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Kreuz-Begegnung
(Eine Betrachtung)

Autor:Siebenrock Roman
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:
Datum:2011-03-31

Inhalt

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Vorbemerkung:

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Diese Betrachtung setzt die konkrete Betrachtung eines Kreuzes Jesu voraus. Dazu ist nicht ein ausdrücklich sichtbares Kreuz notwendig; auch die Vorstellungskraft kann in einer solchen Betrachtung den ‚Gegenstand’ vergegenwärtigen. Vorliegende Betrachtung verbindet die Betrachtung des Kreuzes in konkreter Erinnerung an das Schicksal Jesu mit einer Betrachtung von Newman (siehe Anhang), am Kreuz die Errungenschaften der Welt und unseres Lebens zu messen.

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Vor uns steht ein Kreuz. Mitten unter uns ist es aufgestellt. Es ist schön und hat seinen Kunstwert. Dennoch will es nicht verbergen, dass ein toter Mensch an ihm hängt; ein Mann, der auf fürchterlichste Weise hingerichtet worden ist. Es ist künstlerisch-kulturelle Tradition, dass die letzte Entblößung dieses Menschen nicht gezeigt wird. Hier ist einer ganz ausgesetzt, ganz in unserer Hände gefallen, ausgeliefert. Das ästhetische Kunstwerk zeigt uns noch die gesamte Brutalität und Grausamkeit, deren wir Menschen fähig sind; auch wenn im Barock der Ausdruck höchsten Schmerzes wie versöhnt im ersten Strahl des österlichen Lichtes zu erscheinen vermag. Wir wollen dieses Kreuz betrachten, uns ihm aussetzen, es hinein nehmen in unser Leben und unser Leben von ihm einnehmen lassen. Wer den Blick und das Herz vor dem Kreuz nicht verschließt, lernt sehen und leben. Er verdrängt nicht, sondern gewinnt den Mut, unter den Teppich zu schauen und dem Verdeckten auch im eigenen Leben zu begegnen.

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Das Kreuz ist (allzu) gegenwärtig

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Noch durchdringt das Kreuzsymbol unseren Alltag so unausweichlich, dass es ganz selbstverständlich unsere Seh- und Sprechgewohnheiten prägt. Autobahnkreuze und Straßenkreuzungen, Fensterkreuze und Kreuzungen zwischen Pferd und Esel, das Kreuz in der Wahlkabine und die Kreuzstiche benennen alltägliche Dinge und Handlungen. Tagtäglich begegnen uns Kreuze in den Stuben und Küchen, Wirtshäusern und an Feldwegen, auf Gipfeln und an Halsketten, an Händen, auf Ordensabzeichen in Wappen, auf Waffen und zwischen den Altwaren auf dem Trödelmarkt. Mit dem Kreuz wird gehandelt, es dient als Schmuck und Auszeichnung; und mit dem „Fadenkreuz“ kann man präziser zielen und schießen. Das Kreuz – eine geometrische Figur, ein Einrichtungsgegenstand, ein Talisman oder ein Kultursymbol? Die vielfache Gegenwart des Kreuzessymbols ist nicht aus der Welt zu schaffen. Wenn wir aufrecht stehen und unsere Arme ausbreiten, bilden wir das menschliche Urkeuz, die Kontur unserer Existenz. Der Maler Jawlenski malte am Ende seines Lebens in der Kontur des orthodoxen Kreuzes das menschliche Antlitz: Eingezeichnet in unser Antlitz erscheint das Kreuz als die Grammatik des Menschlichen. Allein Gewalt, brachiale oder sublim manipulierende könnte die Sprache und unsere Gestalt neu knoten und vielfach Gewachsenes zerstören. Das Kreuz ist und bleibt aufgerichtet, mitten in unserem Leben, mitten im Betrieb des Alltags.

