jahr raffinierter, unsere Wohnzimmer erst recht liebenswürdig kitschig und auch unser Töpfer mit uns – seiner Tonmasse – zufrieden (schon gleich am Samstag vor dem 1. Adventsonntag meldete das „unfehlbare Lehramt“ des österreichischen Fernsehens, und die Tiroler Gazetten folgen ihm heute nach: der Handel sei mit uns zufrieden und sieht der Weihnacht gelassener entgegen): Gott sein dank, der Rubel rollt und die Masse zahlt sich dumm und dämlich – ach wo denn: Mit Lust und Freude! Ausgerechnet in diese selige Zeit hinein bekommen wir in der Kirche ein richtiges Anti-Evangelium zu hören. „Warum lässt Du uns von deinen Wegen abirren, warum verhärtest Du unser Herz, dass wir dich nicht fürchten?“ Na ja: „Gott sei dank!“ schallt uns aus der medial gleichgeschalteten Öffentlichkeit entgegen. „Gott sei gedankt dafür, dass wir ihn nicht mehr zu fürchten brauchen, dass die Zeit der alten, patriarchalen, mit Angst und Strafen agierenden klerikalen Kirche endgültig vorbei ist. Fast endgültig. Die letzten Bastionen sind eh bald erobert..., dann werden wir eine gemütliche Heimkirche haben, eine richtig putzige Wohnzimmerkirche, eine Kirche, die allen offensteht und niemanden ausgrenzt, nicht einmal Gott, vorausgesetzt natürlich: er stört nicht, und wenn er sich durch unsere medial sanktionierte Vorstellungen kneten lässt. Zu bekömmlichen  Häppchen, die man ja in jedem Supermarkt problemlos kaufen kann: in der Abteilung: Esoterik und Lebenshilfe.

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Ja, liebe Schwestern und Brüder, ausgerechnet zur Zeit der adventlichen Basteleien konfrontiert uns die Kirche mit den Worten des Propheten, der nicht nur zum Sprachrohr Gottes wurde, sondern in unser aller Namen Gott selber anspricht: „Du Herr, bist unser Vater. Wir sind der Ton und du bist unser Töpfer. Wir alle sind das Werk deiner Hände!“

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Advent ist also – und das ist der allertiefste Grund für die Faszination dieser Zeit -, wenn Gott selber, wenn der lebendige Gott zum Töpfer wird und uns zu formen beginnt. Wenn er aus der gesichtslosen Tonmasse der Konsumenten, die wir ja alle sind: wir die Bastler und die Glühweintrinker, die Touristen und die von der Geilheit der Kauflust Getriebenen, Advent ist, wenn Gott selber aus der gesichtslosen Tonmasse der Konsumenten unverwechselbare Beziehungspartner formt. Advent ist, wenn Gott sich dermaßen in mich verliebt, dass ich mich selber zu wandeln beginne, weil die Liebe des Anderen Wunder wirkt. Advent ist also, wenn aus  vertrockneter und brüchiger Tonmasse, einer am Markt schwer vermittelbaren Existenz, wenn aus den zerbrochenen Krügen des gescheiterten Menschen, oder aber des schwer kranken, sich als überflüssig erlebenden älteren Menschen..., Advent ist.., wenn aus Menschen, die nicht marktförmig sind, weil sie im wahrsten Sinne des Wortes zu Objekten der Sorge geworden sind, der Sorge von Strategen der caritativ ausgerichteten Organisationen, Advent ist, wenn sich der göttliche Töpfer dieser Tonmasse annimmt und sie zu formen beginnt.

