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"Um Gottes willen..., Sie glauben an die Auferweckung?!"
(Predigt zum 32. Sonntag im Jahreskreis)

Autor:Niewiadomski Jozef
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:
Datum:2010-11-10

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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(Lesejahr C: 2 Makk 7,1-2.9-14; Li 20,27.34-38) gehalten in der Jesuitenkirche am 7. November 2010 um 11 Uhr)

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"Um Gottes willen..., sie glauben an die Auferweckung!" Im Grunde würden sie alle über sie herfallen. Über die sieben Brüder und über die Mutter. Über diese tiefreligiöse Familie aus der sog. Makkabäerzeit. Allen voran der große Aufklärungsphilosoph Immanuel Kant. Er hat es nicht gescheut, die Vorstellung einer leiblichen Auferweckung von den Toten als "Afterglauben" zu disqualifizieren: als eine des aufgeklärten Menschen unwürdige Vorstellung. Dieser hat den Mut, sich des eigenen Verstandes zu bedienen, und der Verstand hat es nicht nötig, derartig derbe Einsichten zu glauben. Innerhalb der Grenzen der menschlichen Vernunft hat die leibliche Auferweckung der Toten keinen Platz. Sie tauge auch kaum zur Begründung einer vernunftgeleiteten Ethik. Im Gegenteil. Die Hoffnung daran nährt bloß Ressentiments, gießt Öl ins Feuer der Bereitschaft zur Gewalteskalation, reißt also Gräben auf, die unüberbrückbar sind. Wenn sie überhaupt etwas beweist, dann doch nur Eines: Stärker als der Tod ist der menschliche Hass! All die Gebildeten, all die Humanisten, all die aufgeklärten Theologen und auch das gläubige Volk, das die religionskritische Volkshochschule absolviert hat: sie alle würden in diesen cantus firmus mit einstimmen und darauf hinweisen, dass der Auferweckungsglaube der Opfer den fremden König Antiochus damals nicht daran gehindert hat, seine Opfer zu foltern und auch zu morden, dass aber die Hoffnung, sich nach dem Tod im leiblichen Paradies des Lebens zu erfreuen, heute Menschen dazu verführt, sich selber in die Luft zu sprengen und andere mit in den Tod zu nehmen. "Auferweckung der Toten": das sei doch bloß Öl ins Feuer der Fundamentalisten, Menschen, die das Leben hassen, Menschen, die im Grunde falsch erzogen wurden.

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Spätestens beim Stichwort: "Fundamentalismus" wird sich auch die große Menge der glücklichen Konsumenten der Gegenwart dem Lager der Gegner der makkabäischen Familie anschließen und die Mutter der Söhne an den Pranger stellen. "Wie hat sie denn bloß ihre Söhne erzogen? Was für eine lebensfeindliche und intolerante Philosophie musste da in diesem Haushalt geherrscht haben, dass alle sieben derartig religiös verbohrt wurden? Denn anders lässt sich das nicht begreifen: Jung, gesund, schön, den Kopf voller Pläne, der eine oder der andere auch frisch verliebt. Und nun: bloß wegen ein bisschen Schweinefleisch das Leben aufs Spiel setzen! Das ist doch hirnrissig. Bei allem Verständnis für Werte und Traditionen... Irgendwo muss es doch Grenzen geben. ‘Seima’ uns ehrlich: Eine Religion, die Märtyrer produziert ... Nein, danke!" Darauf hat eine Spaßgesellschaft keine Lust. "Null Bock auf die Auferweckung! Anstatt derart hirnrissiger Hoffnungen wollen wir etwas Handfestes." Und was kann das sein? Die Auswahl ist nicht allzu groß. "Lasst uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot!" Die Partykultur der Gegenwart, die Seitenblicke-Society, die A-dabei-sein-Mentalität: All diese Lebensphilosophien der jungen, gesunden, potenten und reichen Zeitgenossen nähren sich von der Überzeugung, dass das Leben selbst die letzte Gelegenheit sei, etwas zu erleben und auch etwas zu leisten. "Es gibt ja nur ein Leben vor dem Tode! Carpe diem ergo. Ergreife die Chance des Tages. Denn irgendwann wird es zu spät sein!" Nicht den Tod und die darauf folgende Auferweckung erhofft oder fürchtet dieser Zeitgenosse. Eine andere Angst lähmt ihn: die Angst vor der Zeit, in der er konsumunfähig sein wird, impotent, ans Bett gefesselt, an Schläuche angeschlossen, zum sinnlosen Dahinvegetieren verurteilt. Denn: Wozu soll man noch leben - so leben! - wenn das Leben mit dem Tod endet? Ja wozu?

