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Die Rolle der Kirche in der Wirtschafts- und Finanzkrise
(Berliner Werkstattgespräch 2010)

Autor:Guggenberger Wilhelm
Veröffentlichung:
Kategorieartikel
Abstrakt:
Publiziert in:
Datum:2010-08-24

Inhalt

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Die Aufgabe, die mir im Rahmen dieser Tagung zugewiesen wurde, ist es, etwas über die Rolle der Kirche in der Wirtschafts- und Finanzkrise der zurückliegenden Monate zu sagen. Kann die Rolle und Aufgabe der Kirche in dieser Krise eine andere sein, als sie das im und für das Wirtschaftleben und in der Gesamtgesellschaft generell ist? Wohl kaum. Es kann also hier nur darum gehen Aspekte der sozialen Rolle der Kirche anhand der konkreten Situation ein wenig zu spezifizieren. In diesem Sinn möchte ich auf drei Punkte eingehen, die diese Rolle sicherlich nicht erschöpfend charakterisieren, die mir aber besonders berücksichtigenswert erscheinen.

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Diese Punkte richten sich, wenn man so will auf das allgemein gesellschaftliche Bewusstsein, das individuelle Bewusstsein und das kirchliche Selbstbewusstsein und lassen sich in folgende Schlagworte fassen: Hierarchie der Werte, Sensibilisierung für Verantwortung und gelebte Praxis. Diese Konzentration auf Bewusstsein bzw. Haltung und daraus erwachsendes Handeln soll keineswegs die Bedeutung der Mitarbeit an Strukturgestaltung und Regelsetzung mindern. Dennoch scheint mir in dem hier angesprochenen Bereich ein unverzichtbares Fundament aller strukturellen Aktivitäten und vielleicht auch die spezifischere Herausforderung für kirchliches Agieren zu liegen. 

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1) Hierarchie der Werte

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Im Hinblick auf das Wirtschaftsleben geht aus den Dokumenten der Soziallehre deutlich hervor, dass Wirtschaft immer in einen politischen Rahmen gestellt gedacht ist, dass der Politik also ein ethisch fundierter Vorrang eingeräumt wird, der aber seinerseits der ethischen Orientierung bedarf. Erst diese bietet eine den Willen bindende, verpflichtende Kraft, wie QA (43) es ausdrückt. So ergibt sich eine Stufenordnung der Ziele oder Werte, die in christlicher Perspektive auf Gott als das letzte Ziel und die menschliche Vereinigung mit ihm, dem summum bonum ausgerichtet ist.

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Sehr nahe an einer solchen Wertehierarchie hat Alexander Rüstow den Begriff der Vitalpolitik geprägt, womit er eine an Lebensdienlichkeit orientierte Zielvorgabe für die wirtschaftlichen Aktivitäten der Gesellschaft meint. In jüngerer Zeit hat Peter Ulrich diesen Begriff übernommen. Er sieht allerdings weitgehend von der spirituellen Dimension des Menschseins ab, ebenso auch von der Herkünftigkeit konkreter Sinnorientierungen und Werthaltungen. Dies hat eine Vitalpolitik im Sinne der Katholischen Soziallehre natürlich ganz zentral zu berücksichtigen. Nicht von ungefähr zitieren die Enzykliken von RN (42) bis SRS (33) immer wieder Mt 16,26: “Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dafür aber sein Leben [oder seine Seele] einbüßt.”  Auch wenn bei Ulrich also eine gewisse Verengung vorliegt, hege ich doch Sympathien für sein integratives Wirtschaftskonzept, das ein Denken und Agieren in separierten Welten oder weitestgehend funktional autonomen Teilsystemen des Sozialen zu überwinden sucht. Ethik soll demgemäß nicht nachträglich in Wirtschaft implementiert werden, sondern Wirtschaft wird umgekehrt von Anfang an in einen Gesamtzusammenhang gestellt, in dem sie nach dem Maß ihrer Lebensdienlichkeit beurteilt und gestaltet werden muss. Ein derartiges Konzept entspricht m.E. recht gut dem relativen Lob des marktförmigen Wettbewerbs, das sich in der Katholischen Soziallehre spätestens seit QA findet (vgl. 88) findet. So weit ist das geradezu ein alter Hut, möglicherweise auch nicht ganz unumstritten, dennoch aber oft genug eingemahnt.

