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"..., damit wir vergöttlicht werden"
(Predigt zum Hochfest der Geburt des Herrn, gehalten in der Jesuitenkirche in Innsbruck am 25. Dezember 2010 um 11.00 Uhr)

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:
Datum:2011-01-10

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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“Fad ist es hier. Langweilig in dem schönen Götterhimmel. Zum Sterben langweilig. Es gibt ja nichts Neues. Immer wieder dieselben Lieder, die gleichen Getränke, der gleiche Tratsch. Kaum noch Frisch-Fleisch, um eine neue Affäre zu beginnen. Was soll man tun? Ausreißen! Machen wir eine Spritztour auf die Erde?” Die abenteuerlichen Götter, die Supermachos unter den Geschlechtsgenossen machen sich auf. “Innovation” heißt die Devise. Sie mischen sich unter das normale Fußvolk. Techtelmechtel ist angesagt. Hoffentlich ohne Konsequenzen! Kaum ist allerdings Feuer am Dach, schon machen sich die Götter aus dem Staub. Hinterlassen gebrochene Herzen, zerbrochene Träume, kaputte Existenzen und verwüstete Erde.

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Liebe Schwestern und Brüder, nicht erst die Google-Generation steht unter der Dauerverführung, den eigentlichen Gehalt des Weihnachtsfestes im trüben Teich der Religionsgeschichte und der Mythologie zu ersäufen, um dann im Trüben zu fischen und mit dem Zufallsfang das Geheimnis der Weihnachten endgültig “aufzuklären”. “Gottessohn?” - kein Problem angesichts der ganzen Horden der Göttersöhne in der Mythologie. “Göttliche Spritztouren auf Erden” - erst recht kein Problem für eine Generation, die das ganze Leben als eine Abfolge von Spritztouren zu begreifen sucht. Nicht erst die Google-Generation hat das Problem. Schon immer lebten die Christen in dem Dilemma der Analogie. Wir verstehen ja etwas wenn wir auf Ähnlichkeiten zurückgreifen können und Vergleiche anstellen. Schon immer lebten die Christen also im Dilemma, das unaussprechliche Geheimnis aussprechen zu müssen, obwohl es ihnen an Begriffen dafür mangelte. Sie lebten im Dilemma, das Unbegreifliche zumindest stückweise zu begreifen, obwohl jedes Begreifen schon eine Verstellung der eigentlichen Wahrheit miteinschließt. Schon immer hat es in dieser ihrer Bemühung einen gewaltigen Schuss an Projektionen gegeben und auch einen gewaltigen Überschuss an Kritik von solchen Projektionen. Denn: Mächtiger als alle Machthaber, die die Grenzen der Wirklichkeit begrenzen wollen, und - den modernen Mediensystemen nicht ganz unähnlich – den Menschen vorzuschreiben suchen, was sie denn zu denken haben, und intelligenter als all die Klugköpfe ist das göttliche Wort selber. Jenes Wort, das Fleisch geworden ist. Jenes Wort, das unter uns gewohnt hat und auch abgelehnt wurde. Jenes Wort, das kaum erkannt und doch immer wieder seine eigene Rationalität in dieser Welt durchsetzte und auch durchzusetzen weiß. Dieses Wort legt sich selber aus. Wir stammeln nur das nach, was wir gerade von seinem Echo, vom Echo, das das Wort hinterlassen hat, begriffen zu haben glauben. Was glaubt also der Prediger zu Weihnacht 2010 begriffen zu haben? Ich möchte Sie auf die Spuren dessen, was mir in diesem Jahr wichtig wurde, durch eine Reminiszenz in die jüngste Geschichte führen und eine seltsame Begegnung schildern.