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Verwehrt aber nicht gerade die vielfältige Gegenwart die Erinnerung? Verdeckt die unübersehbare Alltäglichkeit des Symbols nicht den Blick für jenes Kreuz, dem wir heute begegnen wollen? Zerstreut nicht die Vielfalt des Zeichens, seine unbestimmbare Verwendung und der ganz persönliche, zusammengestellte Sinn den Blick? Was will unser Kreuz, das jetzt in unserer Mitte steht, zeigen?

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Das Kreuz erinnert

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Als religiöses Symbol ist das Kreuz keineswegs Eigentum der Christen. Kreuzsymbole gab es viel früher. Es rührt an die Urahnungen menschlicher Erinnerung. Das Kreuz symbolisiert durch die Waagrechte und die Senkrechte die Vereinigung, die Einheit von Welt und Himmel, von Göttlichem und Irdischem. Das ursprüngliche Kreuz ist ein verbindendes Symbol, ein Symbol des Lebens, ein Mandala, Meditationsanhalt für die Einheit von Vertikaler und Horizontaler, in dessen Schnittpunkt der Mensch zu stehen kommt. Jedes religiöse Symbol verdeutlicht, möchte aufmerksam machen auf eine im Alltag verborgene, verschüttete Wirklichkeit. Es möchte der Betrachtung Anhalt geben, die schweifenden Gedanken und den unruhigen Blick halten und ordnen, die Aufmerksamkeit ausrichten. Das Symbol möchte sich selbst überbieten und auf eine andere, die ganz andere Wirklichkeit hinweisen. Es will uns mitnehmen und uns hinüber schreiten lassen.

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Das Kreuz aber, das vor uns steht, weist nicht über sich hinaus. Es ist kein zeitloses Symbol mystischer Vereinigung jenseits von Raum und Zeit, sondern ruft uns zurück in die Geschichte, in unsere eigene menschliche Geschichte. Denn dieses Kreuz ist nicht irgendein Kreuz, es ist das Kreuz Jesu. Daher will es ein Zeichen der geschichtlich-menschlichen Erinnerung sein. Es möchte an diesen Menschen und an dieses Geschehen am Passah um das Jahr 30 in Jerusalem erinnern. Erinnern will es uns nicht nur an den Tod, sondern auch an die Tage und Stunden zuvor. Das Kreuz vergegenwärtigt den letzten Lebensabschnitt Jesu: Seinen Einzug in Jerusalem, seine Auseinandersetzung um den Tempel mit den religiösen Autoritäten, das letzte Mahl mit seinen Jüngern, den doppelten Verrat von Judas und Petrus, die Verhaftung, den Prozess und die Rufe: „Ans Kreuz mit ihm!!!“ Das Kreuz weist uns besonders auf die Haltung hin, in der Jesus seinen letzten Gang durch getragen hat. Er ging ihn allein, nur von ganz wenigen im Abstand begleitet: Nur die Frauen und ein weiblicher Apostel ohne Bart hielten unter dem Kreuz aus. Nur einer hilft ihm tragen: – einer, den sie, das Hinrichtungskommando, zufällig auf dem Heimweg vom Feld aufschnappten. Unser Kreuz erinnert an die Worte des Gekreuzigten und an die Nacht, die ihn im Tod umgab. Es verdeckt auch nicht den Schmerz seiner Freunde und Freundinnen, die den Toten bargen, in ein Grab legten und die elende Gruft der vergeblichen Hoffnung mit einem großen Stein zurollten. So endet ein Unruhestifter, so sollte ein solcher enden. Doch nicht allein in den Herzen, jener die ihn liebten, blieb die Unruhe eines letzten „Nicht-Einverstanden-Seins“ mit dem üblichen Lauf der Welt und dem ehernen Gesetz der Geschichte.