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Was m.E. aber durchaus nottut, und nicht immer in hinreichender Deutlichkeit erfolgt, ist die präzise Eingrenzung der Leistungsfähigkeit von Ökonomie und der an sie herangetragenen Erwartungen im Hinblick auf Lebensdienlichkeit. Und gerade dabei spielt die Transzendenzoffenheit gesellschaftlicher Konzeptionen eine entscheidende Rolle. Was meine ich damit?

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Das Projekt der liberalen Marktwirtschaft ist von seinem Anfang an von einem ethischen Impetus geprägt. Auch wenn Gier und Neid bei ökonomischen Akteuren faktisch zu finden sind, halte ich eine Reduzierung des marktwirtschaftlichen Konzeptes auf derartige Motivlagen für eine grobe Verzeichnung. Das Projekt als solches zielt auf Gemeinwohl, wobei von Adam Smith bis Karl Homann ein wesentlicher Aspekt der Lebensdienlichkeit des Marktes in seiner Funktion der Moralentlastung gesehen wird. Das allerdings halte ich nun für einen Ansatz, der grundsätzlich zum Scheitern verurteilt ist. Denn die Delegation von Moral an welche Art von Mechanismus auch immer, widerspricht dem Grundgedanken einer verantwortlichen Lebens- und Gesellschaftsgestaltung im Kern und entfremdet den Menschen von sich selbst.

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Meine These, die ich hier wohl nicht detailliert genug darlegen kann, ist, dass die gegenwärtige Finanzwirtschaft dem Modell einer gemeinwohldienlichen Wirtschaftsweise auf der Basis a-moralisch agierender Subjekte besonders entgegenkommt und dieses in einem gewissen Ausmaß auch als möglich erscheinen lässt. Dies hat wesentlich mit der scheinbar grenzenlosen Vermehrbarkeit der Ware Geld zu tun. Durch diese Unendlichkeitsanmutung gewinnt die Ware Geld einen gleichsam metaphysischen Mehrwert, der in gewisser Weise in funktionale Religiosität umgemünzt wird, das heißt zu einem Stabilitätsfaktor sozialer Ordnung.

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Dass zwischen der Orientierung an irdisch-materiellen Gütern und dem Wettbewerb um sie auf der einen Seite  und zwischenmenschlichem Konflikt und gesellschaftlichem Unfrieden auf der anderen Seite ein Zusammenhang besteht, lässt sich bereits bei Augustinus nachlesen.1  Johannes Paul II. hat diesen Gedanken besonders deutlich bei seiner Ansprache vor den Vereinten Nationen in New York 1979 aufgegriffen, indem er die Problematik der Verteilung irdisch-materieller Güter in Zusammenhang mit dem gefährdeten Weltfrieden brachte.

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Wenn und solange wir nun in einem materiell-immanentistischen Realitätskonzept verharren, innerhalb dessen der Begriff eines summum bonum keinen Sinn mehr zu machen scheint, bietet sich Wachstum verständlicherweise als probates vielleicht sogar als einziges Mittel zur Entschärfung von Verteilungskonflikten an. Wachstum wird dann zum Imperativ eines ökonomischen Friedensprojektes. Gerade mit den Finanzmärkten scheint nun tatsächlich auch ein Feld gefunden auf dem trotz der Endlichkeit von Raum und Ressourcen dieses Wachstum grenzenlos fortgeführt werden kann.