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Um Gott zu loben! Und um an einem Projekt Anteil zu haben, das die Grenzen meiner Existenz übersteigt! So paradox es klingen mag: Bei solchen Bekenntnissen treffen sich verschiedene Gruppen von Zeitgenossen. All diejenigen, die noch zwischen Gut und Böse zu unterscheiden wissen - und das sind doch wohl noch die meisten -, die sich um ein ordentliches Leben bemühen, weil sie Verantwortung übernehmen, weil sie diese Welt auch ihren Enkeln in bewohnbarem Zustand überlassen wollen; all jene also, die sich mit Gott oder auch ohne Gott für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung einsetzen, aber auch für eine geordnete Religion: eine Religion mit Augenmaß, eine Kirche mit menschlichem Gesicht, mit schönen Gottesdiensten. Und der Clou des Ganzen? Auch die Sadduzäer aus dem heutigen Evangelium sind dabei! Diese gebildete Tempelaristokratie! Gottgläubig, genauso gottgläubig wie dies auch alle liberale Theologen waren - auch Immanuel Kant. Gottgläubig, deswegen auch an den Geschäften dieser Zeit interessiert. Dass eben alles funktioniert: heute, morgen und wenn es geht, auch immer. Durchaus mit Gottes Segen. Eine Kirchenreform um der Kirche willen. Sie alle werden die Frage nach dem Grund des Lebens ähnlich beantworten: Wir leben, um Gott zu loben, oder aber um an einem Projekt Anteil zu haben, das die Grenzen unserer Existenz übersteigt. Genauso wie Jesus. Zumindest der Jesus, den alle liberal eingestellten Kulturen so lieben: den Menschenfreund, den Helfer von nebenan, den unermüdlichen Kämpfer für den Platz der Außenseiter in der Gesellschaft, den potenziellen Friedensnobelpreisträger. "Jesus! Du wirst doch nicht an die Auferweckung der Toten glauben? Oder? Dazu bist Du doch viel zu clever, bist doch kein Fundi! Außerdem, stell Dir bloß die Frau mit der Unmenge von Männern vor! Stell dir bloß das Dilemma der Kannibalen vor! Wem wird da was gehören? Machen wir doch unsere Religion nicht lächerlich. Im Grunde glauben doch alle ein und dasselbe. Wir sitzen doch im selben Boot. Mit all denen, die doch noch etwas mehr sehen als ihren eigenen Bauch, ihre eigene Gesundheit und ihren eigenen Hund." Und Jesus? Genial wie er war, stößt er seine Gesprächspartner nicht vor den Kopf; er beantwortet die Fragen mit einem Ja und mit einem Nein zugleich. "Nur in dieser Welt heiraten die Menschen, nur in dieser Welt lassen sie sich scheiden, nur in dieser Welt fallen sie übereinander her, nur in dieser Welt werden sie gewalttätig: auch im Namen Gottes! Über die andere Welt lässt sich nicht viel sagen. Außer dem Einen: Gott ist ein Gott der Lebenden und kein Gott der Toten! Und deswegen kann ich nicht sagen, im Grunde glauben wir doch alle ein und dasselbe. Nein! Ich glaube und ich lebe aus dem Glauben heraus, dass Gott ein Liebhaber des Lebens ist. Nicht des Todes. Nicht der Gewalt. Nicht des Hasses und auch nicht des Ressentiments. Nicht der Hass ist also stärker als der Tod, auch nicht das Ressentiment und schon gar nicht die Banalität der Tatsachen. Die Liebe ..., einzig die Liebe vermag dem Tod zu trotzen! Darauf kommt es an."