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Unser Kreuz ist kein Foto: Das Kreuz Jesu sah anders aus: Es war ein Querbalken, dem Verurteilten wohl auf den Rücken gebunden, dann in ein vorbereitetes Gerüst eingehängt, weil jede Todesmaschine ihre eigene, wenn auch perverse Rationalität hat und weil menschlicher Erfindergeist immer neue Formen für den alten Tod ersinnen kann. Schließlich wird er nackt bloßgestellt. Aber Spott, Schmerz und den fürchterlichen Tod können wir selber in unserem Kreuz noch vernehmen. Halten wir einen Moment fest, was der Tod am Kreuz damals bedeutete: Diesen Tod haben die Herren der damaligen Welt erfunden. Er war so phantasievoll grausam, dass er für römische Bürger verboten war, gerade recht für Sklaven, Verbrecher  und widerspenstige Völker; - zigtausendfach an jenen vollstreckt, die sich dem Segen des Römischen Reiches  grundsätzlich widersetzten. Das Kreuz war damals gewiss keine Sensation in Palästina, es war Routinearbeit für die Legionäre. Alltägliche Grausamkeit: Abschreckende Maßnahme einer Politik, die mit dem Kreuz die ‘Pax Romana’ (den römischen Frieden) aufrecht erhielt. Sehen wir hinter die Propaganda der Friedensmacher! Zehntausende werden nach dem Untergang Jerusalems im Jahre 70 gekreuzigt; hunderte Pharisäer ließ der Kulturträger des Hellenismus, Alexander Jannäus, mehr als ein Jahrhundert zuvor kreuzigen. Das aufgeklärte Bürgertum stimmt heute in die Klage über die Gewalt des Monotheismus ein. Vergessen haben Sie geflissentlich, dass diese Tortur von Polytheisten erfunden und vollstreckt wurde. Das Kreuz vergegenwärtigt daher nicht allein die Geschichte Jesu von Nazareth, es ist ein Mahnmal unserer eigenen Geschichte und der abgründigen Einheit von Erfindergeist und Quälerei.

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Das Kreuz enthüllt unsere Geschichte: Ecce Homo!

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Ecce homo! Seht den Menschen! Seht so ist der Mensch! Das kann ihm geschehen, dazu ist er fähig. Der Blick aufs Kreuz öffnet die Augen für unsere, menschliche Wirklichkeit. Der „Römische Frieden“ auf Gewalt und Kreuze gebaut, die menschliche Geschichte durchfurcht von Blut und Tränen. Hinter den glorreichen Siegesfeiern und heroischen Denkmälern, die auch in unserem Lande stehen, finden sich verstümmelte Menschen, unsägliches Leid, Angst und Schmerz. Nur in Festtagsreden und Spielfilmen ist es süß zu sterben. Unsere Geschichte ist im Kreuz da. Wen wundert es, dass wir es verdrängen, los haben wollen. Wir halten es für grausam: Aber hat es sich selbst errichtet? Wir halten die christliche Erinnerung für brutal, aber hat sich Jesus selbst gekreuzigt? Halten wir den Blick auf diese Wirklichkeit aus, denn im Blick auf dieses Kreuz begegnen wir der wahrhaftigen Aufklärung!

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Doch unserer Fluchtwege aus der Wirklichkeit des Kreuzes sind vielfältig: Wir verniedlichen es zum Maskottchen, wir erdichten unsere Geschichte als unaufhaltsamen Fortschritt zu neuen und schönen Ufern, oder wir schieben die Schuld anderen zu: die damals, die Juden in Kollaboration mit den Römern. Das Kreuz heute Abend will uns, die Augen zu öffnen. Habe Mut, Stand zu halten. Wir stehen vor dem Spiegel unseres Lebens. Das Kreuz stellt uns in unsere eigene Wahrheit, in diesem Jahr so wenig verdrängbar wie selten.

