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Terror schockte die USA und die Welt
(Interview mit Susanne Huber)

Autor:Palaver Wolfgang
Veröffentlichung:
Kategoriekommentar
Abstrakt:
Publiziert in:Tiroler Sonntag Nr. 36 (vom 11.9.2011), 4-5.
Datum:2011-09-13

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Schock und Entsetzen lösten die dramatischen Bilder aus, als am 11. September 2001 zwei Flugzeuge gezielt und mit voller Wucht in die beiden Türme des World Trade Centers in New York krachten. Die Terroranschläge versetzten nicht nur die Vereinigten Staaten von Amerika in Angst, sondern auch den Rest der Welt. Der Theologe und Gewaltforscher Wolfgang Palaver spricht über Folgen und Hintergründe von 9/11.

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Sie reisen wegen Forschungszwecken häufig in die USA. Können Sie sich noch an die Reaktionen der Menschen nach den Anschlägen von 9/11 vor zehn Jahren erinnern?
Wolfgang Palaver: In den ersten zwei, drei Jahren hat man den Schock gespürt, den man ja selber auch gehabt hat. Ich kann mich noch erinnern, ich habe eine Woche nach 9/11 zu einer Tagung fliegen müssen nach Budapest und die Stimmung am Flughafen war von panischer Angst geprägt. Diese Angst war natürlich auch in den USA deutlich spürbar. Danach hat die Bush-Politik begonnen, die auf diese Angst hingezielt hat.

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Es gab in Folge der Anschläge zwei Kriege der USA gegen den Terror. Es gab und gibt Guantanamo, wo gefoltert wurde. Die Menschenrechte sind da massiv aufgeweicht worden ...
Palaver: Die Reaktion von Bush und seiner Regierung fällt ein bisschen in das Sündenbock-Muster, auf das die Menschen zurückgreifen, wenn sie mit ihrer Sterblichkeit konfrontiert werden. Wenn ich die Welt stark in Freund-Feind-Schemen sehe und ich mich extrem bedroht fühle, wie das für viele Amerikaner, aber auch Nicht-Amerikaner nach den Anschlägen war, dann spielen solche Fragen wie Menschenrechte, Feindesliebe oder Vergebung eine viel geringere Rolle. Im Hinblick darauf muss man auch die Wiederwahl von George W. Bush 2004 verstehen. Er war ja der viel unfähigere Präsident als sein Vater. Aber in dieser Kriegseuphorie und in dieser Versuchung, der er nachgab, den Irak anzugreifen, hat er die Lage der USA psychologisch richtig erfasst, aber natürlich nicht moralisch richtig. Man vergisst auch, dass ein Großteil der Politiker das mitgetragen hat. Man kann sagen, acht Jahre hat der Schock gedauert, bis bei Obama dann der Aufschrei da war, diesen Wahnsinn zu beenden.

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Wie hat 9/11 die Welt im Hinblick auf Religion verändert?
Palaver: Es gibt zwei Dinge, die auffallen. Zum einen ist auf der Ebene der Weltreligionen den großen Religionsvertretern im Christentum und im Islam viel bewusster geworden, wie wichtig der Dialog und das gegenseitige Verständnis zwischen den beiden Religionen sind. Zum anderen ist nach den Terroranschlägen die gesellschaftliche Bedeutung von Religion allgemein viel stärker ins Bewusstsein gerückt. Die frühere amerikanische Außenministerin Madeleine Albright hat in einem Buch deutlich darauf hingewiesen, dass die USA mit solchen Anschlägen nicht gerechnet haben, weil man in dem Glauben war, dass die Bedeutung von Religion mehr und mehr schwindet.

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Das heißt, wir haben uns mit dem Islam zu wenig auseinandergesetzt?
Palaver: Es sind zwar Millionen von Muslimen in den vergangenen Jahren in die westlich-europäische Welt gekommen oder waren schon da, aber wir haben über die Religion unserer islamischen Nachbarn nichts gewusst. Ich selbst hatte vor zehn Jahren kaum eine Ahnung vom Islam und ich glaube, das geht vielen so. Inzwischen habe ich sehr viel darüber gelernt. Ich denke, es ist notwendig, sich mit den Grundbestandteilen des Islams und den Grundaussagen seiner religiösen Schriften auseinanderzusetzen. Dann hat politische Alltagshetze keinen Nährboden.

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Welche Themen haben nach dem Terror in den USA neben dem Dialog in den Religionen noch an Bedeutung gewonnen?
Palaver: Sicher auch das Verhältnis von Religion und Gewalt, über das man nach wie vor sehr intensiv nachdenkt. Johannes Paul II. hat sehr bald nach 9/11 gesagt, Gewalt im Namen Gottes ist ein Widerspruch in sich. Benedikt hat das vor kurzem wiederholt. 2007 ist als Reaktion auf die Regensburger Rede von Papst Benedikt ein gemeinsames Wort von 138 islamischen Gelehrten verfasst worden, wo Nächstenliebe und Gottesliebe in ihrer Verschränktheit betont werden. 2009 hat Benedikt in Amman dieses verbindende Bekenntnis zu Gottes- und Nächstenliebe aufgegriffen und in der Absage an die Gewalt die große Gemeinsamkeit von Islam und Christentum betont. In Pakistan hat unlängst einer der führenden muslimischen Gelehrten ein 600-seitiges islamisches Rechtsgutachten veröffentlicht, in dem Terrorismus und Selbstmordattentate als nicht mit dem Islam kompatibel ganz klar verurteilt werden. Solche Stimmen hat es vor 9/11 in der Form nicht gegeben. Ich hoffe, dass die Menschen sie auch hören und sich nicht aus Angst und Unwissenheit von billigen Schablonen überzeugen lassen.

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Was sind die Hintergründe des islamischen Terrors? Woher kommt dieser Hass auf die USA, auf den Westen?
Palaver: Das ist schwer zu sagen. Ich denke, dass es weniger mit einem Verwurzeltsein in der eigenen religiösen Tradition zu tun hat, sondern viel stärker mit Phänomenen des Globalismus, mit Phänomenen einer weltweiten Vorherrschaft von Konkurrenz. Wenn man über die Attentäter spricht, waren das ja keine armen Leute, sondern Menschen, die den westlichen Lebensstil kannten und selber oft in guten Verhältnissen lebten. Die hatten einen Groll vor allem auf die USA, auf dieses militärisch und wirtschaftlich dominierende Land, in dem es Chancen gibt, die es in ihren Ländern nicht gibt. Das ist natürlich in einem Weltklima, wo Konkurrenz, erste Plätze und all diese Dinge in einer medialen Vernetzung immer wichtiger werden, eine riesige Versuchung. Dann aber den Terror unter dem Deckmantel der Religion zu „verkaufen“, ist ein infames Ablenkungsmanöver. Denn die Biografien der Leute zeigen, dass ihre religiösen Traditionen kaum eine Rolle gespielt haben. Terrorismus hat mit dem Islam an sich nichts zu tun.

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