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"Du deckst mir den Tisch vor den Augen meiner Feinde ... und schenkst mir reichlich ein"
(Eine Predigt zum Psalm 23, gehalten in der Jesuitenkirche am 15. Mai 2011 um 11.00 und 18.00 Uhr)

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:
Datum:2011-05-23

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Ja! Er deckt mir den Tisch! Im Angesicht meiner Feinde! Mehr noch: Er schenkt mir reichlich ein! Liebe Schwestern und Brüder, Traugott Buhre, einer der markantesten Schauspieler unserer Gegenwart - unvergesslich bleibt mir sein "Theatermacher" von Thomas Bernhard am Burgtheater in Erinnerung -, Traugott Buhre - ein zutiefst religiöser Mensch - war sein Leben lang dankbar. Dankbar dafür, dass die Eltern ihm den Psalm 23 regelrecht eingepleuert haben. Immer und immer wieder hat er als Kind den Text des Psalms aufsagen müssen: der Psalm stellte den Eltern sozusagen die Namenserklärung ihres Buben dar: Traugott! Traugott! Das Gebet ist ihm auch zur Leibspeise geworden. Sein Leben lang. Und dafür war er dankbar. Der Psalm begleitete ihn etwa dann, als er - der 15-jährige Bursch - die totale Zerstörung Königsbergs im Krieg miterleben und nur knapp dem Tod entgeht. Bei der Flucht aus Ostpreußen fürchtet er sich wie sich halt alle fürchten, wenn sie um ihr Leben bangen. Und doch: Doch wird ihm bei der Flucht die Gnade zuteil, die Gnade des Vertrauens! Ganz gleich wie finster die Schlucht sei, in der Du wanderst: "Ich bin bei Dir!" Ganz gleich wie mächtig die Feinde sind, und bis zu welchem Ausmaß vom Hass erfüllt: "Ich decke Dir den Tisch vor ihren Augen und schenke Dir reichlich ein!" Dabei konnte er - wie der biblische Autor der Klagelieder -, er konnte von sich sagen: "Ich bin der Mann, der Leid erfahren hat!" (Klg 3,1) Etwa dann, als der Familienmensch es erleben muss, dass beim Versuch seiner ersten Frau sich und drei gemeinsame Kinder zu töten, dass da eine Tochter ums Leben kommt. Da gerät er an die Grenze. Er hadert. Hadert wie Ijob. Und doch wird auch da dem Traugott, dem Traugott die Gnade zuteil, dass er irgendwann sagen kann: "Lauter Güte und Huld werden mir folgen... und ich werde wohnen im Haus des Herrn für lange Zeit.., für die ganze Ewigkeit!"

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Liebe Schwestern und Brüder, warum diese ungewöhnliche Reminiszenz an diesem "Sonntag des guten Hirten" an einen Schauspieler? Es war halt Traugott Buhre, der mich gelehrt hat, auf eine neue Art und Weise den Psalm 23 zu schätzen. In einem Interview in der deutschen Wochenzeitung: "Die Zeit" erzählte vor Jahren der damals knapp Achtzigjährige, dass immer dann, wenn er auf der Bühne steht und ihn plötzlich die panische Angst des Versagens überfällt - ihn den Profi -: die Angst des Versagens im Scheinwerferlicht, des Versagens angesichts all der Spötter und Kritiker, die da vor ihm im Publikum sitzen und nur darauf warten, dass er stolpert, dass er den Text vergisst, dass er gerade in solchen Momenten betet! Und er betet immer und immer wieder die gleichen Zeilen des Psalm 23: "Du deckst mir den Tisch vor den Augen meiner Feinde und schenkst mir reichlich ein!" (So die Übersetzung, die er als Kind gelernt hat). Da tauche vor meinen Augen - so erzählte es der Schauspieler - das pralle Leben auf. Das Leben ohne Stress. Das Leben ohne das sich Bewähren-Müssen. Das Leben ohne die Angst, dass ich mich bloßstelle, so dass die Kritiker merken, dass auch ich nur mit Wasser koche. Es taucht vor meinen Augen das pralle Leben in bester Qualität auf: zum Greifen nah! Essen und Trinken bereitet .... Nein! Nicht durch die Gunst des Publikums, nicht durch meine eigene Kunst, nicht durch meine Arbeit. Nicht durch Quoten und Evaluationsergebnisse. Nein! Bereitet durch Gott, dem ich traue. Gott, der mir auch Geborgenheit schenkt. Und all das: vor den Augen meiner Feinde! Jener, die mir neidisch sind. Jener, die mir gerne Steine in den Weg legen, die mich im sprichwörtlichen Löffel Wasser ertränken würden. Oder mich bloß wegrationalisieren, kalt stellen, sich an meine Stelle setzen würden! Weil sie halt jünger sind, oder auch schöner, brillanter, schneller bei der Sache. "Du schenkst mir reichlich ein vor den Augen meiner Konkurrenten!" Konkurrenten und Neider, die mir doch tagtäglich selber reichlich einschenken, oder einschenken wollen: die Angst einschenken und die Minderwertigkeitsgefühle. Bei diesem Bild, dem Bild des mir einschenkenden Gottes, da ist die Angst weg - so der Traugott, der Trau-Gott- Buhre. Da weiß ich Gott halt auf meiner Seite! Da kann ich ungeschützt ich selber sein, weil ich mich halt behütet weiß. Und den Kelch meines Lebens voll sehe: bis zum Rand voll, voll mit seiner Gnade! Und mit einem schelmischen Lächeln, dem Lächeln, der auf der Bühne gar dem Bösen eine joviale Seite abgewinnen konnte, würde der Schauspieler hinzufügen: Natürlich weiß ich, dass die Vorstellung nicht ganz fromm sei, aber ich muss ja nicht frömmer sein als die Bibel selbst.