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Wir sind dem Tod Geweihte. Von Anfang an ist unsere Sehnsucht und Freude am Leben mit dem Bewußtsein des Todes durchsäuert. Unser Lebensbrot ist mit dem Sauerteig der Todesgegenwart getränkt. Wer geboren wird, so heißt es bisweilen in der alten griechischen Tradition der tragischen Perspektive auf das Leben, ist alt genug um zu sterben. Trotz aller Erfolge und Siege der Heilkunst, die gut und wichtig sind, bleibt das Leben unsicher und unbeständig. Wer weiß, welche Keime und Anlagen in uns selbst schlummern? Wer jedoch dieses Bewusstsein für den eigenen Tod und das Hingehen der Anderen abschaffen möchte, müsste den Menschen selbst abschaffen.

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Aber in uns steckt nicht nur das Bewusstsein um den eigenen Tod. In uns liegt auch die Versuchung zur Gewalt und zum Mord: Fertig machen, es einem zeigen, Todeswünsche und Gewaltphantasien durchziehen unsere Kinos. Du musst Dich wehren, ist eine vielgehörte Mahnung. Unser Zusammenleben bleibt gefährdet. Hat Hegel nicht recht, wenn er sagt, dass die Blätter des Glücks leere Seiten wären im Buch der Geschichte? Durchzieht nicht ein Gewaltstrom nicht nur Phantasie und virtuelle Welten, sondern unsere Wirklichkeit? Haben nicht unzählige Menschen den Ruf nach dem neuen Menschen, der neuen Gesellschaft mit dem Leben bezahlt? Wir werden in einen Kreuzweg hineingeboren. Verblassen darin nicht die Errungenschaft des Menschen, alle Kunst, alle Hingabe, alle Liebe: Endet nicht alles im Todessog – Heilige und Verbrecher? Wird nicht auch das kleine Glück rostig, schal, bitter? Ist nicht Jesus selber tragisch geendet? Ist dem menschlichen Leben überhaupt zu trauen? Das Kreuz stellt uns vor die Absurdität der Gewalt und der Grausamkeit des Menschen; - immer zuerst vor die Abgründe unserer selbst. Gibt es einen Weg in der Gewalt, in der Angst, im Tod, der herausführt, der sogar wandelt und überwindet?

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Den Gekreuzigten, – Jesus Sehen: Das Kreuz enthüllt ‚Gott’

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Das Kreuz Jesu erinnert uns nicht allein an den Tod dieses Menschen, es ruft uns sein ganzes Leben in Erinnerung: das Leben eines wirklich guten Menschen; eines Menschen, der wirklich der Stolz des Menschengeschlechtes genannt werden kann. Wir müssen keine gläubigen Christen sein, um von Jesus fasziniert zu sein. Er ist einer der maßgeblichen Menschen: Er erfand das Leben neu, weil er auf ganz neue Weise von Gott und dem Menschen gesprochen hat, und weil er aus dieser innigen Verbindung gelebt hat, bis zuletzt.

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Gott, den er seinen Vater nannte, will das Leben des Menschen: ganz und auf ewig; dem Tod entrissen, von der Gewalt erlöst und somit aus der Sünde befreit. Gott, den er uns als unseren Vater verkündet, will es ohne Wenn und Aber. Er ist der große Freund und Liebehaber des Lebens (Weish 11, 24,26). Er wartet damit nicht, bis wir bereit und in der Lage dazu wären. Nein, er beginnt damit selber: ohne Vorbedingung und ohne Einschränkung. Er braucht dazu keine Vorleistungen von unserer Seite, und er schließt aus dieser Vorgabe und Hingabe Gottes niemanden und nichts aus. Jeder Einzelne ist in die Liebe eingetaucht, in ihr geborgen. Mit seinem Gott überspringt Jesus für uns alle Schranken: des geltenden Gesetzes, denn nur so könne dessen wirklicher Sinn lebendig werden; der gesellschaftlichen Organisation seines Volkes und aller Stämme und Nationen, weil alle Menschen Kinder Gottes sind; der religiösen Vermittlung, weil der Vater allen unmittelbar nahe ist. Und dadurch gerät er ins Gericht, der Menschen. Er gerät in die Mühlen der Gewalt, der Abschottung, des Mißtrauens: und er kommt schließlich unter die Anklage der Gotteslästerung. Wie hat er von Gott gesprochen? Was hat er als unseren Weg geschildert? Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst! Und diesen Weg geht er selber bis zum Schluss. Sein Leben ist ein Experiment der Liebe, selbst zu jenen, die ihm Feind sind, weil er noch für seine Mörder um Vergebung den Vater bittet. Lieben in der Situation entfesselter Gewalt bedeutet leiden. Der Weg der Liebe endet im Kreuzweg, mit der Passion. Das Kreuz Jesu zeigt uns das Schicksal wirklicher Liebe in unserer Welt.