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Und wie macht das der göttliche Töpfer? Was tut er mit dem Ton, dessen Qualität zu wünschen übrig lässt? Verwirft er den missratenen Formgebungsversuch? Ist er in die Schule der heute so mächtigen Töpfermeister gegangen: in die Schule der Märkte und Weihnachtsmärkte? Hat er Managementskurse bei den Theoretikern liberaler Wirtschaftsordnung belegt? Roberto Begnini, der begnadete Regisseur des Film: „La vita e bella“ erzählt in seinem zweiten Film: „Der Tiger und der Schnee“ von einem alt gewordenen, weisen Mann. In seiner Jugend hat dieser eine bildhübsche Frau geheiratet. Beide waren glücklich. Als der Mann im Krieg weilte, erkrankte die Frau an Pocken. Ihr Gesicht wurde fürchterlich entstellt. Als der Mann hörte, dass seine Frau ihre Schönheit verlor, rief er aus: „Was ist los mit mir? Meine Augen tun mir weh!“ Und dann ein paar Stunden später: „Ich sehe nichts mehr!“ Als Erblindeter kehrte er heim, kam zu seiner Frau, begrüßte sich und lebte glücklich an ihrer Seite etliche Jahre..., bis die Frau starb. Dann, erst dann, wurde das Geheimnis offenbar, dass er keineswegs blind gewesen war. Er verstellte sich, weil er der Frau die Demütigung ersparen wollte bei der Begegnung und er Konfrontation mit dem Gesicht, das nicht mehr dem Gesicht entsprach, in das er sich verliebte. Er verstellte sich! Seine Liebe zu seiner Frau war so groß, dass er zu einer Position herunterstieg, von der aus das objektiv verunstaltete Gesicht für ihn selber weiterhin schön blieb. Advent ist..., so könnte diese Frau wohl gesagt haben, wenn mein Mann mich in meiner Armseligkeit, mich, die ich zu einem missratenen Gefäß wurde, wenn er mich durch unser Zusammenleben weiterhin formt, mit seiner Haltung  – um meiner Schönheit willen – formt.

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Advent ist also, wenn der göttliche Töpfer auch selber zu Ton wird und sich mit uns allen von all den Töpfern, die uns ja unaufhörlich kneten, wenn er sich mit uns zusammen kneten lässt. Wenn er unsere Geschichte teilt: den Bastlern ein Bastler, denen die von den Zwängen des Marktes geschoben, ausgezeichnet und verworfen werden, ein Geschobener und Verworfener wird. Ja, liebe Schwestern und Brüdern. Er ließ uns abirren von seinem Weg, unser Herz verhärtete sich, unsere Gerechtigkeit ist wie ein schmutziges Kleid. Und immer weniger Menschen raffen sich auf, um sich an ihm festzumachen. Und doch ist uns die Hoffnung nicht abhanden gekommen. Das Licht der einen Kerze – der ersten Kerze des Advents – strahlt uns die Botschaft entgegen und wir, die wir uns zu dieser Eucharistiefeier versammelt haben, nehmen die Botschaft dankbar auf: „Wir sind der Ton und Du bist unser Töpfer!“ In Deiner Liebe, die ja für die Qualität deiner Allmacht steht, mischst Du dich unter uns und lässt dich auch kneten, damit all die adventlichen Basteleien unserer Welt nicht gottlos werden.

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Gott wird Mensch, er wurde Mensch, deswegen kann auch die heutige Welt nicht gottlos sein, selbst oder gerade dann, wenn die Tonmasse aus der diese unsere Welt geformt wird, oft von entsetzlicher Qualität ist. Liebe Schwestern und Brüder! Advent ist..., wenn Menschen zu Bastlern werden. Advent ist aber auch, wenn Menschen selber zum Ton werden, von der Töpferhand des Marktes und der Weihnachtsmärkte geformt. Advent ist, wenn die Kirche seltsame Texte vom Gericht vorliest. Schlussendlich aber ist Advent, wenn Gott selber – der Töpfer par excellence – sich unter uns, unter die Tonmasse mischt und  – selber geknetet – kraft seiner Liebe uns zu seinen unverwechselbaren Beziehungspartnern formt. Wir alle sind ja der Ton und er – der Gott der Liebe – ist der Töpfer. Beglückwünschen wir uns des eines Lichtes wegen, beglückwünschen wir uns des Advents wegen! Denn: Advent ist ..., wenn der lebendige Gott uns zu formen beginnt: in seiner Liebe!

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