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"Ein Licht ist aufgegangen im Schatten des Todes!"
(Predigt zum 3. Sonntag im Lesekreis, Lesejahr A: Jes 8,23b-9,3; Mt 4, 12-23), gehalten in der Jesuitenkirche am 23. Jänner 2011 um 11.00 und um 18.00 Uhr.)

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:
Datum:2011-01-29

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

1
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Eines Tages kam ein Mönch zu einem seiner ältesten Mitbrüdern. Er wollte sein Problem loswerden und einen Ratschlag bezüglich seines weiteren Weges bekommen. "Ich glaube, ich kann nicht länger im Kloster bleiben. Wissen Sie, am Anfang war ich begeistert, das Gebet machte mir große Freude, ich glaubte, dass ich durch mein Tun die sprichwörtlichen Berge versetzen kann. Doch seit längerer Zeit spüre ich nichts in mir. Ich finde keine Freude an der Arbeit, das Gebet: das leiere ich nur so herunter. Alles ist plötzlich um mich herum dunkel geworden. Und ich weiß gar nicht in welche Richtung ich weiter gehen soll." Der alte Mönch hörte ruhig zu und schwieg. Nach einiger Zeit begann er zu reden. "Schauen sie, wie viel Wald wir da um das Kloster herum haben. Vor vielen Jahren, als ich ins Kloster eingetreten bin, da war es noch mehr. Der Wald war viel dichter, an vielen Stellen ein richtiges Dickicht. Eines Tages schickte mich der Abt am späten Nachmittag in die Stadt. Ich sollte noch eine Besorgung machen. Es dauerte länger als gewöhnlich. Erst am Abend machte ich mich auf den Rückweg. Und dann? Dann war ich mitten im Wald, verirrte mich plötzlich und wusste nicht weiter. Alles war finster um mich. Angst und Lähmung übermannten mich. Es blieb mir eigentlich nur noch Eines übrig..." "Das Gebet?" - warf der Rat suchende Mönch ein, "Sie haben sicher gebetet!" "Jain... Ich habe mich hingesetzt" - sagte der alte Pater - "und habe einfach gewartet, bis es hell geworden ist. Und dann habe ich den Weg zum Kloster ganz leicht und auch sehr schnell gefunden. Es lag ja nicht weiß Gott wo, ich wusste ja, das Kloster liegt doch ganz in der Nähe. Bleiben Sie gelassen! Warten Sie bis es hell wird in ihrem Leben!" - sagte der alte Pater zu dem Rat suchenden Mönch.

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Liebe Schwestern und Brüder, die alte Geschichte verdichtet die christliche Erfahrung in ihren vielfältigen Nuancen. Oberflächlich betrachtet, scheint sie nichts anderes zu sagen, als das es im Leben halt erfüllende Augenblicke gibt und dunkle Stunden, den Wechsel von Auf- und Ab-. Unter dem Strich gerechnet also: etliche Tage und Wochen, in denen Einem nicht mehr gelingt, Zeiten, in denen man verbissen nach Auswegen sucht und keine findet, Zeiten, in denen man noch so große Anstrengungen unternehmen kann und trotzdem scheitert.

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"Das Volk, das im Dunkel sitzt, sieht ein großes Licht!" (Vgl. Jes 9, 1; Mt 4,16) Das uns heute treffende Wort Gottes knüpft zuerst an die alltägliche Erfahrung an: die meisten Nächte des menschlichen Lebens kennen ein Ende! Irgendwann weicht die Finsternis und die Morgendämmerung ist da. Lass Dich also nicht fallen, warte gelassen bis es hell wird in deinem Leben; Millionen und Abermillionen von Menschen erlebten es und Du selber hast das chon unzählige Male erfahren. Bleibe also gelassen und hoffe: Du wirst aus dem Schatten, das dein Leben verdunkelt herauskommen. Weil die Sonne dein Gesicht erleuchten wird!