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Daher verdichtet das Kreuz Jesu das menschliche Leben in allen seinen Dimensionen: In seiner Freude an der Natur, in seiner Freude am Fest, in seiner Freude am gelingenden Leben und in seinem Willen dafür einzutreten, Leben zu ermöglichen und Leid zu überwinden, Ängste aufzubrechen und ein Licht im Dunkel zu entzünden. Und dieser beste aller Menschen endet in der dunkelsten Nacht, die Menschen seiner Zeit in einem Abgrund aus höchst rationaler Grausamkeit erfunden haben. Stirbt er nur darin hinein? Wäre dies das letzte Wort, dann wäre die Tragik ins Unermessliche gesteigert. Das menschliche Leben wäre und bliebe absurd, trotz kleiner Happen Glück. Gewarnt müsste werden von der großen Leidenschaft, vor der Liebe, die den Tod nicht scheut.

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Das Kreuz enthüllt mehr. Es antwortet auf die brennende Frage unseres Lebens: Wo ist Gott? Wo war Gott damals als sein Jesus starb? Wo ist Gott im Leiden der Geschichte? Der Skandal, den das Kreuz offen oder insgeheim bis heute auslöst, liegt in der Antwort des Glaubens: Er war mit seinem geschlagenen und verhöhnten Knecht. Er steht auf der Seite der Opfer. Er bleibt dabei, als sich alle abgewandt hatten. Das Kreuz enthüllt Gott in seiner rückhaltlosen Solidarität mit dem Menschen. Gott war mit ihm – und so steht er zu uns. Gott im Leiden da, Gott im Leiden dabei, Gottes Mensch tritt für uns vor Gott hin und tritt für Gott vor uns hin.

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Unser Kreuz verkündet: Der Gekreuzigte  – Jesus lebt

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Christen haben keine Lust an der Qual. In der Erinnerung an das Kreuz liegt immer schon das schwache Licht unseres Glaubens, dass der Gekreuzigte lebt, dass er heute mitten unter uns ist. Das verklärt nicht das Kreuz, es wird nicht süß und keineswegs erstrebenswert. Verunstalten wir nicht mit Lügenworten, auch nicht mit den scheinbar frommen, die Grausamkeit. Gott hat dies nicht gewollt, das haben Menschen getan. Das sind wir, dazu sind wir fähig: Täter und Opfer. Es bleibt ein Instrument der Grausamkeit und der Gewaltphantasie von uns Menschen. Nicht das Kreuz erlöst. Das Kreuz bleibt ein Marterinstrument erfinderischer Grausamkeit. Der Gekreuzigte, der Erlöser rettet. Nicht das Instrument, sondern die Haltung und das empfindsame Herz Jesu ist der Anker des Heils, weil die Liebe sich selber treu geblieben ist und so den Willen des Vaters selbst verwirklichte.

