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Zwei weisen, durch die enge Tür zu kommen
(Gedanken zum 21. Sonntag im Jahreskreis (LJ C))

Autor:Wandinger Nikolaus
Veröffentlichung:
Kategoriepredigt
Abstrakt:
Publiziert in:
Datum:2010-08-24

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

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Lesungen: Jes 66,18–21; (Hebr 12,5–7.11–13;) Lk 13,22–30

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Liebe Gläubige,

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werden es nur wenige sein, die gerettet werden? Die Frage des unbekannten Mannes auf Jesu Weg hat die Kirche immer wieder beschäftigt und sie könnte auch uns beschäftigen. Interessant ist, dass die Frage schon eine mögliche Antwort enthält: wenige. Jesus bräuchte nur Ja sagen, und alles wäre klar. Und doch bliebe offen, ob der Fragesteller zu den wenigen gehören würde oder nicht; ob Sie oder ich zu diesen wenigen gehören oder nicht. Es wäre eine statistische Klarheit. Ja, es sind wenige; ja, die Wahrscheinlichkeit spricht eher dagegen, dass du dazugehörst. Viele gehen verloren, sie kommen nicht durch die enge Tür, von der Jesus spricht, und bleiben zurück. Wohl solche und ähnliche Stellen haben den heiligen Augustinus dazu geführt, von der Mehrheit der Menschen als massa damnata zu sprechen. Die Statistik und die Wahrscheinlichkeitsrechnung scheinen gegen uns zu stehen. Fragt sich also, wo bei diesem Evangelium die Frohbotschaft zu finden ist?

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Allerdings: Jesus beantwortet die Frage weder mit einem klaren Ja noch mit einem Nein, obwohl er doch sonst um klare Ansagen nicht verlegen war. Aber es scheint ihm nicht wichtig zu sein, die menschliche Neugier nach Statistik und Wahrscheinlichkeit zu befriedigen. Er benützt die Frage des Mannes vielmehr, um einige Missverständnisse aufzuklären, und macht deutlich, wie es nicht sein kann.

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Es kann nicht so sein, dass man denkt: die Sache ist eh schon geritzt; ich brauch gar nichts mehr zu tun. Dagegen setzt Jesus die Aufforderung, sich zu mühen, als müsste man durch eine enge Türe gelangen. Wie aber gelangt man durch eine enge Tür? Mit spitzen Ellenbogen durch Drängeln und Stoßen, indem ich mich vorschiebe und über die anderen stelle und als erstes durch die Tür renne und dann denke, ich hätte alles richtig gemacht? Dann habe ich aber nicht an die gedacht, die dabei auf der Strecke bleiben, die unter die Räder oder auch nur unter die Füße geraten, die dann zertreten vor dieser Tür liegen. Man meint fast das traurige Bild der Toten der Love-Parade in Duisburg vor sich zu haben, wenn nicht die Kirchengeschichte genügend eigene Bilder dafür hätte, dass die Frommen, die – auf Teufel komm raus – durch die enge Tür wollen, andere niedergerannt und niedergemetzelt haben. Wird nicht gerade hier gelten, dass die, die auf solche Weise zuerst durch die Tür gekommen sind, die Letzten sein werden, und viele, die vor der Türe liegen blieben, die Ersten?

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Man kann ja durch eine enge Tür auch gehen, indem man sich achtsam bewegt, damit man niemanden wegstößt; indem man Schwächeren und Langsameren hilft und sie begleitet; indem man vielleicht sogar wieder zurückgeht und andere nachholt, die noch langsamer sind. Das ist ein Bemühen mit allen Kräften durch die enge Tür zu gelangen, das dem Vorbild Jesu entspricht. Aber dazu braucht es eine schmerzhaften Einsicht, die Jesus seinen Zuhörern und damit auch uns, zumutet:

