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“Christiani sumus. Gaudeamus igitur!”
(Predigt zum „Gaudete-Sonntag“ am 12. Dezember 2010 in der Jesuitenkirche in Innsbruck)

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:
Datum:2010-12-13

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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“Gaudeamus igitur!”- Fröhlich wollen wir sein, „Gaudi“ haben! Solange wir jung sind! Das berühmteste Studentenlied der Welt - oft gar als akademische Hymne bezeichnet - rechtfertigt die programmatische Aufforderung zum Fröhlichsein mit dem Hinweis auf die unerbittliche Logik des menschlichen Lebens. Der fröhlichen Jugend stellt das Lied das beschwerliche Alter gegenüber und auch das unausweichliche Geschick eines jeden Menschen: “Nos habebit humus .... Post molestam senectutem.” Nach einem beschwerlichen Alter wird uns die Erde haben. Freuen wir uns also, solange wir jung und gut drauf sind. Nutzen wir die Zeit. “Carpe diem!” Ergreife die Chance des Tages. Morgen wird es zu spät sein. Älter geworden, oder gar schon früher von Krankheit gezeichnet, kannst du höchstens noch im Geist der Melancholie festhalten: “Nos habebit humus!” - Die Erde wird mich haben, die Erde wird uns alle haben. Diese unerbittliche Tatsache stelle den letzten Grund für die Resignation, oder aber einen Grund zur Freude dar. Hier und jetzt. Irgendwann, ja - bald schon kommt der Tod und erlöst mich von der Angst, von dem Schmerz und der mir zunehmend zusetzenden Einsamkeit. “Gaudeamus igitur iuvenes dum sumus!” - Freuen wir uns also, solange wir jung sind und gut drauf.

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“Gaudete!- Freut euch!“, ruft uns auch die Kirche zu. Traditionellerweise fordert sie ihre Gläubigen am dritten Adventsonntag ausdrücklich auf, sich zu freuen. “Hm, ja ... sind sie denn so schwer von Begriff - diese Kirchgänger -, dass sie gerade jetzt noch eine Extra-Aufforderung zur „Gaudi“ brauchen? Oder sind sie so blind? Blind gegenüber all der alltäglichen happiness, die uns tagtäglich medial ins Haus geliefert wird, blind all der Glückseligkeit der Vorweihnachtszeit gegenüber, der Zeit, die ja so kurz - leider viel zu kurz -  ist? Na ja, von Jahr zu Jahr wird sie nach vorne und auch nach hinten ausgedehnt. ‘Vita nostra brevis est’, sangen die Studenten früher. Der Fortschritt hat uns da auf die Sprünge geholfen. So kurz ist das Leben auch nicht mehr, genauso wie der Handel uns dazu verhalf, dass auch die Vorweihnachtszeit länger wird. Jene Zeit, in der man endlos ‘glühweinen’ und shoppen, Jahr für Jahr Rekorde brechen kann: beim Geldausgeben. Brauchen da die Kirchgänger noch Extrawerbung oder gar eine päpstliche Erlaubnis für das Gläschen Glühwein? Wäre wohl kein Wunder bei diesem Papst und angesichts der Geschichte der Kirche, wo man doch so vieles nicht dürfte!”

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Der von kulturellem Alzheimer befallene Zeitgenosse wird sich mit der Zeit kaum noch daran erinnern können, was denn der Grund sei für all die nun so orgiastisch zelebrierte happiness. Scheinbar erfolgreich entfernt er sich immer weiter von dem, was Weihnachten eigentlich ist. Scheinbar sorglos und gut aufgelegt stürzt er sich in die glückliche Vorweihnachtszeit. Was soll‘s? Solange der Rubel rollt und man eine gute Zeit miteinander hat. „Gaudi“ ist halt „Gaudi“. Oder?

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Eben nicht! Inmitten einer Welt, die sich im orgiastischen Taumel befindet, inmitten einer Welt, die eigentlich nicht mehr weiß, worüber sie sich noch freuen könnte, verkündet die Kirche eine inhaltlich präzise Botschaft: ein Evangelium, ein Antibiotikum - wenn Sie so wollen - für die durch allerlei Gifte vergiftete Gegenwart. “Freut euch - Gaudete! Denn der Herr ist nahe. Ja: Er ist schon da und er kommt, um euch zu retten. Habt also keine Angst!” Seine Rettung bringt aber eine Überraschung mit sich. Seine Rettung hat nämlich nichts, aber schon gar nichts zu tun mit den spektakulären WikiLeaks-Enthüllungen. Deswegen stellt sie auch kein Thema für unsere Öffentlichkeit dar. Weder deckt sie die Machenschaften und Skandale der Mächtigen auf, um der politischen Kultur zur Rettung zu verhelfen. Noch stellt sie all die kleinen Sünden des Durchschnittsbürgers bloß, um den anderen Durchschnittsbürgern das Feingefühl der Normalität zu schenken. Zwar hat auch dieser Herr, der da kommt, Verständnis für all die Moralisten, für die vielen Täufer der Gegenwart, für die echten Propheten, die ja am Ausmaß der Korruption und der Bosheit in dieser Welt verzweifeln und deswegen auch nicht müde werden, daran zu erinnern, dass es schon längst 4 nach 12 sei. Er hat Verständnis und auch ein Wort des Lobes für die Propheten, die zur sittlichen Umkehr aufrufen, zur Etablierung von ethischen Maßstäben in Politik und Wirtschaft. Es sind Menschen, die den Durchschnitt überragen, sich von der Masse der scheinbar zufriedenen Konsumenten abheben. Wie Johannes der Täufer setzen sie alles auf eine Karte! Sie verfallen deswegen aber auch immer wieder dem Hochmut. Säkular ethisch oder religiös motiviert ziehen sie sich wiederholt in die Abgeschiedenheit ihrer moralisch intakten Wüste zurück: Weg von dem Natterngezücht der ewig glühweintrinkenden Lebemänner und Lebefrauen.

