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Opfer, Hingabe und das "alte Europa"
(Predigt im Anschluss an Gen 22,1-19 zum Abschluss des Studienjahres 2010/2011 in der Jesuitenkirche am 30. Juni 2011. )

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriefak
Abstrakt:
Publiziert in:
Datum:2011-07-07

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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„Und Abraham erhob sich, spaltete das Holz und ging, und nahm das Feuer mit sich und ein Messer. Und als sie beide miteinander gingen, sprach Isaak, der Erstgeborene, und sagte: Mein Vater, siehe die Vorkehrungen, Feuer und Eisen, wo aber ist das Lamm zum Brandopfer? Da band Abraham den Jüngling mit Gürteln und Riemen, und baute daselbst Wälle und Schützengräben und hob das Messer, dass er seinen Sohn schlachtete. Doch siehe, ein Engel rief ihn von Himmel und sprach: Lege deine Hand nicht an den Knaben, und tu ihm nichts. Siehe, ein Widder mit seinen Hörnern, in einer Hecke hängend: opfere den Widder des Stolzes an seiner Statt. Doch der alte Mann wollte nicht, sondern schlachtete seinen Sohn, und die halbe Saat Europas, einen nach dem anderen.“

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Liebe Studierende, liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Kolleginnen und Kollegen! Der liturgische Text der lectio continua bringt dieses Jahr zum Tag des Arkadenhoffestes, damit auch zum liturgischen Ausklang des Studienjahres 2010/2011 die Geschichte vom Abrahamsopfer, das Meisterstück göttlicher Pädagogik. Pädagogik, die beim konkreten Menschen ansetzt, den Menschen so wie er ist auch zeigt, ihn aber auch stückweise verändert. Verändert in Richtung: mehr Menschlichkeit. Humanisierende Kraft des Glaubens an Gott, an den wahren Gott der Offenbarung: das ist die Botschaft des Tages. Das ist die Botschaft der Theologischen Fakultät an die Umwelt: die akademische und nicht akademische Welt des 21. Jahrhunderts. Humanisierende Kraft des Glaubens an den wahren Gott der Offenbarung!

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Der Text aus dem Genesisbuch wurzeln in einer kulturellen Umwelt, in der Menschenopfer gang und gäbe waren. Kinder den Göttern zu opfern, sie auf den zahlreichen Altären des Alltags zu zerstören, galt als selbstverständlich, gar als tugendhaft. In eine solche Welt hinein offenbart sich der wahre Gott, ein Gott, der das Leben und nicht den Tod will, ein Gott, der die Hingabe, nicht aber die Zerstörung des Leben möchte. Und Abraham? Der biblische Abraham lernt das Lernstück perfekt, er lernt die Stimme Gottes von den Stimmen der Götter zu unterscheiden, wird deswegen zum Vater der Glaubenden, jener Menschen, die den Willen Gottes suchen, diesen Willen auch von den destruktiven Projektionen zu unterscheiden wissen. Und was ist mit uns, was mit unserer Welt?

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Den liturgischen Text, den Text durch den uns alle das Wort Gottes trifft und herausfordert, habe ich durch das Gedicht von Wilfried Owen ergänzt, ein Gedicht, das auf den Schlachtfeldern des ersten Weltkrieges entstanden ist: in der Zeit also, als ganz Europa samt ihrer Kirchen dem Wahn des Götzendienstes verfallen ist. Europa überhörte damals die Stimme des wahren Gottes. Jene Stimme, die die Politiker und Generälen, die Wissenschaftler, die Kulturschaffenden und Propagandisten aufforderte: Man solle den Widder des Stolzes opfern, damals wohl des Nationalstolzes. Europa überhörte die Stimme Gottes und opferte ihre Söhne, einen nach dem anderen. Europa opferte sie auf den unzähligen Schlachtfeldern. Auch Wilfried Owen fiel eine Woche vor dem Waffenstillstand im November 1918.