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"Was soll man aber von denen sagten, die zwar im Sonnenlicht stehen, doch der Sonne nur ihren Rücken zuwenden?" Diese Frage warf Kalhil Gibran auf - der libanesisch-amerikanische Schriftsteller, ein maronitischer Christ, in seinem Longseller und seinem Bestseller: "Der Prophet". Menschen, die der Sonne ihren Rücken zuwenden sehen ja bloß den eigenen Schatten: den Schatten, den sie selber werfen. Ihr eigener Schatten wird also die Grenzen ihrer Wirklichkeitswahrnehmung definieren und auch die Grenzen ihrer Welt. Und was ist mit der Sonne? Welche Bedeutung hat sie in ihrem Leben? "Die Sonne stellt ihnen nichts anderes dar als einen Schattenstreuer." Diese meisterhaft auf den Punkt gebrachte Weisheit vertieft unseren ersten Zugang zur Botschaft des uns heute treffenden Wortes Gottes. Es gibt ja nicht nur die Auf- und Ab-Erfahrung. Es gibt auch die bewusste, oder erzwungene, oder aber gedankenlose Abwendung von der Sonne. Die Abwendung von der Sonne, die Fixierung auf den eigenen Schatten: die Fixierung auf das Versagen, auf die fehlendenFähigkeiten (- "im Vergleich zu mir können die anderen mehr, sie sind brillanter, alles fällt ihnen in den Schoß!"), die Fixierung auf die eigene Erfahrung der Endlichkeit, schlussendlich die Erfahrung der Unausweichlichkeit des Todes macht mich nach und nach zu einer Eule. Zu jenem Vogel, der die Dunkelheit liebt und in der Finsternis die Kunst des savoir-vivre, die Lebenskunst entwickelt: die Lebenskunst unter den Bedingungen des Seins zum Tode. Und was ist in einem solchen Leben mit Gott, dem Liebhaber des Lebens? Was mit dem offenen Himmel? Was mit der Sonne, die alles umleuchtet? Wie gesagt: der sich um sich selber drehende Mensch, jener Mensch, der die eigene Dunkelheit liebt, wird Gott, den Liebhaber des Lebens, wird den offenen Himmel und wird auch die Sonne nur noch als Verursacher des eigenen Schattens wahrnehmen und u. U. diesen auch anklagen. Anklagen dann, wenn er unter der Last des eigenen Schattens zusammenzubrechen droht.

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"Kehrt um!" - ruft uns Jesus im heutigen Evangelium zu (Mt 4,17). Dreht euch im buchstäblichen Sinn des Wortes, dreht euch um! Wendet euer Angesicht der Sonne zu. Fixiert euch nicht auf euren Schatten, auf das Versagen, auf das, was euch vermeintlich fehlt, auf eure Endlichkeit. Fixiert euch nicht auf die Dunkelheit, schüttelt euer Eulendasein ab! Es entbehrt nicht einer sinnstiftenden Ironie, dass die Eule in der griechischen Kultur ein Symbol der Weisheit ist, jener philosophischen Weisheit - würde ich sagen -, die aus der Wahrnehmung des menschlichen Schattens geboren wird, dass dieses griechische Weisheitssymbol in der biblischen Tradition ein nicht koscherer Vogel ist, ein unreines Lebewesen, das im täglichen Haushalt keinen Platz haben darf. Es ist halt nicht integrierbar, seiner Liebe zur Finsternis wegen.

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Liebe Schwestern und Brüder! Und was soll man von denen sagen, die zu einer Kehrtwendung nicht mehr fähig sind? Weil das Dickicht in dem sie sitzen keine Bewegungen mehr zulässt. Weil der Tod und nur noch der Tod ihr Leben überschattet. Weil sie die Sonne nicht einmal im Modus der Abwesenheit wahrnehmen können, von der Sonne im Rücken schon ganz zu schweigen. Weil ihnen schlussendlich das Bewusstsein der Nähe des Klosters zu dem sie unterwegs sind, das Bewusstsein der sie bergenden Heimat vollkommen verschwunden ist. Was soll man denen sagen?

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Wir feiern Eucharistie! Im Geist der Dankbarkeit wird uns liturgisch der Tod Christi vergegenwärtigt: sein Ausgeliefertsein an die Schatten des Todes, die Schatten des Zusammenbruchs, der Einsamkeit und der Isolation, die Schatten der schwindenden Gottesnähe, ja sogar den Schatten des Gefühls der Gottverlassenheit. Die tiefsten Nuancen christlicher Lebenserfahrung speisen sich aus dem Glauben heraus, dass Gott selber die Kehrwende vollzogen hat. Dass ER umkehrte, weil er in die Schattenzone getreten ist. Die Auf- und Ab-Erfahrung, die Erfahrung des eigenen Schattens und die Umkehr zur Sonne, werden nun vertieft durch die Erfahrung der Umkehr Gottes - jener Sonne, die wir vielleicht nur noch im Rücken wahrgenommen haben, und die uns nur noch als ein Streuer für unsere Lebensschatten vorkam, als Gott, der unserem Alltag zum Schatten des Todes verwandelt. Diese Sonne ist uns in Christus zu jenem Licht geworden, das mitten im Schatten unseres Todes leuchtet und das undurchschaubare Dickicht unseres ganz konkreten Alltags durchlässig werden lässt auf jene Heimat hin, die uns allen sicher ist: unser himmlisches Kloster. Zu dem wir alle finden werden. Alle! Selbst dann, wenn wir spät, gar zu spät - in unser allen Sterben - aufbrechen. Wir finden hin. Sie finden hin! Und auch ich. Bleiben wir also gelassen. Bis es hell wird in unserem Leben!

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