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Die Verselbständigung des Finanzsektors gegenüber der Realwirtschaft wurde und wird vielfach beklagt, etwa auch im Kompendium der Soziallehre der Kirche (Nr. 369). Immerhin fließen etwa 90% der an Börsen bewegten Summen in die Sekundärmärkte und nur noch das verbleibende Zehntel stellt tatsächliches Investitionskapital dar. Auch wenn die Kritik daran sinnvoll und berechtigt ist, trifft sie letztlich aber wohl doch nicht den eigentlichen Kern der Problematik. Ich sehe diesen darin, dass wir von der Ökonomie die Lösung von Problemen menschlichen Zusammenlebens erwarten, die sie nicht zu erbringen im Stande ist. Der Handelsfriede, auf den schon Montesquieu und Kant - wenngleich eher nolens volens - gesetzt haben, bleibt eine überaus fragile und wenig tragfähige Angelegenheit. Die Finanzkrise der letzen eineinhalb Jahre hat auf recht drastisch Weise geoffenbart, dass sich daran auch dann nichts ändert, wenn der Handel einer mit Wertpapieren ist, seien sie auch noch so deriviert. Die Unendlichkeit des Geldes hat sich als schließlich doch nicht haltbare Illusion erwiesen, weil eben auch ein hochgradig virtualisierter Finanzsektor einer Rückbindung an die Realwirtschaft bedarf, um glaubwürdig zu bleiben.

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Auch wenn es also zutrifft, dass sich die Finanzwirtschaft in vielen Bereichen (freilich nicht in allen, andernfalls wäre sie nicht derart systemrelevant) ihrer Werkzeugfunktion für die Realwirtschaft entledigt hat, kann sie unter anderer Rücksicht - gerade als realitätsentrückte - durchaus als zweckmäßig im Sinne der Lebensdienlichkeit interpretiert werden, ebenso wie eine aus dem Ruder gelaufene Wachstumswirtschaft als lebensdienlich verteidigt werden kann. Allerdings können und müssen wir mittlerweile wohl auch ziemlich genau über die dramatischen Kosten Bescheid wissen, mit denen diese Zweckmäßigkeit erkauft wird.

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Und eben hier hat m.E. die Kirche mit ihrer Lehre von einer Hierarchie der Werte einen entscheidenden Beitrag zu leisten; im Hinblick auf die Analyse von Gründen, aber auch im Hinblick auf Alternativen. So führte Johannes Paul vor der UNO im Hinblick auf den Frieden eine stärkere Ausrichtung auf geistige und geistliche Güter ins Treffen: “Wenn wir die einseitige Unterordnung des Menschen unter die materiellen Güter immer noch weiterpflegen, werden wir nicht imstande sein, diesen Zwangszustand [gemeint ist ein ökonomischer Verdrängungswettbewerb auf unterschiedlichsten Ebenen] zu überwinden. Wir könnten ihn mildern, ihn im Einzelfalle entschärfen, aber es wird uns nicht gelingen, ihn grundsätzlich und völlig zu beseitigen, wenn wir nicht den zweiten Wertbereich stärker ins Licht rücken und ihm vor den Augen eines jeden Menschen und aller Gesellschaften zu breiterer Anerkennung verhelfen: jener Wertbereich, der die Menschen nicht spaltet, sondern sie untereinander in Kontakt bringt, zusammenführt und einigt.”

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Bei einer Betonung der Hierarchie der Werte geht es also nicht nur darum, den Funktions- oder Werkzeugcharakter der Ökonomie klarzustellen, sondern auch klar zu halten, welche Funktion das Wirtschaftssystem erfüllen kann und welche nicht. Eine wenn vielleicht auch nur implizit vollzogene Überfrachtung des Wirtschaftssystems mit “Heilserwartungen”, seine moralische Hochanreicherung stellt nicht nur unter religiös-weltanschaulicher Hinsicht einen Irrweg dar, sondern wird auch der Ökonomie und ihren Fähigkeiten nicht gerecht und leistet damit einen Beitrag, sie in Abenteuer zu treiben, in denen sie nur scheitern kann.

