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Gedanken zum Christkönigssonntag

Autor:Wandinger Nikolaus
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:
Datum:2010-11-29

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Lesungen: 2 Sam 5,1–3; (Kol 1,12–20); Lk 23,35–43 (LJ C)

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Liebe Gläubige,

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heute am Christkönigssonntag treffen wir – seltsamerweise – Christus am Kreuz, den König auf dem Kreuzesthron, wie ein Kirchenlied sagt. Und wir tun uns vielleicht schwer mit diesem Fest: 1) weil wir in einer Demokratie leben und mit der Figur des Königs nicht mehr viel anfangen können; 2) weil, wenn schon König, dann nicht einer, der am Kreuz hängt, sondern ein strahlender Held.

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Da tut es uns vielleicht gut zu hören, dass nicht nur wir Modernen ein ambivalentes Verhältnis zum Königtum haben, sondern dies geradezu ein Grundzug der biblischen Offenbarung ist, schon im alten Israel.

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In der Lesung aus dem 2. Buch Samuel haben wir gehört, warum König David in sein Amt kam: weil er Israel in den Kampf und wieder nach Hause geführt hat. Er ist ein Kriegsherr, das zeichnet ihn aus. Und er ist der Gesalbte Gottes, der im Namen Gottes dessen Volk führt. Aber wie kam es überhaupt dazu, dass Israel einen König hat? Das 1. Buch Samuel gibt uns davon eine theologische Darstellung und zeigt, wie kritisch der jüdische Glaube das Königtum von Anfang an einschätzte (vgl. 1 Sam 8,4-10,27): Zuerst gab es nämlich keinen König in Israel. Von Gott erwählte Richter leiteten das Volk, deren wichtigster Samuel war. Als er alt war und seine Söhne zu Richtern ernannte, diese aber ungerecht waren, forderte das Volk, er solle stattdessen einen König einsetzen. Samuel weigerte sich und betete zu Gott. Und Gott antwortet und beurteilt die Forderung nach einem König durch das Volk als Zurückweisung seiner selbst. Gott sagt zu Samuel: „nicht dich haben sie verworfen, sondern mich haben sie verworfen: Ich soll nicht mehr ihr König sein“ (1 Sam 8,7); aber er rät dem Samuel, er solle dem Wunsch des Volkes nachgeben und ihm einen König geben. Samuel ist etwas widerspenstiger als Gott. Er möchte das Volk überzeugen, auf einen König zu verzichten und schildert ihnen die negativen Konsequenzen: „11 Er wird eure Söhne holen und sie für sich bei seinen Wagen und seinen Pferden verwenden, und sie werden vor seinem Wagen herlaufen. 12 Er wird sie zu Obersten […] machen. Sie müssen sein Ackerland pflügen und seine Ernte einbringen. Sie müssen seine Kriegsgeräte und die Ausrüstung seiner Streitwagen anfertigen. 13 Eure Töchter wird er holen, damit sie ihm Salben zubereiten und kochen und backen. 14 Eure besten Felder, Weinberge und Ölbäume wird er euch wegnehmen […]. 16 Eure Knechte und Mägde, eure besten jungen Leute […] wird er holen und für sich arbeiten lassen. 17 […] Ihr selber werdet seine Sklaven sein.“ (1 Sam 8,11-17) Ist das nicht eine ziemlich realistische Schilderung davon, was die Herrscher ihren Völkern antun? Und was antwortet das Volk Israel darauf? „19 […] Nein, ein König soll über uns herrschen. 20 Auch wir wollen wie alle anderen Völker sein. Unser König soll uns Recht sprechen, er soll vor uns herziehen und soll unsere Kriege führen.“ (1 Sam 8,19f.)

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Samuels Warnung wird in den Wind geschlagen mit der Begründung: wir wollen sein wie alle anderen. Und: wir brauchen einen, der unsere Kriege führt. Noch einige Zeit versucht Samuel das Volk umzustimmen und die Königssalbung zu verzögern bis er schließlich Saul zum ersten König salbt. Heute haben wir gelesen, wie David sein Nachfolger wurde. Und dieser war ein Großer und wird in der Bibel als Mann Gottes gesehen. Innerhalb der jüdischen Bibel haben wir also ein sehr ambivalentes Verhältnis zum König. Und das liegt nicht in erster Linie an den Individuen – Saul oder David, Caesar oder Napoleon, Konstantin oder wer auch immer. Es liegt an der Problematik des Königtums als solchem. Das eigentliche Problem ist: Die Israeliten wollen einen König, um Krieg führen zu können und zu sein wie alle anderen. Es geht um Gewaltausübung und um Anpassung.