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Wichtig ist nicht das Kreuz, wichtig ist allein der Gekreuzigte und die Nachricht vom Ende der Gewalt, vom Ende der Nacht, von der Möglichkeit des Lebens, und vom bleibenden Sinn der Liebe. Auf Jesus und seinen Vater kommt es an. Jesus ist nicht nur in die Nacht hinein gestorben, er hat sie gewandelt. Er ist nicht nur ein Mensch gewesen, sondern hat alle Wirklichkeit des Menschen, sein Fest und seinen Mord, mit hinein genommen in das göttliche Leben. Darin ist es gewandelt und befreit. Das Lebensexperiment Jesu ist Gottes Lebensideal selber. Das Kreuz zeigt, wie weit die göttliche Liebe zu gehen bereit ist. Die dramatische Geschichte von Gott und Mensch findet hier ihren Höhepunkt. Einst im Garten war die erste Erkenntnis des nun sehend gewordenen Menschen, dass er nackt sei. Dass er ausgesetzt, zerbrechlich, gefährdet ist. Da erfasste ihn Angst und Scham. Nur notdürftig konnte er sich bedecken und sah seine einzige Chance darin, sich vor Gott dessen Macht im Dialog zwischen Schlange und Frau monströs geworden war, zu verstecken. Gott aber rief ihn und wollte ihn zur Rede stellen: Doch der Mensch log, log bis in die Zerstörung seiner eigenen Existenz hinein: Gott wollte er sein; - und damit kein Mensch. Denn was ist der Mensch vor Gott? Ein Nichts; - gewiss nach der Metaphysik aller Zeiten und im Vergleich zu den unermesslichen Unendlichkeiten unseres Lichtmilliardenjahre großen Universums stimmt das. Wie sollte ihn nicht Angst und Erschrecken erfassen? Gott aber, dieser anspruchsvolle Liebhaber des Lebens ließ nicht von ihm, ging ihm nach bis er in der Verrücktheit seiner Liebe in seinem Wort uns unendlich nahe werden wollte: entäußert, ausgeliefert, wehrlos geworden.

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Gott kommt uns in der Geschichte Jesu nackt und bloß entgegen: von der Krippe bis zum Kreuz. Welche Macht, die selbst die Ohnmacht nicht scheut, welche Unendlichkeit, die selbst im Kleinsten zu sein vermag: Selig, wer an diesem Gott keinen Anstoß nimmt. Nur so können wir wirklich am Kreuz nicht vorbei blinzeln.

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In dieser Hoffnung wagen wir den Blick aufs Kreuz. Nur in der Gegenwart des Geistes können wir unser gekreuztes Leben annehmen. Wir nehmen es an, wenn wir uns vom Lebensentwurf Jesu anstecken lassen: vom Experiment vorbehaltloser und uneingeschränkter Liebe. Jede Zeit, nicht nur die Zeit der Vorbereitung auf das Osterfest, ist die beste Zeit, das Lebensideal Gottes, das Jesus vorgelebt hat, einzuüben? Christus will auch mit uns heute seine Entdeckungen teilen: Gott und unseren Nächsten zu lieben, wie uns selbst.

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Versuchen wir uns selber zu lieben. Uns selber, nicht ein Hirngespinst, das wir von uns machen. Uns selber annehmen, mit unserer unstillbaren Sehnsucht im Bewusstsein des Todes. Uns selber mit unseren Kümmerlichkeiten und abstrusen Phantasien, in unserer Angst, in unserem Schmerz, in unserer Flucht vor uns selbst, in unserer Schuldverstrickung und Gottesferne. Uns selber gilt es anzunehmen, nicht das Bild, mit dem wir uns selber vor uns verstecken. Uns selber, anzunehmen als Kind Gottes, als jemand, der von Ewigkeit zu Ewigkeit gewollt ist. Können wir es mit uns aushalten? Wo wird Friede mit uns selbst? Lass ich mich mit mir selber versöhnen, jeden Morgen, vor dem Spiegel, ohne Schminke, Titel und Auszeichnungen?