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Den Finger auf die Lebensorientierung an transzendenten Zielen zu legen, gewinnt unter dieser Rücksicht eine enorme lebenspraktische Bedeutung, auch wenn damit freilich noch keine konkreten Handlungsanweisungen formuliert sind. Diese sind hier auch nicht zu erwarten, bewegen wir uns doch auf der Ebene der Sinnfrage und nicht auf jener der Frage nach instrumentellen Mitteln. Diese Sinnfrage nicht zu stellen würde, wo es um das gute Leben geht jedoch einen nicht rechtfertigbaren Reflexionsabbruch darstellt, wie Ulrich es formuliert. 

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2) Sensibilisierung für Verantwortung

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Was meinen zweiten Punkt betrifft kann ich mich wohl recht kurz fassen. Es geht dabei um die Kultivierung von Achtsamkeit und Aufmerksamkeit der konkreten Akteure, an der auch die Kirchen und insbesondere wir SozialethikerInnen mitwirken können.

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Die moderne Weltwirtschaft ist in ihrer Gesamtheit von enormer Komplexität gekennzeichnet, von kaum überschaubaren Ursache-Wirkung-Ketten und von nicht prognostizierbaren, oft auch unintendierten Rück- und Wechselwirkungen. Die daraus entstandene Unübersichtlichkeit kann dazu verführen, sich verantwortungsethischen Aspekten des eigenen Handelns erst gar nicht zu stellen. Das vermögen offenbar auch die globalen Informations- und Kommunikationsstrukturen nicht zu verhindern, die ja durchaus die Wahrnehmung von Zusammenhängen und die Weite von Verantwortungshorizonten ermöglichen würden. Allerdings potenziert diese Wahrnehmung eher noch den Eindruck individueller Öhnmächtigkeit.

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Gerade im Finanzbereich dürfte die Gefahr besonders ausgeprägt sein, dass sich bei den Akteuren die moral senitivity zusehends verflüchtigt. Der Norwegische Ökonom Pedersen hat im Vorjahr in einem Artikel festgehalten,2 dass das nichts mit einem Mangel an guten Absichten oder ethischen Motiven zu tun hat, sondern insbesondere mit moralischer Indifferenz und moralischer Unsichtbarkeit, wie er es nennt. Indifferenz entstehe vor allem durch eine Zentrierung von Verantwortung auf Autoritäten (das ist wohl ein Aspekt mangelnder Subsidiarität), durch ausgeprägte Routine und die Dehumanisierung von Arbeitsabläufen. Invisibilisierung entsteht dort, wo die Distanz zwischen Akteur und Handlungsfolgen besonders groß ist. Die Abstraktheit und Virtualität der Materie mit der Finanztransakteure operieren, das enorme Tempo der konkreten Entscheidungs- und Handlungsabläufe, der hohe Spezialisierungsgrad und die betrieblichen Fusions- und Konzentrationsprozesse im Finanzsektor dürften unter dieser Rücksicht samt und sonders dazu beitragen, dass es bei vielen Akteuren nur in eher geringem Ausmaß zur Wahrnehmung ethischer Relevanz des eigenen Handelns kommt. Jochen Hörisch, Norbert Bolz und andere beschreiben Geld als kaltes oder abkühlendes Medium. Das gilt in noch gesteigertem Maße, wenn dieses Geld auf die Realität bloßer Zahlen auf Datenträgern reduziert ist, gleichsam auf eine Form ohne Materie.

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Ein Dozent der Philosophie hat mir während meines Studiums einmal gesagt: Die Wurzelsünde beim Metaphysiktreiben sei, sich etwas darunter vorstellen zu wollen. Ich habe den Eindruck, das gilt in zunehmendem Maße auch für Finanztransaktionen. Die Akteure beherrschen ihr Geschäft insofern perfekt, als sie die technischen Abläufe kennen, Risiken wie Gewinne berechnen und Marktstimmungen einigermaßen einschätzen können. Daraufhin befragt, was denn eigentlich Gegenstand eines Geschäftes sei, wenn z.B. eine Option oder ein Future auf den EuroStoxxindex oder den DAX zur Absicherung von Kursschwankungen in einem Aktienfonds getätigt wird, kommen sie erfahrungsgemäß in erheblichen Erklärungsnotstand. Dass unter „normalen“ Bedingungen der Umgang mit solchen Produkten wenig Anlass bietet, sich selbst in Beziehung zu realwirtschaftlichen Problemen und Nöten zu setzen verwundert eigentlich wenig.

