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Von Versuchung, Nachfolge und Selbstverleugnung
(Gedanken zum 22. Sonntag im Jahreskreis 2011 (LJ A))

Autor:Wandinger Nikolaus
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:„Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“ Das soll eine Frohbotschaft sein? Hat man nicht mit solchen Rezepten schrecklich viel Unheil angerichtet, indem man Menschen geradezu zur Selbstzerstörung, zu einem – vermeintlich frommen – Masochismus angeleitet hat? Geht es uns da nicht wie dem Petrus, der dagegen protestiert? Wollen wir nicht auch ausrufen: Das darf nicht sein!? Und gerade hier richtet Jesus die schärfsten Worte gegen Petrus: einen Satan nennt er ihn, weil er nicht das wolle, was Gott will, sondern was Menschen wollen. Sehen wir uns genauer an, wie Jesus die Aufforderung zur Selbstverleugnung begründet, und gewinnen wir so vielleicht einen anderen Blick darauf.
Publiziert in:
Datum:2011-08-29

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Lesungen: (Jer 20,7-9); Röm 12,1-2 ; Mt 16,21-27

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Liebe Gläubige,

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heute mutet uns das Evangelium einiges zu. „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“ (Mt 16,24) Das soll eine Frohbotschaft sein? Hat man nicht mit solchen Rezepten schrecklich viel Unheil angerichtet, indem man Menschen geradezu zur Selbstzerstörung, zu einem – vermeintlich frommen – Masochismus angeleitet hat? Geht es uns da nicht wie dem Petrus, der dagegen protestiert? Wollen wir nicht ausrufen: Das darf nicht sein!? Und gerade hier richtet Jesus die schärfsten Worte gegen Petrus: einen Satan nennt er ihn, weil er nicht das wolle, was Gott will, sondern was Menschen wollen.

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Das stellt uns vor eine große Herausforderung: Was will Gott? Will er, dass sein Sohn grausam am Kreuz stirbt? Und will er von uns, dass wir uns selber fertig machen, immer den Weg des größten Widerstandes gehen und auf unsere Bedürfnisse keine Rücksicht nehmen? Manche frommen Menschen sehen das ja so. Aber – das wäre die erste Frage, die dabei auftaucht – wie passt das zu dem barmherzigen Gott, von dem Jesus so oft gesprochen hat? Wie bringen wir das unter einen Hut?

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Sehen wir uns genauer an, wie Jesus die Aufforderung zur Selbstverleugnung begründet: „Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sein Leben einbüßt? Um welchen Preis kann ein Mensch sein Leben zurückkaufen?“ (Mt 16,26)

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Ich denke, Jesus spricht da etwas an, das wir in uns haben, aber gerne verdrängen: Wir haben eine schier unersättliche Gier nach mehr: mehr Geld, mehr Ruhm, mehr Macht, mehr Anerkennung, mehr Spaß, mehr Glück … – was auch immer. Es scheint uns, als hätten wir immer zu wenig. Und diese Gier nach mehr kann uns dazu bringen, dass wir uns an sie verlieren. Dort besteht die eigentliche Gefahr, uns selbst fertig zu machen und auf unsere Bedürfnisse keine Rücksicht zu nehmen: wir müssen ja nach noch mehr streben! Und Jesus stellt die Frage: Selbst wenn es möglich wäre, dass du diese Gier stillst, wenn es möglich wäre, dass du die ganze Welt gewinnst, was würde es dir nützen? Hast du nicht in dem Prozess der gierigen Aneignung der Welt schon längst dich selber, dein Leben, verloren? Nicht das biologisch-physische Leben – das können wir auch immer mehr verlängern – aber dein inneres Leben: die innere Ruhe; das Glück, du selbst sein zu können ohne dauernd noch mehr leisten und haben zu müssen; die Fähigkeit, in den Spiegel schauen zu können und ein Geschenk Gottes zu sehen anstatt einen optimierungsbedürftigen Körper. Jesus erkennt dieses Streben nach mehr sofort wieder als satanische Versuchung, denn er selbst war genau dieser Versuchung ja schon ausgesetzt, als der Teufel ihm in Aussicht stellte, ihm alle Reiche dieser Welt zu geben, wenn er sich nur vor ihm niederwerfen würde (vgl. Mt 4,8-10). Jesus hat damals die Falle durchschaut und warnt jetzt auch uns davor.

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Solange wir dieser Diktatur des Mehr verfallen sind, können wir nicht loslassen. Es wird uns gerade erscheinen, als müssten wir uns selbst verleugnen, uns selbst abschneiden von dem, was wichtig ist. Jesus sagt, es ist umgekehrt: Wer den Dingen der Welt nachjagt und sich an die Welt verliert, der wird dabei sein Leben verlieren – und selbst, wenn er die ganze Welt gewinnen könnte, dann hätte er dabei sich selbst verloren. Unsere unersättliche Gier nach mehr ist ja letztlich eine Sehnsucht nach Leben in Fülle, nach unbegrenzter Liebe – und diese Sehnsucht kann in dieser Welt nicht gestillt werden. Sie ist gerade deshalb so unersättlich, weil sie letztlich nach einer Erfüllung strebt, die größer ist als diese Welt: nach dem unendlichen Gott selbst. Der heilige Augustinus, dessen Gedenktag wir heute feiern würden, wenn nicht Sonntag wäre, hat es in einem Gebet wunderschön formuliert: „Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir, o Herr.“ (Conf. I, 1)

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Auf diesem Hintergrund wird nun auch die Rede vom Kreuz auf sich Nehmen verständlich. Wir wissen, dass diese Rede keine bloße Metapher ist, sondern in Jesu Leben blutige Wirklichkeit wurde. Und dazu heißt es: „wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen.“ (Mt 16,25) Eine Aufforderung zum Martyrium? Wie passt diese zur Sehnsucht nach dem Leben in Fülle und der unendlichen Liebe Gottes?