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„Ihr alle habt Unrecht getan!“ (Lk 13,27) Ihr seid nicht besser als die anderen, nur weil ihr nach außen schnell und wendig seid und euch an alle Regeln haltet. Mein Sündersein kann ich nicht dadurch wettmachen, dass ich mich zur engen Tür vordränge. Ich kann es auch nicht verschleiern, indem ich mir einrede: ich habe ja eh mit Jesus gegessen und getrunken und ihm zugehört; ich war in der Jesuitenkirche, habe seinen Leib und sein Blut empfangen und das Evangelium gehört; jetzt muss er mich hineinlassen – die andern aber nicht, die sich draußen vergnügen, die unmoralisch sind, die schuldig werden. Wer mit dieser Einstellung kommt, der wird abgewiesen, weil er so tut, als sei er gerecht und nur die anderen Sünder und Sünderinnen. Wir alle sind sündig, die mit Jesus essen und trinken, und die ohne ihn ihr Leben genießen – vergeuden – (wer weiß das?). Auch hier gilt: die sich selber zu ersten machen, weil sie meinen Jesus schon so nahe zu sein, werden vielleicht zu den Letzten werden, wie die Männer, welche die Ehebrecherin vor Jesus brachten um sie zu steinigen. Auch hier gilt es, anderen durch die enge Tür zu helfen, statt alleine durchzustürmen oder gar schlimmer: die Türe selber enger zu machen, weil man sich selber für so gerecht hält.

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Das Wichtigste bei unserer Frage ist aber schlussendlich: Jesus selbst hat das Zurückgehen und andere Nachholen so radikal praktiziert, dass er schließlich auch niedergetrampelt wurde von Leuten, die selber unbedingt als erste durch die enge Tür wollten, und denen sein Gegenbeispiel im Weg war. Jesus hat das Zurückgehen so vorgelebt, dass schließlich er, der als einziger kein Unrecht getan hat, auf der Strecke blieb. Er wurde zum allerletzten, zu dem, den man vor der Stadt ans Kreuz schlägt, den ein religiöses Gericht für Blasphemie verurteilt und ein weltliches für Revolution. Letzter kann man nicht sein. Und alles das, weil man durch die enge Türe kommen wollte auf Kosten anderer – anstatt durch Unterstützung anderer. Damals war man dagegen nicht gefeit, in den Jahrhunderten seither nicht und unsere heutige Ellbogengesellschaft kann sich dem erst recht nicht entziehen. Es stimmt: wir haben alle Unrecht getan gegen den einen, der uns nur Gnade bringen wollte.

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Doch – Gott sei Dank – gilt nun erst recht: Der, den wir Menschen zum Allerletzten gemacht haben, er ist der Erste geworden: als erster auferstanden von den Toten; als erster aufgefahren in den Himmel; als erster von vielen Brüdern und Schwestern. Die Tür, die wir enger gemacht haben, hat sich durch ihn gewandelt. Denn die Art des Mühens, durch diese Tür zu gelangen, ist auf den Kopf gestellt worden. Die unsägliche Schuld der Menschen, den Herrn der Welt von der Tür abgedrängt und gekreuzigt zu haben, hat endgültig vor Augen geführt, was Jesus schon zu Lebzeiten deutlich machen wollte: wir können nichts tun, wodurch wir ein Anrecht auf den Himmel bekämen. Darum müssen wir auch nichts tun um uns den Himmel zu verdienen. Alle haben Unrecht getan und so ist die Rettung für alle ein unverdientes und unverdienbares Geschenk, das uns der anbietet, den wir zum Letzten machten – den Gott aber zum Ersten gemacht hat.

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Würde man aus dieser Erkenntnis leben, man könnte sich darum mühen, den anderen den Vortritt durch die enge Türe zu lassen. Das Bemühen durch diese Tür zu gehen wäre kein Gedränge und kein Wettlauf, es wäre eher ein Wettbewerb im Einander-den-Vortritt-Lassen und einander Abholen und Begleiten, eine Love-Parade ganz anderer Art. Wenn wir die Tür nicht künstlich verengen, wird sie durch Jesus breit wie ein Scheunentor. Die Mühe wäre nicht geringer, aber sie wäre ohne Neid und Gegnerschaft. Jesus hat uns das ermöglicht. Wir brauchen es nur als Geschenk anzunehmen. Wir brauchen nur zu entscheiden, ob wir nach unserer Weise durch die enge Tür drängeln wollen oder einander auf seine Weise hindurchgeleiten.

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