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Die Krise hat jedoch zumindest für einen Moment aufleuchten lassen, dass Finanz- und Aktienmärkte zwar nur sehr bedingt realwirtschaftliche Gegebenheiten widerspiegeln, dass Zusammenbrüche und Krisen in diesem Bereich aber massive, zum Teil existenzbedrohende Auswirkungen auf die Realwirtschaft haben und dass dort insbesondere jene betroffen sind, die ohnedies schon in prekären ökonomischen Verhältnissen leben. Jene, für die Geld nach wie vor ein banales Tauschmittel etwa zwischen Arbeitskraft und Subsistenzgütern darstellt werden zu Opfern einer Krise, die von jenen ausgelöst wurde, für die Geld längst zum virtuellen Spielkapital geworden ist. Den Zusammenhang zwischen diesen Sphären nicht sehr rasch wieder in Vergessenheit geraten zu lassen und damit auch Verantwortlichkeiten im Bewusstsein zu halten, scheint mir eine wesentliche Aufgabe zu sein; gerade auch im Hinblick auf die kirchlich zu vertretende Option für die Armen. Immerhin geht es hier um die Möglichkeitsbedingung dafür, dass Regeln, sollten diese Gesetzt und Strukturen, sollten diese etabliert werden, auch auf jene Akzeptanz stoßen, ohne die sie nicht aufrecht zu erhalten sind.

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Wir bewegen uns hier wohl im Feld jener Strukturen der Sünde, die zwar nicht von Einzelnen allein zu verantworten sind, die aber sehr wohl “mit konkreten Taten von Personen zusammenhängen, die solche Strukturen herbeiführen, verfestigen und es erschweren, sie abzubauen”, wie es in SRS (36) heißt. 

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3) Gelebte Praxis

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Hier möchte ich an die Aussage aus dem Kompendium der Soziallehre anschließen: “Erster Adressat der Soziallehre ist die kirchliche Gemeinschaft in allen ihren Gliedern, weil diese alle in der Gesellschaft Verantwortung übernehmen müssen.” (83)

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Ein solcher Satz lebt natürlich davon, dass sich die Kirche nicht mehr primär als Beraterin der politisch Mächtigen sieht, die dann die Gesellschaft und eben auch die Wirtschaft im Sinne der Kirche zu lenken hätten. Talking truth to power kann in postkonstantinischer Zeit keine zielführende Strategie mehr für die Kirche sein, vielmehr muss wohl ernst genommen werden, was S. Hauerwas einmal geschrieben hat, dass nämlich die Kirche keine Soziallehre hat, sondern vielmehr eine Soziallehre ist.3 In dieser Radikalität mag der Selbstanspruch vielleicht gar zu groß sein. Dennoch ist ernst zu nehmen, dass wir uns heute mit unseren kirchlichen Positionen im Rahmen der Zivilgesellschaft zu verorten haben, wo eine Diskrepanz zwischen Wort und Tat sehr rasch dazu führt, nicht mehr gehört zu werden.

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Ich halte es für eine der starken Seiten von Caritas in veritate, dass der Stellenwert der Zivilgesellschaft dort so massiv betont wird, wurden zivilgesellschaftliche Strukturen angesichts der weltanschaulichen Gegnerschaft Markt versus Staat doch lange Zeit sträflich vernachlässigt. Besonders zu berücksichtigen ist in dieser jüngsten Enzyklika, wie die Bereiche Markt, Staat und Zivilgesellschaft charakterisiert werden. Benedikt sieht im Markt den Bereich der vertraglich-kommutativen Gerechtigkeit, im Staat den Bereich der gesetzlich verpflichtenden Solidarität und in der Zivilgesellschaft jenes Feld auf dem Beziehungen durch Anteilnahme, Beteiligung und unentgeltliche Tätigkeit fundiert sind (vgl. CiV 39). Diese nicht institutionstheoretische sondern von der Interaktionsqualität her denkende Unterscheidung ermöglicht es, ein Hineinwirken zivilgesellschaftlicher Elemente in die ökonomische Praxis des Marktes selbst zu denken (vgl. CiV 36).