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Kaum war das Gespräch beendet, fiel man über ihn her. Und es waren wiederum alle dabei: die gottgläubigen Sadduzäer, die an einem geordneten Gottesdienst interessiert waren, und die Pharisäer, die die Kunst der vernunftgeleiteten Auslegung religiöser Traditionen beherrschten. Die eigenen Jüngerinnen und Jünger, die angesichts der Verfolger - vor Angst wie gelähmt - die Flucht und den Verrat vorgezogen haben. Schlussendlich aber auch - und das ist der Clou - die Erben der Makkabäer, jener Märtyrer, die in den Tod gegangen sind, weil sie Gott die Treue hielten und von diesem Gott Vergeltung für ihre Henker und Verfolger erhofft und erbetet haben. Bei allen Gemeinsamkeiten im Glauben zwischen der Mutter mit ihren sieben Söhnen und Jesus gibt es doch eine gravierende Differenz, eine Differenz, die unübersehbar ist und die auch das entscheidende Wahrheitskriterium der Hoffnung auf die Auferweckung bildet. "Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun", betete Jesus am Kreuz. "Für dich gibt es keine Auferstehung zum Leben, während mir Gott die Hoffnung gab, dass er uns wieder auferwecken wird", tröstete sich einer der makkabäischen Brüder angesichts des Gewalttodes.

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Liebe Schwestern und Brüder, der Glaube an die Auferweckung und die Hoffnung, dass ich von Gott auferweckt werde, stellten und stellen den Stachel im Fleisch der religiösen und der säkularen Visionen vom Leben angesichts der Sackgasse des Todes dar. "Um Gottes willen ..., sie glauben an die Auferweckung!", werden staunend die Anhänger anderer Religionen über die Christen sagen; dies wird auch der säkulare Zeitgenosse mit einem Anflug von Zynismus festhalten, und so werden auch viele liberal eingestellte Christinnen und Christen über ihre Glaubensgeschwister urteilen. Ja! Wir glauben an die Auferweckung. Und wir tun es deswegen, weil leibliche Auferweckung Realität geworden ist. Gott, der Liebhaber des Lebens, weckte ja jenen Christus auf, der unter den vielfältigen Hoffnungsbildern und Angstfiguren religiöser Traditionen eine klare Zäsur setzte. Im Glauben an seinen Vater, den Vater der bedingungslosen Liebe, der Liebe, die alle Grenzen überschreiten kann, und in der Hoffnung, dass die Liebe stärker ist als der Tod, fiel dieser Christus in seinem eigenen gewaltsamen Sterben zwar an den Abgrund menschlicher Existenz, blieb aber nicht im Tod. Er, gerade er ist auferweckt worden. Und weil er lebt, durch die Grenze des Todes hindurch lebt, nimmt er mich mit. Genauso wie er Dich mitnimmt, und wie er auch die makkabäische Mutter und ihre sieben Söhne mitnimmt. Er und zuerst nur er lässt mich Anteil haben an seinem Leben, seinem Sterben und auch an seiner Auferweckung. Lasse ich diese Anteilnahme im Glauben zu, so werde ich verändert!

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Die Mittelalterlichen sprachen davon, das die Eucharistie die Speise der Unsterblichkeit sei. Und sie hatten Recht. Indem wir den sterbenden und auferweckten Christus feiern, indem wir ihn uns einverleiben, werden wir - selbst dann, wenn uns nicht danach ist - immer neu über die Grenze des Todes geführt. Und wozu? Damit ich, damit Du auch dann, wenn der Tod unausweichlich vor meiner und vor Deiner Tür steht, damit wir zum Leben gelangen. Zum Leben in seiner ganzen Fülle. Und diese schließt ja die Leiblichkeit nicht aus, sondern ein. Für uns Menschen stellt der Leib gar so etwas wie den "Schlüssel" zum Heil dar. So formulierte es jedenfalls der altkirchliche Schriftsteller Tertullian: "Caro Cardo Salutis." - Der auferweckte Leib Christi ist und wird auch sein: der Weg auf dem auch unser Leib zur Auferweckung gelangt.

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