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Gefügig gemacht zum ewigen Leben
(Gedanken zum Fronleichnamsfest 2011)

Autor:Wandinger Nikolaus
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:Unser Leben ist keine festliche Prozession, schon eher ein mühselige Wanderung durch die Wüste. Warum mutet Gott uns das zu? Will er uns dadurch "gefügig" machen?
Publiziert in:
Datum:2011-06-25

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Lesungen: Dtn 8,2-3.14b-16a; (1 Kor 10,16-17); Joh 6,51-58

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Liebe Gläubige,

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seit dem 13. Jahrhundert gibt es das Fronleichnamsfest, seit dem 14. sind Prozessionen, die den eucharistischen Leib Christi durch die Städte und Dörfer tragen, üblich. Ein Umzug, der die sakramentale Gegenwart Jesu in unsere Welt, ja in unseren Alltag hineintragen soll. Und doch ist eine solche Prozession, eben gerade weil sie ein festlicher Anlass ist, alles andere als alltäglich. Unser Alltag sieht anders aus, nicht so pompös, nicht mit der Monstranz unter einem Baldachin und mit einem Bischof oder Priester in festlichem liturgischen Gewand. Unser Alltag könnte uns eher vorkommen wie der vierzig Jahre dauernde Durchzug Israels durch die Wüste, von dem die Lesung gesprochen hat.

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Gott hatte die Israeliten aus der Sklaverei herausgeführt und versprochen, sie ins gelobte Land zu bringen. Aber die Verheißungen Gottes sind keine Zauberkunststücke. Er schnippt nicht schnell mit den Fingen und – schwuppdiwupp – schon sind die Israeliten im Land, wo Milch und Honig fließen. Vielmehr führt er sie 40 Jahre (!) lang durch die Wüste. Gott ist dabei und begleitet sie – aber oft nehmen sie ihn nicht wahr, denn er ist ja ein unsichtbarer Gott. Hunger haben sie gelitten, dann erst hat er sie gespeist; Wassermangel, Feuernattern und Skorpionen waren sie ausgesetzt; zwar hat Gott sie errettet, aber erst nach der Gefahr.

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Ist nicht unser Leben auch oft so? Wir gehen durchs Leben und haben den Eindruck, wir tappen nur von einer Falle in die nächste, von einer Gefahr zu anderen, von Mühsal zu Mühsal. Unser Leben gleicht doch einer langen, ganz unfestlichen und anstrengenden Wüstenwanderung und kaum haben wir eine Gefahr hinter uns, taucht schon die nächste auf. Wenn wir gläubige Menschen sind, dann sind wir uns bewusst, dass Gott mit uns geht, dass er uns führt und uns aus den allerschlimmsten Fallen immer wieder errettet. Und wenn wir eine solche Rettung schon einmal tief erfahren haben, dann sind wir Gott für sein Mitgehen, seinen Schutz und seine Führung, unendlich dankbar. Aber wir fragen uns vielleicht auch: Muss denn das alles sein? Wozu ist es gut? Könnte Gott uns nicht – schwuppdiwupp – schon als Ziel unseres Lebens bringen?

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Und vielleicht haben dann wir oder jemand anders für uns eine ähnliche Antwort parat, wie sie Gott in der Lesung selber gibt, frei übertragen etwa: ‚Ich könnte schon, wenn ich wollte – aber ich will euch testen und ich will euch gefügig machen. Ich will euch erst belasten und biegen, bis ihr das tut, was ich will.‘ Das klingt fast so, als wollte Gott den menschlichen Willen brechen durch die Mühsal des Lebens, um uns gefügig zu machen. Bei so einer Antwort könnte uns dann aber auch etwas unwohl werden. Wollen wir so einen Gott, der uns wie ein Pferd zureitet? Oder anders gefragt: Kann Gott tatsächlich so sein? Entspricht es ihm, sich Menschen gefügig zu machen, indem er durch Mühsal ihren Willen bricht?

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Schauen wir ins Neue Testament, ins heutige Evangelium und in den Zusammenhang, in dem es steht.

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Da spricht Jesus von sich und seinem Fleisch als himmlischem Brot, das ewiges Leben verleiht, von der wahren Speise, die zum Leben führt. Schon in der Lesung haben wir gehört, dass Gott himmlisches Brot gibt, um den Hunger zu stillen. Das Volk sollte dadurch lernen, „dass der Mensch nicht nur von Brot lebt, sondern […] von allem […], was der Mund des Herrn spricht“ (Dtn 8,3). Jesus hat auch eine Wüstenerfahrung: Er geht 40 Tage in die Wüste, um zu fasten, und danach wird er in Versuchung geführt, Steine in Brot zu verwandeln. Jesus wehrt sich gegen diese Versuchung, indem er diesen Text zitiert; er heißt bei ihm leicht verändert: „Der Mensch lebt nicht nur von Brot, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt.“ (Mt 4,4). Im heutigen Evangelium sieht Jesus sich selber als Brot, das vom Himmel kommt. Er musste nicht Steine verwandeln, um die Menschen zum Leben zu führen, sondern er musste seinen Weg gehen durch alle Dunkelheiten, Unsicherheiten und Schwierigkeiten hindurch, um selber Brot des Lebens für die Menschen zu werden.