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Einen m.E. interessanten Ansatz dazu haben die italienischen Ökonomen Luigino Bruni und Stefano Zamagni mit ihrer Civil Economy vorgelegt.4 (Zamagni war einer der führenden Mitarbeiter an CiV). Den beiden geht es um eine Förderung jener ökonomischen Strukturen, die neben ihrer Wirtschaftlichkeit auch bewusst an einer “Sozialen Reproduktion” mitwirken wollen, denen es also nicht nur um die Herstellung von Tausch- und Gebrauchswerten sondern auch um die “Erzeugung”, besser Pflege von Beziehungswerten geht.  Bruni/Zamagni glauben, dass dies dort möglich ist, wo neben Effizienz und Gerechtigkeit Reziprozität in den ökonomischen Beziehungen an Bedeutung gewinnt. Der Wortgebrauch mag etwas merkwürdig sein, assoziiert man mit Reziprozität doch gewöhnlich den Äquivalententausch. Die Autoren meinen damit aber gerade eine Kooperationshaltung, die sich durch Wechselseitigkeit im Modus bedingter Bedingungslosigkeit, und Transitivität auszeichnet. Bedingte Bedingungslosigkeit bedeutet eine Beziehung, die “mutually independent yet interconnected nevertheless” ist. Man könnte fast sagen, es geht um eine Tit-for-Tat-Strategie, bei der nicht jede Einzelenttäuschung sofort zu einer Abkehr entgegenkommenden Verhaltens führt, sondern die Logik des Siebenmal, vielleicht auch des Siebenmal-Siebenmal herrscht, aber eben doch nicht völlig blauäugige Bereitschaft sich ausbeuten zu lassen. Vorleistungen, sollen sie wiederholbar sein, müssen natürlich kalkuliert bleiben. Wer sich mit seinem commitment in einen Sozialzusammenhang einbringt erwartet auch etwas von den anderen. Allerdings kann diese Gegenleistung auch dritten zugutekommen; das meint Transitivität.

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Dies sind nur sehr oberflächliche Hinweise auf Überlegungen, die m.E. interessant sind, weil sie einerseits sehr wohl am Gedanken einer ganzheitlichen Entwicklung und einem integralen Humanismus orientiert sind, andererseits aber nicht aus dem Blick lassen, dass wirtschaftliches Agieren materiellen Gewinn voraussetz. Der Ansatz bleibt realistisch und gleitet nicht ins Utopische ab. Immerhin orientiert sich die von der Focolare-Bewegung ausgehende Initiative economia di communione am Konzept einer civil economy und das sind mittlerweile über 750 Unternehmen weltweit (meist freilich KMUs). Man mag zur Fokolare-Bewegung stehen wie man will, jedenfalls scheint es mir beachtlich zu sein, dass hier der Versuch unternommen wird, im Geist des Evangeliums zu wirtschaften. Man gibt sich also nicht der Illusion hin, man könne aus Wirtschaftskreisläufen einfach aussteigen, versucht aber doch deutlich auf den Horizont einer besseren Alternative zuzugehen. In der Praxis bedeutet das z.B, dass die beteiligten Unternehmen ihre Gewinne dritteln. Ein Drittel wird in das Unternehmen reinvestiert, ein Drittel dient caritativer Hilfe und ein Drittel wird für den Aufbau und die Stärkung zivilgesellschaftlicher Strukturen eingesetzt, also für die Förderung von common goods im Sinne Ch. Taylors5 - Gütern also, die nicht nur gemeinsam produziert werden, sondern, die auch nur gemeinsam genossen werden können.

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Die Vorgestellten Gedanken sind wohl nicht nur für UnternehmerInnen interessant, die ihr Wirtschaften mit ihrer christlichen Glaubensüberzeugung in Übereinstimmung sehen möchten, sondern gerade auch für die Kirche selbst als ökonomischem Akteur.