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Den Text, den ich zu Beginn dieser Predigt vorgetragen habe, hat Benjamin Britten - der große englische Komponist - in sein „War Requiem“ integriert. Ein Werk, das in der symbolträchtigen Kathedrale von Coventry 1962 uraufgeführt wurde, einer Kathedrale, die 1941 durch den Bombenangriff der deutschen Luftwaffe zerstört wurde, ein Akt, der seine Vergeltung fand in der Bombardierung von Dresden durch die Allierten 1945. Benjamin Britten hängt das Gedicht von Owen an die alte Bitte des Offertoriums der Totenmesse an: die Toten mögen in jenes Licht gelangen, das Abraham und seinen Kindern verheißen ist. Den Opfern möge also Gerechtigkeit widerfahren - ein hochaktuelles Thema -, Gerechtigkeit nicht durch Rache, auch nicht durch weitergegebene Anklage, sondern durch Erlösung. Opfer mögen zum Frieden und zur Versöhnung finden: ein der Erlösung durch Jesus Christus, der selber dem Wahn des Götzendienstes zum Opfer fiel, diesen Wahn aber durch seine gewaltfreie Hingabe verwandeln konnte.

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Warum dieser opfertheoretischer Diskurs in einer Predigt zum Abschluss des Studienjahres, beim Gottesdienst zum Auftakt eines frohen Festes? Auch wir leben in einer Zeit, die dem Widder des Stolzes verfallen ist. Auch wir leben in einer Zeit, in der der alte Mann - der den kulturpolitischen Trend symbolisiert - nicht den Stolz opfert, sondern das Leben der Menschen. Dieser alte Mann spricht zwar dauernd von Umkehr, meint damit aber Verschleierung und Jagd nach vermeintlich Schuldigen, die Jagd auf Sündenböcken, die unsere Götzen von uns abverlangen. Auch wir leben in einer Zeit, die nichts dringenderes bedarf, als einer klaren Unterscheidung zwischen den Götzen, die den Menschen viktimisieren und Gott. Jenem Gott, der von den Menschen Hingabe erwartet und sie auch zu dieser Hingabe befähigt.Zur Hingabe aneinander und Hingabe an ihn.

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Liebe Schwestern und Brüder, im Grunde sind wir alle dem englischen Dichter Wilfried Owen vergleichbar. Wir kämpfen zwar nicht an einer altertümlich anmutenden Front einer Schlacht des ersten Weltkrieges. Doch auch wir stehen an der Front! An der Front einer kulturellen Auseinandersetzung um das Dilemma des Opferverhaltens im global village. Auch wir hören jene Stimme, die Europa damals überhörte, die Owen aber gehört hat: Opfere die Menschen nicht. Opfere den Widder des Stolzes. Theologische und philosophische Ausbildung stellen im Grunde ein Propädeutikum zur Kunst der Unterscheidung von Götzen und Gott dar, der Unterscheidung vom destruktiven Opferverhalten und kreativer Hingabehaltung. Viele von uns sind durch das gängige kulturpolitische Klima entmutigt. Wir starren auf die schwindende Plausibilität der „Existenzgründe“ der Kirche, wir erstaren immer noch vor den sich abzeichnenden Konturen einer noch radikaleren Marginalisierung unserer Tradition, unserer Wissenskultur und unserer Religiosität.

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Können wir dem Trend, den der alte Mann, das alte Europa einschlägt entgegen steuern? Bei Owen gibt es noch eine Strophe, die uns zu denken geben kann. „Bei Golgatha streifen viele Priester umher und in ihren Gesichtern ist stolz, dass sie das Malzeichen des Tieres tragen, das den sanften Christus leugnet.“ Die Theologinnen und Theologen können dem Trend entgegen steuern, wenn sie diesen Stolz opfern und das Malzeichen des „sanften“ Christus aufsetzen. Und die Hingabe leben: inmitten des ganz banalen Alltags.

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