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Ich fand das Interview genial und den Schauspieler großartig in seinem Glaubenszeugnis. Der Psalm, den wir alle ein bisschen verkitschen, bekam für mich ein neues Gesicht. Er wurde zum Gebet mit Kanten und Konturen, zu einem Gebet mit Fleisch und Blut.

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"Du deckst mir den Tisch..!" Auch Jesu betete den Psalm sein Leben lang. Auch er vertraute darauf, dass der Vater ihm den Tisch deckt: vor den Augen seiner Feinde. Jener Feinde, die ihn gar verraten und dem Sterben preisgegeben haben. Auch Jesus bekam reichlich eingeschenkt. Eingeschenkt durch Petrus etwa, der ihm geschworen hat, wenn auch alle Dich im Stich lassen, ich: ich werde zu Dir stehen. Um dann doch zu schwören: "Diesen Menschen da... Nein! Nie gesehen!" Auch Jesus bekam reichlich eingeschenkt. Durch Judas, der ihn mit einem Kuss verriet. Auch Jesus bekommt reichlich eingeschenkt.., durch seine Kirche. Die ihn öfters bloß als Schutzschild benutzte und benutzt. Etwa dann, wo es darum geht, Versagen zu kaschieren, ober aber die fehlende Phantasie in der Suche nach neuen Lösungen für Probleme, die den Menschen zusetzten. Da bekommt Jesus reichlich eingeschenkt, wer er die Amtsträger vollmündig erklären hört, was denn da alles unveränderlicher Wille Gottes sei.

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Aber derselbe Jesus bekommt auch vom Vater reichlich eingeschenkt. Eingeschenkt auf eine Art und Weise, die all das Gewohnte und Vertraute übersteigt. Denn: Deckt und allen der Vater den Tisch in einem Qualitätsgastgarten, schenkt er uns dort vor den Augen unserer Feinde reichlich ein, so tut er es bei Jesus auf eine einzigartige Art. Der Tisch und auch der Kelch stehen sozusagen direkt am Herzen dieses Vaters. Und dies auch Exklusiv. Aber gerade deswegen kann derjenige, dem der Vater ein derart exklusives Mahl bereitet, selber den Menschen den Tisch decken und ihnen auch reichlich einschenken. "Nehmt und esst: das ist mein Leib! Nehmt und trink: das ist mein Blut!" Derjenige, dem ein exklusives Mahl bereitet wurde, zeichnet nun für "All-Inklusiv" verantwortlich. Er und nur er vermag das Wunder der Integration zu vollbringen.

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Eine mittelalterliche Legende bringt das Anliegen dieser Predigt auf den Punkt. Jesus und die Apostel sitzen schon längst beim Tisch. Im Himmel. Beim ewigen Gastmahl, dem Gastmahl, das der gute Hirt seinen Schafen servieren möchte. Beste Speisen und erlesene Weine sollen da gleich aufgetragen werden. Und dies vor den Augen? Ja..., vor Augen welch einer Öffentlichkeit eigentlich? Viele Kirchenväter ließen sich in ihrer Vision des himmlischen Mahles vor unserem Gebet aus dem Psalm 23 inspirieren und ließen sich so das himmlische Mahl vor den Augen der Verdammten in der Hölle servieren. Auf dass die Lust noch größer werde. Die mittelalterliche Legende jagt solchen Visionen einen Stachel ins Fleisch ein. Sie erzählt, dass Jesus mit dem Beginn des Festes wartet. Langsam werden die Apostel ungeduldig. Warum fängt er nicht an? Irgendwas stimmt da nicht. Die Spannung steigt. Auf einmal geht die Tür auf. Draußen vor der Tür steht Judas, der Saukerl. Betreten schauen die Apostel den Verräter an. Jesus steht aber auf, geht auf Judas zu, umarmt ihn und sagt: "Komm! Nimm Platz. Auf Dich habe ich gewartet. Jetzt können wir anfangen. Engel: Einschenken bitte. Und dies auch reichlich!"

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