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Was das betrifft, gibt es wohl noch deutliche Defizite im kirchlichen Selbstverständnis. Das Bewusstsein der Kirche, selbst auch in institutioneller Hinsicht von Pfarrgemeinden über Ortskirchen bis hin zu weltkirchlichen Strukturen ökonomischer Akteur zu sein - Produzent, Arbeitgeber, Investor, Konsument - ist mitunter doch recht schwach ausgebildet. Ich finde das zeigt sich etwa daran, dass Deus caritas est (28-29) recht strikt zwischen der Kirche als Liebesordnung und in diesem Fall der Politik als Gerechtigkeitsordnung unterscheidet. Das ist sicherlich nicht ganz falsch, übersieht aber doch, dass die Kirche als Sozialkörper natürlich immer schon in die gesellschaftliche und damit auch ökonomische Realität verflochten ist. Damit ist sie auch in die gesellschaftlichen Gerechtigkeitsfragen involviert, und zwar nicht als über den Dingen stehende mater et magistra, sondern als Akteurin mit lebenspraktischen Verpflichtungen. Es gibt freilich auch positive Beispiele eines solchen Selbstbewusstseins; ich darf nur an das ökumenische Sozialwort der Kirchen Österreichs von 2003 erinnern, das in seiner gesamten Struktur so gestaltet ist, dass zu jedem Thema nach einem analytischen Teil zunächst die Aufgaben der Kirchen formuliert werden, erst dann die Aufgaben der Gesamtgesellschaft.

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Hätte eine veränderte Praxis in diesem Sinn Einfluss auf die Finanzwirtschaft und deren Krisenanfälligkeit? Nun, sofern sie sich etwa darin zeigt, dass Diözesen die Pensionsvorsorge für ihren Klerus mittels ethischem Investment betreiben oder darin, dass Ordensgemeinschaften momentan nicht benötigtes Vermögen einer Mikrokredite vermittelnden Genossenschaft wie Oikocredit zur Verfügung stellen durchaus. Die Möglichkeiten gehen m.E. aber noch weiter.

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Wenn die Kirche, die Kirchen dort, wo sie selbst wirtschaftlich tätig sind vorzeigen, dass es möglich ist ökonomisch zu überleben, indem man nicht nur auf output, sonder in umfassender Weise auf outcome achtet und dass damit sogar ein mehr an Lebensqualität entsteht, wird nicht nur ihre eigen Lehre glaubwürdiger, sondern es würden damit auch lebbare Modelle geschaffen. Das heißt, es würden Wege gespurt, auf denen Menschen wieder mehr Sinn in einer lebensdienlichen Realwirtschaft sehen könnten, statt ihr Heil in einer zum Überschießen neigenden, virtuelle Werte generierenden Finanzwirtschaft zu suchen.

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Literaturverzeichnis

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Bruni, Luigino; Zamagni, Stefano (2007): Civil economy. Efficiency, equity, public happiness. Oxford: Lang.

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Hauerwas, Stanley (1995): Selig sind die Friedfertigen. Ein Entwurf christlicher Ethik. Neukirchen-Vluyn: Neukirchener.

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Pedersen, Lars Jacob Tynes (2009): See no evil: moral sensitivity in the formulation of business problems. In: Business Ethics: A European Review (18/4) Oktober 2009. 335-348.

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Taylor, Charles (1995): Aneinander vorbei: Die Debatte zwischen Liberalismus und Kommunitarismus. In: Honneth, Axel (Hg.): Kommunitarismus. Eine Debatte über die moralischen Grundlagen moderner Gesellschaften. 3. Aufl. Frankfurt/Main: Campus-Verl., S. 103–130.

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Anmerkungen

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            1 Augustinus, Aurelius: De civitate dei II,14,37.

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            2 Vgl. Pedersen 2009.

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            3 Vgl. Hauerwas 1995, 159.

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            4 Bruni, Zamagni 2007.

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            5 Vgl. Taylor 1995, 114.

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