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Beim letzten Besuch des Papstes Johannes Pauls II. im Jahre 1999 in Polen hat sich der alte und kranke Mann den Luxus leisten können, einen ganzen Tag auf der masurischen Seenplatte zu verbringen: eine richtige Pause im dichten Programm. Als junger Kaplan hat er dort mehrere Kajaktouren unternommen. Freilich war auch der freie Tag durch die Organisatoren der Freizeit verplant. Am späten Vormittag äußerte der Papst überraschend einen Wunsch: er würde gerne die Familie Milewski im Dorf Leszczewo besuchen. Ein Blitzbesuch sozusagen, warum auch nicht eine päpstliche Spritztour! Die Organisatoren waren baff. “Milewski - wer soll das überhaupt sein. Jedenfalls trägt kein Bischof in Polen diesen Namen. Und warum der Besuch?” “Vor vierzig Jahren etwa habe ich dort” - so der Papst - “an einem besonders heißen Tag ein Glas kühler Sauermilch geschenkt bekommen.” Dank dem Segen des Langzeitgedächtnisses im Alter fiel dem Papst diese Begebenheit jetzt ein. Er würde gerne sehen, ob es das ärmliche Bauernhof noch gibt. Der Ortspfarrer wurde eingeschaltet. “Milewski? ... Ja den gibt es... Der Vater ist schon recht alt”. “Hören Sie, in einer Stunde kommt dort ein Bischof vorbei. Bereiten sie die Leute vor!” Kaum ist das ärmliche Haus etwas aufgeräumt, schon hält die Wagenkolonne. Der Papst steigt aus. Die Verblüffung konnte nicht größer sein. Die Verblüffung auch über den Grund des Besuchs, hat doch der Herr Milewski unzählige Gläser Sauermilch im Leben verschenkt. Weil dies halt zur Normalität seines bäuerlichen Lebens dazu gehörte. Eine Woche später wurde der Bauer von Journalisten gefragt, ob sich etwas bei ihm seit dem Besuch verändert hat. Seine Antwort: “Früher habe ich meine Armut verflucht. Es schien kein Sinn mehr im Leben zu sein. Und da kam der Papst zu uns und wusste unser Leben zu würdigen. Das hat meine Einstellung zu meinem Leben geändert.” Die Tatsache, dass ein Anderer, dass der Papst diesem Bauern und seiner Lebensform seine Wertschätzung zeigte, veränderte diesen Mann. Rein äußerlich hat diese Spritztour des Papstes nichts verändert: immer noch dieselbe Armut und immer noch dieselbe Mühsal. Und doch ist alles anders seit dem Tag, als der Papst dieses Leben durch seinen Besuch zu würdigen wusste. Die päpstliche Spritztour hinterließ also Spuren. Es war aber nicht die Spur der Verwüstung, wie sie die himmlischen Kavaliere hinterlassen oder aber die modernen Lebensverbesser; jene Gurus, die mit den Emotionen, Ängsten und Hoffnungen der Menschen spielen, daraus ihr Kapital schlagen und sich - dann, wenn es brenzlig wird - aus dem Staub machen. Die päpstliche Spritztour hinterließ bei diesem Bauern nur ein neues Selbstwertgefühl. Unaufdringlich knüpfte sie ja an dessen eigene Lebensgeschichte, würdigte nach Jahrzehnten das kleine Zeichen der Menschenfreundlichkeit des kleinen Bauern und schenkte ihm mitten in seinem ärmlichen Alltag ein Stück des Himmels. War also Weihnachten und Ostern zugleich! 

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Was hat denn die Geburt Jesu am Unheil dieser Welt verändert, was an der realen Existenz des Menschen verbessert? - fragen die Kritiker. Rein äußerlich betrachtet: Nichts! Und doch: Alles! Alles ist neu! Alles ist neu seit dem Tag als Gott selber in seinem Sohn Mensch wurde und diese unsere menschliche Existenz, so armselig und banal sie auch sein mag, gewürdigt hat. Er ist ja auch einer von uns geworden, in allem uns gleich außer der Sünde. Das Glaubensbekenntnis deutet es an: dem Kind ist er ein Kind, dem alten, kranken, sterbenden Menschen ein Alter, Kranker, Sterbender, dem Kraftprotz ein Kraftprotz geworden. Und die Folge davon? Gebrochene Herzen? Enttäuschte Hoffnungen? Verbrannte Erde? Immer und immer wieder leiern die Religionskritiker dieselbe Litanei aus Vorwürfen zum Thema “Folgen des Christentums” und gehen am entscheidenden Nerv des Geheimnisses vorbei. Es ist halt ihr Lebenshorizont dem der himmlischen Kavaliere nicht unähnlich: Auf die Banalität des Lebens fokussiert, suchen sie bloß den kleinen Kick, der die Fadesse von Arbeiten und Konsumieren, von Arbeit- und Freizeitstress unterbricht. Wie die Hamster drehen sie sich im Kreis ihrer begrenzten Möglichkeiten, schauen auf die sie umgebende Wirklichkeit und da sie vom Kreisen nicht herauskönnen, erklären sie alles andre für schädliche Illusionen. Was vermag aber der Gläubige zu erblicken?

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Weil Gott meine menschliche Existenz durch die Menschwerdung zu würdigen wusste und auch weiß, kann ich als Mensch über das Wunder “Mensch”, also auch über mich selber, staunen und mich darüber freuen. Nicht erst über meine Erfolge und meine Leistungen. Staunen nicht erst über die Erkenntnis, was für ein toller Hecht ich bin. Nein! Staunen und mich freuen über das Wunder des bloßen Menschseins. Staunen und sich freuen auch oder gerade im Zeitalter, in dem die subtile Menschenverachtung Fuß fasst und der Mensch nur noch nach seinem Gebrauchswert bewertet wird. Doch ist damit die Fülle des Geheimnisses von Weihnachten erst angedeutet. Das Geheimnis ist tiefer und will auch viel mehr. Es will mich in ungeahnte Höhen führen. Und wohin? Und warum?