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Zu uns gehören unsere Beziehungen zu anderen Menschen. Den Nächsten lieben? Denken wir nicht an unsinnige Gefühlswelten, sondern versuchen wir Kreuze abzunehmen, nicht aufzuladen. Das beginnt mit einem guten Wort, keine üble Nachrede mitmachen, nicht den eigenen Vorteil suchen, anderen eine Chance einräumen, Leben ermöglichen. Und dieser Blick darf sich öffnen nicht allein für den Nachbarn, sondern für alle Menschen, denen ich zum Nächsten werden kann. Lassen wird das Auge weit blicken. Lassen wir uns anstecken zum Mut, zur gesamten Menschheitsfamilie zu stehen. Gott schließt niemanden aus. Er nimmt uns und alle hinein, selbst den Tod. So, nur so lernen wir Gott zu lieben, jenen Gott, der der Vater und Bruder aller ist. Halten wir Gott aus, der uns in diesem Kreuz begegnet, der im Leiden, in den Opfern da sein will?

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Die Vorbereitungszeit auf Ostern ist eine Zeit der Einübung in die Lebenshaltung Jesu. Sagen wir den gewöhnlichen Glücksbringern und Lebensentwürfen ab. Nicht die heroische Leistung ist gefordert, nur der eigene, erste Schritt im Lebensentwurf Jesu. Und je mehr es uns gelingt, weniger auf uns und mehr auf andere zu achten, geschieht das Wunder des Friedens Christi, gewinnt das Leben Gottes Raum in uns. Machen wir uns nichts vor: der Frieden Christi steht immer noch gegen diese Welt. In der Welt herrschen andere Gesetze und Ziele. Daher darf uns in diesen Tagen auch das scheinbar Schwere, das Unzumutbare einmal ankommen; nicht als Last, sondern als Abenteuer und Versuch. Vielleicht regt sich in uns der Mut zu Haltungen, die in den Augen unserer Lust-, Geld- und Machtwelt blöd sein mögen. Was wäre schon dabei, wenn wir auch einmal als Narren um Christi willen dastehen würden? Die Fastenzeit darf zur Zeit der Narren um Christi willen werden. Nehmen wir diesen Platz an, hier in unserem Dorf, in diesem Land, zu dieser Zeit: Auf welch’ wunderbaren Platz hat uns Gott zum Lebenszeugnis gestellt!

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Anhang: John Henry Kardinal Newman (1801-1890): Das Kreuz als Maß der Welt

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„Fragen wir nun: welches ist der wirkliche Schlüssel, welches ist die christliche Deutung der Welt? Was bietet uns die Offenbarung, dass wir diese Welt danach werten und messen? … Der Tod des ewigen, fleischgewordenen Wortes Gottes: das ist die große Lehre, wie wir von dieser Welt zu denken und zu reden haben. Sein Kreuz hat an alles, was wir sehen, die rechte Wertskala angelegt, an alle Reichtümer, alle Vorteile, alle Rangstufen, alle Würden, alle Freuden; an Fleischeslust, Augenlust und Hoffart des Lebens. Es hat die Vergnügungssucht, den Wettkampf, die Hoffnungen, die Befürchtungen, die Begierden, die /95/ Anstrengungen und Triumphe des sterblichen Menschen mit einem Preis belegt. Den verschiedenen Wechselfällen, den Prüfungen, Versuchungen und Leiden seines irdischen Daseins hat es einen Sinn gegeben. Allem, was widerspruchsvoll und ziellos schien, hat es Einheit und Zusammenklang geschenkt. Es hat uns gelehrt, wie wir leben, wie wir die Welt gebrauchen sollen, was zu erwarten, was zu wünschen und zu hoffen ist. Es ist der Grundton, auf den alle Klänge der Musik dieser Welt sich schließlich abstimmen müssen.