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Und heute feiern wir Christ-König. Größer könnte die Spannung nicht sein. Wer übt hier Gewalt aus? Nicht Christus, sondern jene, die ihn hinrichten. Wer ist hier angepasst? Nicht Christus, sondern jene Mitläufer, die „ans Kreuz mit ihm“ geschrien oder „ich kenne diesen Menschen nicht“ gesagt haben. Der Sog des Mitläufertums ist so stark, dass sogar einer, der mit Jesus gekreuzigt ist, dem es keinen Deut besser geht, ihm erliegt und mitspottet. Dagegen der Christ-König: Der Unangepasste, der gegen religiöse und gesellschaftliche Konventionen verstieß – nicht weil, er der Logik des alternativen Mitläufertums folgte, sondern um Gottes und der Menschen willen. Der Gewaltfreie, der weiß, dass die letzte Antwort auf rohe Gewalt die reine, die Feinde liebende, Gewaltlosigkeit ist. Nicht einmal da, wo alle mitmachen würden, bei der legitimen Selbstverteidigung, wird er zum Mitläufer und Gewalttäter. Das ist die letzte, die höchste Unangepasstheit: gewaltfrei und liebend zu bleiben angesichts von tödlicher Gewalt und blindem Hass.

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Einer der beiden Mitgekreuzigten erkennt das und hat die Kraft, selber auszusteigen aus dem Sog des allgemeinen Mitläufertums; er erkennt, dass hier einer ist, dessen Reich ganz anders funktioniert; einer, der nur Gott als seinen König akzeptiert. Und der dadurch selber zum König wird, wenn auch zunächst zum König auf dem Kreuzesthron. Gott als König der Menschen versklavt sie nicht, schickt ihre Kinder nicht in den Krieg oder lässt sie für sich schuften, und er will den Menschen nichts, aber auch gar nichts wegnehmen, sondern ihnen alles schenken. Wir haben nur ein Problem mit ihm: eben weil er so gütig ist, ist er auch gewaltfrei, erscheint er – nicht nur dem Samuel, sondern auch uns oft – viel zu nachgiebig. Er zieht nicht für uns und für niemanden in den Krieg. Er ist kein Heerführer, das hat uns Jesus endgültig gezeigt. Denn dieser Gott hat nicht einmal seinen eigenen Sohn mit Gewalt verteidigt, als ihn ungerechte irdische Richter verurteilten. Aber er hat ihn zu einem König gemacht – zu einem König, der am Kreuz stirbt, der aber noch am selben Tag einen Platz im Paradies vergeben kann; der die, die ihm nachfolgen im Widerstand gegen die Logik des Mitläufertums und in der gewaltfreien Liebe, auch zu Königinnen und Königen macht (vgl. Offb 1,6) und sie ins Paradies aufnimmt.

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Christ-König: ein ambivalentes Fest: Denn wenn man den Christ-König versteht wie alle anderen Könige – oder Präsidenten, Premierminister und Kanzler –, dann pervertiert man ihn zu einem Kriegsführer und seinen Vater zu einem Kriegsgott. Leider hat das die Kirche auch getan. Aber gerade deshalb ist es so wichtig, dass uns das heutige Evangelium ihn als König auf dem Kreuzesthron zeigt; nicht aus irgendeiner perversen Lust am Leiden, sondern gerade im Gegenteil: um das Bild des Christ-Königs vor der Pervertierung durch Gewalt zu bewahren. Sein Königtum ist nicht von dieser Welt, will sagen: es folgt nicht der Logik der Unterwerfung unter die Gewalt und des Mitläufertums. Es folgt der Logik des Mutes zum Anderssein (auch nicht, um des Andersseins willen, sondern – dort, wo es nötig ist – um Gottes und der Menschen willen) und es folgt der Kraft zur Liebe. Wenn wir diesen Mut und diese Kraft geschenkt bekommen und diesem König nachfolgen, macht uns das zu reifen, aufrechten, freien Menschen, die weder Untertanen der herrschenden Machthaber noch der Trends der Massen sind – zu Königinnen und Königen mit Christus. Das kann natürlich auch uns in Situationen führen, in denen wir uns gegen die Aufhetzer und die Mitläufer wenden müssen und von ihnen in eine leidvolle Kreuzesnachfolge gedrängt werden. Christus wird aber auch uns dahin führen, wo der rechte Schächer schon seit dem Tage der Kreuzigung ist: ins Paradies Gottes.

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