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Weil Gott durch die Menschwerdung seines Sohnes meine Existenz zu würdigen wusste, bin ich selber Weihnachten. Bist auch Du Weihnachten! Mehr noch: Du bist seine Krippe! Der große Dichter Paul Gerhard dichtete im 17. Jahrhundert: “So lass mich doch dein Kripplein sein, komm, komm und lege bei mir ein Dich und all Dein Freuden!” All die Freuden des menschgewordenen Sohnes Gottes! Das sind weder die kleinen Freuden eines langweiligen mythologischen Götterhimmels, noch die Freuden einer aus allen Löchern pfeifenden Event-Society, die immer wieder ausbrechen muss, Spritztouren unternehmen muss, sich der Illusion hingeben muss, sie habe das Wesen der fruitio, das Wesen des Genusses und des Lebens gepachtet. Die vielen Events aller Zeiten, die Spritztouren und die kreischende, industriell vermarktete Freude vermögen eines nicht zu verdecken: Ob mythologisch oder postmodern: die Natur ihrer Götter und ihr Wesen erschöpft sich in der Selbstliebe. Sie alle sind auf andere ausgerichtet, bloß um daraus den kleinen Vorteil für sich selber zu ziehen. Sie bleiben auf andere ausgerichtet, bloß um sie zu schädigen. Neid, Missgunst und Konkurrenz schwängern die Luft, die sie atmen. Nicht so die Freuden, die dem menschgewordenen Sohn Gottes eigen sind. Auch ihm sind seine Freuden identisch mit seinem göttlichen Wesen und seiner Natur. Und für diese haben schon die biblischen Schriftsteller die treffendste Bezeichnung gefunden: “Gott ist die Liebe”. Selbstlose, sich verschenkende Liebe! Und er ist Mensch geworden, damit wir alle, alle: Katholiken und Christen, Andersgläubige, Zweifler und Atheisten, damit wir alle vergöttlicht werden. Das ist der Irrsinn von Weihnachten!

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“Gott wurde Mensch, damit der Mensch vergöttlicht werde”. Mit diesem Bekenntnis wagten sich die alten Kirchenväter an die äußerste Grenze der Versprachlichung des Geheimnisses von Weihnachten. “Damit wir vergöttlicht werden”: damit wir liebesfähig werden, liebesfähig auf eine andere Art und Weise, als dies die himmlischen Kavaliere aus der Mythologie sind. “Gottes Lust ein Mensch zu sein” (eine Formulierung meines geschätzten Kollegen Roman Siebenrock) stellt nur eine allzu logische Folge seines Wesens dar, Folge der sich selbst verschenkenden selbstlosen Liebe. “Damit wir vergöttlicht werden”: damit wir in unserem ganz banalen Alltag immer neu Lust erleben, Lust an verschenkter, selbstloser Liebe (deswegen auch die Weihnachtsgeschenke). “Damit wir vergöttlicht werden”: das bedeutet keineswegs eine Infragestellung unseres Menschseins. In Jesus Christus, dem Gott-Menschen erblicken wir ja beides: unvermischt aber auch ungetrennt. Selbstlose, sich verschenkende göttliche Liebe, die zur menschlichen Liebe wird: zur Liebe zu Gott und zu den Menschen und damit in der Folge auch zur gesunden Selbstliebe. Weil also der Sohn Gottes durch seine Menschwerdung unser normales menschliches Leben zu würdigen wusste und auch weiß sind wir Menschen besser als unser Ruf.

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Diese Dynamik des heutigen Festes hält ein Geschenk fest und dies besser als die ganze Predigt. Das Geschenk hat mir mein Freund Andreas, der Leiter der Klinikseelsorge in Innsbruck, zu Weihnachten gemacht, mir und all seinen Mitarbeitern, Freuden und Kollegen. Es ist eine kleine selbstgebastelte Krippe. Und auf dem Heu in der Krippe? Ein winzig kleines Kind und ein kleiner Spiegel. Mein Blick fällt natürlich zuerst auf den Spiegel, fokussiert mich selber, mit meinen kleinen Problemen und kleinen Freuden, lädt ein sich um mich selber zu drehen: um mich, den tollen Hecht, oder aber um mich, den zunehmend älter werdenden, mit etlichen Problemen kämpfenden Menschen. Und dann... Dann wandert der Blick zum kleinen Jesuskind. Zum Gott, der durch seine Menschwerdung mein Leben zu würdigen weiß. Und da verändert sich auch mein Blick in den Spiegel. Nicht der tolle Hecht und auch nicht der zunehmend älter werdende Sterbliche blickt mir da entgegen. Ein neues Selbstwertgefühl steift in mir auf! Ich bin doch ein Wunder. Ich bin Weihnachten. Ich selber bin die Krippe. Ich! Du! Wir alle! Wir alle sind durch die Menschwerdung ins göttliche Leben hineingenommen worden: In das Leben der selbstlosen, sich verschenkenden Liebe. Deswegen ist alles neu. Alles ist ja anders geworden durch das Geheimnis von Weihnachten.

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