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Schaut euch um und seht, was die Welt an Hohem und Niedrigem bietet. Geht an die Höfe der Fürsten. Betrachtet die Schätze und Kunstwerke aller Völker, die zusammengetragen werden, um ein Menschenkind zu ehren. Beobachtet den Fußfall der Vielen vor den Wenigen. Beseht euch die Etikette und das Zeremoniell, das Gepränge, die Parade, die Aufmachung und die eitle Ruhmsucht. Wollt ihr den Wert von all dem kennen? Schaut auf das Kreuz Christi. Geht in die politische Welt: seht die Eifersucht von Nation zu Nation, die Konkurrenz im Handel, Armeen und Flotten, wie sie sich gegenseitig messen. Blickt hin auf die verschiedenen Gesellschaftsklassen, die Parteien und ihre Streitfragen, das Ringen der Ehrgeizigen, die Intrigen der Schlauen. Was ist das Ende des ganzen Tumults? Das Grab. Was ist das Maß? Das Kreuz. Wendet euch sodann zur Welt des Geistes und der Wissenschaft: betrachtet die wundervollen Erfindungen des Menschengeistes, die Mannigfaltigkeit des Gewerbes, dem seine Erfindungen Aufschwung geben, die an Wunder grenzenden Werke, in denen er seine Macht erweist; dazu beachtet, was die Folge /96/ davon ist, den Hochmut und das Selbstvertrauen des Verstandes und völlige Inanspruchnahme des Denkens durch vergängliche Dinge. Möchtet ihr euch ein richtiges Urteil über all das bilden? Schaut auf das Kreuz Christi. Ferner: Blickt an das Elend, die Armut und Verlassenheit, die Unterdrückung und Sklaverei; geht dahin, wo die Nahrung kärglich und die Wohnung ungesund ist. Betrachtet Schmerz und Leid, langwierige oder heftige Krankheit, alles, was schrecklich und empörend ist. Wollt ihr wissen, wie alles dies zu bewerten ist? Schaut auf das Kreuz. So begegnen ist im Kreuz und in Dem, der daran gehangen, alle Dinge; alle Dinge dienen ihm, alle Dinge bedürfen seiner. Er ist ihr Mittelpunkt und ihre Deutung. Denn Er wurde an ihm erhöht, damit Er alle Menschen und alle Dinge an Sich ziehe“ (97).

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„Wenn nun die Lehre vom Kreuz uns traurig stimmt, darf man doch nicht annehmen, dass das Evangelium darum eine Religion der Trauer ist. … Es verbietet uns nur, die Freude an den Anfang zu stellen. Es sagt nur, wenn ihr die Freude an den Anfang stellt, werdet ihr im Schmerz enden. Es heißt uns mit dem Kreuz Christi beginnen;“ (102)

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„Beginnen wir mit dem Glauben; beginnen wir mit Christus: beginnen wir mit Seinem Kreuz und der Verdemütigung, zu der es führt. Zuerst laßt uns emporgezogen werden zu ihm, der erhöht wurde, damit Er so mit Sich Selbst uns auch alles andere schenken könne. „Suchen wir zuerst das Reich Gottes /104/ und seine Gerechtigkeit“, dann werden alle die Dinge dieser Welt „uns hinzugegeben werden“ (Mt 6, 33). Nur jene können wahrhaft die Welt genießen, die mit der unsichtbaren Welt beginnen. Nur jene genießen sie, die zuerst auf sie verzichtet haben. Nur jene können wahrhaft Feste feiern, die zuerst gefastet haben; nur jene können die Welt gebrauchen, die gelernt haben, sie nicht zu missbrauchen; nur jene erben sie, die sie als einen Schatten der kommenden Welt betrachten und um jener kommenden Welt willen verlassen.“ (105)

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(Q.: Das Kreuz Christi, das Maß der Welt, in: ders., Pfarr- und Volkspredigten (Parochial and Plain Sermons). Bd. VI. Hrsg. Newman-Arbeitsgemeinschaft der Benediktiner von Weingarten. Stuttgart 1954, 94-105).

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