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“Gaudete - Freut Euch!”, ruft die Kirche, und sie ruft dies zuerst all jenen zu, die solchen Täufern nachfolgen, sich also um ethisch verantwortbares Leben bemühen. Und das sind auch viele von uns: Menschen, die regelmäßig in die Kirche gehen. “Freut euch! Der Herr ist gekommen!”, bekommen wir da zu hören. Und - und da soll erst heute der Groschen fallen: “Selig seid ihr, wenn ihr an seiner Ankunft keinen Anstoß nehmt! Schaut doch, wie diese seine Ankunft alles ordentlich aufgewirbelt hat. Alles. Die Welt der Religionen und die Welt der ethischen Systeme.” Bei allen Gemeinsamkeiten, die all den Täufern der Weltgeschichte eigen sind, all den Ernstnehmenden, bei der unbezweifelbaren klaren Stärke des Cantus firmus, den die homines religiosi et homines ethici singen, bringt die Ankunft, bringt der Advent dieses Einen Herrn einen Kontrapunkt, der einmalig ist. Mehr noch: sie bringt einen Kontrapunkt, der alles neu zum Klingen bringt. Alles! Und weil dies der Fall ist, stellt sein Advent, stellt seine Ankunft den Grund dar für das Ärgernis oder aber den Grund zur Freude. Zur einzigartigen Freude der ganzen Menschheit. Lässt sich dieser Kontrapunkt auf den Begriff bringen? Ja! Und dies sowohl im Kontext der Weltpolitik als auch im stillen Kämmerlein meines eigenen Lebens. Wie lautet also die Logik dieses adventlichen Kontrapunktes?

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Selbst wenn es schon 5 nach 12 sein sollte, selbst wenn die Krise unserer Welt ihren Lauf genommen hat und sich deswegen auch Verzweiflung oder aber Resignation breitmachen könnte, Resignation und Verdrängung, selbst wenn du selber nicht mehr jung und nicht mehr gut drauf sein solltest und dies, weil du von Krankheit gezeichnet, von einem Schicksalsschlag getroffen, von der Bosheit deiner Feinde oder vom Selbsthass zerstört sein solltest, selbst wenn du arm oder verlassen, oder aber der Einsamkeit preisgegeben sein solltest, selbst dann, wenn du keinen - aber auch wirklich keinen - Grund haben solltest, um “Gaudi” an den Tag zu legen, selbst dann wisse: Auch über dir öffnet sich der Himmel. Er öffnet sich über dir, wie er sich über dieser ganzen sündigen und korrupten Welt öffnet. Der Sohn des himmlischen Vaters kommt, und er kommt nicht der Bloßstellung deiner Schwäche wegen, deines Versagens, deines Unvermögens, deiner verpassten Chancen. Er steigt in diese Welt herab, in die glühweintrinkende, sich im Kaufrausch vergessende Welt und auch in die wegen des Mangels an Trinkwasser verdurstende und am Dauerhunger leidende Welt. Er begleitet diese multikulturelle und auch multireligiöse Welt, weil er in der Gestalt des Menschgewordenen in die letzten Sackgassen des Lebens, in die Welt des Todes und in die damit verbundene Haltung der Angst, des Zweifels, ja der Verzweiflung herabsteigt. So begleitet er den Menschen in der höllischen Logik der Gottferne, des tödlichen Zynismus, der Banalität und der Leere. Hat der Mensch in seiner Verzweiflung sich in die Hölle fallen lassen, so begleitet ihn der menschgewordene Sohn Gottes bis an den Abgrund seines absoluten Nihilismus. Mit einer Selbstverständlichkeit sondergleichen begleitet er auch jene, die an kulturellem und religiösem Alzheimer leidend längst nichts mehr von seiner Ankunft bei den Menschen wissen. “Gaudete!”, lautet die Frohbotschaft, das Evangelium des Adventus Domini, das Antibiotikum für eine durch allerlei Gifte vergiftete Gegenwart. Gaudete über die Ankunft des Menschgewordenen, über den Gott, der göttlich genug ist, um auf die Augenhöhe eines jeden Menschen herabzusteigen. Eines jeden: des Gläubigen, des Ungläubigen und des Andersgläubigen, des Jungen und des Alten, des Gesunden und des Kranken, ja gar des Sterbenden. Gaudete über den Advent Gottes, eines Gottes, der euch begleitet.

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Gaudeamus ergo! Lasst uns also freuen. Wir leben zwar in einer Welt der Krisen, aber nicht in einer trostlosen Welt. Wir sterben zwar, aber wir sterben nicht einen sinnentleerten Tod. “Nos habebit humus”? - Ja und Nein. Weil ich nicht nur der Erde gehöre, sondern Ihm, dem lebendigen Gott, habe ich den letztgültigen Grund zur Freude und dies umso mehr, weil dieser Gott auf meine Augenhöhe herabgestiegen ist. Und mich: den Frommen und den religiösen Analphabeten und auch den an religiösem Alzheimer Leidenden begleitet.

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Liebe Schwestern und Brüder, gaudeamus igitur. Freuen wir uns, weil wir Christen sind und uns die Gnade dieser Erkenntnis geschenkt wurde: nichts aber gar nichts vermag uns zu trennen von der Gegenwart dieses Gottes, des Mensch gewordenen. Weder in diesem noch im zukünftigen Leben. Christen sind wir. Gaudeamus igitur, Christiani dum sumus!

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