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Im recht verstandenen Sinne passt sie sehr gut. Heißt doch Martyrium in der ursprünglichen Bedeutung Zeugenschaft. Jesus ist in der Welt Zeuge gewesen dafür, dass Menschen, wenn sie sich der Diktatur des Mehr unterwerfen, sich selber verlieren und zugrunde gehen; Zeuge aber vor allem dafür, dass unsere Sehnsucht nach Liebe letztlich nur durch Gott Erfüllung finden wird, weil Gott die Liebe ist und daher selbst die Liebe zu anderen Menschen ja nur möglich ist, weil sie durch die Liebe Gottes getragen wird.

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Ab einem gewissen Punkt war Jesus mit der Frage konfrontiert, ob er diese Botschaft auch dann weiterhin bezeugen soll, wenn er auf tödlichen Widerstand stößt. Und er hat erkannt, dass das Gottes Wille ist. Wenn das Verlieren unseres Selbst an die Welt uns Menschen umbringt, und wenn uns davor nur der Glaube an einen gütigen Gott retten kann, dann ist das Zeugnis für diesen Gott wahrlich lebensnotwendig für uns.

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Jesus wurde von seinen Gegnern vor die Entscheidung gestellt: entweder einen Rückzieher zu machen, die Zeugenschaft aufzugeben und die Menschen ihrem (selbstverschuldeten) Schicksal zu überlassen oder sich selbst zu verleugnen und sein Kreuz auf sich zu nehmen, d. h. sein Leben nicht zu retten, sondern darauf vertrauen, dass es ihm der barmherzige Gott des Lebens wieder schenken würde. Und wir sind nun aufgerufen Jesu Zeugen und Zeuginnen zu sein; Zeugnis abzulegen für einen Sohn Gottes, der die Menschen so sehr liebt, dass er sie nicht im Stich lässt, auch wenn sie sich gegen die Verkündigung seiner Liebe mit tödlicher Gewalt zur Wehr setzen. Immer wieder wurden Menschen vor diese Entscheidung gestellt und viele haben sich wie Jesus entschieden und sind Märtyrer und Märtyrerinnen in unserem heute üblichen Wortsinn geworden. Wie Jesus blieben sie treue Zeuginnen und Zeugen, auch dann, als niemand ihr Zeugnis hören wollte und man sie sogar dafür verfolgt und zu Tode gebracht hat. Sie sind Jesus nachgefolgt und haben ihr Kreuz auf sich genommen. Ihr Leben mussten sie nicht zurückkaufen, sondern bekamen es von Gott neu geschenkt – das jedenfalls sagt unser Glaube.

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Und wir? Wir sehen daraus, dass es nicht darum geht, sich selbst immer den schwierigsten Weg auszusuchen und sich masochistisch zu kasteien. Es geht darum, den Gott Jesu, der alle Menschen liebt, treu zu bezeugen – in Worten und Taten. Und wenn wir dies tun, dann kann es auch uns vor Herausforderungen stellen, die über den Alltag hinausgehen: man kann uns milde belächeln oder lauthals verlachen; man kann uns für verrückt oder naiv erklären; man kann uns an den Rand drängen und aus der Gesellschaft ausschließen; in vielen Weltgegenden kann das noch immer im biologisch-physischen Sinn vor die Frage nach Leben und Tod stellen. Das Martyrium im engen Sinn ist manchmal, leider viel zu oft, eine Folge des Martyriums im weiten Sinn – des Zeugnis Gebens. Und gerade für diese Fälle, in denen die Jesusnachfolge vor die letzte Wahl stellt, versichert uns Jesus: „Wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen.“ Der Satan kann dann unter Umständen in der Gestalt des besten Freundes auftreten und sagen „das darf aber nicht geschehen“. Jemand kann – in der subjektiv ehrlichen Absicht, nur das Beste für uns zu wollen – uns auf den Holzweg zu lenken versuchen. Es gibt aber Situationen, da ist die Treue zu Gott wichtiger als das physische Überleben. Jesus lässt sich auch von Petrus nicht verführen. Und auch für uns sollte die eigentliche Frage sein: was dient der Liebe Gottes, was dient im Letzten – nicht nur kurzsichtig und kurzfristig – dem Leben?

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Wir sind nicht dazu verdammt, unserer Sehnsucht nach Leben und Liebe in Fülle wie ein Sisyphos immer vergeblich nachzuhecheln und sie doch nie erfüllen zu können. Wir sind dazu berufen, sie von Gott – als Geschenk – überreich erfüllt zu bekommen. Dafür sollen wir Zeuginnen und Zeugen – Märtyrer – in dieser Welt sein.

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