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Johannes bezeichnet am Anfang seines Evangeliums Jesus als das göttliche Wort, das in die Welt gekommen ist. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, nicht einmal vom himmlischen Manna, sondern von jedem Wort aus Gottes Mund. Jesus ist mehr als das Manna – er ist wahres Brot vom Himmel; und er ist mehr als jedes andere Wort aus Gottes Mund – er ist das definitiv letztgültige Wort Gottes, denn er ist jenes Wort, das im Anfang schon bei Gott war, das selbst Gott war – und das Fleisch wurde für unser Heil (vgl. Joh 1,1-14). Die beiden Aussagen vom Himmelsbrot und vom Wort Gottes, das die Menschen ernährt, fließen in Jesus zusammen: er ist in höchstem Sinn Wort des Vaters und er ist in höchstem Sinn Brot vom Himmel. In ihm ist Brot und Gotteswort kein Gegensatz mehr, kein Nicht-nur—Sondern-auch, sondern ein Sowohl—Als-auch.

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Die Lesung gibt aber als Grund für das Himmelsbrot wiederum an, dass Gott damit die Menschen prüfen und gefügig machen will. Gilt das nun auch von Jesus als dem wahren Himmelsbrot und Vaterwort? Soll er uns besonders gefügig machen?

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Wenn wir auf sein Leben und Sterben schauen, das sich im eucharistischen Brot verdichtet, dann kann man das so nicht sagen. Er erzählt von einem Gott-Vater, der den aufmüpfigen jüngeren Sohn nicht gefügig macht, sondern ihn ziehen lässt. Das Leben – ohne Zutun des Vaters – macht ihn einsichtig und dann kommt er zurück (vgl. Lk 15,11-22). Jesus lädt Leute ein in seine Nachfolge, aber er zwingt niemanden; manche schickt er ihres Weges, weil sie ihm nur aus Abhängigkeitsgefühlen folgen könnten (vgl. Mk 5,18-20). Und als er auf Widerstand stößt, als man ihn anderen Maßstäben gefügig machen will, bleibt er gewaltfrei. Er verteidigt sich und diesen Glauben nicht mit Gewalt, er macht niemanden gefügig. Stattdessen scheint es, als würde er gefügig gemacht: vom Hohen Rat, vom römischen Statthalter und deren Folterknechten und Henkern. So müssen diese es empfunden haben. Jesu Gegner dachten, sie hätten ihn mit Gewalt gefügig gemacht. Doch sie sahen nur die Äußerlichkeiten. In Wahrheit hat Jesus sich ihnen nicht gefügt.

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Er ließ sich nicht verbiegen und gefügig machen, er hielt fest an seinem Glauben und seinen Überzeugungen vom barmherzigen Vater; und ihm – diesem Vater, von dem er wusste, dass er ihn nicht testen und gefügig machen wollte – konnte er sich hingeben, sich in seine Hände legen, was immer ihm die Menschen auch antun würden. Das Leben hielt für ihn am Ende das Schlimmste bereit und er wusste, dass der Vater ihn nicht mit Gewalt daraus erretten würde, weil dieser eben kein Gott sein will, der mit Gewalt gefügig macht. Diesem Plan Gottes war Jesus – freiwillig – gehorsam, um der Welt zu zeigen, dass Gott anders ist, als wir ihn uns oft vorstellen, ja sogar anders, als ihn manche Bibelstellen, etwa die heutige Lesung, darstellen. Jesus zeigte Gott als einen Vater, dessen Wort und Brot nicht testen und gefügig machen, sondern zur Treue und zum ewigen Leben befähigen.

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Liebe Gläubige,

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was heißt es also, wenn wir uns durch unser Leben mühen wie durch die Wüste und uns von Gott oft allein gelassen fühlen? Will er uns testen und unseren Willen brechen? Nein. Tests und Prüfungen haben doch nur wir nötig, er kennt uns ohnehin bis in unser Innerstes. Und warum sollte er den freien Willen brechen wollen, den er selbst uns geschenkt hat? Aber: Für uns können die Widerfahrnisse des Lebens Anlass sein, uns besser kennen zu lernen, uns selber – wenn man so will – zu testen; besser würden wir heute aber wohl sagen: uns zu erkunden, uns zu erforschen und herauszufinden, wie wir zu Gott und zu seiner Welt stehen. Können wir so unbedingt dazu stehen, dass wir selbst alles Üble, das wir erfahren, noch einmal seiner Gnade überlassen, wie Jesus es getan hat?

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Christus – der ewige Sohn, das wahrte Wort Gottes und himmlische Brot für uns – ist immer bei uns auf unserer Wüstenwanderung, auch wenn wir ihn nicht sehen; er erspart uns keine der Härten dieses Weges, das wäre – angesichts seines Lebenswegs – eine falsche Erwartung; aber er teilt diese Härten mit uns und hat uns durch seine Auferstehung vorgelebt, dass die Kraft Gottes stärker ist als alles Lebenserschwerende, ‑verneinende und ‑behindernde. Und damit wir nicht irre werden an ihm, damit wir ihn nicht vergessen, wenn wir ihn nicht sehen, gibt es auf dieser Wanderung auch schon Feste und Feiern, durch die wir immer wieder kurzzeitig aussteigen können aus dem mühseligen Weg: Jede Woche können wir uns am Sonntag schon zum himmlischen Hochzeitsmahl gesellen; und jedes Jahr am Fronleichnamsfest (wenn das Wetter mitspielt und wir das wollen) uns in eine ganz und gar nicht alltägliche, sondern außergewöhnliche Prozession einreihen, bei der die Gegenwart Christi im Zeichen des Brotes sichtbar ist. Es ist ein Zeichen dafür, dass er uns – nicht gefügig –, sondern fähig und bereit macht für das ewige Leben.

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